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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 187
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Fünftes Capitel.

Gegensätze.

Es ist erstaunlich, begann Gelbsattel, wie tief diese Sache in Fleisch und Blut der wichtigsten Interessen eingreift. Ich will von einigen kleinen Stiftungen nicht sprechen, die selbst in dem Falle, daß der Staat den Proceß gewönne, verloren wären...

Davon nicht sprechen? unterbrach den Propst sogleich voll Eifers Frau von Trompetta. Von frommen Stiftungen nicht sprechen?

Allerdings, sagte der Propst. Wenigstens solche Stiftungen, die in einem frommen Sinne begründet wurden –

Zu denen du doch, fiel Rudhard ein, nicht etwa die Sonnabendspredigt rechnen wirst, die regelmäßig in der kleinen Dreieinigkeitskapelle ein Candidat zur Judenbekehrung halten muß?

Lieber Freund, antwortete Gelbsattel, ich theile vielleicht ganz dein Bedenken gegen diese hundertjährige Veranstaltung, der es noch nicht gelungen ist, nur einen einzigen Juden zu bekehren, allein es ist die äußere Form eines Stipendiums für einen jungen Candidaten, der sich auf diese Art homiletisch übt und unter dem Schirm eines christlichen Zweckes die noch christlichere Wirkung einer Wohlthat genießt –

Bester, sagte Rudhard lachend, das ist sehr hübsch gesagt für den Candidaten Oleander, der gegenwärtig diese Predigten hält und dein Schwiegersohn werden soll; allein nimm mir nicht übel, diese Art von Überlieferungen taugt nichts. Geht's nicht mit dem ganzen Christenthum so, daß man es gleichsam für ein Vermächtniß hinnimmt, das Niemand untersucht und das nur für den Schild eines völlig heterogenen, ihm untergelegten Begriffes dient?

Anna von Harder blickte bei Erwähnung des Schwiegersohnes theilnehmend auf Emmy Gelbsattel, die sich verfärbte und über den Namen Oleander in Verlegenheit zu gerathen schien. Anna wollte mit holdem Blicke der ältesten Tochter Gelbsattel's, der sich schon viele Partien zerschlagen hatten, zu dieser Glück wünschen. Aber das nicht mehr junge Mädchen erschien ihr plötzlich keine Braut. Sie unterdrückte ihren guten Willen und wagte es, sich in das Gespräch der Männer zu mischen. Während sie den Kindern Früchte abnahm, die diese ihr verschwenderisch anboten, wagte sie eine bescheidene Äußerung, die sie schüchtern und beklommen genug vortrug.

Ich will die Verstellung nicht in Schutz nehmen, sagte sie, ebensowenig wie eine gleichsam für gültig erklärte Täuschung, aber ist es nicht wirklich mit dem Glauben so, daß sich das angeborene und durch schmerzliche oder dankbar aufgenommene freudige Lebensschicksale in uns entwickelte gläubige Bedürfniß an die Wahrheiten des Christenthums anschmiegt und ohne viel zu prüfen, was sich davon beweisen läßt, soviel als nur beseligend auf uns einwirkt, in sich aufnimmt?

Natürlich! sagte die Trompetta mit verklärtem aber stolzem und verächtlichem Blick. So ist es! Nicht anders. Schleiermacher hat Das jeden Sonntag gepredigt.

Und gleichsam, als wollte sie fernere vorwitzige Erörterungen heiliger Fragen abschneiden, setzte sie hinzu:

Würden denn auch Witwen und Waisen unter der Entscheidung dieses merkwürdigen Rechtsfalles leiden, Herr Propst?

Das zwar nicht unmittelbar, sagte der Gefragte, seine Tasse mit Würde haltend, allein wo fließen in dieser Welt außergewöhnliche Hülfsquellen, die nicht irgendwie auch mit den Bedürfnissen der Witwen und Waisen zusammenhingen?

Max Leidenfrost verzog die immer sarkastischen Mienen zu einem entschiedenen Lächeln und platzte hervor:

Nun Das muß ich gestehen, ich wollte eben eine Mücke todtschlagen, als mir einfiel, daß sie vielleicht einen alten Vater zu ernähren hat!

Man lachte wohl über dieses Gleichniß, aber Propst Gelbsattel, der das Bild von der Academia della Crusca, das Leidenfrost einst bei Louis Armand mit Anspielung auf Gelbsattel's Kunstansichten angegeben, nicht vergessen hatte, warf einen verächtlichen Blick auf den Sprecher, der sich in dem Bewußtsein, die Gesellschaft heute noch als Pyrotechniker unterhalten zu dürfen, ganz behaglich auf seinem Gartensessel wiegte und mit den Kindern allerhand Kurzweil trieb, auch Siegberten dadurch neckte, daß er sich stellte, als wenn er nicht wüßte, wie man in solcher Gesellschaft Kaffee tränke und Gebackenes äße. Er faßte den Theelöffel manchmal absichtlich verkehrt oder gab sich die Miene, als wollte er sein Getränk in die Untertasse gießen und aus dieser schlürfen, worüber Siegberten, der gleichsam hier für ihn wie für ein wildes Thier gut stand, ein Schrecken überfiel. Leidenfrost machte, als er seine Tasse auf den Tisch zurück stellte, sogar einmal die Miene, als wenn er den Tassenkopf, wie die Bauern thun, umwenden wollte. Siegbert merkte wohl, daß ihn Leidenfrost nur neckte; aber er dachte sich doch die Möglichkeit, daß ihm der wilde Cyniker wirklich einen solchen Streich vor der Fürstin spielen konnte. Daß er ihm seinen Überrock und den Slowakenhut nicht vorhalten durfte, peinigte ihn schon genug.

Ich habe mich, fuhr Leidenfrost fort, ganz genau nach allen wohlthätigen Dependenzen jener Erbschaft erkundigt. Mein Freund Siegbert ist zu gewissenhaft, Mücken todtzuschlagen, die einen alten Vater ernähren müssen. Er würde, wenn der Familie Wildungen Das wird, was von Gott und Rechtswegen ihr gebührt, sicher Niemanden entgelten lassen, daß das Unrecht früherer Zeiten ihm Wohlthaten spendete, die das Recht der Gegenwart ihm entzöge. Was ist nun da zum Vorschein gekommen? Nichts, was sein Gewissen beunruhigen könnte. Die alten Häuser werden luxuriös verwaltet und verfallen in Trümmer. Wo man Familienwohnungen für die Armuth hätte bauen sollen, duldet man den Fortbestand von Höhlen des Lasters und des Elends, deren Ertrag zu Zwecken verwendet wird, die keine innere Nothwendigkeit haben. Diese Häuser, diese Liegenschaften und Grundzinsen bringen enorme Summen ein. Wozu werden sie verwendet? Zur Herstellung eines Überflusses neben dem Nothwendigen, für das schon von anderer Seite gesorgt ist. Gründlichen Besitz wagte die Stadt nie von jener Verlassenschaft zu nehmen. Schulen, Witwen und Waisen sind nicht darauf angewiesen, wohl aber frivole, überflüssige Zwecke, als da sind: Judenbekehrungspredigten, Missionsbeiträge, Bibelgesellschaftsunterstützungen und dergleichen Frivoles mehr. Das einzige Praktische sind die bedeutenden Vergrößerungen der Emolumente des hohen Rathes der Stadt, der Geistlichkeit, derjenigen Kirchen, über die der Magistrat das Patronat hat, eine Kutsche für jeden der vier Syndici, eine Kutsche für – ich bedaure es sagen zu müssen – für die Propstei und damit ich nichts verschweige, allerdings der sehr ehrenwerthe Fond für diejenigen Geistlichen, die an den drei Hauptkirchen der Stadt angestellt sind und Töchter haben, um deren Ausstattung sie in Verlegenheit sind. Denn jede Pfarrerstochter, die ein drittes Aufgebot nachweist, bekommt eine Aussteuer von tausend Thalern. An dieser philanthropischen Institution versündigen sich allerdings die Gebrüder Wildungen sehr, wenn sie den Proceß gewinnen sollten.

Leidenfrost unterbrach sich hier selbst und bat um Entschuldigung, da ihm der Gärtner wegen einiger Vorbereitungen zum Feuerwerk in angemessener Entfernung winkte.

Er erhob sich rasch und ging. Paulowna und Rurik sprangen ihm nach und verließen die Gesellschaft, die über die bittern Worte des schroffen Mannes fast erschrocken war. Es währte einige Zeit, bis sich eine harmlose Stimmung wiederfand. Man wollte das Thema der Erbschaft verlassen, fing über zufällige andere Veranlassungen eines lauten Urtheils zu sprechen an, aber die Trompetta konnte sich nicht mäßigen. Man hatte die ihr heiligsten Dinge, jene Stiftungen, jene Zweckvereine frivol genannt. Da half nichts, sie mußte die Hände zusammenschlagen und mit einem Blick hinter dem in den Gängen des Gartens mit den Kindern verschwindenden Leidenfrost her ausrufen:

Großer Gott! Was man nicht Alles hören muß in dieser Zeit! Die Bibelgesellschaften frivol!

Die Fürstin wollte Leidenfrost seiner Sonderbarkeit wegen entschuldigen. Siegbert sprach von seiner gewöhnlichen rücksichtslosen Art, aber die Trompetta verlangte von den Männern ein Urtheil, ein Verdammungsurtheil, eine entrüstete Äußerung, eine Indignation, ein Anathem!

Gelbsattel wollte da gar nicht recht mit der Farbe hervor. Er pries die Bibel, nannte sie das Buch aller Bücher, rühmte die Thätigkeit der Bibelgesellschaften, gab statistische Angaben über die Zahl der von England herübergekommenen und vertheilten Exemplare...

Das war aber Alles nichts. Die Trompetta beruhigte sich nicht und forderte dadurch den etwas unwirschen und verdrießlichen Rudhard heraus zu der Äußerung:

Meine gnädige Frau! Die Bibel ist ein herrliches Buch! Sie ist gar kein Buch, sondern ein Stück von der Geschichte selbst! Sie ist das Leben selbst und wol von Gott eingegeben, wie alle Zeugnisse seiner Größe, seiner Allmacht, wie alle Wunder, wo man die Züge seines Athems zu hören glaubt. Allein, beste gnädige Frau, die Bibel will gelesen, will verstanden sein. Ich bin dieser Tage einmal in den Fall gekommen, einem Menschen, der mich fragte, ob er die Bibel lesen solle, zu sagen: Guter Freund, hier habt Ihr ein Buch! Les't darin! Es ist nicht die Bibel, aber besser für Euch! Es war der Don Quixote.

Großer Gott! schrie die Trompetta auf und auch Anna von Harder fühlte sich doch wie von einer kalten Hand ergriffen.

Die Bibel und der Don Quixote! rief man entsetzt.

Alle Töchter des Propstes waren vor Erstaunen sprachlos.

Das ist ganz einfach, sagte Rudhard sehr gelassen. Unser Kutscher verfiel kürzlich in eine Art Trübsinn und fing in sonderbarster Weise an, über Leben und Sterben zu sprechen. Den Namen Gottes führte er selbst beim Striegeln seiner Pferde im Munde und unterließ alle die herzhaften Flüche, die früher die Thiere von ihm gehört hatten und an die sie schon gewöhnt waren. Sie zogen nun auch viel schlechter. Peters, fragte ich ihn eines Tages, du bist so trübsinnig, was fehlt dir? Herr Pfarrer, antwortete er, schon lange wollt' ich einmal mit Ihnen sprechen und mein Gemüth stärken. Was hast du, Peters? fragt' ich. Er erzählte mir dann eine traurige Geschichte von seinen häuslichen Leiden. Seine Frau wäre weltlich gesinnt, lebte unter Spöttern und Ehebrechern und es verlange ihn recht die Bibel zu lesen. Warum willst du die Bibel lesen? fragte ich. Um mich vorzubereiten, mich von meiner Frau scheiden zu lassen, sagte er...

Anna von Harder fand diesen Zug, Rudhard unterbrechend, sehr bedeutungsvoll und nannte eine solche im Volke noch wurzelnde Empfindung eine Seltenheit, da man gerade jetzt auf die leichtsinnigste Art sich verbände und wieder trennte.

Gut, sagte Rudhard, ich hätte auch nichts gegen eine solche Vorbereitung einzuwenden gehabt. Ich erkundigte mich aber genauer nach den Verhältnissen des Mannes, dem Charakter und der gegenwärtigen Handthierung seiner Frau, und da merkt' ich wohl, daß unser guter Peters nur ein Hypochonder war, die unschuldigsten Dinge schwarz sah und auf seinem Kutscherbock Grillen fing. Unter solchen Umständen hielt ich es für besser, ihm statt der Bibel eine heitere Lektüre anzurathen. Wir kauften ihm eine hübsche Ausgabe des Don Quixote mit schönen Bildern. Er hat sich nun in die Heldenthaten des sinnreichen Junkers von La Mancha so verlesen und lacht auf dem Bocke noch hinterher, wenn ihm plötzlich einfällt, was er Abends in seiner Stallkammer in sich aufgenommen hat, so lustig, daß die Pferde jetzt viel besser ziehen, und ich meine, Das ist ein Resultat, wie wir es durch die Bibel nie gewonnen hätten.

Rudhard endete damit eine Erzählung, die die Unbefangenen, besonders Siegbert befriedigte, nur vorzugsweise Frau von Trompetta nicht. Sie schüttelte den Kopf und fand hier etwas, was nicht nach dem landesüblichen Systeme war.

Der Blick nach dem Kutscher und die Erwähnung des Stallkämmerchens hatte die Augen auf den Eingang des Gartens gelenkt, durch den jetzt eben Dankmar Wildungen eintrat.

Dankmar kam in großer Erregung. Das Erscheinen des anziehenden jungen Mannes, der von Tag zu Tag an Kraft des Willens und edler Männlichkeit gewann, erregte das allgemeinste Interesse. Man fühlte, daß der Kreis erst jetzt vollständig wurde. Die Damen grüßten ihn durch eine leichte Erhebung; die Männer standen auf, um ihm die Hand zu reichen, selbst Propst Gelbsattel übte einen Akt der antiken Heroenzeit; er ehrte sich selbst in seinem Gegner und machte die nähere Bekanntschaft desselben gleichsam so, daß er die Waffen erst zu seiner Begrüßung senkte. Er erwähnte sogleich den Vater der Brüder, die alte Zeltkameradschaft von Schulpforte und spielte neckend auf das zukünftige Glück der Söhne seines alten »Freundes« an, ohne jedoch die Mutter zu erwähnen, weil ihn dies Thema in Gegenwart seiner Familie zu weit geführt hätte.

Die meiste Achtung zollte Dankmar der Fürstin, die ihn gar freundlich begrüßte und ihn der neben ihr sitzenden Anna von Harder vorstellte. So sah denn Dankmar endlich auch diese vielbesprochene und ihm selbst so werthvolle Frau zum ersten male in der Nähe! Anna betrachtete den jungen, für unternehmend und charakterfest bekannten Mann mit Wohlgefallen und konnte wol begreifen, daß die Flottwitz über und über erröthete, als ein kurzer, flüchtiger, aber sonderbar herausfordernder Blick aus Dankmar's blitzendem Auge statt aller Begrüßung zu ihr hinüberstreifte. Die Trompetta fragte, ob er sich erst so spät von seinem Freunde, dem Prinzen Egon, losgerissen hätte?

Ich komme soeben, antwortete Dankmar, den Kaffee, den ihm der Bediente bot, rasch niederschlürfend, von Hause, vor zwei Stunden aber aus der Kammer.

Was ist vorgefallen? fragte man gespannt.

Eine eigentliche Herausstellung der Parteien, antwortete Dankmar, wird sich erst heute Abend in der Berathung eines Paragraphen zur Geschäftsordnung ergeben.

Also eine Abendsitzung? schaltete die Trompetta ein und überlegte, ob sie einen Versuch machen sollte, sich ihrerseits an das constitutionelle Leben zu gewöhnen und ob sie den Abend frei hatte...

Man will das Beispiel einer großen Beflissenheit geben, fuhr Dankmar fort. Man will Abendsitzungen halten und Niemand trug auf Zeitersparniß und Fleiß eifriger an als der Fürst von Hohenberg.

Im Stillen dachte die Fürstin Wäsämskoi etwas spöttisch: Arme Helene!

Die Gruppen, fuhr Dankmar fort, werden sich erst scheiden bei dem Antrage der Regierung, daß die Minister das Recht haben sollen, zu jeder Stunde, auch nach schon geschlossener Debatte, in der Kammer das Wort zu ergreifen. Es wird sich dabei herausstellen, auf welche Majorität das Ministerium überhaupt rechnen kann. Einstweilen hat die Bildung der Ausschüsse die Thätigkeit der Kammer allein in Anspruch genommen und bei dieser Gelegenheit war es, daß Egon heut' eine Rede hielt, die einen Sturm von Beifall, die Bewunderung des ganzen Saales, den Jubel aller Tribünen und die höchste Spannung selbst des Ministertisches hervorrief.

Erzählen Sie davon! hieß es.

Dankmar, voll innigster Theilnahme, rasch und feurig bewegt, fuhr fort:

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