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Gutenberg > Reinhard Goering >

Die Retter

Reinhard Goering: Die Retter - Kapitel 1
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authorReinhard Goering
booktitleSeeschlacht / Die Retter / Die Südpolexpedition des Kapitän Scott
titleDie Retter
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
year1966
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Reinhard Goering

Die Retter

Personen

Die beiden Greise

Der Mann ohne Arm

Zwei Männer mit Waffen

Der schwerverletzte Mann

Ein blutiger Mensch

Das junge tanzende Paar

Ein Raum mit zwei Betten, auf denen zwei alte Männer im Sterben liegen. Es ist eine Weile ganz still.

Der erste alte Mann:   Hörst du, Bruder?
Der zweite alte Mann:   Den Tod.
Der erste alte Mann:   Noch etwas sonst?
Der zweite alte Mann:   Nichts weiter.
Der erste alte Mann:   Lärmen?
Für die Zuhörer ist indessen nichts hörbar.    
Der erste alte Mann:   Kälte und Finsternis. –
Der zweite alte Mann:   Fürchte ich nicht.
Der erste alte Mann:   Willkommener Tod.
Der zweite alte Mann:   Auch mir.
Pause.    
Der erste alte Mann:   Getan ist alles.
Der zweite alte Mann:   Gut war es alles.
Der erste alte Mann:   Wie wir es hielten, war es recht.
Der zweite alte Mann:   Nichts blieb uns dunkel.
Der erste alte Mann:   Alles ward gewußt.
Der zweite alte Mann:   Warum sprechen wir wieder?
Lange Pause.    
Der erste alte Mann:   Hörst du es jetzt?
Der zweite alte Mann:   Das letzte Singen?
Der erste alte Mann:   Als ob etwas herankommt.
Der zweite antwortet nicht.    
Der erste alte Mann:   Du bist schon fort?
Der zweite antwortet nicht.    
Der erste alte Mann:   Täuschung ist ja nicht mehr.
Ich höre deutlich.
Für die Zuschauer ist hier immer noch nichts hörbar. Der zweite antwortet nicht.    
Der erste alte Mann:   Bruder!!
Der zweite alte Mann:   Rufst du?
Der erste alte Mann:   Lärm, hörst du nicht?
Schreien.
Sie kommen her.
Der zweite alte Mann:    Man stirbt so langsam!
Mit einemmal hat sich ein großes Tosen erhoben und ist der durch ein Fenster von Feuerschein erhellt worden. Die beiden in den Betten haben sich jäh aufgerichtet.    
Der zweite alte Mann:   Fluch ihnen! Fluch! Fluch! Fluch!
Der erste alte Mann:   Was ist geschehen?
Der zweite alte Mann:   Das sind sie!
Der erste alte Mann:   Wir leben wieder.
Der zweite alte Mann;   Die Flamme wärmt.
Pause    
Der erste alte Mann:   Weh, wehe, weh!
Der zweite alte Mann:   Wir sitzen ja im Bette auf.
Der erste alte Mann:   Wir sind ja wieder jung.
Der zweite alte Mann:   Weh, wehe, weh!
In den Greisen ist in der Tat neues Leben erwacht.    
Pause.
Der zweite alte Mann:   Weh, ihre Sünde gibt uns Kraft.
Der erste alte Mann:   Die Flamme wärmt.
Der zweite alte Mann:   Die Sünde wärmt.
Der erste alte Mann:   Ihr Bössein
Zwingt uns neu zu leben!
Der zweite alte Mann:   Weißt du noch?
Der erste alte Mann:   Was?
Der zweite alte Mann:   Kürzlich –
Der erste alte Mann:   Was da?
Der zweite alte Mann:   Als wir es sahen.
Der erste alte Mann:   Was denn sahen wir?
Der zweite alte Mann:   Einer hob die Hand. So.
Der erste alte Mann:   Wie du sie hebst?
Der zweite alte Mann:   So. So.
Der erste alte Mann:   Was weiter?
Der zweite alte Mann:   Den andern sahst du
auch, das Opfer.
Der erste alte Mann:   Ha! warum das?
Warum das fürchterliche
Bild noch einmal?
Der zweite alte Mann:   Wie er da stürzte.
Der erste alte Mann:   Rot wie Lack.
Der zweite alte Mann:   So traf der Schlag.
Der erste alte Mann:   So war die Hand gehoben.
Der zweite alte Mann:   Nichts hielt ihn auf.
Der erste alte Mann:   Und beide Menschen!
Der zweite alte Mann:   Lebendig, weich, aus Fleisch,
Böse!
Ein jeder wußte, wie es tut
Und was er zufügt.
Der erste alte Mann:   Für immer aus der Welt.
Der zweite alte Mann:   Als wir das sahen,
Dachten wir mit Freude,
Daß wir nun sterben sollten,
Von selbst auslöschen
Wie ein Licht.
Pause    
Der erste alte Mann:   Die Wärme, spürst du sie,
Die Wärme?
Der zweite alte Mann:   Die Schändlichen.
Der erste alte Mann:   Wie das belebt.
Der zweite alte Mann:   Mir klopft das Herz.
Der erste alte Mann:   Dir klopft das Herz?
Der zweite alte Mann:   Vor Zorn.
Der erste alte Mann:   Hörst du, hörst du?
Erst jetzt hört man anhaltend ein fernes Lärmen.    
Der zweite alte Mann:   Die Mörder!
Auf, mein Bruder, auf!
Der erste alte Mann:   Was tust du?
Der zweite alte Mann:   Noch einmal aufstehn –
Der erste alte Mann:   Hörst du? Hörst du?
Der zweite alte Mann:   Und ihnen zeigen –
Pause.    
Der erste alte Mann:   Wehe, o wehe, wehe!
Der zweite alte Mann:   Das Schreien plötzlich?
Der erste alte Mann:   Was willst du tun?
Was willst du?
Der zweite alte Mann:   Was sagte ich denn?
Der erste alte Mann:   Aufstehn –?
Der zweite alte Mann:   Das machen die mich tun,
Da draußen die!
Der erste alte Mann:   Zeigen? –
Der zweite alte Mann:   Was wir ein Leben lang
Bezeugten.
Der erste alte Mann:   Jetzt noch?
Der zweite alte Mann:   Ja, gerade jetzt.
Der erste alte Mann:   Laß mich doch sinnen.
Pause.    
Der zweite alte Mann:   Auf, auf.
Das Gute siegt durch uns.
Er erhebt sich halb.    
Der zweite alte Mann:   Wir wissen ja!
Pause.    
Der zweite alte Mann:   Auf, auf.
Das Gute muß getan sein!
Er tut die Beine von dem Bett, auf dem er wie der andere angekleidet gelegen hat.    
Der zweite alte Mann:   Auf, auf.
Erkennst du nicht den Sinn?
Pause.    
Der erste alte Mann:   Die Luft ist angenehm.
Der zweite alte Mann:   Das Haus ist gut.
Der erste alte Mann:   Wehe den Bösen, wehe, wehe!
Der zweite alte Mann:   Auf, Bruder, auf!
Sie haben sich beide von den Betten erhoben und stehen einen Augenblick ungewiß da.    
Der erste alte Mann:   Da sterbend –
Der zweite alte Mann:   Was da sterbend –?
Der erste alte Mann:   Ich will nichts sagen.
Der zweite alte Mann:   Ich möchte einen Sprung tun.
Der erste alte Mann:   Ich denke eines Sprungs.
Der zweite alte Mann:   Nein, den nicht jetzt!
Der erste alte Mann:   Als du ein junger Mann warst –
Der zweite alte Mann:   Den nicht.
Den nenne jetzt nicht, nein!
Der erste alte Mann:   Und plötzlich Blumen hintrugst –
Der zweite alte Mann:   Da brennt es doch!
Da brennt es ja!
Der erste alte Mann:   Und plötzlich selber Blume warst –
Der zweite alte Mann:   Oh! Oh!
Der erste alte Mann:   Und in die Sterne springen wolltest –
Der zweite alte Mann:   Genug! Genug!
Der erste alte Mann:   Für ein Weib!
Der zweite alte Mann:   Oh! Oh! Oh!
Der erste alte Mann:   Dann kam der Umschwung!
Der zweite alte Mann:   Den Armen draußen helfen,
Komm doch, komm!
Der erste alte Mann:   Jemand kommt herauf!
Ein Mann ohne Arme tritt auf.    
Der Mann ohne Arme:   Ihr lebt!
Der erste alte Mann:   Siehst du?
Der Mann ohne Arme:   Seid wieder lebendig geworden?
Der zweite alte Mann:   Wieder lebendig!
Der Mann ohne Arme:   Seit Tagen liegt ihr
Im Sterben –
Der zweite alte Mann:   Leben wieder.
Der Mann ohne Arme:   Dann könnt ihr gehn?
Dann könnt ihr laufen?
Kommt schnell und flieht.
Die beiden Greise sagen nichts.    
    Kommt mit fort,
Ehe es zu spät ist.
Die beiden Greise sagen nichts.    
    Ihr seht doch
Und hört doch
Und könnt laufen.
Die beiden Greise stehen ohne eine Bewegung.    
    Meint ihr,
Daß man euch schont?
Daß man
Einen schont,
Wer es auch sei?
Wollt ihr euch zwingen lassen,
Mitzuschlachten,
Draußen und in den
Häusern?
Überall, überall?
Wißt ihr nicht,
Was in den Häusern geschieht,
Daß keiner leben bleiben darf,
Keiner,
Wer es auch sei?
Kommt mit,
Ehe es zu spät ist.
Pause.    
    Da stehn sie.
Wollt ihr nicht?
Wenn ihr nicht tun werdet,
Was sie euch heißen,
Verbrennen sie euch
Bei lebendigem Leibe.
Es ist ein Haß,
Eine Wut,
Eine Verzweiflung,
Man möchte meinen,
Von zu viel tausend
Und tausend Jahren.
Wollt ihr nicht?
Dann lebt wohl.
Ich habe keine Arme,
Das hat mir mein Leben vergällt.
Jetzt rettet es mich doch!
Der Mann ohne Arme geht ab.    
Der erste alte Mann:   Hast du verstanden?
Der zweite alte Mann:   Ich denke.
Der erste alte Mann:   Was denn?
Der zweite alte Mann:   Nun erst recht
Müssen wir handeln.
Der erste alte Mann:   Fluch euch, Fluch euch!
Der zweite alte Mann:   Wenn es wahr ist,
Was er sagt.
Der erste alte Mann:   Warum sollte er lügen?
Der zweite alte Mann:   Man möchte wünschen,
Sie hätten allzusammen
Einen Hals,
Alle sie, alle, die tun.
Einen einzigen,
Daß man sie
Mit einem Griff
Erwürgen könnte,
Dann wäre die Welt gerettet.
Der erste alte Mann:   Wir müssen sanft sein.
Der zweite alte Mann:   Sanft? Was hilft das?
Der erste alte Mann:   Danach gar nicht fragen.
Der zweite alte Mann:   Es geht um das Gute.
Der erste Greis entfernt sich gegen die Wand und von dort aus ringt er verzweifelt die Arme.    
Der erste alte Mann:   Wir, wir sollten es tun?
Der zweite alte Mann:   Wer denn
Wenn nicht wir?
Der erste alte Mann:   Wir wissen ja nicht –
Der zweite alte Mann:   So! So! Wir wissen nicht?
Der erste alte Mann:   Nichts Festes.
Der zweite alte Mann:   Nichts Festes? Nichts
Festes?
Wirklich nichts?
Der erste alte Mann:   Es könnte ja sein –
Der zweite alte Mann:   Daß wir uns retten müßten?
Der erste alte Mann:   Nein, das nicht.
Der zweite alte Mann:   Was dann noch?
Der erste alte Mann:   Ich machte meine Augen
Soweit auf als ich konnte
Und ich sah doch nur,
Daß ich blind war,
Mein Leben lang.
Der zweite alte Mann:   Das sagst du jetzt!
Der erste alte Mann:   Immer schon
Immer schon
Habe ich das gewußt
Und gesagt.
– Nicht mit Worten.
Der zweite alte Mann:   Jetzt meinst du,
Daß du noch die Wahl hättest,
Aber du wirst sehen
Du hast sie nicht.
Höre, höre
Da kommen sie schon.
Pause.    
Der zweite alte Mann:   Es ist gut so.
Pause.    
Der erste alte Mann:   O Bruder!
Der zweite alte Mann:   Schnell, was willst du?
Der erste alte Mann:   Da, noch einmal
Auf diesen Betten liegen
Und schnell sterben
Und sich helfen
Wenn es nicht von selbst geht.
Der zweite alte Mann:   Helfen! Helfen!
Denen, die da kommen.
Zwei Männer mit Waffen, ohne weitere Kriegsabzeichen, treten auf.    
Der zweite Greis:   Womit kann ich – –?
Der erste Mann:   Kommt mit.
Der zweite Greis:   Ja, sofort.
Der erste Mann:   Warum folgt ihr nicht?
Der erste Greis:   Wohin sollen wir denn mitkommen?
Der zweite Mann:   Wohnt noch jemand hier?
Der erste Greis:   Nein, nur wir beide.
Der erste Mann:   Dies Haus
Liegt ganz für sich allein
Von allen andern.
Der zweite Greis:   Ja, so ist es.
Der erste Mann:   Kommt also.
Der erste Greis:   Was sollen wir denn da draußen?
Der erste Mann:   Das erfahrt ihr schon.
Der zweite Greis:   Komm mit, Bruder,
Wir folgen ihnen.
Keine Angst!
Sie gehen alle ab. Gleich kehrt der erste Greis mit den beiden Männern zurück.    
Der erste Greis:   Gewalt! Gewalt!
Der erste Mann:   Ruhe, Alter!
Der zweite Mann:   Keiner stiehlt dir was.
Der erste Greis:   Gewalt! Gewalt!
Der erste Mann:   Von Gewalt ist keine Rede.
Der erste Greis:   Ihr zwingt mich
Hier hinein!
Der erste Mann:   Du hast ja gehört –
Der erste Greis:   Ich will nicht, will nicht!
Nicht hier ins Haus.
Der erste Mann:   Du hörtest doch,
Daß es sein muß!
Pause.    
Der erste Greis
(schreit)
  Was geschieht mit meinem Bruder?
Der erste Mann:   Hör mal.
Der erste Greis:   Ja, was?
Der erste Mann:   Dich.
Der erste Greis:   Ha furchtbar,
Ha, ha, ha.
Der erste Mann:   So quakt der Frosch.
Der zweite Mann:   So schnappt der Fisch
Am Land.
Der erste Greis:   Ja.
Der zweite Mann:   So faucht die Eule.
Der erste Greis:   Ja.
Der zweite Mann:   Die Raben hacken
Emsig ihr die Augen aus.
Der erste Mann:   So ist es.
Der erste Greis:   Aber ihr Menschen,
Ihr Menschen.
Der zweite Mann:   Wissen das.
Der erste Mann:   Von Kindheit an.
Der zweite Mann:   Und schnappen nicht.
Der erste Mann:   Und reißen emsig uns
Die Herzen aus.
Der zweite Mann:   Von Kindheit an.
Der erste Greis:   Ich aber –
Was wollt ihr von mir.
Der erste Mann:   Du hast es ja gehört.
Der erste Greis:   Töten soll ich –
Heimtückisch morden –?
Der erste Mann:   Jeden Belgier,
Der hier hereinkommt.
Der zweite Mann:   Der Schutz sucht,
Verwundet, Hilfe, der
Sich bergen will.
Der erste Greis:   Entsetzlich.
Der zweite Mann:   Aber nicht zu ändern.
Der erste Greis:   Für euch! für euch!
Das ist es ja: für euch selbst –
Entsetzlich.
Der zweite Mann:   So haben sie es uns gemacht,
So machen wir es ihnen.
Der erste Mann:   Du hörst mich jetzt,
Greis:
Wenn du nicht tust –
Hörst du –?
Der erste Greis:   Mörder!
Der erste Mann:   Still, nur still!
Der erste Greis:   Mörder!
Der erste Mann:   Ruhe, nur Ruhe!
Der zweite Mann:   Wenn du es nicht tust –
Der erste Mann:   Wenn du das Haus verläßt –
Wenn du dich drückst –
Hörst du?
Der zweite Mann:   Da ist er stumm
Geworden.
Der erste Mann:   Wenn du's nicht tust –
Hörst du?
Der zweite Mann:   Wie er da steht.
Der erste Mann:   Er hat alles gehört.
Er weiß.
Der zweite Mann:   Arme Gesellen,
Arme Gesellen.
Der erste Mann:   Wirst du fortgehen?
Der erste Greis nickt.    
Der erste Mann:   Dann können wir
Dich ja gleich erschießen.
Der erste Greis nickt.    
Der zweite Mann:   Komm fort,
Komm fort,
Komm doch.
Er weiß ja Bescheid.
Die beiden Männer gehen ab. Der erste Greis steht und wächst dann, während er spricht, zu übergewöhnlicher Höhe.    
Der erste Greis:   Wüßtet ihr!
Wüßtet ihr!
Vater im Himmel
Hilf ihnen,
Sie wissen nicht
Was sie tun!
Der zweite Mann kehrt zurück.    
Der zweite Mann:   Greis!
Tu's.
Ich meine es gut.
Wir tun auch,
Was wir nicht wollen.
Der erste Greis:   Mörder!
Der zweite Mann zuckt die Achseln und geht. Man hört Lärm.    
    Wenn die Welt
In euren Händen wäre,
Wenn keine andere Hand
Auch noch das Ruder hielte –
Er hält inne und fährt nach einer Pause fort.    
    Entsetzlich, entsetzlich
Durch Drohen, durch
Gewalt
Glauben sie zu bestehn, zu blühen,
zu schaffen.
Was zu schaffen? Was?
Pause.    
    Bruder, wo bist du,
Bruder?
Was geschieht dir?
Warum wehrtest du dich nicht?
Was geschah mit dir?
Was wandelte dich so plötzlich?
Hat dich
Hoffnungslosigkeit
Ergriffen?
War es das?
Man hört wieder Lärm.    
    Hört sie! hört sie!
Pause.    
    Auch das
Habe ich schon einmal,
Als Knabe, erlebt.
Einmal? Tausendmal!
Dieses:
Daß nichts hilft
Als der Tod.
Warum starb ich nicht damals?
In diesem Augenblick ist der zweite Greis in der Tür erschienen. Er ist verwandelt, blutig und wie ein Geist eher als wie ein Mensch anzuschauen.    
Der zweite Greis:   Eine Stätte!
Eine Stätte.
Der erste Greis:   Mein Bruder!
Mein Bruder!
Der zweite Greis weist auf sein Bett.    
Der zweite Greis:   Da! Dort! Ja da!
Der erste Greis:   Nicht hier,
Bruder, tritt in kein
Haus!
Der zweite Greis:   Hier! ja hier,
Und nirgend
Anders mehr!
Der erste Greis:   Die Häuser sind verflucht!
Der zweite Greis:   Mein Totenbett!
Der erste Greis:   Hier im Hause droht dir
alles,
Weh, wie siehst du aus!
Der zweite Greis:   Komm mir nicht nah!
Der erste Greis:   Hier wirst du mit mir
sündig sterben!
Der zweite Greis:   Entferne dich von mir!
Geh dorthin an die
Mauer.
Der erste Greis:   Was ist mit dir geschehen?
Der zweite Greis:   Geh dorthin!
Hörst du nicht?
Der erste Greis tut wie gewünscht wird.    
Der zweite Greis:   Dort bleib!
Komm mir nie näher!
Der zweite Greis legt sich auf sein Bett und bleibt mit weit geöffneten Augen gerade vor sich hinblickend liegen, ohne zu sprechen.    
Der erste Greis:   Du willst nicht sprechen?
Der zweite Greis macht keine Bewegung.    
Der erste Greis:   Du willst hier bleiben?
Wie oben.    
Der erste Greis:   Du weißt,
Was in den Häusern geschehen
wird?
Wie oben.    
Der erste Greis:   Wie? nie mehr?
Wie oben.    
Der erste Greis:   Du willst immer
Nur so vor dich hinsehen?
Wie oben.    
Der erste Greis:   Was geschah denn?
Ich sah noch,
Wie sie dich in ihre Mitte nahmen,
Wie du sie ansahst,
Plötzlich still warst,
Und dann mit ihnen gingst.
Wohin gingt ihr?
Was hast du da getan?
Bruder, komm mit,
Wir verlassen das Haus.
Komm mit,
Wir gehen fort.
Regst du dich nicht?
Allein kann ich nicht.
O Liebe! O Liebe!
O mein Bruder?
Pause.    
Der erste Greis:   Bis jetzt
Wußte ich alles.
Jetzt weiß ich nichts mehr?
Wer tat das!
Wer hat das getan?
Habe ich nicht gesehn?
Hast du gelächelt?
Ich will alles hingeben.
Ich will sterben,
Ich will –
Ich will alles tun,
Wenn du wieder sprichst.
Wie oben.    
    Kein Erbarmen?
Keine Hilfe?
Ich begreife nichts mehr.
Es war doch!
Es war doch!
Was ist geschehn?
In diesem Augenblick läßt sich von der Tür her eines Menschen Stimme vernehmen.    
Die Stimme:   Zu Hilfe! zu Hilfe!
Der erste Greis:   Da rief jemand.
Die Stimme:   Zu Hilfe! zu Hilfe!
Der erste Greis:   Ich komme!
Ich komme!
Der erste Greis geht ab und kehrt mit einem schwer verletzten Manne zurück, den er stützt.    
Der Mann:   O Gott, o Gott.
Der erste Greis:   Willst du nicht mit hinein?
Der Mann:   O ich war schwach
Und schrie!
Der erste Greis:   Und dir zu helfen,
Kam ich gleich zu dir.
Der Mann:   Ich weiß wie du mir hilfst.
Der erste Greis:   Ich bringe dich ins Bett
Und pflege dich.
Der Mann:   Tu es, tu es.
Und mach ein Ende.
Ich will nicht länger zittern,
Einmal muß jeder sterben.
Bring mich um!
Der erste Greis:   Ha, deshalb willst du
Nicht ins Haus.
Der Mann:   Bring mich nicht um,
O warum schrie ich doch
O gegen meinen Willen schrie
es plötzlich.
Der erste Greis:   Dort in der Kammer
Leg ich dich aufs Bett.
Der Mann:   Nein, laß mich los,
Laß mich hinaus.
Der erste Greis:   Wenn ich dich lasse,
Fällst du hin.
Der Mann:   Dort in der Kammer
Würgst du mich ja nur.
Du mußt ja!
Du mußt ja!
Mein Tod
Oder dein Tod.
Soweit ist es ja gekommen.
So macht ihr es,
So machten wir es
Oh! Oh! Oh!
Der erste Greis:   Wehe, o wehe
Das blieb von euch übrig!
Die beiden stehen eine Weile. Plötzlich wirft sich der Verletzte in Arme des Greises.    
Der Mann:   Schütze mich! schütze mich!
Der erste Greis:   Solang ich lebe,
Tut dir keiner Unrecht.
Der Mann:   Laß ihn nicht ein,
Wenn er herein will.
Der erste Greis:   Keiner wird dir was tun,
Solang ich lebe,
Hier schwöre ich es dir!
Der Mann:   Er kommt gekrochen
Ach, ich sah's, ich sah's,
An seinem Blick sah ich's,
Er läßt nicht ab,
Bis er mich würgt
Und mit ihm sterben macht.
Laßt ihn nicht ins Haus.
Der erste Greis:   Wen nicht?
Der Mann:   Den andern,
Der mir auf der Ferse ist.
Der erste Greis:   Sprich nichts mehr,
Du sprichst irre.
Komm.
Der Mann:   An einer Tür war ich,
Daraus floß Blut,
Das floß so leise, leise
Wie der Tod.
Laß mich, laß mich!
Ich will nicht sterben!
Der erste Greis:   Sieh, mit wie sanfter Gewalt
Ich dich hinführe.
Der Mann:   Erbarmen, o Erbarmen,
Ich weiß alles.
Der erste Greis:   Du bist bei Guten,
Merkst du es noch nicht?
Pause.    
Der Mann erblickt den zweiten Greis.    
Der Mann:   Der da!
Der erste Greis:   Das ist mein Bruder,
Komm nun willig.
Der Mann:   Was blickt er so?
Was heißt das?
Der erste Greis:   Mißtraust du ewig?
Der Mann:   Ihm will ich's sagen,
Er erbarmt sich!
Gezwungen hat man uns,
Ich schwör's, gezwungen.
Wir waren blind
Und glaubten ihnen alles.
Hört er mich nicht?
Ich bin unschuldig, hör,
Verführt, betrogen.
Hier ist noch alles,
Wie es war von Anfang,
Ich darf nicht sterben!
Keiner darf mich töten!
Hier lebt noch alles.
Er zeigt auf das Herz.    
Der erste Greis:   O ärmste,
Ärmste Welt!
Pause.    
Der Mann:   Weh, was ich tat!
Der erste Greis:   Hä, was ergreift dich,
Mann?
Der Mann:   O unermeßlich schädlich.
Ich, ja ich.
Ich selbst!
Der erste Greis:   Erkennst du das?
Der Mann:   Wehe, o Wehe,
Wer hilft mir,
Mir Armen?
Der erste Greis:   Sprichst du im Ernst so, Mann?
Der Mann:   Ich selbst, ich selbst,
Ich selbst hab es verschuldet.
Der erste Greis:   O Bruder, Bruder,
Hörst du ihn?
Der Mann:   Ich traue dir.
Der erste Greis:   O Tag der Freude,
Bruder, hörst du nicht?
Der Mann:   Leg mich aufs Bett.
Der erste Greis:   Ich weiß
Jetzt wirst du leben.
Der Mann:   Eins mußt du mir versprechen,
Weil ich verwundet bin,
Weil ich gut bin:
Die Tür mach zu,
Laß keinen rein,
Wenn einer schreit,
Hör nicht auf ihn,
Verbirg mich allen.
Er sah mich,
Er wird kommen,
Wenn er kann.
Der erste Greis:   Solang ich lebe,
Lebst auch du.
Komm, du bist schwächer
Als du denkst.
Die beiden gehen ab nach rechts. Der zweite Greis im Bett hebt den Kopf. Darauf richtet er sich lauschend halb auf. Dann legt er sich wieder ins Bett zurück. An der Tür wird ein Geräusch vernehmbar. Kurze Zeit darauf kehrt der erste Greis auf die Bühne zurück.    
Der erste Greis:   Gelauscht habe ich hinten
Und aus dem Fenster gesehen.
Das Rasen ist vorbei.
Es ist still.
Wie herrlich, Bruder,
Wie herrlich,
Wir sind gerettet.
Jetzt werde ich den Mann da hinten,
Wie es gut ist, pflegen.
Ruhigere Zeit wird kommen.
Alles wird gut sein.
Was jetzt noch rast,
Wird zur Ruhe kommen.
Muß ja zur Ruhe kommen.
Es wird alles wieder schön sein.
Wach auf, Bruder, wach auf.
Da eben noch,
Als ich Leben wieder
In mir spürte,
Da erschrak ich auch.
Es ist ja ein Netz,
Es ist ja eine Falle,
Das Leben, dunkel
Und furchtbar, furchtbar,
Wenn man des Guten
Nicht sicher ist.
Aber jetzt ist es ja
So gut gegangen.
Einen Mörder,
Mörder wollen immer sie
Aus uns machen,
Aus dir und aus mir.
Der zweite Greis bewegt sich im Bett.    
Der erste Greis:   Da in der Kammer
Schläft er jetzt,
Der, den ich rette.
Mein Kind!
Er ist gut,
Er ist im Tiefsten
Ein guter Mensch.
Die wenigen Worte, die er sprach,
Und wie er hier
Von Verzweiflung über sich
Erfaßt wurde,
Beweisen es mir.
Hast du gesehen
Wie er es plötzlich gewußt hat.
Plötzlich!
Ja, plötzlich, wie das Wissen
Kommt
Den Guten,
Geht es am Ende
Doch immer gut aus.
Wie ich mich freue,
Daß ich lebe.
Der zweite Greis bewegt sich wieder.    
Der erste Greis:   Habe ich nicht recht?
Der erste Greis hebt sich im Triumph auf.    
Der erste Greis:   Ha! Ha!
Du erschreckst wohl,
Schicksal,
Und verwirrst,
Soviel du kannst,
Aber ohnmächtig, ohnmächtig
Bist du doch
Auf die Dauer.
Bleibst klein vor den Guten,
Und das Ende
Ist Triumph, Triumph.
Der erste Greis will sich dem zweiten nähern, dessen vollkommen passive
Haltung hält ihn aber zurück.
   
Der erste Greis nach einigem Verweilen sich abkehrend:   Ich fühle ein solches
Alleinsein,
Es berauscht mich.
Der zweite Greis bewegt sich wieder im Bett.    
Der erste Greis:   Es ist alles still.
Dies nennt man:
Sein Schicksal annehmen,
Wie es auch sei,
Mit gutem Herzen,
Wird alles gut.
Ein Beispiel ist gegeben,
Mein Bruder,
Das wirkt durch die Welt.
Und wenn keiner es erführe,
Es genügt, daß es gegeben ist,
Und die Welt
Ist gerettet.
Sprich, Bruder,
Was siehst du?
Was geschieht in deinen Augen?
Jetzt gehe ich
Nach meinem Manne
Da drinnen sehen.
Der erste Greis geht ab.    
Das Zimmer bleibt einen Augenblick leer, dann öffnet sich die Tür links und ein ebenfalls blutiger Mensch kriecht herein.    
Der Mensch:   Wo ist er?
Er schaut sich um.    
Der Mensch:   Ist er da?
Wo ist er?
Ist er schon tot?
Der Mann sieht sich um.    
Der Mensch:   Ich bitte euch,
Tötet ihn nicht.
Er gehört mir.
Der Mann richtet sich halb auf.    
Der Mensch:   Auge um Auge,
Zahn um Zahn.
Der Mann sieht den zweiten Greis auf dem Bett liegen.    
Der Mensch:   Da liegt er.
Der Mann läßt sich wieder zum Boden nieder.    
    Du mußt sterben,
Du mußt mit mir
Zusammen sterben.
Das ist die Gerechtigkeit,
Das ist die Ordnung,
Die niemand umstößt.
Deshalb bin ich
Dir nachgekrochen.
Deshalb habe ich
Noch Kraft behalten
Bis es so erfüllt ist.
Hörst du mich?
Verstehst du mich?
Du verstehst mich,
Nicht wahr?
Du bist ein Mensch wie ich.
Für das, was du mir getan
Hast,
Gibt es nur eine Lösung,
Das wissen wir beide.
Hörst du mich?
Von vorn hast du mich getroffen,
Von hinten hast du mich getroffen,
Von rechts,
Von links
Hast du mich getroffen,
Von oben,
Von unten
Hast du mich getroffen,
Hast zugehauen,
Hast zugehauen.
Warum hast du das getan?
Warum sprichst du nicht ?
Warum lügst du?
Warum verhehlst du
Noch jetzt?
Hoffst du, daß ich sterbe
Ehe ich zu dir komme?
Das gibt es nicht,
Das wird nicht sein,
Das wird er mir nicht
Antun.
Es gibt Gerechtigkeit.
Pause.    
    Ich weiß
Warum du es getan hast,
Du Armer,
Du Kleiner,
Kleiner.
Es nützt dir nichts.
Ich komme jetzt
Und erwürge dich.
Der Mann hebt sich mit äußerster Anstrengung auf und erblickt, den zweiten Greis. Er stößt einen Schrei aus und fällt zurück.    
    Ein falscher!
Ein anderer!
Nicht er!
Pause.    
    Betrogen, bestohlen.
Schwindel, Schwindel,
Dreck alles!
Pause.    
    Ich sterbe, ich sterbe,
Der Mörder lebt!
Pause.    
    Du, du, im Bett,
Ich kenne dich,
Ich habe dich gesehn,
Du gingst
Mit erhobenen Armen
Vorauf.
Und dann, am Boden,
Machtest du dir
Bei zweien zu schaffen.
Du weißt, wo er ist.
Sprich! Sprich schnell
Eh es zu spät ist,
Sonst schreie ich
Bis sie kommen.
Sprich.
Ich höre da drinnen jemand.
Geschieht es jetzt da drinnen?
Sag doch, sag doch.
Hab Mitleid.
Pause.    
    Ich werde schreien
Bis sie kommen.
In diesem Augenblick kehrt der erste Greis zurück und spricht, den Mann am Boden zunächst zu bemerken.    
Der erste Greis:   Er weint,
Er weint,
Er will nicht sprechen,
Und jetzt eben
Hat ihn eine furchtbare
Angst gefaßt.
O Gott, o Gott,
Was muß ihn drücken,
Wie muß es
Drinnen in ihm aussehn.
Wenn sie so sind,
Wenn sie alle so sind,
Dann muß ihnen
Sterben ja eine Wohltat sein.
Der Mann:   Er–
Der erste Greis:   Wie?
Der Mann:   Er gehört –
Der erste Greis:   Ein andrer.
Der Mann:   Er gehört mir.
Der erste Greis:   Noch einer.
Der Mann:   Bring ihn –
Der erste Greis:   O Gott, ihr Armen!
Komm!
Komm du gleich aufs Bett.
Der Mann:   Bring ihn mir her.
Der erste Greis nähert sich dem Manne, der ihn mit einer großen Gebärde fortweist.    
Der erste Greis:   Ärmster,
Du stirbst so.
Der Mann:   Bring ihn her.
Der erste Greis:   Was spricht er da?
Der Mann:   Bumm, Bumm.
Der erste Greis:   O welche Angst,
Welche Angst in euch allen!
Der Mann am Boden macht Grimassen.    
Der erste Greis:   Ärmster,
O Ärmster,
Was hat man dir getan?
Der Mann macht weiter Grimassen.    
Der erste Greis:   Komm,
Ob du willst oder nicht,
Ich helfe dir.
Ich lege dich da ins Bett.
Er trägt ihn ins Bett.    
Der erste Greis:   Das zu sehen,
Das zu sehen,
Nimmt mir
Fast wieder alle Kraft.
O Erbarmen,
Erbarmen
Über dieses Fleisch
Und diese Seelen.
Der Mann:
im Bett
  Laß mich, o lieber Greis,
Laß mich.
Faß mich härter an,
Ich ertrage es nicht so.
Der erste Greis:   Laß mich doch
Gut zu dir sein.
Der Mann:   Wer bist du, Greis?
Der erste Greis:   Ein schwacher Greis,
Den das Gute
Stark macht.
Der Mann:   Das Gute?
Ich will nicht, ich will nicht,
Laß mich los.
Ich will hinab.
Der Mann wirft sich aus dem Bett.    
Der Mann:   Jetzt bring ihn,
Jetzt bring ihn
Oder ich schreie.
Der erste Greis:   Ha, was geschieht!
Der Mann:   Lebt er noch?
Er lebt.
Deine Sache war es,
Ihn zu töten.
Du hast es nicht getan.
Mich machst du zum
Mörder.
Der erste Greis:   Was du? Was du?
Was sagst du?
Der Mann:   Ich höre sie
Die Männer draußen,
Die mich rächen werden.
Ich schreie und sie kommen.
Bring ihn
Oder ich schreie.
Ah, ah, ah.
Der erste Greis:   Die Kehle, die Kehle!
Der Mann:   Da draußen, da draußen
Trieb man uns hinein.
Es war ein Loch,
Ein dunkles Loch.
Dahinein gingen wir,
Sprangen, taumelten.
Plötzlich, vor mir
Ein Gesicht!
Gräßlich! Verzweifelt,
Mitleid erzeugend.
Mitleid, Mitleid.
Mein Gesicht, sein Gesicht
Waren gleich, dieselben.
Eine Sekunde.
Ich wandte mich.
Er auch.
Dann kam ein Schlag.
Noch einer, noch einer!
Von hinten traf er mich,
Von vorn traf er mich,
Von oben, von unten,
Von rechts, von links.
Sein Gesicht weinte,
Meins auch.
Gib ihn mir,
Gib ihn.
Ich muß ihn ganz töten.
Das ist die Rettung.
Pause.    
    Er kroch hier hinein.
Ich sah's.
Ich kroch nach.
Hier ist er.
Laß uns zusammen!
Tu uns zusammen!
Laß uns allein!
Der Greis hebt entsetzt die Arme.    
Der erste Greis:   Er wird schreien.
Der Mann:   Du sollst nicht schwätzen!
Du sollst nicht denken!
Du sollst nicht jammern!
Du sollst verstehen.
Der erste Greis:   Sie werden uns alle töten.
Den da drinnen auch.
Pause.    
Der Mann:   Du sollst verstehen,
Daß es so sein muß.
Pause.    
    Du sollst Erbarmen haben
Mit mir
Und mit ihm!
Der erste Greis:   Er wird schreien.
Pause.    
Der Mann:   Habe Mitleid.
Pause.    
    Ich sterbe.
Pause.    
    Mach schnell.
Der erste Greis:   Ich habe das Gute gewollt.
Pause.    
Der Mann:   Es ist maßlos
Gesündigt worden
An uns allen.
Aber jetzt ist es zu spät.
Ich sterbe,
Mach schnell!
Pause.    
    Misch dich
Nicht weiter ein!
Du willst nicht?
So schreie ich.
Er erhebt sich, er versucht zu schreien, kriegt aber nur ein Röcheln hervor.    
Der Mann:   Ha, willst du mich überlisten?
Willst du, daß ich sterbe
Ehe Gerechtigkeit war?
Ich gehe, ich krieche
Jetzt da hinein!
Nichts wird mich hindern.
Der Mann beginnt gegen die Tür zu kriechen. Der Greis, wie er das sieht, läßt sich wie er auf den Boden nieder.    
Der Mann:   Was machst du?
Der Greis macht Grimassen.    
Der Mann:   Geh von der Tür fort.
Der Greis macht weiter Grimassen.    
Der Mann:   Willst du mich schrecken
Mit deinen
Grimassen, du?
Wie oben.    
    Kannst du nicht
Sprechen mehr?
Große Pause.    
Der zweite Greis richtet sich im Bett auf. Der erste Greis läßt den Kopf sinken.    
Der erste Greis:   Laß ab.
Ich bitte dich.
Der Mann:   Laß du ab.
Hast du gebeten?
Der erste Greis:   Ich kann nicht mehr.
Der Mann:   Ich fast auch nicht.
Der erste Greis:   Es ist zuviel.
Der Mann:
Dabei bewegt er die rechte Hand kreisförmig.
  Hu, hu, hu!
Der erste Greis:   Ich will uns ja nur retten.
Der Mann:   Das willst du?
Der erste Greis:   Dich und mich und alle.
Der Mann:   Mich auch?
Der erste Greis:   Uns alle, uns alle.
Der Mann:   Sind wir denn noch zu retten?
Der erste Greis:   Da auf dem Bett
Lagen wir schon,
Mein Bruder und ich,
Im Sterben.
Da machtet ihr uns
Wieder lebendig.
Der Mann:   Wir?
Der erste Greis:   Euer Rasen.
Der Mann:   Unser Rasen?
Der erste Greis:   Da standen wir
Noch einmal auf,
Das Gute zu bezeugen,
Die Welt zu retten!
Der Mann macht mit Kopf und Armen abwehrende Bewegungen.    
Der erste Greis:   Wenn du willst –
Der Mann:   Was?
Der erste Greis:   Wenn du glaubst –
Der Mann:   Was?
Der erste Greis:   Daß das Gute –
Der Mann:   Das Gute?
Siehst du nicht –
Der erste Greis:   Was?
Der Mann:   Daß ich am Sterben bin?
Längere Pause.    
Der erste Greis:   Ich nehme dich in meine Arme,
Du wirst wieder leben.
Ich sorge für dich.
Der Mann:   Mein Leben lang?
Der erste Greis:   Ich lehre dich.
Der Mann:   Zart sein?
Der erste Greis:   Es ist ja nicht nötig,
Glaube mir, es ist nicht nötig,
Daß alles
So schrecklich ist.
Willst du?
Der Mann sieht den ersten Greis lange an.    
Der Mann:   Du –
Der erste Greis:   Ja, ich?
Der Mann:   Du lügst.
Der erste Greis:   O Gott, o Vater, o Gott.
Der Mann:   Ich will nicht.
Der erste Greis:   Du willst nicht?
Der Mann:   Ich kann nicht.
Gib die Tür frei.
Der erste Greis:   O Gott, o Vater, o Gott.
Der Mann sieht sich im Zimmer um.    
Der erste Greis:   Vielleicht –
Der Mann starrt auf einen Punkt.    
Der erste Greis:   Ginge es ohne –
Der Mann blickt starr hinter sich.    
Der erste Greis:   Könnten wir uns einfach
Verstehen,
Verständigen.
Der Mann erblickt den zweiten Greis und stößt einen Schrei aus.    
Der Mann:   Der weiß alles! Vorwärts.
Der Mann beginnt sich wieder nach der Tür hin zu bewegen. Der erste Greis bewegt sich auch.    
Der erste Greis:   Rückwärts.
Der Mann:   Rechts.
Der erste Greis:   Links.
Der Mann:   Schnell.
Der erste Greis:   Langsam.
Der Mann:   Du Teufel!
Der erste Greis:   Du Satan!
Sie beginnen zu ringen. Plötzlich ruft    
Der Mann:   Ich sterbe, ich sterbe!
Der erste Greis läßt von ihm ab. Steht auf und entfernt sich gegen eine Wand.    
Der erste Greis steht lange, ohne zu sprechen. Dann geht er langsam zu seinem Bett und legt sich da hinauf. Es ist eine Weile ganz still. Dann hört man den Mann im Nebenzimmer schreien. Plötzlich wendet sich der zweite Greis zum ersten.    
Der zweite Greis:   Da draußen ging ich
Vor ihnen her
Mit erhobenen Armen.
Ich wollte ein Beispiel geben.
Da sah ich
Neben mir
Zwei ringen,
Wie verliebt miteinander ringen!
Und Zorn erfaßte mich.
Ich wollte sie trennen.
Ich faßte zu.
Ich habe
Beide erwürgt.
Es geschieht,
Es geschieht,
Begriff ich da.
Es geschieht,
Es geschieht,
Habe ich da begriffen.
Es geschieht,
Es geschieht.
Wer schweigt,
Wer nicht handelt,
Von dem weiß man
Er hat es begriffen.
Beide Greise liegen nun wie am Anfang, als plötzlich zur Tür zwei junge Menschen hereinkommen. Beide in dieser Umgebung wie aus einer anderen Welt erscheinend. Sie beachten nichts, was sie im Zimmer sehen. Sie sind ganz mit sich beschäftigt, es scheint, daß außer ihrer Welt keine andere für sie existiert.    
Der junge Mann:   Und als wir da gingen.
Das junge Weib:   Ich weiß, ich weiß.
Der junge Mann:   Laß mich es
Dennoch sagen.
Das junge Weib:   Ja, sag es,
Ja, sag es.
Der junge Mann:   Als wir zu den Bäumen
kamen –
Das junge Weib:   Ich weiß, ich weiß.
Der junge Mann:   Als du da standest
Und plötzlich
Dich zu bewegen begannst –
Als du plötzlich
Die Bäume da tanztest –
Das junge Weib:   Hattest du solche Augen.
Der junge Mann:   Als du sie tanztest,
Die Bäume –
Das junge Weib:   Wie sahst du mich
Nachher an!
Der junge Mann:   Wie denn?
Das junge Weib:   Wie es erwünscht war.
Der junge Mann:   Mit dir sah ich dich.
Das junge Weib:   Oh, du! Oh, du!
Der junge Mann:   Als du da die Bäume tanztest,
Sah ich sie plötzlich geschehen.
Sah ich sie,
Die Bäume,
Plötzlich geschehen.
Das junge Weib:   Was jetzt
geschieht
Laß uns tanzen.
Der junge Mann:   Wie du willst.
Sie stehen einen Augenblick wie lauschend, wie um sich in das, was in ihnen und für sie, um sie herum geschieht, zu versenken, dann beginnen sie eigentümlich tanzende Bewegungen zu machen, die jedoch mit dem gewöhnlichen nichts gemein haben.    
Der junge Mann:   Hierhin,
Dorthin,
Über mich,
Unter mich,
Allüberallhin,
Allüberall.
Das junge Weib:   Hier,
Dort,
Über mir,
Unter mir,
Allüberall,
Allüberallhin.
Sie hören auf zu tanzen.    
Der junge Mann:   Als die roten Winde kamen –
Das junge Weib:   Und an deine
Stirn stießen.
Der junge Mann:   Als der Bach starb –
Das junge Weib:   Und der Vogel
In gelben Wirbeln sang.
Der junge Mann:   Geschah es,
Geschah es.
Das junge Weib:   Was jetzt geschieht
Laß uns tanzen.
Sie tanzen wie oben.    
Der junge Mann:   Ich werde du.
Das junge Weib:   Ich werde du.
Sie nähern sich und berühren sich ganz kurz, dann halten sie sich fern.    
Der junge Mann:   Zu viel geschieht.
Das junge Weib:   Laß uns fern bleiben.
Der junge Mann:   Näher, immer näher –
Das junge Weib:   Auf jedem Wege.
Der junge Mann:   Kommen wir uns.
Das junge Weib:   Gleicher, immer gleicher –
Der junge Mann:   Durch jedes Werden.
Das junge Weib:   Werden wir uns.
Du?
Der junge Mann:   Ja?
Das junge Weib:   Ich will noch einmal.
Sie beginnt zu tanzen.    
    Abgelöst, frei,
Kurzlebig,
Es wissend
Oder auch nicht:
Was dauern soll
Kümmert uns nicht,
Noch was nützt
Oder schadet
Wir geschehen,
Wir geschehen
Was gedacht wird,
Was geschaut wird,
Noch was gut ist
Oder böse
Kümmert uns nicht.
Kurzlebig,
Abgelöst,
Ein Hauch,
Ein Leichtes, ein so
Und nicht anders.
Ob wir dauern,
Ob die Welt dauert?
Wir fragen es nicht
Noch irgend etwas.
Wir denken nicht,
Wir sinnen nicht.
Wir sind
Was wir sind?
Leicht kurzlebig,
Ohne Leid,
Ohne Wollen.
Wir tanzen,
Wir sind da
Und sind nicht da.
Uns kümmert nichts.
Wir leben, wir leben.
Kommst du, Liebster,
Kommst du mit fort?
Der junge Mann:   Wie du willst.
Wie du es tust.
Der erste Greis:   Halt!
Draußen ist Gefahr!
Das Paar verschwindet.    
Die Greise sitzen in ihren Betten eine Zeitlang erstarrt.    
Der erste Greis:   Was war das?
Der zweite Greis:   Was das war?
Der erste Greis: schreit   Das war mein Leben!
Der zweite Greis:   Das war das Leben!
Der erste Greis:   Wie es hätte sein können.
Der zweite Greis:   Wie es vielleicht war.
Der erste Greis:   Ohne daß wir es wußten.
Der zweite Greis:   Ohne daß wir es merkten.
Der erste Greis:   Blind gemacht durch ein anderes.
Der zweite Greis:   Durch zuviel, durch zuviel.
Der erste Greis:   Das war es.
Der zweite Greis:   Das war's.
Sie springen von ihren Betten und machen den Tanz nach.    
Die Greise:   So. So.
Abgelöst, frei,
Kurzlebig,
Es wissend
Oder auch nicht.
O Schicksal,
O Schicksal.
Der erste Greis:   Schicksal, o Schicksal!
Versenkt, verwirkt.
Der zweite Greis:   Jetzt hingelegt zum
Sterben,
Zum zweitenmal.
Der erste Greis:   Schuldbeladen, oh, oh!
Selbstverhaßt, oh, oh!
Der zweite Greis:   Jetzt, gerade jetzt
Wird es uns gezeigt.
Der erste Greis:   Uns vor die Nase gehalten.
Der zweite Greis:   Uns vorgemacht!
Der erste Greis:   Jetzt das wissen!
Der zweite Greis:   Jetzt das sehen!
Der erste Greis:   Wo es zu spät ist.
Der zweite Greis:   Zu spät, zu spät!
Sie weinen und gehen zu den Betten zurück.    
Der erste Greis:   Hin, wieder dahin!
Kaputt, versenkt
Unter die Decke!
Der zweite Greis:   Unter die Decke,
Nichts mehr wissen,
Nichts mehr hören,
Sterben, sterben, endlich!
Der erste Greis:   Ach, wer bekommt es
Einmal zu fassen?
Wer züchtigt es einmal.
Der zweite Greis:   Das Schicksal, das
Schicksal!
Der erste Greis:   Reißt ihm die Haare aus!
Schmeißt es tot!
Der zweite Greis:   Daß es daliegt,
Daß es daliegt
Wie jetzt wir!
Pause.    
Der erste Greis:   Wir sind immer
Noch da!
Der zweite Greis:   Immer noch!
Immer noch!
Pause.    
Der erste Greis:   O Bruder –
Der zweite Greis:   Auch ich bin plötzlich
Mild.
Der erste Greis:   Wir haben –
Der zweite Greis:   Wir haben es
Wenigstens noch gesehen.
Der erste Greis:   Wir haben es hier vor
Augen gehabt.
Der zweite Greis:   Wir können daran
glauben.
Sie schweigen.    
Der erste Greis:   Bruder.
Der zweite Greis:   Auch ich bin plötzlich erstarrt.
Der erste Greis:   Wenn es wieder
Nur ein Betrug ist?
Die Greise sterben.    
Zwei Schüsse werden hörbar.    
Die beiden jungen Menschen erscheinen noch einmal. Diesmal achten sie scheinbar noch weniger auf ihre Umgebung. Beide tragen an der linken Flanke einen roten Fleck.    
Das junge Weib:   Es ist alles so wunderbar.
Es fließt. Es fließt.
Der junge Mann:   Ja, es ist alles
So wunderbar.
Das junge Weib:   Plötzlich ist da etwas.
Plötzlich ist es so
Und plötzlich anders.
Der junge Mann:   Es fließt. Es fließt.
Das junge Weib:   Plötzlich strahlt es zweimal,
Plötzlich blitzt es zweimal,
Schreit zweimal.
Der junge Mann:   Sie schossen.
Das junge Weib:   Plötzlich wird es dunkel
Und wieder hell.
Der junge Mann:   Plötzlich kommt
Schwäche.
Und dann wieder Kraft.
Das junge Weib:   Komm!
Sie tanzen. Sie erblicken dabei aneinander die roten Flecken, erschrecken kurz und bewegen sich dann weiter. Plötzlich bleiben sie stehen.    
Der junge Mann:   Ich erschrak.
Das junge Weib:   Ich auch.
Der junge Mann:   Ein Wunsch ist aufgestiegen.
Das junge Weib:   Auch mir.
Der junge Mann:   Ein wirklicher Wunsch.
Das junge Weib:   Es ist alles so wunderbar.
Der junge Mann:   Lege dich nieder.
Das junge Weib:   Lege auch du dich hin.
Der junge Mann:
ebenso ahnungslos über sich wie sie über sich:
  Legen wir uns beide.
Sie blicken um sich, erblicken die toten Greise, werfen sie aus den Betten und legen sich hinein. Sie schweigen mit großen Augen.    
Das junge Weib:   Ich will es tanzen.
Der junge Mann:   Ich auch.
Das junge Weib:   Was denn du?
Der junge Mann:   Was du denn?
Sie lachen.    
Das junge Weib:   Den Schmerz.
Der junge Mann:   Meinen?
Das junge Weib:   Unsern.
Schweigen.    
Das junge Weib:   Ich stehe nicht auf.
Ich mache es so.
Der junge Mann:   Ich so.
Sie bewegt die Finger, er den Kopf. Pause.    
Das junge Weib:   Ein Gedanke kommt.
Der junge Mann:   Ein Voraussehen?
Das junge Weib:   Wehe, ja wehe!
Ein Vorausblicken.
Der junge Mann:   Wir müssen
Wieder aufstehn.
Das junge Weib:   Ja, das wollen wir.
Sie erheben sich von den Betten. Ihre ganzen linken Seiten sind rot. Nun erblicken sie sich selbst.    
Beide:   Es wird gehen.
Sie tanzen.    
Der junge Mann:
(plötzlich)
  Du?
Das junge Weib:   Hier, hier!
Der junge Mann:
(immer noch tanzend)
  Wo jetzt?
Das junge Weib:
(immer noch tanzend)
  Hier, hier.
Der junge Mann:   Es ist gut.
Das junge Weib:
(plötzlich)
  Du?
Der junge Mann:   Ja?
Das junge Weib:   Es ist gut.
Der junge Mann
(plötzlich):
  Du Gute,
Du Liebe,
Du Zarte.
Das junge Weib:   Nicht so,
Nicht so,
Nein, nein!
Der junge Mann:   Wie du willst!
Die letzten Bewegungen. Das junge Weib beginnt leise zu singen.    
Der junge Mann:   Ich höre.
Das junge Weib beginnt leise zu sich zu sprechen.    
Der junge Mann:   Ich höre.
Das junge Weib stürzt tot hin.    
Der junge Mann singt und spricht allein. Er gelangt gegen eine Wand, an die gelehnt sagt er noch einmal    
Der junge Mann:   Ich höre?
und sinkt tot um.    







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