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Gutenberg > Aristophanes >

Die Ritter

Aristophanes: Die Ritter - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleKomödien
authorAristophanes
translatorLudwig Seeger
firstpub1845-48
yearca. 1960
publisherVollmer Verlag
addressWiesbaden / Berlin
titleDie Ritter
pages5-6
created20070405
sendergerd.bouillon
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Vierte Szene

Demos, der Chor, der Paphlagonier und der Wursthändler mit Tisch, Stuhl und vollen Speisekörben

Paphlagonier: Geh aus dem Weg und stirb!

Wursthändler:                                           Krepiere du!

Paphlagonier sich setzend:
Da sitz' ich schon seit einer Ewigkeit,
Bereit, o Demos, Gutes dir zu spenden!

Wursthändler: Und ich seit zehn, seit zwanzig Ewigkeiten,
Seit hunderttausend Ewig-Ewigkeiten!

Demos: Und ich, ich wart' und wünsch' euch an den Hals
Die Pest seit Millionen Ewigkeiten.

Wursthändler: Weißt du, was tun?

Demos:                                         Wenn ich's nicht weiß, sprich du!

Wursthändler: Wettrennen laß uns, mich und den, und so
Dich, Gang für Gang, bedienen!

Demos:                                           Gut, es sei!
Stellt Euch!

Wursthändler:   Ich steh'!

Demos:                             Jetzt lauft! Sie rennen

Paphlagonier:                                   Er unterläuft mich!

Demos: Das muß ich sagen, meine Herrn Liebhaber
Erfreun mich heut, ich kann's nicht besser wünschen!

Paphlagonier: Siehst du? Den Lehnstuhl bring' ich dir zuerst!

Stellt ihm einen Stuhl hin

Wursthändler: Doch nicht den Tisch, den bring' ich allererst!

Stellt ihm einen Tisch hin; Demos setzt sich davor

Paphlagonier: Hier präsentier' ich dir ein Restchen Kuchen,
Gebacken aus dem Opfermehl von Pylos!

Wursthändler: Hier Semmeln, von der Göttin ausgehöhlt
Mit eigner Hand, der elfenbeinernen!

Demos: Wie groß, o Göttin, muß dein Finger sein!

Paphlagonier: Hier Erbsenmus, schön gelblich durchgetrieben
Von Pallas selbst, der Pylosstürmerin!

Wursthändler: Die Göttin schirmt doch offenbar und hält
Jetzt über dich die volle Suppenschüssel!

Demos: Was, denkst du, würd aus unsrer Stadt, wenn sie
Nicht sichtbar über uns die Schüssel hielte?

Paphlagonier: Den Bückling schickt die Schlachtenkönigin!

Wursthändler: Dies Suppenfleisch verehrt des Donnrers Tochter,
Kaldaunen, Schwartenmagen und Gekrös!

Demos: Ei, selbst den Peplos hat sie nicht vergessen!

Paphlagonier: Die Gorgohelmbuschträgerin empfiehlt
Den Zwieback dir, um zwiefach schnell zu rudern!

Wursthändler: Da nimm auch dies!

Demos:                                         Jetzt noch ein Rippenstück?
Wozu?

Wursthändler:   Das sendet dir expreß die Göttin,
Weil unsrer Schiffe Rippen etwas leck;
Aushelfen will sie sichtbar unsrer Flotte! –
Da trink, zwei Drittel Wein, ein Drittel Wasser!

Demos: Schön ist's, daß sie die Dreizahl auch erfreut!

Wursthändler: Tritonia selber hat den Wein gedrittelt.

Paphlagonier: Da, nimm dies Stückchen fetten Zwiebelplatz!

Wursthändler: Da, nimm, ich schenke dir 'nen ganzen, Demos!

Paphlagonier zum Wursthändler:
'Nen Hasen hast du nicht für ihn, doch ich!

Wursthändler für sich:
Verdammt! Wo krieg' ich einen Hasen her?
Nun, frisch mein Herz, und sinn' auf einen Kniff!

Paphlagonier: Siehst du ihn, armer Schelm? Zeigt ihm den Hasenbraten

Wursthändler:                                           Was schiert mich das? –
Da kommen Männer auf mich zu!

Paphlagonier:                                   Wer kommt?

Wursthändler: Gesandte sind's mit goldgefüllten Beuteln!

Paphlagonier: Wo, wo?

Wursthändler:               Was kümmert's dich? Laß du die Fremden!
Während der Paphlagonier zurücksieht, nimmt er ihm den Hasen
Sieh, Demos, einen Hasen bring' ich dir!

Paphlagonier: Au weh! Du hast mein Eigentum gestohlen!

Wursthändler: Nun ja, gerad wie du den Fang in Pylos!

Demos: Wie kamst du auf den Einfall, ihn zu stehlen?

Wursthändler: Der Göttin ist der Rat, die Tat ist mein.

Paphlagonier: Gehetzt hab' ich ihn!

Wursthändler:                                 Ich ihn vorgesetzt!

Demos zum Paphlagonier:
Geh! Wer ihn bringt, der hat den Dank dafür.

Paphlagonier: Weh, weh, ausschmieren wird er mich in Frechheit!

Wursthändler: Nun richte, Demos, wer am besten sich
Verdient gemacht um dich und deinen Bauch!

Demos sich den Kopf kratzend:
Ja, wenn ich nur Entscheidungsgründe wüßte,
Um auch dem Publikum es recht zu machen!

Wursthändler: Ich weiß dir Rat. Geh hin und inspiziere
Die Körb' im stillen, hier den meinen, dort
Des Paphlagoniers, und dein Spruch wird gut.

Demos: Laß sehn, was steckt da drin?

Wursthändler:                                   Du siehst ihn leer,
Lieb Väterchen, ich trug dir alles auf!

Demos: Der Korb ist für den Demos gut gesinnt!

Wursthändler: Jetzt untersuch' auch den des Paphlagoniers;
Siehst du?

Demos:           Helf Gott, was gute Sachen noch!
Welch Monstrum von 'nem Kuchen liegt da drinnen!
Mir hat er nur ein Eckchen abgeschnitten.

Wursthändler: Das hat er ja von jeher so gemacht!
Von dem, was er erbeutet, gab er dir
Ein Schnittchen, und das meiste fraß er selbst.

Demos: Du Strick, so hast du mich beluchst, bestohlen,
»Und ich beschenkte dich und gab dir Kränze?«

Paphlagonier: Ich stahl, nun ja, allein zum Wohl des Staats!

Demos: Den Kranz herunter, gleich! Ich setz' ihn dem
Aufs Haupt.

Wursthändler:   Herunter mit dem Kranz, du Gauner!

Paphlagonier: Die Hand von mir! Ein pythisches Orakel
Nennt mir den Mann, den einz'gen, der mich stürzt!

Wursthändler: Mich nennt es, meinen Namen, klar und deutlich!

Paphlagonier: Laß sehn, ich mache gleich mit dir die Probe,
Ob dich das göttliche Orakel meint,
Und also heb' ich an die Untersuchung:
Zu welchem Lehrer gingst du in die Schule?

Wursthändler: Von Metzgern ward mein Ohr zur Kunst gebildet.

Macht die Pantomime der Ohrfeige

Paphlagonier: Was sagst du? »Hart berührt der Spruch mein Herz!«
Pah! – –
Was hast du auf dem Turnplatz dann gelernt?

Wursthändler: Ich? Stehlen, leugnen, schwören drauf, gradaus sehn!

Paphlagonier: »Phoibos Apollon, Lykier, wie geschieht mir?«
Und welches Handwerk triebst du dann als Mann?

Wursthändler: Wursthandel.

Paphlagonier:                       Weiter nichts?

Wursthändler:                                             Ein bißchen Buhlschaft.

Paphlagonier: Ich Unglückseliger, ich bin vernichtet! –
Noch hält ein dünner Hoffnungshalm mich oben!
Sag mir dies eine: triebst du auf dem Markt
Wursthandel, oder nahe bei dem Tor?

Wursthändler: Am Tor, wo man das Pökelfleisch verkauft.

Paphlagonier sinkt zusammen:
»Weh mir, der Spruch der Götter ist erfüllt!
Wälzt mich hinein, den unglücksel'gen Mann!«
Fahr wohl, mein Kranz! »Ach, ungern trenn' ich mich
Von dir; ein andrer wird dich bald besitzen«,
Kein größrer Dieb, »doch glücklicher als ich!«

Sie schaffen ihn ins Haus

Wursthändler: Zeus, Hort von Hellas, Dank dir für den Sieg!

Chorführer: Heil, Sieger dir, und denk im Glück, daß ich
Zum Manne dich gemacht; ich bitte nur
Ein kleines: laß mich sein dein Schreiber Phanos!

Demos zum Wursthändler:
Und nun, dein Nam'?

Wursthändler:                 Ist Agorakritos,
Weil ich von Händeln auf dem Markt mich nähre.

Demos: Dir, Agorakritos, vertrau' ich mich
Und übergebe dir den Paphlagonier.

Wursthändler: Treu will ich deiner pflegen, lieber Demos;
Du sollst gestehn: nie sahst du einen Mann,
Der's besser meinte mit den Maul-Athenern!

Beide ab ins Haus

Chor: »Was läßt sich wohl Schönres zum Anfang,
Was Schöneres singen zum Schlusse,
Als die Lenker der rasch hinfliegenden Rosse?«
Drum keine Silbe gegen Lysistratos,
Noch Theomantis, den Obdachlosen;
Gerne lass' ich ihn ungekränkt:
Denn du weißt ja, guter Apollon,
Wie er hungert und Ströme weint
Und deinen Köcher in Pytho flehend
Berührt, weil das Darben doch gar zu herb ist!

Chorführer: Schlechte Bürger zu verspotten, ist gewiß nicht tadelnswert,
Hohn auf sie ist Lob der Guten, wenn man recht es will verstehn. –
Wäre nur der Mensch bekannter, den ich jetzo geißeln muß,
Braucht' ich nicht an einen Namen guten Klangs ihn anzureihn!
Arignotos – jeder kennt ihn (wie sein Name schon es sagt),
Der auf Kampfgesäng' und heitre Lieder trefflich sich versteht,
Der hat einen Bruder, gar nicht an Charakter ihm verwandt,
Den Ariphrades –: der Schurke! ja, das rühmt er sich zu sein!
Nie, wenn er ein ordinärer Schuft und Lump und Spitzbub wär',
Nennt' ich ihn; doch neue Greuel hat die Bestie aufgebracht!
Seine eigne Zunge schändet er mit ekelhafter Lust,
In Bordellen leckt er züngelnd auf den geilen Hurenschleim,
Mit dem Abschaum wüster Wollust, pfui, beschmiert er sich den Bart,
Singt des Polymnestos Lieder, ludert mit Oionichos:
Diesen Lotterbuben, dieses Scheusal – wer ihn nicht verflucht,
Fluch ihm selbst! Aus einem Becher trinken soll er nie mit uns! –

Chor: Oft hab' ich in nächtlicher Stille
Den Kopf mir mit Grübeln zerbrochen
Und gefragt: warum doch so fürchterlich gierig,
Unersättlich frißt der Kleonymos:
Denn ich hör', er schleicht in die Häuser
Reicher Bürger häufig sich ein
Und kommt nicht wieder heraus aus dem Brotschrank,
Wie der Hausherr auch bitten mag:
›Komm doch, mein Bester, ich fleh' auf den Knien,
Heraus, und verschlinge den Tisch nicht zum Nachtisch!‹ –

Chorführer: Die Galeeren, sagt man, kamen jüngst zusammen zum Gespräch,
Und die älteste derselben nahm zuerst das Wort und sprach:
›Habt ihr auch gehört, ihr Jungfern, was man in der Stadt erzählt?
Nach Karthago fordert einer unsrer hundert – wißt ihr wer?
'S ist der hyperbolisch schlechte Krätzer – der gemeinste Kerl!‹ –
Und sie fanden's unerträglich: nein, das sei doch gar zu arg!
Eine zweite ließ sich hören, die noch nie ein Mann bestieg:
›Gott verhüt' es, daß ich diesem je gehorche! Lieber will
Ich veralten und vermodern und der Würmer Speise sein;
Auch Nauphante nicht, des Nauson Tochter! Nein, so wahr auch ich
Kunstgerecht aus Tannenbäumen bin gezimmert und gedielt!
Aber wollen's die Athener dennoch: hört, dann segeln wir
Hin zum Heiligtum des Theseus oder der Erinnyen:
Nie als unser Führer soll er lachen ins Gesicht der Stadt;
Will er fahren, ei so fahr' er selbst allein zum Rabenstein
Auf dem Boot, auf das er seine Ampeln sonst als Krämer lud!‹

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