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Die Reise mit der Zeitmaschine

Egon Friedell: Die Reise mit der Zeitmaschine - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDie Reise mit der Zeitmaschine
authorEgon Friedell
year1946
firstpub1946
publisherR. Piper & Co.
addressMünchen
titleDie Reise mit der Zeitmaschine
pages132
created20120208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel
Das rätselhafte Funkentelegramm

Nach seinen letzten Eröffnungen erwartete ich den Zeitreisenden nicht allzubald zurück. Die paar Vorträge wären zwar schnell absolviert gewesen, und daß er sich im viktorianischen London besonders wohl fühlen werde, bezweifelte ich stark. Denn damals gab es zwar keine Perücken und bierrußbestrichenen Fußböden mehr und andrerseits schon Gabeln, Nachthemden und Gasbeleuchtung, ja sogar bereits Streichhölzer und Stahlfedern (bei uns, auf dem Kontinent erst viel später!) und den ersten Schraubendampfer, aber einem Mann von dem Unternehmungsgeist des Zeitreisenden konnte das nicht genügen. Ich war daher, wie gesagt, fest überzeugt, daß er sich alsbald auf ganz andere Abenteuer begeben werde. Mit einem Märchenapparat, gegen den Fausts Zaubermantel eine Kleinigkeit ist und sogar das lenkbare Luftschiff nichts Besonderes wäre, forscht man nach der Beantwortung anderer Fragen als der Carlyleschen, ob Mahomet ein Scharlatan und Cromwell ein Held war. Ich nahm also eine mehrwöchige Abwesenheit als Mindestmaß an und verbrachte die nächste Zeit ohne besondere Spannung. Indes schon nach kurzem erstattete er mir seinen ersten Bericht, aber nicht persönlich, sondern auf eine andere und sonderbare Weise.

49 Der Zeitreisende und ich gehören zu den wenigen Privatpersonen in London, die an ihrem Hause eine Station für drahtlose Telegraphie besitzen; wahrscheinlich sind wir sogar die einzigen. Da der Staat für die Ausbeutung und Vervollkommnung dieser neuen Erfindung so gut wie nichts tut, sind die Wißbegierigen und Fortgeschrittenen darauf angewiesen, sich um diese Dinge aus eigener Initiative zu kümmern. Jeder eiserne Balkon und jedes Regenrohr kann schon als Antenne dienen, und beim Empfang naher Sendungen arbeiten solche Ersatzantennen sogar besonders gut. Die Errichtung eines genügend langen Senderdrahts ist schließlich keine kostspieligere Sache als ein Blitzableiter; und den Fritter kann man sich mit einiger Geschicklichkeit selber herstellen. Aber die Menschen machen vernünftige Sachen nur, wenn sie behördlich dazu gezwungen werden. In die American bar gehen sie von alleine. Immerhin hatte diese Gedankenfaulheit der Londoner für uns auch ihr Gutes: bei unserem Funkenverkehr ereigneten sich niemals Störungen, denn die einzigen Engländer außer uns, die miteinander drahtlos telegraphieren, sind ein paar Schiffskapitäne und Küstenbedienstete. Wir benützten unsere Apparate ziemlich häufig, aber zumeist war der Zeitreisende der Sender und ich der Empfänger. Er telegraphierte mir interessante Beobachtungen, Experimente, Berechnungen, manchmal sogar gelungene Scherze. Auch diesmal hatte er mir in seinen Abschiedsworten versprochen, 50 mich, angekommen, sofort drahtlos zu verständigen.

Es war etwa sechsunddreißig Stunden nach seiner Abreise, gegen zehn Uhr abends, als der Kohärer anschlug. Ich eilte zum Taster und empfing ein Telegramm des Zeitreisenden, das mich mit Erstaunen und Verwirrung erfüllte Es lautete: »Schrecklicher unvorhergesehener Zwischenfall. Lebe und bin gesund, aber Sie werden mich nie wiedersehen. Ihr trostloser M.«

Ich war wie mit einem Hammer vor den Kopf geschlagen. Im ersten Moment dachte ich an eine Mystifikation. Aber von wem sollte diese ausgegangen sein? Die Tatsache unserer beiden drahtlosen Stationen war nur meinen nächsten Freunden bekannt, den Freunden des Zeitreisenden überhaupt nicht: selbst Mr. Wells wußte nichts davon. Und keinem dieser wenigen war ein so geschmackloser und roher Scherz zuzutrauen. Auch hätte der Verüber eines solchen Unfugs einen Einbruch in die versperrte Wohnung des Zeitreisenden unternehmen müssen, wozu gewiß keiner dieser Gentlemen fähig war. Erst allmählich gelang es mir, meine Gedanken zu sammeln. Von welchem Punkte der Erde kam dieses Funkentelegramm? In welcher fernen Gegend weilte der Zeitreisende, daß er genötigt war, diesen Benachrichtigungsweg einzuschlagen? Aber das war ja Unsinn! Er war doch nur in die eine Dimension der Zeit gereist und hatte das Turmzimmer seines Laboratoriums gar nicht verlassen. Was veranlaßte ihn also, sich dieses 51 Fernsprechmittels zu bedienen, da er doch nur eine Droschke zu nehmen brauchte, um in meine Wohnung zu gelangen? War er durch irgend etwas in seiner Bewegungsfähigkeit behindert und genötigt, sich auf diese Weise von seinem Hause aus mit der Umwelt zu verständigen? Lag er vielleicht krank im Bett? Aber er telegraphierte doch deutlich: »lebe und bin gesund«. Oder befand er sich in der Macht eines feindlichen Willens? Aber dann hätte er um Hilfe ersucht. Und was bedeutete dieses rätselhafte: »Aber Sie werden mich nie wiedersehen«? Hatte er den Verstand verloren? Vielleicht war er in seinem kühnen Forschungsdrang zu weit in die Zeit gereist, in die geheimnisvolle schrankenlose Tiefe der Zeit und hatte dort an das furchtbare Problem der Unendlichkeit gerührt und dadurch seine engen menschlichen Sinne so verwirrt, daß er als Geistesgestörter zurückkehrte? Welche von diesen Vermutungen war die richtige? Vielleicht keine.

Ich beschloß, mir sofort Gewißheit zu verschaffen und mich nach seiner Wohnung zu begeben. In fliegender Hast, ohne Hut, stürzte ich auf die Straße. Nach dem »Londoner Stadtlexikon« sollen siebentausend von den elftausend Lohnkutschen, die London besitzt, Hansoms sein, aber noch nie habe ich eines erwischt, wenn ich es brauchte. Natürlich trottete auch diesmal wieder ein Cab herbei. Ich versprach dem Kutscher ein halbes Pfund, und wir eilten davon, wenn dieser Ausdruck gestattet ist.

52 Die Villa machte den Eindruck völliger Unbewohntheit. Still und friedlich lag sie da, in der milden Wärme der schönen Frühlingsnacht. Grillen zirpten in der Ferne, um die Gaslaterne schwirrten lustig die Maikäfer, am Gartenzaun blühten die Dotterblumen und aus einer Nachbarvilla krächzte ein Grammophon den Refrain des schönen Liedes The honey and the bee«; »Du bist der Honig und ich bin die Bien'!«; und ich mußte unwillkürlich denken: ob sich der Zeitreisende wohl jetzt an einem Zeitort befindet, wo es keine Grammophone gibt? Am Eingang ein Zettel: »Gone on a journey.« Ich hämmerte mit dem Klopfer gegen die Tür: es regte sich nichts. Ich stemmte mich mit aller Kraft gegen sie, bis sie nachgab. Ein vorbeikommender Policeman hätte gegen den Mann ohne Hut, der die Tür eindrückt, vermutlich die feindseligsten Gedanken gehegt. Natürlich hatte ich die Streichhölzer vergessen. Ich tappte mich ins Haus hinein und erst nach längerem Suchen in der schwachen Mondbeleuchtung fand ich im Schreibzimmer eine Schachtel. Aber das Gas war abgestellt, ich mußte zurück zum Gasmesser. Endlich konnte ich Licht machen. Auf dem Schreibtisch war alles so ziemlich unverändert. Auf der Mittelplatte lag eine Tabelle mit Berechnungen, die vorher noch nicht dagewesen war. Wahrscheinlich hatte er noch kurz vor seiner Abreise gearbeitet. Darauf begab ich mich in den ersten Stock ins Laboratorium, wo noch eine vergessene rote Glühlampe brannte wie das Ewige 53 Licht. Auch dort einige Spuren neuerlicher Arbeit, aber keine wesentlichen Veränderungen. Im Turmzimmer keine Zeitmaschine: also doch auf der Zeitreise! Aber vor kaum einer Stunde mußte er doch von hier aus telegraphiert haben? Völlig unerklärlich! Ich trat ins Freie – das Grammophon war inzwischen in einen ordinären Cakewalk übergegangen – und voll banger und unklarer Gedanken kehrte ich nach Hause zurück. 54

 

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