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Die Republik der Thiere

Eduard Bauernfeld: Die Republik der Thiere - Kapitel 7
Quellenangabe
typesatire
booktitleGesammelte Schriften Band 6
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1848
year1872
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleDie Republik der Thiere
pages1-49
created20060813
sendergerd.bouillon
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Sechste Scene.

(Straße.)

Zwei alt-liberale Hähne begegnen sich.

Erster Hahn (traurig krähend). Kikeriki! Na, was sagen Sie zu der Geschichte?

Zweiter Hahn. Es ist entsetzlich! Eine Republik! Wer hätte das gedacht? Wissen Sie noch – vor vierzehn Tagen – wie wir so begeistert von der Freiheit sprachen?

Erster Hahn. Freilich, freilich! Ihr schöner Kamm stieg Ihnen kerzengrade in die Höhe, und Sie krähten so munter, so angenehm, Sie scharrten so kühn, so kriegsmuthig in den Sand –

Zweiter Hahn. Ganz wie Sie. Aber damals galt es den Sturz unsers Todfeindes Fuchs. Wir dachten uns nach seinem Untergange ein ganz mäßiges und bequemes Freiheitchen zu verschaffen – da haben wir's jetzt! Wir sind ärgere Sclaven als je. Wissen Sie's denn? Die Republik hat uns das Krähen verboten.

Erster Hahn. Welche entsetzliche Tyrannei!

Zweiter Hahn. Wer kräht und einen Kamm trägt, gilt für einen Aristokraten. Auch die Spornen rechnet man uns für ein Verbrechen an.

Erster Hahn. Die Spornen! Wenn das meine Frau erfährt! Sie legt ohnehin seit acht Tagen aus Schmerz keine Eier mehr.

Zweiter Hahn. Und was das Allerschlimmste ist – Sie wissen, ich bewohnte einen herrlichen, hoch aufgethürmten feudalen Misthaufen, das Erbgut meiner Väter –

Erster Hahn. Wie oft beneidete ich Sie um dies prächtige Fideicommiß! Das meinige ist weit bescheidener.

Zweiter Hahn. Wenn ich so droben stand auf der Spitze des Misthaufens und im Morgengrauen der anbrechenden Sonne mit heller Stimme entgegenkrähte, da fühlt' ich mich so froh, so frei, da empfand ich tief, was es heißt, der Sohn großer Väter zu sein. Und wenn ich in dem Haufen scharrte, um die Körner heraus zu kratzen, die meine Weiber aufpickten, da hatt' ich nichts dagegen, wenn auch geringeres Volk, wie die Tauben und Sperlinge, sich von unserm Spargut nährten. Leben und leben lassen – das war von jeher mein Grundsatz.

Erster Hahn. Ich denke ganz wie Sie.

Zweiter Hahn. Nun denn, dieser prachtvolle Dominical-Besitz – man hat mich seiner beraubt.

Erster Hahn. Was sagen Sie?

Zweiter Hahn. Die Republik hat den Misthaufen zum allgemeinen Besten, wie sie's nennen, eingezogen, ohne mich auch nur im Geringsten dafür zu entschädigen.

Erster Hahn (dem der Kamm steigt). So? Und was geschieht denn mit meinem Misthaufen?

Zweiter Hahn. Er wird das Loos aller übrigen theilen.

Erster Hahn (zornig krähend und mit den Füßen scharrend). Kikeriki! Das wollen wir sehen!

Zweiter Hahn. Mäßigen Sie sich, mein Bester! Das Krähen ist verboten –

Erster Hahn. Was kümmert's mich! Kikeriki! Zu den Waffen!
Führt alle Hahnen-Völker in's Gefecht!
Die Krone, der Misthaufen ist entwendet!
Frei muß er sein, noch eh' der Tag sich endet!
Kikeriki! Kikeriki! (Laut krähend ab.)

Zweiter Hahn. Der Unbesonnene! Er wird sich noch um seinen Hals krähen! (Ab.)

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