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Die Reise mit der Zeitmaschine

Egon Friedell: Die Reise mit der Zeitmaschine - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Reise mit der Zeitmaschine
authorEgon Friedell
year1946
firstpub1946
publisherR. Piper & Co.
addressMünchen
titleDie Reise mit der Zeitmaschine
pages132
created20120208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel
Man erfährt den Namen des Zeitreisenden

Die nächsten Tage und Nächte verbrachte ich in fruchtlosen Grübeleien. Ich erwog die abenteuerlichsten Möglichkeiten. Vielleicht handelte es sich um ein Geistertelegramm? Es gibt bekanntlich Poltergeister, denen allerlei Schabernack schon zuzutrauen ist. Oder am Ende war er selber schon ein Verewigter? Aber er hatte doch ausdrücklich hervorgehoben: »lebe«. Und selbst wenn sich diese Bemerkung mit einiger Gezwungenheit so deuten ließ, daß er damit das »höhere Leben« im Jenseits meine, so wäre es doch auf jeden Fall gänzlich sinnlos, wenn ein Geist von sich behaupten wollte, er sei gesund. Andrerseits war aber wieder in Rechnung zu ziehen, daß die Äußerungen, die auf spiritistischem Wege zu uns gelangen, sehr oft unzusammenhängend, widersinnig und unverständlich sind.

Es waren inzwischen fünf Tage vergangen. Ich saß mit meiner Frau beim Frühstück und wir debattierten; natürlich über das Telegramm. Meine Frau vertrat als neueste Auffassung die Ansicht, »Sie werden mich nie wiedersehen« bedeute Abbruch des Verkehrs, ich hätte den Zeitreisenden durch irgend etwas gekränkt und er wolle nun nichts mehr von mir wissen.

55 »Aber er sagt doch etwas von einem unvorhergesehenen schrecklichen Zwischenfall«, widersprach ich erregt.

»Dieser Zwischenfall war eben dein Benehmen«, sagte Laura. »Du« – in diesem Augenblick schlug der Kohärer an.

Ich stürzte zum Apparat und las das Telegramm ab. »Gott sei Dank«, rief ich erfreut, »er kommt!«

»Wer sagt dir denn das?« erwiderte Laura, die bereits den Taster mitabgehört hatte.

»Nun, er telegraphiert doch: Kommet bestimmt heute zehn bis elf in mein Studierzimmer. Sonst alles verloren.«

»Jawohl, Du sollst kommen«, wiederholte Laura hartnäckig, »aber von ihm steht in dem Telegramm nichts.«

»Aber weshalb sollte er mich denn in seine Wohnung bestellen, wenn er nicht da ist? Uebrigens: warum ist sonst alles verloren?«

»Das wirst du ja in zwei Stunden erfahren.«

Der Sicherheit halber fand ich mich schon um halb zehn in dem bezeichneten Zimmer ein – diesmal, wo ich keine Eile hatte, boten mir zwei Hansoms ihre Dienste an – und wartete gespannt auf die Dinge, die da kommen würden. Trotz Lauras Einwänden war ich fest überzeugt, daß der Zeitreisende zur angekündigten Zeit mit seiner Maschine eintreffen werde. Die Wohnung war natürlich unverändert; bloß auf dem Schreibtisch fand ich das Lichtbild einer schönen, jungen Dame mit einem 56 Stuartkragen, das ich das letztemal offenbar übersehen hatte, und auf der Rückseite die Worte: »Sie fahren an die fernsten Küsten, aber in ihrer eigenen Seele reisen sie nicht (Lactantius).« Übrigens unwesentlich. Um viertelelf hörte ich ein surrendes Geräusch auf dem Tische. Ein nebelhaftes Etwas rotierte mit einer rasenden Geschwindigkeit, die die Papiere ins Flattern brachte, verlangsamte sich, wurde deutlicher und blieb schließlich mit einem knackenden Laut stehen. Ich hob es auf: es war die kleine Zeitmaschine.

Sie werden sich erinnern, daß der Zeitreisende, ehe er daran ging, den großen Apparat für seinen eigenen Gebrauch zu bauen, ein kleines Modell anfertigte, das für sich allein in die Zeit reisen konnte. Oder vielmehr zwei: eines sandte er in Gegenwart mehrerer Personen, unter denen auch ich mich befand, zur Probe auf Nimmerwiederkehr in die Zeit (er wußte selber nicht, ob in die Vergangenheit oder in die Zukunft), ein zweites behielt er zurück. Dieses hielt ich jetzt offenbar in der Hand. Ich öffnete das kleine Ding und fand darin einen Zettel. Ich entfaltete ihn: es war ein Brief des Zeitreisenden, seine eigene Handschrift, die mir wohlbekannten, etwas eigensinnigen und schnörkeligen Gelehrtenzüge. Er lebte also noch und war wohl auch noch im Besitz seiner Dispositionsfähigkeit.

Das Schreiben gab mir allerdings wenig Aufschlüsse über seine derzeitige Situation. Es waren nur ein paar hastig hingeworfene Worte; dabei 57 hatte die Schrift etwas Fahriges, Nervöses, und ich konnte aus gewissen Kennzeichen (ich bin ein wenig Graphologe) darauf schließen, daß der Schreiber sich in einem Zustand hochgradiger geistiger oder körperlicher Abspannung befunden haben mußte. Bisweilen war ein »ist« oder »und« ausgelassen: der Brief war zweifellos in Eile oder Verwirrung geschrieben. Er lautete: »Lieber Mr. Transic. Bitte gehen Sie an das zweite Büchergestell links von der Tür, dort stehen auf dem vierten Regal eine Anzahl Jahrgänge der Vierteljahrsschrift »Mind«. Auf dem Vorsatzblatt des neunten Bandes befindet sich eine mit Bleistift geschriebene Zahlentabelle. Reißen Sie sie heraus und stecken Sie sie in die Zeitmaschine. Ferner werden Sie in meinem Laboratorium in einer grünen Schale ein Quantum Pechblende finden. Auch dieses in die Zeitmaschine. Das Ganze adressieren Sie an den sechsten Dezember 1904. Ich beschwöre Sie, alles genau und prompt auszuführen. Mein ganzes Lebensglück hängt davon ab. Ich werde mich von nun an regelmäßig auf diesem Wege mit Ihnen in Postverbindung setzen.«

Obgleich der Inhalt des Briefes mich keineswegs merklich klüger machte, besorgte ich selbstverständlich alles sofort, wie angegeben, und schickte die Zeitmaschine in den bezeichneten Tag. Die Handhabung ist ungemein einfach. Man muß nur den Zeiger auf den gewünschten Termin einstellen und auf den einen der beiden weißen kleinen Hebel drücken, der mit »back« bezeichnet ist. Ein 58 Surren, eine immer gespenstischer werdende Kreiselbewegung, und das Maschinchen war verschwunden.

Aber was bedeutete das alles? Den Zeitort, an dem der Zeitreisende sich aufhielt, wußte ich nunmehr, aber was hatte er denn zum Henker im Dezember 1904 zu suchen? Noch nachdenklicher als das letztemal – das Grammophon sang gerade: »Ach sagen Sie geschwind, sind Sie das schöne Kind, das gestern zur Nacht, es war so um acht, mich hat angelacht« – verließ ich die Villa.

Laura sagte bloß: »Ich habe ja gleich gesagt, daß er nicht selber kommen wird.«

Am nächsten Tag wurde ich schon um fünf Uhr morgens durch den Kohärer geweckt. Das Telegramm meldete nur fünf Worte: »Unglücklicher, wo bleibt die Maschine?« Ähnliche Mahnungen regnete es nun in der nächsten Zeit zu den verschiedensten Tages- und Nachtzeiten und in den verschiedensten Tonarten: drohend, bittend, anklagend, gebieterisch, zerknirscht, so daß Laura und ich allmählich in eine Art Wahnsinnszustand gerieten. Warum war die Zeitmaschine nicht angekommen? Ich hatte sie sorgfältig adressiert, ein Versehen war ausgeschlossen. Am meisten aber brachte uns zur Verzweiflung, daß wir nicht herausbekommen konnten, wie und wo die Telegramme aufgegeben waren. Ich verbrachte zu diesem Zweck einen ganzen Tag in der Wohnung des Zeitreisenden und beauftragte meine Frau, wenn Telegramme ankämen, die Empfangszeit genau zu notieren. An diesem Tage kamen 59 vier Telegramme an, aber an dem Sender des Zeitreisenden hatte sich nichts gerührt. Nach und nach wurden die Sendungen aber seltener und schließlich hörten sie ganz auf. Die letzte lautete: »Sie sind ein Rhinozeros«.

Wochen um Wochen waren seitdem vergangen. Wir sprachen noch immer stundenlang von unserem verschollenen Freund, aber bereits ohne Hoffnung. Auch an seinem Hause ging ich noch öfters vorbei, aber nur noch aus einer Art wehmütiger Pietät. Mit traurigen Gedanken betrachtete ich die einsame Villa, in der so viele kühne und originale Entwürfe das Licht der Welt erblickt hatten, alle nun ohnmächtiges Papier, da der einzige, der sie in die Wirklichkeit hätte übersetzen können, auf eine dunkle Reise gegangen war. Eines Abends – es war bereits der sechste Juli – stand ich wiederum in seinem Garten, über die Unvollkommenheit menschlichen Wissens brütend. Es war ein schöner Abend, wie damals, als ich das erste Telegramm erhielt. Wiederum tanzten die Nachtschmetterlinge um die Flamme der Straßenlaterne, am Zaun blühten schon die Heckenrosen, Frösche quakten um die Wette mit dem Grammophon, das den neuesten Schlager sang: »Ja, so ein Auto, das ist was Feines, was Ungemeines, bald groß, bald kleines«. Da erblickte ich in dem erleuchteten Rahmen des Fensters, das zum Studierzimmer des Zeitreisenden gehört, die Silhouette einer hohen, etwas gebückten 60 Gestalt, die mir, ein wenig matt, mit der Hand zuwinkte. »Sie sind es?« stammelte ich verdutzt. »Ja«, sagte mit müder Stimme Mr. James Mac Morton, denn er war es. 61

 

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