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Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

Jules Verne: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde - Kapitel 1
Quellenangabe
senderMatthias Zinserling
typefiction
authorJules Verne
titleDie Reise zum Mittelpunkt der Erde
created19980405
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Jules Verne

Die Reise zum Mittelpunkt der Erde, Leseprobe

Professor Lidenbrock

Am 22. Mai des Jahres 1864 – wie ich mich erinnere, war es ein Sonntag – kam mein Oheim, der Professor Lidenbrock, in großer Eile heim. Wir wohnten damals in einem kleinen Haus in der Königsstraße 19, einer der ältesten Straßen Hamburgs. Mit seinen langen Beinen nahm er gleich zwei Stufen auf einmal, stürmte durchs Speisezimmer und verschwand hastig in seinem Arbeitskabinett. Im Vorbeirennen warf er seinen Stock in die Ecke, zielte mit dem Hut nach der Garderobe und rief laut seinem Neffen zu: »Axel, komm sofort!«

Die gute Marta, unsere Haushälterin, glaubte fast, sich mit dem Mittagessen verspätet zu haben, denn es fing eben erst an, auf dem Herd zu kochen.

»Da ist ja schon Herr Lidenbrock!« rief die Gute bestürzt, als sie die Tür des Speisezimmers ein wenig öffnete. »Dabei hat eben erst die Uhr der Michaeliskirche halb zwei geschlagen.«

»Er wird's uns vermutlich sagen, weshalb er schon heimgekommen ist«, sagte ich.

»Ich flüchte mich lieber in meine Küche, Herr Axel, Sie werden ihm schon zur Einsicht bringen, falls er Hunger hat«, versetzte die gute Marta und eilte zu ihren Töpfen.

Ich wollte gerade der Aufforderung meines Oheims nachkommen, als er schon ungeduldig rief: »Nun! Noch nicht hier?«

Ich eilte ins Zimmer meines zornigen Oheims. Otto Lidenbrock war kein unfreundlicher Mensch, ich geb's gerne zu, aber er war ein rechter Sonderling und würde sich wahrscheinlich auch nicht mehr ändern.

Er war Professor am Johanneum und hielt Vorträge über Mineralogie, wobei er regelmäßig ein- oder auch zweimal in Zorn geriet. Es kam ihm durchaus nicht darauf an, daß seine Schüler fleißig seine Vorlesungen besuchten, noch daß sie aufmerksam zuhörten, noch das sie Fortschritte machten: Diese Kleinigkeiten machten ihm wenig Sorge. Er hielt seine Vorträge nur für sich und nicht für andere. Er war ein eigenartiger Gelehrter, ein Wissensbrunnen, dessen Rolle knarrte, wenn man etwas herausziehen wollte. Mit einem Wort: Er war ein Geizhals.

Seine Zornanfälle während der Vorlesungen hingen mit einem Sprachfehler zusammen, der ihn bei öffentlichen Ansprachen plagte. Bei seinen Vorträgen im Johanneum blieb der Professor oft plötzlich stecken. Er rang mit einem störrischen Ausdruck, der nicht von seinen Lippen wollte, der sich sträubte und aufblähte, bis er endlich in Form eines Fluchs herauskam. Darüber erzürnte sich der Professor jedesmal aufs neue.

Nun gibt's aber auch in der Mineralogie besonders viele griechische und lateinische Fachausdrücke, die schon für eine geübte Zunge schwer auszusprechen sind. Fachausdrücke, vor denen die Zunge meines Oheims zuerst recht machtlos war.

In der Stadt kannte man diese verzeihliche Schwäche und machte sich über ihn lustig; seine Vorlesungen waren stets gut besucht, meist deshalb, weil sich das Publikum an den Zornausbrüchen des Professors ergötzen wollte.

Wie dem auch sei, mein Oheim war – das kann ich nicht genug betonen – ein echter Gelehrter aus reinstem Schrot und Korn. Mit seinem Hammer, seiner stählernen Spitzhacke, seinem Kompaß, seinem Lötrohr und seinem Fläschchen Salpetersäure war er der glücklichste Mann. Er konnte jedes beliebige Metall oder Gestein nach dem Aussehen, der Härte, Schmelzbarkeit, dem Geruch oder Geschmack ohne viel Bedenken klassifizieren. Und damals waren bereits über sechshundert Arten Gesteine bekannt. Daher hatte auch der Name Lidenbrock in den Gymnasien und der Universität einen ehrenvollen Klang. Humphry Davy und von Humboldt, die Kapitäne Franklin und Sabine besuchten ihn, sobald ihre Wege sie nach Hamburg führten. Die Wissenschaft verdankte ihm einige wichtige Entdeckungen, und im Jahre 1853 war zu Leipzig von Otto Lidenbrock eine Abhandlung über »Transzendale Kristallograhpie« mit Bildtafeln erschienen.

Zudem war mein Oheim Kurator des mineralogischen Museums des russischen Gesandten Struwe, das europäischen Ruf hatte.

Dieser Mann rief mich also ungeduldig. Er war von großer, hagerer Statur, mit eiserner Gesundheit und blondem Haar ausgestattet, das ihn zehn Jahre jünger machte. Seine großen Augen rollten unablässig hinter einer großen Brille. Seine lange dünne Nase glich einer Spitze. Böse Zungen behaupten, sie sei mit einem Magnet bestrichen und ziehe Eisenstaub an. Pure Verleumdung. Sie zog nur den Tabak ein, und zwar, um der Wahrheit ihr Recht zu geben, in reichlichem Maße.

Wenn ich noch hinzufüge, daß mein Oheim mathematisch abgemessene Schritte von einem Meter Länge machte, und weiterhin bemerke, daß er beim Gehen die Hände zu Fäusten ballte, was ganz seinem Temperament entsprach, so wird man sich vorstellen können, daß niemand sehr auf seine Gesellschaft erpicht war.

Mein Oheim war für einen deutschen Professor reich zu nennen. Das Haus, halb aus Holz, halb aus Ziegelstein gebaut, war samt Inventar sein Eigentum. Zum Inventar gehörten sein Patenkind, Gretchen, ein siebzehnjähriges Mädchen aus den Vierlanden, die gute Marta und ich. In meiner doppelten Eigenschaft als Neffe und Waise wurde ich zu einem unerläßlichen Helfer seiner Experimente.

Ich gestehe, daß ich selber Freude und Lust an den geologischen Wissenschaften fand: Es floß mineralogisches Blut in meinen Adern, und ich langweilte mich nie in Gesellschaft meiner kostbaren Steine.

Auch mein Oheim unterstützte diese Neigung. Alles in allem konnte man in diesem kleinen Haus in der Königstraße glücklich leben, trotz des ungeduldigen Charakters seines Eigentümers. Denn obwohl er sich etwas ungewöhnlich benahm, liebte er mich doch. Aber er wurde böse, wenn man ihn unnötig warten ließ.

Bei einem solchen Oheim war nichts anderes möglich, als zu gehorchen. Ich stürzte also hastig in sein Arbeitszimmer.

Das alte Pergament

Dieses Arbeitszimmer sah aus wie ein richtiges Museum. Alle Musterstücke aus dem Mineralreich standen sorgfältig mit Etiketten versehen, in drei großen Abteilungen: den brennbaren, den metallischen und den steinartigen Mineralien.

Wie oft hatte ich, anstatt die Zeit mit meinen Kameraden zu verbringen, meine Freude daran, diese Sammlung abzustauben!

Aber als ich in das Arbeitszimmer trat, dachte ich nicht an diese Wunder; mein einziger Gedanke war mein Oheim. Er hatte sich in seinen großen, mit Utrechter Samt beschlagenen Lehnstuhl vergraben und hielt ein Buch in den Händen, das er mit tiefster Bewunderung anschaute.








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