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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die Resel - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDorf- und Schloßgeschichten
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1991
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-32972-2
titleDie Resel
pages253-270
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Warum denn um Verzeihung?«

»Wird ihre Ursachen gehabt haben, wissen. Die Liebschaft mit dem Toni war nämlich im höchsten Flor, und die Alten, so schwach sie sonst waren, davon haben sie doch nichts wissen wollen.«

»Aus welchem Grund?«

«Erstens war er kaum zwanzig.«

»Kaum zwanzig!« Die Gräfin ließ ihren Blick auf den edlen, aber nicht mehr jugendlichen Zügen ihres Gatten ruhen und auf seiner blanken Glatze, in der das Licht einer der Lüsterkerzen sich spiegelte.

»Zweitens«, setzte der Förster hinzu, »war mein Bruder ein wohlhabender Mann, der für seine Tochter etwas Besseres verlangen konnte als nämlich einen armen Heger, was der Bursch zu der Zeit gewesen ist. Heger in der Hubertushütten oben. Wahr ist, der Vater hätte früher gscheit sein und nicht erlauben sollen, daß die Resel und der Toni von Kind auf beständig mitsammen herumrennen. Es hat sich so gemacht, weil das Haus vom Revierjäger, dem Toni seinem Vater, nicht weit von der Mühl war und das einzige in der Nachbarschaft.«

»Also Spielkameraden«, sprach die Gräfin ernst und nachdenklich, »und beide jung und lustig, da haben sie sich ineinander verlieben müssen.«

»Zu dienen, Hochgräfliche Gnaden. Ich habe meinem Bruder oft gesagt, es wäre Zeit, daß er auf sie Achtung gebet. Umsonst. Höchstens, daß er's in Übel genommen und mich angefahren hat: ›Ich kann ihr nicht nachlaufen mit meiner Gicht; wär auch schad um die Müh. Alle möglichen Mucken trau ich ihr zu, aber nicht einen unrechten Gedanken. Sie wird die Kinderschuh und die Dummheit mit dem Toni auf einmal ablegen; laß nur den Andreas da sein.‹«

»Wen?«

»Dem Wirt vom Fichtentann sein Einziger. Ja. – Die Alten haben sich ihn nämlich schon lang zum Schwiegersohn ausgesucht gehabt. Die Wochen drauf nach geleisteter Militärpflicht sollte er eintreffen. Ein prächtiger, braver Mensch.«

»Ja«, sagte die Gräfin wie im Traum, »brav und gut... aber er hat eine Glatze gehabt.«

»Eine Glatzen? daß ich nicht wüßt.«

Die junge Frau wurde über und über rot und wandte die Augen etwas erschrocken ihrem Manne zu, der inzwischen fest eingeschlafen war. »Alles eins«, sprach sie rasch, »erzählen Sie weiter.«

»Was soll ich noch erzählen? – Belieben sich das End zu denken; haben das Grab von dem armen Ding gesehen. Sie ist, versteht sich, mit Erlaubnis des hochseligen Herrn Grafen, dort bestattet worden. Solang der Pater Vitalis noch gelebt hat, hat er die Ruhestatt von seinem Taufkind gepflegt. Dann hab ich immer einen von meine Buben hinausgeschickt.«

»Gut, gut, das kommt später, jetzt möchte ich wissen, wie die Resel gestorben ist.«

Der Förster zögerte. »Verlangen sich's nicht, Hochgräfliche Gnaden, es ist nämlich eine sehr traurige Geschicht.«

»Aber ich will sie kennen«, sprach die Gräfin gebieterisch und hob sich auf dem eingestemmten Ellbogen ein wenig in die Höhe.

»Jetzt haben grad so gschaut wie die Resel«, bemerkte der alte Jäger lächelnd.

»So – wann?«

»Wann man sie bös gemacht hat, und das ist sie leicht geworden gegen jeden, nur gegen den Toni nicht; was der getan hat, war immer recht – nämlich ihr. Eine Unbändige wie die, und getraute sich nicht die Augen anders aufzuschlagen als so, wie sie es ihm gefällig war.«

»Sie hat ihn eben liebgehabt.«

»Beim Tanz konnt es noch so lustig hergehen, konnten's die Burschen mit ihr treiben wie verruckt, die Freud war gleich vorbei, wie der Toni aus Eifersucht oder was ein Gsicht geschnitten hat. Bei ihm war das fertig im Handumdrehen.«

»Das ist merkwürdig«, sagte die Gräfin, »daß der Toni auch so gewesen ist.«

»Sehr merkwürdig«, bestätigte der Förster unbefangen. »Ein lieber, hübscher, lustiger Kerl ist zum Tisch getreten; ein hölzerner Haubenstock mit schiefem Maul hat sich niedergesetzt. Wenn ich ein Mädel wär, ich nehmet keinen, der so ist. Sonst war ihm nichts nachzusagen; er war tüchtig in seinem Fach, voll Kurasch und wie der Teufel auf Wildschützen und Holzdiebe. Davon aber hat eine Geliebte nichts.«

»Sie hat davon, daß es ihr gefällt, und das ist alles.«

»Entschuldigen, man möcht halt wissen, was für einen Grund sie gehabt hat zu so einer Lieb.«

»Auf den kommt's nicht an, mein lieber Ruppert.« Sie lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. »Weiter, weiter. – Nun, soll ich Ihnen einsagen? – Der andere wird stündlich erwartet und der armen Resel fürchterlich zugesetzt: ›Du nimmst ihn, du mußt! – Wir wollen, wir beschwören – der Frieden unserer alten Tage hängt davon ab. – Wie sanft würden wir sterben, wenn wir dich wüßten in der Hut eines braven Mannes... Kind, Kind! mach uns den Tod nicht schwer.‹ – Haben sie so zu ihr gesprochen, die Großeltern und der Vitalis?«

»Bitt schön, Großeltern waren keine«, versetzte Ruppert nicht ohne Schadenfreude an der Lücke im divinatorischen Talent seiner Gebieterin. »Der geistliche Herr hat ihr im Namen der Eltern zugeredet.«

»Und sie hat nachgegeben, die Ärmste?«

Der Förster wiegte bedenklich den Kopf: »Verzeih ihr Gott und geb ihr den ewigen Frieden.«

»Wie – also standhaft geblieben die Resel und nein gesagt?«

»Nicht ja und nicht nein, aber völlig desperat gewesen, hör ich, den Eltern gute Nacht gewünscht, und man soll für sie beten. – Aus dem Zimmer gegangen, wieder hereingekommen, paarmal nacheinand, gerade als ob sie etwas sagen möcht und sich nicht traut und es nicht herausbringt. Endlich auf das viele Bitten der Mutter geht sie zur Ruh. ›Morgen reden wir weiter‹, sagt der Vater, und sie, mit einer Art Todesangst: ›Wenn zwei bitten kommen, vielleicht erbarmt ihr euch dann.‹ In einer Viertelstund hat die Mutter nachgesehen, da ist sie im Bett gelegen und hat geschlafen – oder dergleichen getan. Am nächsten Morgen war sie verschwunden.«

»Sie hat sich ins Wasser gestürzt oder in einen Abgrund«, erklärte die Gräfin mit großer Bestimmtheit. »Wohl ihr, daß sie es konnte, daß keine Gouvernanten da waren, sie zu hindern.«

»Wie meinen – Gubernanten? waren freilich keine da«, sprach der Förster treuherzig. »Die ordinären Leut aber haben alle gesagt wie Hochgräfliche Gnaden: Die hat sich umgebracht so oder so, und denen Eltern noch zu Gehör gesprochen: Wenn man einem Kind von jeher seinen Willen gelassen hat, darf man nicht auf einmal Gehorsam von ihm verlangen. Die den Selbstmord am bittersten beweinen, brauchen nicht erst zu fragen, wer ihn verschuldet hat.«

»Ganz richtig«, warf die Gräfin ein.

»Die Alten sind dagesessen, wie wenn der Blitz sie getroffen hätt. Was ist ihnen am Gered gelegen? Solche Vorwürfe, als sie sich selber gemacht haben, hätte der ärgste Bosnickel nicht erfunden. Der Herr Kaplan, der auch Trost brauchet, spendet ihn, probiert es wenigstens. – Da klopft's ans Fenster und gleich darauf an die Tür. Die Eltern fahren zusammen; sie meinen nicht anders als: Unsere Tote meldet sich. – Statt dem kommt der Bub vom Bäcker herein, der dem Toni alle Wochen zweimal das Brot bringt. Sie sollen sich nicht abkränken, sagt er, die Resel lebt, er hat sie gesehen, sie ist oben in der Hubertushütten.«

»Wo?« – die eifrige Zuhörerin schlug in die Hände und rief mit einem Gemisch von Tadel und Bewunderung: »Mordsmädel das!«

»Ich bin just auf Besuch bei meinem Sohn in Sachsen gewesen«, fuhr der Erzähler fort, »und erst am Abend zurückgekommen. Das Unglück war schon geschehen – vorher aber ein Wunder. Denken nur, der alte Pater Vitalis hat den Weg zum Heger angetreten und wirklich zurückgelegt. Wie er über die Felsen und über das Geröll gekrochen ist, der schwerfällige Herr mit seine wackligen Beine, laßt sich auf natürliche Art nicht erklären. Nachgehends habe ich ihn gefragt: ›Wie waren Sie imstande, die Beschwerlichkeiten von der Wanderung zu überwinden?‹ – Seine Antwort war: ›Ich habe keine Beschwerlichkeiten verspürt, ich bin hinaufgetragen worden von meinem großen Zorn und meinem großen Schmerz.‹ – Kurz und gut, er tritt in die Hütten. In der Kuchel am Herd steht sein ›Taufkind, sein Beichtkind‹, schlagt die Hände vors Gesicht, wie sie ihn erblickt, und weint, daß die Tränen ihr durch die Finger fließen.

Wo war da sein Zorn? Nur sein Schmerz ist übriggeblieben und hat aus ihm geredet: ›Du Gottverlassene, weißt du, was du getan hast? Weißt du, ob deine Eltern die Schand überleben?... Davongelaufen – du!... Warum davongelaufen? – Sprich! Da ist dein alter Beichtvater, beichte!‹

Nun, mein Gott und Herr, es war schon nicht anders als nämlich am allerschlimmsten. Sie hat eingestanden, daß sie es nicht mehr aushalten konnte unter einem Dach mit ihre braven, betrogenen Eltern, nicht mehr hören konnte: ›Wenn du uns liebhast, heiratest du den Andreas‹ – daß sie also in ihrer Desperation hierhergerennt ist. Heute oder morgen haben die Eltern doch erfahren müssen, wie es mit ihr steht und -«

Die Gräfin fiel ihm erregt ins Wort: »Die Zucht hat ihr gefehlt, die Führung. Sie ist ganz allein dagestanden, Aug in Aug mit der Versuchung... Arme Resel! –Von einer solchen Gefahr wissen wir freilich nichts; uns wird die Wahl zwischen Recht und Unrecht erspart – die Beschützer laufen uns ja nach auf Tritt und Schritt. Gar oft verdrießt einen die beständige Überwachung und ist am Ende doch Glück und Gnade. – Ach, wie wohl tut das reine Gewissen, das wir uns – nein, das man uns bewahrt!... Weiter, Oberförster, warum unterbrechen Sie sich alle Augenblicke? Was hat er jetzt gesagt, der gute Pater Vitalis?«

»Je nun, die Botschaft der Eltern hat er ihr ausgerichtet. Daß ihr verziehen ist nämlich und die Heirat mit dem Toni erlaubt, aber: aus dem Elternhaus geht's zur Kirchen, ins Elternhaus muß sie gleich mit ihm zurück.

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