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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 182
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Zweites Capitel.

Eine Intrigue.

Die liebliche junge Frau lag in einem sehr gefälligen Schlafrock von weißem Kaschmir, bunt gefüttert und mit Bordüren besetzt, auf dem Sopha und blätterte in Briefen und Sendungen, die sie von Paris erhalten hatte. Die Herbstsonne hatte sich wieder eingestellt und fiel neubelebend und so erwärmend durch die Fenster, daß man von den Rosetten die Vorhänge lösen mußte, deren gelber Schein dem weißen Teint Helenen's einen zarten orientalischen Überhauch gab. Auf dem Tische vor ihr stand eine Vase mit Blumen, die sie sehr liebte. Mit Ungeduld blickte sie auf eine Pendüle, die über dem geöffneten Schreibbureau stand und schon auf elf zeigte. Sie erwartete Rafflard. Der Bediente brachte bald diese, bald jene Meldung. Die Modistin wurde an ihr Mädchen verwiesen. Concerte, zu denen sie die Billets nahm, ohne sie zu besuchen, wurden rasch bezahlt. So oft sie fühlte, daß der Zeiger der Pendüle doch auch gar zu langsam vorrückte, sprang sie auf, daß die Troddeln und Schnüre ihres Schlafrocks klapperten und setzte sich an ein geöffnetes Piano, das in einer Ecke des Zimmers stand und phantasirte in Tanzrhythmen eine Weile auf und ab. Dann fiel ihr ein, dieser oder jener neuen Bekanntschaft rasch ein kleines Billet zu schreiben, einen Roman zu schicken, über den gesprochen wurde, oder sie jagte die Diener, Dies und Das zu besorgen. Endlich gaben ihr einige Zeilen von Heinrichson eine veränderte Stimmung. Heinrich Heinrichson schrieb ihr, daß er drei der gemeinschaftlich gearbeiteten Bilder in zierlichen, entsprechenden Rahmen mitbringen würde und schloß seinen Morgengruß mit einigen Worten, die in seinen vielen, an Helenen schon gerichteten Briefen immer Dasselbe sagten, nämlich, daß sie schön, gut und liebenswürdig wie ein Engel wäre, Huldigungen, die jedesmal eine neue Wendung hatten, seine Weltbildung und Esprit verriethen.

Endlich war Rafflard da.

Eilig, wie bei Helenen immer, trat er ein, nachdem ihn sein Husten schon im Vorzimmer angekündigt hatte. Rafflard war es in seinem langen, plumpen, ungeschlachten, tappigen Wuchse. Die weiße Halsbinde um den Hals, der schwarze Frack, die weiße Weste, die weißen Handschuhe milderten etwas die hartknochige und unedle Physiognomie. Von der Seite aus gesehen, würde man ihn, wenn er etwas korpulenter gewesen wäre, leicht für einen verkleideten Kapuziner haben halten können.

Rafflard küßte Helenen die Hand und überreichte ihr einen Strauß von frischgeschnittenen Orangenblüten.

O, rief sie, das haben Sie gut getroffen, Professor! Diese Blüten versetzen mich nach Italien. Den nächsten Carnaval feir' ich in Rom.

Mit –? fragte Rafflard gedehnt.

Mit? Mit Egon? Sie haben ihn verleumdet, Professor! Er liebt mich wahr und treu und kann mir jedes Opfer bringen. Wie heiter, wie glücklich schloß gestern die Stunde, als ich mich an ihn schmiegte und die schwierige Aufgabe sich vom beklommenen Herzen trennte... Aber Alles ist erörtert, besprochen, entschieden! Setzen Sie sich, Professor. Trinken Sie Chokolade?

Danke, meine Freundin! Erzählen Sie, sagte Rafflard und spitzte die Ohren.

Ich schelle... Cacao?

Meine beste Gönnerin, ich habe heute schon einige Gefängnisse besucht und mir die Morgensuppen der Verbrecher zu kosten erlaubt. Sie können sich denken...

Also Maraschino!

Helenen's Gutmüthigkeit war schon in Bewegung zu schellen. Der Bediente kam. Sie gab ihm einen Wink. Er verstand, was sie sagen wollte. Rafflard lächelte erfreut. Die Verbindung mit Egon war das Werk, das er um jeden Preis zu vollbringen hatte...

Sie sollen überrascht werden, sagte Helene; ich will nicht, daß Sie einen schlimmen Tausch gemacht haben, als Sie statt mit der Mama mit mir vorliebnehmen mußten...

Der Bediente brachte ein Kästchen, das sie öffnete. Rafflard war überrascht. Gerade ein solches Kästchen stellte jeden Morgen die alte Gräfin d'Azimont auf ihren Tisch, wenn Rafflard seine erste Visite auf dem Quai d'Orsay machte und sie gemeinschaftlich kleine Pasteten aßen. Es befand sich darin ein halbes Dutzend Krystallflaschen mit Likören, kleinen Gläschen, einem silbernen Teller, Alles sehr zierlich und höchst portativ eingerichtet.

Rafflard hustete jetzt gerade sehr; dann aber küßte er der jungen Gräfin die Hand und fand diese Idee, einen Comfort der alten Schwiegermama hierher zu verpflanzen, allerliebst. Der Bediente kredenzte. Rafflard stärkte sich an Maraschino und klagte dabei über den verdammten Geschmack, den er von der Gefängnißsuppe noch im Munde hätte. Die Zunahme seines Hustens erklärte er folgendermaßen:

Ich war vorgestern in der benachbarten Festung Bielau in einem Loche, das man vor dreißig Jahren in dieser schon damals doch sehr aufgeklärten Verwaltung ein Gefängniß nannte. Denken Sie sich, meine Gnädige, eine Höhle unter dem Niveau eines übelriechenden Flusses. Man zeigte mir eine jetzt vermauerte Nische, durch die sich ein gefährlicher Verbrecher, der verurtheilt war, in einer solchen Cloake zu leben, in den Fluß durchgebrochen hatte. Er soll, da das Wasser auf ihn hereinströmte, ertrunken sein. Die feuchte Atmosphäre liegt mir noch auf der Brust. Doch, liebe Helene, erzählen Sie nur!

Helene nahm auf ihrem Sopha Platz und schickte sich an, dem ehemaligen Lehrer, dessen vertrauter Ton ihr eine angenehme Erinnerung an die Jugendtage von Osteggen war, von dem gestrigen Abend Bericht zu erstatten.

Ich bin ganz Ohr, sagte Rafflard und nippte an seinem Maraschino, den er sehr lobte und dabei still vor sich hin sagte:

Echter Zara!

Mein Entschluß, begann Helene, stand gestern fest. Es hatte mich zu tief verletzt, daß mich vorgestern Egon warten ließ, während er zu Paulinen fuhr und dort wie ich höre en petit comité mit ihr und dem schmuzigen Schriftsteller – wie heißt er?

Guido Stromer –

Zu Nacht aß –

Sie vergessen Fräulein Melanie Schlurck.

Helene erröthete, daß Rafflard's Chronik doch auch gar zu gewissenhaft war und unterbrach ihn mit aristokratischer Aufwallung:

Was weiß ich, wer sich Alles mit gemeiner Berührung an den Prinzen klettet! Genug, ich hatte Ihren Rath und meine eigene Eingebung für gestern zusammengenommen und beschloß, ihm den ganzen Zustand meiner Seele offen und treu zu enthüllen. Vormittag war er in der Kammer-Sitzung...

Nachmittag in dem volkswirthschaftlichen Ausschuß, in dem er einstimmig als Präsident gewählt worden ist...

Erst um acht Uhr kam er nach Hause, wo ich ihn erwartete. Er kam, begleitet von seinen Freunden, die nicht übel Lust zu haben schienen, zu bleiben. Ich sagte ihm sehr entschieden: Mein lieber Freund, ich bitte dich, sei heute der Meine! Außerordentlich liebenswürdig küßt' er mir die Hand und entließ die Aufdringlichen, Unausstehlichen, Widerwärtigen! Egon war verstimmt. Egon, sagt' ich, du hast Kummer. Ja, antwortete er. Entdecke dich mir! Was hast du seit acht, seit vierzehn Tagen? Du bist mein Egon nicht mehr. Ich weiß es, daß man mir dich rauben will, Egon? Raubt man dich dir selbst?

Sehr fein! unterbrach Rafflard.

Er lächelte...

Wie billig über den Ausdruck!

Und reichte mir die Hand... Ja, Rafflard, glauben Sie mir's, er war dem Weinen nahe.

Egon?

Triumphirend fuhr Helene fort:

Mein Egon sagte: Helene, ich bin nicht glücklich. Denken Sie sich meinen Schmerz über dies Geständniß, Rafflard! Ich sank ihm zu Füßen, ich bedeckte seine Hände mit Küssen. Egon, sagt' ich, du leidest! Warum leidest du? Weil du andre Quellen des Glücks suchest als im Arm deiner Geliebten! Warum diese politische Laufbahn? Sich gleichstellen mit dem Pöbel? Ich habe der ersten Sitzung beigewohnt, habe dich gesehen unter Bauern, Pächtern, Gastwirthen... ah, mein Freund, welche Verwirrung!

Ich bin gespannt. Sie sind hier aristokratischer, Helene, als Sie es in Paris waren... unterbrach der Neophyt.

Er gab mir Recht, Rafflard!

In der That? Egon ist Sozialist, denk' ich?

Er sagte: Helene! Ich fühle wie du! Ich bin nun acht Tage in der Kammer. Was ist geschehen? Nichts! Man streitet über die erbärmlichsten Förmlichkeiten. Jeder ringt nach Einfluß, nach Geltendmachung seiner geringfügigen Persönlichkeit, und so bedeutend manche Intelligenz ist, ich habe gefunden, daß sie in den Schatten tritt gegen Denjenigen, der eine starke Lunge hat und seine Trivialitäten mit einer Stimme, die durchdringt, geltendmachen kann.

Gut! Er kommt zur Erkenntniß –

Ich sagte ihm: Egon, du wirst deine Ruhe, deine Heiterkeit preisgeben, wenn du dich nicht von diesen fruchtlosen Kämpfen losringst. Seit du Paulinen kennst und dich mit ihrem gefährlichen, unternehmenden Geiste ausgesöhnt hast, ist der Friede deiner Seele gewichen. Er seufzte und sah mich schmerzlich an, mit einem Blicke, Rafflard, so voll Rührung und Vernichtung, daß mir die Stimme erstickte und ich alle meine Vorsätze vergaß –

Aber...

Was verlangst du von mir, Helene? sagte er nachdenkend. Egon, das Erste, was ich verlange, ist, daß du mich liebst! Und dann, fügte ich lächelnd hinzu, daß du dich entschließest diese Stadt zu verlassen, mit mir nach Italien zu gehen und dort, wenn mein Bund mit d'Azimont gelöst ist, unsere Liebe legitimirst.

Ich höre mit hundert Ohren – sagte Rafflard und lauerte auf die entscheidende Antwort des Prinzen, um sie noch heute an den Quai d'Orsay nach Paris zu berichten.

Helene, in völliger Sicherheit sich wiegend und bei Rafflard nur die Theilnahme für ihr Glück voraussetzend, fuhr fort:

Egon nahm diese Worte nicht stürmisch, aber auch nicht kalt auf, Rafflard, und ich fand dies ermuthigend für mich. Es ist doch, meinen Sie nicht, Professor, es ist doch ein Entschluß für das Leben, den ich von ihm verlangte? Du stellst mir Alternativen? sagte Egon ruhig lächelnd und fügte hinzu: Helene, Das ist doch eigentlich nicht schön von dir und nicht deiner würdig, nicht Helenisch! Lieber Egon, sagt' ich, ich stelle dir keine Alternativen. Ich werde dich lieben, das weißt du, auch wenn du mich mit Füßen trittst. Leider kennst du meine Schwäche. Aber ich will dein eigenes Glück. Ich ehre dein sittliches Gefühl, es quält dich, mich nicht durch die Bande der Ehe an deine theure geliebte Person gekettet zu sehen. Oder willst du die Ehe selbst nicht, laß uns wenigstens nach Italien gehen und unter milderen Voraussetzungen, als die hier üblichen sind, glücklich leben. Dieser Boden kann niemals die Heimat meines Glückes werden – Das fühl' ich, Egon... Ich konnte nicht weiter; denn Thränen erstickten meine Stimme...

Sie sind noch jetzt gerührt, Helene! Fassen Sie sich! sprach Rafflard in größter Spannung. Er war Menschenkenner genug, Egon's Antworten keineswegs so beruhigend zu finden, wie sie sich Helene dachte...

Egon war sehr lieb, sehr gut, Rafflard! Wirklich, er zog mich an sein Herz und sah mir so kindlich in's Auge, so gut, wie in unsern glücklichsten Tagen am See von Enghien. Helene, sagte er, wie ich dich liebe, weißt du! Ich mache mir Vorwürfe, daß mein Herz getheilt ist. Ich bin nicht so sehr Egoist, daß ich dir nicht nachempfände, wie es dich schmerzen muß, mich in so vielen Beziehungen zu wissen, die in keiner Verbindung mit den zarten Fäden stehen, in denen dein Herz sich einzuspinnen liebt. Auch meine Beziehung zu Paulinen erfreut dich nicht. Ich bin aus mancherlei Rücksichten verpflichtet, wenn nicht die Freundschaft, doch die Schonung dieser Frau zu wünschen. Sie hat sich mir mit großer Hingebung anvertraut...

Sie wird ihn benutzen, so lange er gilt, schaltete Rafflard ein, um Helenen's Befremden über Das, was sie selbst erzählte, zu mildern; sie wirft ihn weg, wenn er sich überlebt hat, was in unserer Zeit und bei der Gattung von Politik, die jetzt auf dem offnen Schauplatze getrieben wird, das Werk eines halben Jahres ist.

Er selbst, fuhr Helene fort, räumte mir die gleiche Bemerkung, die ich machte, gern ein und verwünschte den Einfluß, unter den er so plötzlich gerathen wäre. Ich sprach nun von seinen Freunden... mit Energie, mit Zornesworten flammt' ich auf. Ja Rafflard, ich glaube, daß sie anfangen ihm lästig zu werden.

Rafflard horchte ungläubig...

Doch! Doch! Er sprach von großer Verschiedenheit der Ansichten und von chimärischen Auffassungen, die auf dem Boden der gegebenen Verhältnisse nicht Stand hielten. Er hatte, Sie kennen diese Pläne, sich vorgenommen, fast alle seine Leute zu entlassen, sein Hauswesen bis zur Entsagung eines Diogenes zu vereinfachen. Alle diese Pläne sind aufgegeben. Er wird seinem Stande gemäß leben und sich sogar nicht scheuen, in Hoffnung auf seinen umsichtigen Generalpächter, Ackermann, mit dem Bankier Reichmeyer ein neues Geldgeschäft zu machen...

Rafflard hörte nur und hustete...

Ich gebe Ihnen mein Wort, Rafflard, er sprach so vernünftig, so klar, so seinem Stande angemessen...

Und die Heirath? unterbrach der Späher...

Freund, ich mochte doch nun auf dies Thema nicht wieder gewaltsam zurückkommen! Er vermied es nicht. Nein! Aber ich begnügte mich, ihm nur meinen Refrain: Italien! Italien! zu wiederholen. Und da versprach er mir, allen diesen Beziehungen, die ihn hier fesseln, hier zerstreuen, meiner Liebe entziehen, sobald es irgend mit seiner Ehre vereinbar wäre, zu entsagen und mit mir über die Alpen zu ziehen. Ist Das nicht himmlisch?

Rafflard stand auf. Er war mit diesem Ergebniß nicht im Geringsten zufrieden. Er sah, wie leicht die eigenthümliche Natur Helenen's zu täuschen war. Doch hütete er sich wohl, ihren Verdacht zu wecken und seine Zweifel zu laut auszusprechen. Er räusperte sich, hustete und wiederholte nur:

Sehr schön! Sehr schön! Helene wird so glücklich werden, wie sie es verdient. Sehen Sie Italien! Ich wünschte, ich dürfte Sie begleiten und Abends auf dem Corso von Florenz spazieren gehen.

Mit einem raschen Übergang kam Rafflard auf Briefe, die vor Helenen ausgebreitet lagen und Pariser Poststempel trugen. Er wußte schon, daß der Graf todtkrank war. Seine Mutter hatte ihm geschrieben und die dringendste Eile für die Verbindung Helenen's mit Egon angerathen. So stellte er sich unwissend und fragte, was sie von Paris Neues hätte...

Desiré ist sehr leidend, sagte Helene. Die Ärzte wollen ihm kein Jahr mehr geben. Ich lese mit Rührung die Scherze, die er mir schreibt. Er ist so gut! Er will mich unterhalten, und hofft, daß ich glücklich bin!

Glücklich? In Italien? Zum Carnaval? Nicht? Desiré hört es vielleicht gern, wenn Sie mit ihm von Egon's politischen Plänen sprechen?

Rafflard warf diese Worte so lauernd und forschend hin, um ihre Wirkung zu beobachten...

Nein, nein! rief Helene gequält. Die Kammer gefällt Egon wirklich nicht. Er wird die lästigen Freunde abschütteln. Wir sehen keinen deutschen Winter mehr. Ich schreib' es Desiré. Ich sehe Egon in Italien.

Rafflard zog die Augenbrauen in die Höhe und trat nun, da er Helenen zu befangen, zu beherrscht von Egon's gewaltiger Persönlichkeit sah, machtvoll mit der entschiedensten Ungläubigkeit hervor.

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