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Die Republik der Thiere

Eduard Bauernfeld: Die Republik der Thiere - Kapitel 16
Quellenangabe
typesatire
booktitleGesammelte Schriften Band 6
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1848
year1872
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleDie Republik der Thiere
pages1-49
created20060813
sendergerd.bouillon
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Fünfzehnte Scene.

(Eintrachtsplatz. In der Mitte eine Guillotine. Vieles Volk versammelt.)

Einer. So wird also unser Premier doch hingerichtet? Warum denn?

Zweiter. Ich weiß nicht recht – das Volk will es.

Erster. Das Volk? Na, ich gehöre doch auch zum Volk, will ich meinen – und meinetwegen mag er immer am Leben bleiben.

Ein Dritter (hinzutretend). Was schwatzen die Beiden da?

Erster. Nichts – wir machen nur uns're Bemerkungen.

Dritter. Mir scheint, Ihr habt Mitleid mit dem Nachtigall, mit dem Staatsverräther.

Zweiter. Wir? Ganz und gar nicht.

Erster. Freilich nicht! Aber warum ist er denn eigentlich Staatsverräther?

Dritter. Warum? Weil er den Staat verrathen hat.

Erster. Ach, wenn es so ist –

Dritter. Freilich ist es so! Macht Platz, Ihr Spießbürger! Da kommt der Richtzug. Nieder mit dem Verräther Nachtigall, der das Guillotiniren verboten hat! (Geht ab.)

Erster. Ich will's lieber nicht mit ansehen. Geh'n wir nach Hause. Nachbar! Hier ist nicht gut sein. Der arme Nachtigall!

Zweiter. Heute mir – morgen Dir! (Beide ab.)

Nachtigall, vom Fleischerhund und Bulldogg begleitet, wird unter die Guillotine geführt.

Fleischerhund (zur Nachtigall). Mach' Dich bereit!

Bulldogg. Hast Du noch was zu sagen?

Nachtigall. Nichts! Ich sterbe unschuldig.

Bulldogg. Das kann Jeder sagen. Strecke Dich nieder. (Getümmel von Außen.) Was gibt's denn?

Bote (eilig auftretend). Herr, eine unabsehbare Menge von Eisbären und Wallrossen, bis an die Zähne bewaffnet nähern sich dem Platze – sie führen auch Geschütz mit sich –

Fleischerhund. Die Eisbären? Teufel! Wo kommen die her?

Bulldogg. Ohne Zweifel hat sie der Schurke da in's Land gerufen.

Nachtigall (schlägt die Augen zum Himmel auf). Ich?!

Volk (über die Scene laufend). Rettet Euch! Die ganze Hölle ist los! Sie hauen und schießen uns nieder ohne Barmherzigkeit!

Fleischerhund. So wollen wir ihnen auch die Freude lassen, den da statt unser zu massakriren. (Zum Bulldogg.) Komm', Herr Bruder! Ich weiß einen Ort, wo wir sicher sind.

Bulldogg. Ich möchte den ganzen Erdball zerreißen – so ärgerlich bin ich. (Beide ab.)

Die Eisbären und die Wallrosse rücken in geschlossenen Colonnen an. Panther, Tiger, Leopard und Hyäne im Nachtrab; auch der Fuchs.

General der Eisbären. Besetzt den Platz! Stoßt Alles nieder, was sich zur Wehre setzt. – Fliehe nicht, Volk! Du bist befreit von der Schreckensregierung – wir sind Deine Retter. Die alte Ordnung kehrt zurück.

Ein voriger Schreckensmann (schwenkt die Mütze). Es leben die Herren Eisbären! Es lebe der Herr General!

Volk (sammelt sich wieder). Vivat!

General. Was ist das für eine Execution?

Ex-Schreckensmann (drängt sich zu). Es ist unser voriger Premier! Befehlen Excellenz, daß wir ihn abthun?

General. Im Gegentheil! Bindet ihn los! (Spricht leise mit dem Fuchs und wendet sich dann zu Nachtigall.) Sie sind frei! Ich kenne Sie. Sie sind ein Mann von Talent, waren aber auf falschem Wege. Wenn Sie Ihre Gaben in Zukunft vernünftig anwenden, so wird sich auch die Restauration Ihres Geistes, Ihrer Feder gerne bedienen. Vergessen Sie nicht, daß Sie uns das Leben verdanken!

Nachtigall. Das Leben! Euch? Ich will Euch nichts verdanken!
Dem Tod schaut' ich in's Auge sonder Wanken,
Und wenn er mir auch tausendfältig droht,
Ein Leben, das Ihr schenkt, ist bitt'rer als der Tod! –

Volk, armes Volk, dem ich mich zugewendet,
Das mich zurückstieß, da 's mich nicht verstand,
Zu Deinem Heile glaubt ich mich gesendet,
Zu Deiner Glorie, o Vaterland!
Nun seh' ich's wohl: mein Auge war geblendet,
Ich griff den Zeiten vor mit kühner Hand –
Was gährend lag im Keimen, im Entfalten,
Ich träumte süß, es dauernd zu gestalten.

Doch reut mich nicht der Traum, der holde Wahn,
Ein Vorbild gab ich deß, was kommen werde;
Die Zeit ist noch nicht da, allein im Nah'n,
Wo sich zum Paradies verklärt die Erde;
So folgt mir kühn, eröffnet ist die Bahn –
Folgt mir durch Kampf, durch Trübsal und Beschwerde;
Denn Leid und Tod ist ja nur Uebergang,
Und jeder Mißton wird zum Himmelsklang.

Ihr Wenigen, die meinen Sinn erfassen,
Die Ihr mein Ziel verfolgt mit frohem Muth,
O, lehrt und lenket treu die armen Massen,
Und führt sie mild zu ihrem wahren Gut; –
Mir aber zürnt nicht, daß ich Euch verlassen,
Mein Thun besiegeln muß mit meinem Blut –
Die Kraft, die ich verwandt, war meine beste;
Der Geisteshauch verzehrt, was soll ich mit dem Reste?

(Wie in Verzückung.)

Und nein! Kein Irrthum war's, es war kein Traum,
Was mir geheiliget mein kurzes Leben!
Denn reine Schönheit – o Ihr ahnt sie kaum –
Wird nahe Zukunft Euren Enkeln geben.
Auf's Neue blüht des Daseins gold'ner Baum,
Die Knospen keimen und die Früchte streben!
Gesegnet, wem sie reifen, wer sie pflückt!
Nehmt hin als Pfand dafür – mein Herz zerstückt!

(Entreißt einem der umstehenden einen Dolch und ersticht sich.)

General (nach einer großen allgemeinen Pause). Tragt die Leiche weg! (Für sich.) Sonderbarer Schwärmer! (Zum Volk.) Euer König ist todt und der Erbprinz und sein Bruder sind verschwunden. Bevor die Agnaten die Thronfolge unter sich ausmachen, bedürft Ihr eines mächtigen Armes, eines Dictators, der Euch leite und regiere. (Er wendet sich zu den Herren in seinem Gefolge.)

Panther (tritt vor). Meinen Sie vielleicht, Herr General, daß ich –

Tiger (eben so). Ober ich –?

General (ohne sich an sie zu kehren, winkt dem Fuchs). Herr Graf –

Fuchs. Im Augenblick, Herr General. (Er murmelt einige leise Worte in die Luft.)

Der Drache (fährt mit Gepolter auf einer Wolke herunter und speit Feuer). Da bin ich! Wer ruft mich? Wer braucht mich?

General (auf das erschrockene Volk weisend). Diese da. Eure Majestät geruhe, sie einstweilen provisorisch zu beherrschen, doch erlaub' ich mir gehorsamst zu bemerken, daß Strenge nöthig sein wird.

Drache (schlägt mit den Flügeln, dabei schnaubend und Feuer speiend). Dafür laßt mich nur sorgen.

General (auf den Fuchs weisend). Der treue Mann hier bietet sich an, Eure Majestät mit seinen weisen Rathschlägen zu unterstützen.

Drache. Wir sind ihm in Gnaden gewogen, und verleihen ihm den höllischen Drachenorden erster Classe.

Fuchs (verneigt sich bis zur Erde und bohrt dem Panther, Tiger u. s. w. einen Esel).

Panther (leise). Der gleißende Schurke hat uns abermals gefoppt.

Tiger. Ich habe mir nichts anderes von ihm erwartet.

Hyäne (sich mit scheuem Blick von dem Drachen wegwendend). Vor dem so fürchterlichen Kerl vergeht mir selbst mein sonst so gesunder Appetit.

General. Freue Dich, Volk, und juble Sr. Majestät entgegen!

Volk (noch immer zitternd). Vivat! Juchhe! Hurrah!

Drache (immer Feuer speiend, neigt leise den Kopf). Schon gut!

Maulwurf (unter dem Volk den Adler gewahrend, leise zu ihm). Nun, Herr College! Ist's noch die beste Welt? Es ist gekommen, wie ich's vorausgesagt. Die Geschichte ist ein Kreislauf.

Adler. Sie hat ihre Zwischen-Phasen.

Maulwurf. Und was sagen Sie zu dem scheußlichen Drachen?

Adler. Daß er der Letzte seines Geschlechtes ist.

Maulwurf. Ich bin schon zufrieden, daß Sie ihn nicht völlig für eine Mythe zu erklären belieben. – Und die dumme Nachtigall, die sich selber umgebracht hat, anstatt in Dienst und Gehalt zu treten! Und das zitternde Volk, das auf Commando Vivat schreit? – Pfui! die ganze Welt ist ein Possenspiel.

Adler. Läst're nicht, Kurzsichtiger! Der Gedanke hat seine Märtyrer. – Die Blume der Freiheit wird aus ihrem quellenden Blut emporsprießen. (Er fliegt fort.)

Maulwurf. Nein! Ist das ein incurabler Optimist! – Ich gehe zu meinen Büchern und studire. (Kriecht ab.)

(Kanonen-Salve, Te Deum. Illumination.)

 


 

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