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Die Reise nach Schandau

Theodor Körner: Die Reise nach Schandau - Kapitel 1
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authorTheodor Körner
titleDie Reise nach Schandau
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Theodor Körner

Die Reise nach Schandau

Eine Erzählung in Briefen

1810

*

Lichtenfels an Willmar

Schandau, den 1. Juni

Ich versprach, Liebster, bald Nachricht von mir zu geben. Kaum bin ich vierundzwanzig Stunden von Dir entfernt, und schon erfülle ich meine Zusage. Du musst gestehn, das heißt pünktlich sein. Diese Tugend der Solidität kommt aber mir, als baldigem Ehemanne, von Rechtswegen zu, deswegen will ich weiter kein Lobens davon machen. Ich glaube, es gibt im ganzen menschlichen Leben keinen gewagtern und weitern Sprung, als mitten aus dem freien, fröhlichen Stundentenleben heraus in das Staatsgefängnis der Ehe. Dieser salto mortale soll manchem schon den Hals gebrochen haben; ich hoffe aber, ich werde glücklich sein. Frisch gewagt ist halb gewonnen. – Du bewunderst, wie Du mir so oft gesagt hast, meinen leichten Sinn bei diesem wichtigen Schritte. Der, wie Du Dich ausdrückst, das Glück meiner Zukunft bestimmen muss. Ich begreife nicht, wie ich anders sein sollte. Du weißt ja, wie es Familienverhältnisse durchaus verlangen, dass ich die junge Gräfin Stellnitz heiraten muss, wenn ich nicht eine bedeutende Erbschaft einbüßen will, die mir nur unter dieser Bedingung zufällt. Die Herren Väter haben die Sache abgemacht, und der meinige hat mir vor kurzem erst alle meine lustigen Burschenstreiche, mit Einschluss einiger tausend Tälerchen Schulden, vergeben, ohne eine saure Miene zu machen, ich kann ihm also diesen Gefallen wieder tun; übrigens soll ja meine Braut ein Engel sein, wie sich mein Vater ausdrückt, sittsam, fromm, gebildet, liebenswürdig und nota bene reich; kurz, wenn ich seinen Beschreibungen trauen darf, so erwartet mich ein paradiesisch Leben. Dass ich mir meine Zukunft nicht mit den zauberischen Farben einer glühenden Leidenschaft ausmale, glaubst Du mir wohl. Ich lasse es nun so über mich ergehen. Bis jetzt hab' ich die Liebe nie für etwas anders als für eine momentane Belustigung angesehen. Was man mir von ewiger Treue, von häuslicher Glückseligkeit etc. etc. erzählt hat, hab' ich nur für schöne Träume gehalten. Die Liebe, die das Herz mit ewiger Sehnsucht füllen soll, fühlt' ich noch nie, und ich bin überzeugt, dass mich weibliche Reize nicht so leicht aus der schönen Ruhe bringen und mir die fröhliche leichte Ansicht, die ich der Welt abgewonnen habe, rauben können. Doch still davon; lass Dir nun erzählen, wie ich hierher gekommen bin. Du weißt es, wie mein Vater die romantische Idee hat, mich meiner Braut erst in Schandau, in dieser schönen kräftigen Natur vorzustellen, um der Sache etwas erhöhtes Interesse zu geben, und wie sie in etwa drei Tagen hier ankommen wird. Ich bin nun voraus gereist, um noch einmal die ganze Freiheit meines Lebens austoben zu lassen, ehe ich mich in die Rosenfesseln des ehelichen Jochs schmiegen muss. Hier, wo ich schon so oft der der glücklichen, fröhlichen Stunden manche verlebte, will ich mich an die herrliche Zeit der vergangenen Tage erinnern und so in mir eine Stimmung zu erwecken suchen, die meiner frommen Braut gefallen soll. – Ich leugne nicht, ich bin doch erschrecklich neugierig, wie sie nur aussehen mag. Da ich ihr nie habe schreiben dürfen, weil mein Vater sich den größten Spaß von unserm hiesigen Zusammentreffen denkt, so weiß ich platterdings gar nichts von ihr. Nicht einmal ihren Vornamen! Das ist doch ein wenig zu toll von meinem Alten. Er ist seiner Sache so gewiss, dass wir beide uns behagen müssen, dass er sich's gar nicht anders denken kann. – Nun Gott gebe nur, dass sein künstlich angelegtes Freuden- und Liebesfest nicht ein schlimmes Ende nehme! – Du hast mich gebeten, ich soll Dir eine Schilderung meines Wegs und der hiesigen Natur geben. Herzensfreund, das erlass mir. Erstens hab' ich jetzt viel zu wenig Ruhe in mir, denn der Gedanke, einer Braut entgegenzureisen, hat mich doch mehr bewegt, als ich mir selber gestehen mag, und zweitens müssen solche Beschreibungen für den, der nicht selbst sah und an Ort und Stelle war, immer kalt und tot und nichtsbedeutend bleiben, und Du bist ja bis jetzt samt Deiner lieblichen Marie noch nicht aus den engen Stadtmauern herauszubringen gewesen. Was hilft es Dir also, wenn ich Dir sage, wie die beiden Riesen, der Lilien- und der Königstein, am Eingange Wache halten, wenn man zum Allerheiligsten dieser erhabenen Natur eindringen will, und wie sie sich gleich den Säulen des Herkules drohend gegenüberstehen. Hast Du dann einen Begriff von diesem herzbegeisternden Anblick? Nein, nein; komm nur bald und siehe selbst, und Du fühlst wie ich, dass so etwas bei der kräftigsten Schilderung dennoch verlieren muss. Solche Malereien erfreuen vielleicht manchen, wenn er selbst da war und an jene toten Worte seiner Freuden und an seine Entzückungen anknüpfen kann, und so kann er in der Erinnerung noch einmal alle Lust der eigenen Reise genießen; aber jedem andern muss das Bild bedeutungslos erscheinen. Ich halt es fürs Vernünftigste, wenn man an solchen Kraft und Prachtplätzen der Natur nur seine Empfindungen so individuell als möglich ausspricht. Das wird jeden erfreuen. Ich kann mir viel leichter aus der Stimmung, in die ein Mensch beim Anblick einer Naturschönheit versetzt wird, den Charakter derselben versinnlichen, als durch jene Schilderungen, die kaum an Deutlichkeit und treuer Darstellung den Schattenrissen gleichkommen. Doch ich komme ja wider Willen ins Reflektieren. Es ist schon ziemlich spät, und meine Augenlider erinnern mich, dass ich heut schon eine ziemliche Fußtour gemacht habe. Grüße Dein liebes, holdes Weib und schreibe mir bald.

*

Isidore an Josephinen

Tetschen, den 1. Juli

Schon schläft alles, liebe Josephine, nur Deine Isidore ist noch wach und eilt, Dir die versprochene Nachricht von ihrer Reise zu geben. Im Geiste bin ich bei Dir und erzähl' es Dir mündlich; wir sitzen in unserer lieben Zelle, Du an dem großen Bogenfenster und ich am Kamine; die Kerze ist niedergebrannt, und der Mond blickt so freundlich durch die gemalten Scheiben. Mir ist's, als hört' ich die Linden vor den Fenstern rauschen; ist's doch jetzt um mich so still wie in meinem lieben, lieben Kloster, das ich so ungern verließ, um dem Sturm der Welt entgegenzugehn. – Ach, und welchen Verhältnissen geh' ich entgegen! Ich weiß nicht, wo ich, in klösterlicher Einfalt und Demut erzogen, den Mut hernehmen, den Gedanken an die Zukunft zu ertragen. Sonst, wenn wir traulich beisammensaßen und ich die künftigen Zeiten erwähnte, da malten wir uns so froh, so glücklich ein häusliches Leben, und ich gewöhnte mich an den Gedanken, dass meine Hand schon früh meinem Vetter bestimmte sei. Wir schmückten meinen Unbekannten mit allem, was unsre Fantasie nur Schönes bildete, und er war der Punkt, um welchen sich alle unsre Träume bewegten. Und jetzt soll ich nun dem Augenblick entgegengehn, der alle meine schönen Hoffnungen zertrümmern soll? Ach ich fühl's, wie ich mir ihn träumte, kann er nicht sein, und wenn er anders ist, bin ich unglücklich. Mein Vater hat mir viel Gutes von ihm erzählt, aber will mich mein Vater nicht bloß beruhigen? Er glaubt vielleicht, weil ich noch nie in Männergesellschaft war, so muss jede einen tiefen Eindruck auf mich machen. Ach, er irrt. In unserer klösterlichen Stille haben wir uns unsre Ideale wohl zu kühn aufgestellt; kein Mann wird sie erreichen. So wird vielleicht mein ganzes geträumtes Erdenglück zerstört, und mir bleibt nur der Trost, den Willen meines gütigen Vaters treu befolgt zu haben. Den ganzen Tag über hab' ich mir schon Zwang angetan, dass er nicht merke, wie es in meiner Brust wogt; es würde ihn betrüben, und das bräche mir das Herz. Ach wie gut, dass ich noch einige Tage in dieser schönen Natur umherstreifen darf, ehe mein Bräutigam kommt; vielleicht find' ich die Ruhe wieder, die mich beim Abschied von meinem geliebten Kloster verließ. – Arme Isidore! Das Bewusstsein die kindliche Pflicht erfüllt zu haben, kann mir das alle Erdenseligkeit ersetzen? – Ach, ich fühl' es so lebhaft, ich bin diesen Erdenstürmen nicht gewachsen, ich bin zu weich; nur das Kloster ist der Kreis, wo ich leben und wirken mag! – Heute früh verließen wir Töplitz; der Vater ließ dort alles zurück, außer einem Bedienten, um ungebundener der schönen Natur leben zu können. Wir fuhren nach Aussig, wo mich der Anblick der Elbe wunderbar überraschte. Von hier ließen wir uns überfahren und gingen dann auf den Schreckenstein zu, eine alte Ruine, die auf steilen Felswänden das ganze Tal beherrscht; Du glaubst nicht, welchen Eindruck es auf mich machte, als ich oben im verfallenen Rittersaale saß! Tief unter mir rauschte die Welle, und mein Blick flog dem Strome nach, der, von hohen Seinwänden umschlossen, so ruhig, so groß dahinfloss. Ich musste weinen. Mir war's so wehmütig und doch so selig im Herzen. Sonst konnte mich solch ein Anblick so kindlich froh machen, und jetzt – ach Josephine! Deine Isidore hat sich sehr verändert! – Als wir wieder herabgestiegen waren, kam unser Schiff auf uns zu, wir setzten uns ein, und nun trugen uns die Wellen still und sanft hinunter. Jetzt verschwand uns der Schreckenstein mit seinen schönen Türmen, bald ward das Tal weiter, und kleine Dörfer standen an den freundlichen Ufern; bald schloss es sich enger zusammen, und wir schienen von Felsen umringt zu sein. So wechselte es mit ewig neuen Reizen. Wir hielten unsern Mittag auf der Gondel, uns da Ungewohnte und so höchst Liebliche einer längern Wasserfahrt versetzte mich bald in eine frohe Stimmung. Endlich gewahrten wir die Türme des Tetschner Schlosses, wir kamen näher und es stand in seiner ganzen Pracht vor uns. Auf einem hohen Felsen ragt es über die Stadt empor, die man vorher gar nicht gewahr wird. Es war ein köstlicher Augenblick, als unser Schiff um eine Felsenecke herumbog und nun die Schönheit so offen vor uns lag. Als wir ausgestiegen waren, gingen wir aufs Schloss hinauf, von wo man eine himmlische Aussicht ins Land hinein hat. Was mich am meisten ergriff, war der Anblick des Rosenberges. Es ist in seiner Form und seinem Kolorit so was Herzliches, Treues, Blühendes, dass ich mich ungern von ihm trennte. Der Schlossgarten ist recht zierlich und anständig angelegt, am meisten behagte mir darin ein Pavillon, an dem unten die Elbe vorbeirauscht. Es war ein buntes, munteres Treiben und Leben an dem Ufer, mehrere Schiffe lagen vor Anker, und wir alle saßen mit Vergnügen unter dem freundlichen Dache, bis endlich die Tante an die kühle Abendluft erinnerte und wir zurückzugehen gezwungen waren. – Das Wirtshaus, wo wir sind, ist ganz abscheulich schmutzig; es war mir schwer, meinen Ekel vor dem Vater zu verbergen, der alles tat, mir das Stückchen so erträglich zu machen als möglich. – Ach, wie war es so ganz anders in unsrer lieben Zelle; ich habe heut wohl tausendmal an mein stilles Kloster und an meine teure Josephine gedacht. – Doch jetzt leb' wohl, sonst schilt die Tante, dass ich mir die Augen mit dem späten Schreiben verderbe. Tausend Küsse für Dich, liebe, liebe Josephine. Morgen erzähl' ich Dir wieder. –

*

Lichtenfels an Willmar

Den 2. Juli

Guter Willmar, beneide mich immer um den heutigen Tag, in dieser romantischen Natur so romantisch verlebt. – Ein liebliches Abenteuer ist mir begegnet. Ganz wunderlich ist mir zumute; ich habe alles mit einem neuen Interesse gesehen und tiefer gefühlt. In welch höhere Stimmung mich diese romantischen Erscheinungen so plötzlich versetzt haben! Doch lass Dir erzählen. – Im Gasthofe auf dem Markte, wo ich meine Residenz aufgeschlagen habe, ist man ziemlich gut, und das mochte wohl der Grund sein, warum ich erst so spät aufwachte. Meinen Plan, über den Kuhstall nach dem Winterberg und dem Prebischtor zu gehen, musste ich also aufgeben, und mir blieb nichts anders übrig, als von hier gerade auf den Winterberg und dann aufs Prebischtor zu wandern. Zu dieser Tour war noch Zeit genug da, ich ging also erst in das recht anständig eingerichtet Badehaus, das eine Viertelstunde hinter der Stadt in dem köstlichen Kirnitzschtale liegt, stärkte mich in den heilbringenden Wellen und ließ mir einige Tassen Kaffee ganz vortrefflich schmecken. So vorbereitet wanderte ich mit meinem Boten am Ufer der Elbe hinauf nach Schmilke und bestieg den Winterberg. Nichts von seiner himmlischen Aussicht! Der Blick, den er gewährt, ist weniger weit umfassend, aber malerischer als viele bedeutend höhere Berge ihn gewähren. Ich warf mich in den Schatten der heiligen Buchen nieder, verlor mich bald im Anblick dieser herrlichen Welt und mochte schon ziemlich lange so gelegen haben, als ich von weitem Stimmen hörte und weiße Gewänder in der Ferne durch die Bäume schimmern sah. Es war mir unangenehm, so gestört zu werden, ich brach also auf und wanderte mit rüstigen Schritten dem Prebischtor zu. Die fremden Wanderer kamen auf uns zu; wie es schien, war es Vater, Mutter und Tochter; der Anblick des Mädchens, in deren reizenden Gesicht alles, was ich Schönes und Heiliges kenne, ausgesprochen war, die hohe, edle Gestalt, die mit der Einfachheit ihres Anzuges so herrlich kontrastierte, machte mich stutzen; ich grüßte sie ehrerbietig, und Du hättest die Grazie sehen sollen, mit der sie mir dankte. Wider Willen musste ich stehenbleiben und ihr nachstarren, bis sie sich hinter den Bäumen verloren hatte. Das Mädchen sah sich zweimal um, ich hätte ihr nacheilen mögen, um nur den Saum ihres Kleides zu berühren. – Schon seh' ich, wie Du über mich lächelst, und Du hast vollkommen Recht dazu. Ich gestehe Dir gern, dass noch nie zwei Mädchenaugen den Eindruck auf mich machten. – Als ich endlich, wie in Träumen verloren, auf dem Prebischtor ankam, fand ich unter dem Baume, der mitten im Tore steht, ein Schnupftuch mit dem Namen Isidore; es war so fein und zart wie ein Elfengewebe und duftete gar lieblich. Sicher war es von ihr; ich bewahrte es sorgfältig und konnte nicht aufhören, den schönen Namen zu wiederholten Malen zu lesen. Es liegt doch ein eigener Reiz in einem schönen, wohlklingenden Namen; ein Mädchen, das Ursel, Rahel, Rebekka oder Charitas heißt, könnte mir unmöglich gefallen, und wenn sie übrigens alle Reize der Erde besäße. Isidore! Isidore! Welche Melodie, die sich in diesem Namen ausspricht, welch ein reizendes Bild drängt sich bei seinen Tönen durch die Seele! – Wie das Prebischtor übrigens beschaffen sei und welchen Eindruck seine ungeheure Felsenhalle auf mich gemacht habe, fragst Du mich umsonst. Ich war zu viel mit meinem Funde beschäftigt, und vergebens zeigte mir mein Führer alle einzelnen Turmspitzen der umliegenden Gegend. Ich eilte den steilen Berg, der in das Schöne pittoreske Tal führt, hinab, und nur mit dem Gedanken an meine schöne Unbekannte beschäftigt, kam ich bald in den nächsten böhmischen Ort an der Elbe, nach Hirnitzkretscham, wo mir mein Führer ein leichtes Kähnchen verschaffte, das uns vollends bis Schandau schaukeln sollte. Das sanfte Wiegen des Kahns brachte meine gereizte Fantasie wieder in Ruhe, mit freudigem Herzen genoss ich den köstlichen Anblick des romantischen Elbtals, wie die scheidende Sonne die Kuppe der Felsen vergoldete. Als wir bei Schmilke, dem ersten sächsischen Dörfchen, vorbeifahren wollten, bemerkte ich meine Fremden, die eben im Begriff waren, sich auch in einen Kahn zu setzen. Unter einem Vorwande ließ ich anhalten, um sie vorzulassen, und als sie fortgefahren waren, holte ich sie bald mit meinem leichten Kähnchen ein und blieb in geringer Entfernung hinter ihnen. Schon dämmerte die Nacht aus den Tälern, und der Mond gab dem Romantischen dieser Stunden die höchste Vollendung. Wie ein leichter Nebel schwebte sie nun vor mir auf den Wellen; ich hörte zuweilen einige leise Töne ihrer melodischen Stimme, ich hörte, wie man sie Isidore nannte, und ein Gefühl ergriff mich, was mich, ich gestehe es gern, noch nie gekannt hatte. Es war nicht das, was man Empfindsamkeit nennt und worüber ich so oft gespottet habe, es war eine heilige, hohe Begeisterung für das Schöne und Edle, mein Ideal, in den reizenden Bildern dieser Stunde ausgesprochen. Wie die Geister der Vergangenheit standen die Felsen im blassen Mondlicht und warfen ihre Schatten den düstern Tälern zu. Nichts störte die Ruhe als der Ruderschlag der Kähne und das Plätschern der Wellen, und auf einmal hörte ich Isidorens Stimme darüber klingen, und in lieblicher Weise sang sie mit all dem Ausdruck und der Fülle des Gefühls, wo sich die Heiligkeit des Augenblickes so herrlich aussprach, und mit süßen, himmlischen Tönen ein kleines, einfaches Lied, das sich tief in meine Seele prägte. In der letzten Strophe ward ihre Stimme so unendlich schmelzend und wehmütig, dass es wie Geisterruf über die Wellen klang. Ach, hätte ich ihr nur ins Auge sehen dürfen, wie es ihr gewiss in heiliger Begeist'rung glühte! –

Nur zu bald waren wir wieder in Schandau, und wer fühlt nicht meine Freude, als ich sah, dass sie auch im Gasthofe wohnen würden. Sie bezogen eine große Stube neben mir, und ich konnte ungestört der lieblichen Rede Isidorens lauschen. Wie treffend, wie wahr sprach sie über die Gegenstände, die sie heut besucht hatte, wie tief hatte sie die Reize der Natur gefühlt! Ich vernahm, wie der Vater auf morgen eine Partie auf den Kuhstall vorschlug und wie die Frauen gern dareinwilligten; sogleich bestellte ich mir meinen Führer bei meinem Wirt, um womöglich das Romantische des wunderbaren Zusammentreffens noch zu erhöhen. Endlich ward es still bei ihnen, und ich setzte mich hin, um Dir diesen ewig langen Brief zu schreiben. – Willmar, sei still mit dem Vorwurf, den Du auf der Zunge hast, ich hab' ihn mir selbst wohl schon tausendmal gemacht; noch kenn' ich ja meine Braut nicht! Ich fühl' es wohl, welch ungeheure Veränderung in mir vorgegangen ist, ich fühl' es, wie meine Stimmung sich veredelt, aber ich fühle zugleich, es ist keiner von den momentanen Feldzügen des Herzens. Dass das Herz den Verstand so schnell überrumpeln könne, war mir bisher sehr unwahrscheinlich, aber dass ein einziger Mädchenblick meine so fest geglaubte heitere Ruhe in die Enge treiben könne, hab' ich für unmöglich gehalten. Ach, ich habe sorglos mit dem Löwen gespielt! Doch – ich bin ein Kind, Willmar! Willmar Du sagtest mir oft, ich hätte zu viel Leichtsinn. Gib mir jetzt noch einmal soviel, und ich könnte glücklicher, wenigstens ruhiger sein.

*

Isidore an Josephinen

Noch weinige Worte, meine liebe Josephine, ehe ich den heutigen Tag beschließe. Ich bin recht sehr müde; wir sind gar zu viel gegangen, und die Augen wollen mir immer zufallen.

Ach, ich hätte Dir soviel Herrliches und Schönes von der heutigen Partie zu sagen; Du weißt gar nicht, wie mich die Aussicht vom Winterberge nach Böhmen hinein ergriff und so tief bewegte. Ich stand schon auf fremdem Boden, fern von Dir und meiner schönen Jugendwelt! – Oben auf dem Winterberge begegneten wir einem jungen Manne von recht interessanter Bildung. Er grüßte uns mit viel Anstand und sah uns lange nach. Nachher fuhr er auf der Elbe hinter uns, und mir ward ganz eigen, als mein Vater mich um ein Lied bat. Der Gedanke, dass der Fremde mich hören müsse, ängstigte mich recht, aber dennoch war ich zuletzt durch die Harmonie der Stimmung in mir und in der Natur tief gerührt. – Doch genug, morgen mehr. – Der Fremde logiert neben uns.

*

Lichtenfels an Willmar

Willmar, Willmar! Der Morgen meines schönen Lebens bricht an, das heiligste Gefühl, das Gefühl einer edlen Liebe erwacht in mir; der heutige Tag hat die Eisrinde von meinem Herzen gebrochen, und die kalte erbärmliche Sophisterei über das Höchste, was uns die Erde beut, muss der innern, bessern Stimme, muss der Ahnung einer höhern Seligkeit unterliegen.

Ich begreife nicht mehr, wie ich ohne diese Überzeugung, ohne diese Begeisterung für das Heiligste im Leben existieren konnte, existieren möchte. Wenn ich mich sonst mit trost- und herzloser Ergebung dem Willen meines Vaters und den Eindrücken der äußern Welt freiwillig hingab, so fühl' ich jetzt Kraft, die Hoffnung auf eine schöne Zukunft und die Freiheit meines Herzens mit aller Macht mutig zu verteidigen und nicht mit lauer Witzelei das höchste Glück meines Lebens zu verscherzen. Je deutlicher ich jetzt fühle, dass mein guter Vater mich so gern recht glücklich machen wollte und nur aus Liebe zu mir alle jenen Schritte getan hat, umso fester muss ich auf meinem Entschluss bestehen, damit ihm keine Reue nahe, die ihn tief quälen würde, wenn er sähe, dass ich seinem Wunsche das Glück meines Lebens geopfert hätte. Ich bin bestimmt; meine Braut kann und werde ich nie heiraten, denn ich will sie nicht betrügen, mag nun Isidore über mich entscheiden, was sie Will. Dieser gehört mein Herz, und ihr wird es immer gehören; jener könnt' ich nur die leere Hand reichen und würde so ihre und meine Zukunft vernichten, und welch eine Marter wär' es für mich, wenn sie nun ein besseres Geschick, ein Herz voll glühender, treuer Liebe verdiente und ich sie den niedrigen Verhältnissen gemeiner Naturen geopfert hätte? Nein, nein, wenn ich nicht glücklich sein darf, will ich wenigstens rechtlich sein und mir den Glauben erhalten, dass ich jener Seligkeit nicht unwert gewesen wäre. – Alle diese gewaltigen Veränderungen in meiner Seele, die über das Unglück oder das Glück eines Lebens bestimmen, glühen zwar erst seit heute in meinem Herzen, aber ich glaube an die Ewigkeit meines Gefühls, ich glaube der schönen Ahnung in meiner Brust. –

Ich war schon eine Stunde auf dem Kuhstall, war schon alle Teile dieser4 herrlichen Riesenhöhle durchkrochen und hatte mich an dem kühnen Schwung ergötzt, mit dem hier die Natur der Romantik entgegenfliegt, als ich Isidoren und die Ihrigen kommen hörte. Ihr Bild hatte die ganze Nacht meine Träume belebt, und der Gedanke, sie jetzt so schnell, so in voller schöner Ruhe wiederzusehn, erfüllte mich mit einer Art von Scheu, von Verlegenheit, die ich mir nicht erklären konnte. Schnell stieg ich also die schmale Schlucht, die auf den höchsten Felsen führt, hinauf. Du hättest hören sollen, mit welchen lieblichen Tönen Isidore die schöne Welt begrüßte, die sich hier ihr auftat. Es klang zu mir herauf wie Äolsharfentöne, und es war mir unendlich süß, das liebe Mädchen so heimlich belauschen zu können. Auf einmal hörte ich sie am Eingange der engen Schlucht, wie sie den Vater bat, mit hinaufzusteigen, um so besser in das schöne Tal hinabblicken zu können. Da fing mir das Herz an gewaltig zu schlagen. Als ich sie nun in der Felsenschlucht sich heraufschmiegen sah, die schlanke, weiße Gestalt, trat ich hinter ein Gebüsch zurück und wartete so ihres Kommens. Sie stieg allein herauf, den andern mochte vor der engen Schlucht gegraut haben, und mit einem Blick voll unendlicher Liebe und Unschuld, recht innig und freudig, trat sie der schönen Natur entgegen. Noch einige Augenblicke blieb sie in den Reizen der Landschaft und ich in den ihrigen ruhig anschauend ungestört, aber bald zog's mich hervor, und ich konnte in meiner Verlegenheit nur die alltäglichste Phrase zur Anrede aufbringen. Sie erschrak, wie sie meine Stimme hörte, und errötete, als sie mich erblickte. Aber bald hatte sie sich gefunden und sprach so schön, so kunstlos und doch so gebildet über diese kräftige Natur, dass sie auch mich bald mit sich fortriss, und in Kurzem war mir's als hätt' ich schon Jahre lang mit ihr gelebt und wäre ihr nahe verwandt. Endlich riefen die Alten die Tochter; ich geleitete sie hinab. Der Vater nahm mich auf, wie man nun so eine zufällige Bekanntschaft nimmt, und wir sprachen viel über unser doppeltes Zusammentreffen. Aber ich kann und mag Dir nicht länger alles so weit und breit erzählen; es waren köstliche Stunden, deren Erinnerung mich zum seligsten Sterblichen machen kann, doch auf dem Papier sieht es so hager, so kalt aus. Kurz, ich fuhr mit ihnen zurück, aß mit ihnen zu Abend, und durfte alle Augenblicke Isidoren sehen, hören und bewundern. Welch ein Madchen, welch ein Engel! Noch weiß ich eigentlich nicht, wer sie sind, sie fragten nicht nach meinem Namen, und so schien es mir unschicklich, nach dem ihrigen zu fragen; aber soviel erfuhr ich, dass sie sich auch nach Dresden und, wie mir schien, auf längere Zeit begeben werden. – Isidore, süßes, himmlisches Wesen! Ich fühle es tief in meiner Seele, wir haben uns für ewig gefunden. – Wenn ihr seelenvolles Auge so schwermütig und doch so klar auf mir ruhte, ach! Da hätte ich ihr gleich zu Füßen sinken mögen! – Isidore! Isidore!

*

Isidore an Josephinen

Gute, liebe Josephine! ach, es ahnete mir wohl, dass ich mit dem Abschiede von Dir und unserem stillen Kloster auch von der Ruhe meines Herzens Abschied nehmen müsse. Glaube mir, teure Schwester, deine Isidore wird recht unglücklich, recht sehr unglücklich werden! Und nun hab' ich niemand, dem ich so alles sagen möchte; ach Du bist ja frei, und so sehr ich auch Vater und Tante liebe, alles möchte ich ihnen doch nicht sagen, was ich für Dich auf dem Herzen habe. Wenn Du mir nur raten und beistehen könntest! Höre denn, liebes Mädchen. Auf dem Kuhstall, wohin wir heute gefahren waren, geht eine schmale Schlucht aus der Höhle durch den Felsen bis oben hinauf, wo man dann eine herrliche Aussicht ins Tal hat. Vater und Tante scheuten sich vor dem engen Passe, und so stieg ich allein hinauf. Wie ich mich innig an der schönen Welt ergötze, tritt auf einmal der Fremde von gestern auf mich zu und freut sich unseres zweiten zufälligen Zusammentreffens. Ich errötete, denn sein Bild war mir gar zu lebendig die ganze Nacht von der Seele gewesen, und anfangs war ich so verlegen, dass mir de Antwort schwer wurde; aber bald wurden wir uns bekannt; er sprach so schön, so treffend, so voll Gefühl; ich habe noch nie so sprechen hören. Es waren immer meine Gedanken, die er sagte, aber alle waren so klar, viel klarer als in mir selbst. Endlich rief uns der Vater hinunter, und er und die Tante schienen auch Behagen an dem Fremden zu finden. Der Vater lud ihn ein, mit zurückzufahren, und bald war er uns wie ein alter Freund. Er hat in seinem Äußern so was Kühnes, Männliches, ein dunkles Auge und eine edle, hohe Gestalt. Wenn ich mir gegen ihn meinen Vetter denke, bei dem mir allemal die Erbschaft einfällt, um derenwillen er mich heiraten will, so wird mir recht angst. – Ach! ich darf den schönen Fremden nicht vielmal mehr sehen, sonst hab' ich nicht die Kraft, mein Herz dem väterlichen Wunsche zu opfern. Könnt' ich nur wieder in Deine Arme, in unsre stillen Klostermauern zurück, ich wollte von der Erinnerung dieser Tage jahrelang zehren und wollte, wenn nicht glücklich, doch ruhig sein. – Arme Isidore!

*

Lichtenfels an Willmar

Herzensjunge, dass sich Dich nur umarmen könnte! ich weiß nicht, wo ich mit all meiner Seligkeit hin soll. Ich verdiene soviel Glück, soviel Freude nicht. – Eh' Du weiter liesest, so küsse Dein liebes Weib recht innig und denk' an Eure schönsten Stunden, und dann höre, was Dir Dein Herrmann erzählt. Mit der festen Überzeugung, der heutige Tag werfe mein Los, und also in tiefbewegter Stimmung ging ich früh zu Isidoren hinüber, um sie, wie ich versprochen, zu einem Spaziergang ins Bad abzuholen. Die schlaflose Nacht, wo ich nur an sie denken konnte, hatte meine gestrigen Entschlüsse zur Reife gebracht, und ich glaubte mich auf alles gefasst. Bis um zwölf Uhr war ich noch frei, dann erwartete ich meinen Vater, und – meine arme Cousine, der ich den Bräutigam rauben wollte. Ich eilte also, die Stunde so gut als möglich zu benutzen. Wir frühstückten beim Badehaus unter dem Zelte, und noch hatte ich keinen Augenblick gehabt, mich gegen Isidoren zu erklären. Endlich schlug ich einen kleinen Spaziergang auf die Karlsruhe vor, die, keine Viertelstunde von dem Badehause, einen herrlichen Blick ins Elbtal gewährt. – Isidore hing sich an meinen Arm, und die Alten folgten. Auf dem halben Wege begegnet ihnen ein Fremder, den sie begrüßen, sie bleiben stehn, aber wir gingen immer weiter. Der Ernst, der auf meinem Herzen lag, spiegelte sich auch in Isidorens Blicken. Endlich langten wir auf der Ruhe an. Fast zitternd begann ich: »So sind denn die schönsten Augenblicke bald verschwunden, wo ich mich Ihrer Nähe freuen dürfte. Wenn Sie je wieder dieser schönen Welt gedenken.« – »Ach! so erinnern Sie sich doch auch meiner gewiss«, erwiderte sie schnell, »ich werde diese Tage nie vergessen.« Sanft errötend beugte sie ihr Haupt. Da flog ich zu ihren Füßen und gestand ihr meine heiligsten Gefühle; ich sah eine Träne aus ihrem Auge fallen, sie wollte fort, ich hielt sie. »Entscheiden Sie über mich!« rief ich der höchsten Glut der Leidenschaft, »meine Zukunft hängt an dieser Stunde!« Da antwortete sie mir leise mit bebenden Lippen, und die Tränen rollten ihr über die Wangen: »Mein Vater hat schon über mich bestimmt; ich darf Ihr Wort nicht hören.« Und mich ergriff's mit fürchterlicher Kälte in allen Tiefen meines glühenden Herzens und zerschmetterte mich mit gewaltigem schmerz. Endlich raffte ich mich zusammen und fand Worte: Meine Zukunft haben Sie zerstört, lassen Sie mir wenigstens die Erinnerung an die Vergangenheit, geben Sie mir ein Pfand dieser Tage!« Da reichte sie mir bebend das Tuch hin, das mir ihren Namen vertraut hatte, und unsre Tränen liefen heiß über die Wange. – Und wie wir noch so verloren waren in unsern Schmerzen, rief auf einmal meines Vaters Stimme hinter mir: »Gott grüß' Euch, Kinder! Ihr seid ja schon recht bekannt miteinander!« Bestürzt flogen wir auseinander und standen verlegen da. – »Nu, nu!« rief mein Vater, »ein Handkuss ist unter Euch beiden nichts Böses. Kommt an mein Herz, Kinder! nicht wahr, der alte Lichtenfels hat seine Sache gut gemacht?« – Da flog ich glühend meinem Vater an die Brust und dann schnell zu den Füßen meiner Isidore, die mir mit dem Ausruf: »Vetter Herrmann!« in die Arme sank. Und so haben wir uns denn gefunden; ich bin der glücklichste Mensch unter der Sonne: Isidore ist mein, und ich weiß, dass sie mich liebt. Willmar, komm mit Deiner Marie so bald wie möglich; Du sollst unser Fest mit feiern helfen; denn Isidore und ich bestehen darauf, dass wir hier verbunden werden. Lebe ihn noch einmal zurück in Deinem Freunde, diesen Silberblick der Zeit, der keinem zweimal glänzt, und segne Deinen Herrmann zum heiligsten Augenblicke seines Lebens mit Deiner Treue und Deiner Kraft! Komm bald, Du Glücklicher, zu den Seligen; komm, auch Isidore bittet Dich durch mich, zu dem schönsten Tage Deines freudeglühenden Herrmann!








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