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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 9
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1956
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9

Sebastian war sich klar, wo es sich um Leben und Gesundheit handelte, durfte man nicht sparen. Er wollte zu einem Arzt gehn, der Könige und Fürsten nicht nur behandelte, sondern auch geheilt hatte.

Er erinnerte sich eines Namens, den seine Eltern schon mit Ehrfurcht genannt hatten und den er auch häufig in Zeitungen gedruckt sah. Diesen suchte er.

Im Adreßbuch nahmen die Titel und Würden dieses Mannes mehrere Zeilen ein. Das beruhigte Sebastian sehr und bestärkte ihn in seinem Entschluß. Leider fielen die Sprechstunden des Arztes in eine Zeit, in der andere Menschen ruhten. Von zwei bis vier Uhr nachmittags.

Aber schließlich ist die Erhaltung der Gesundheit ein Opfer wert.

Um zwei Uhr stand Herr Sebastian Wenzel sorgsam gekleidet zwischen den grünen Plüschmöbeln des Wartezimmers. Mit leichtem Schauder sah er sich um. Daß niemand außer ihm da war, beunruhigte und befriedigte ihn gleichzeitig.

Ein merkwürdig geformter Spucknapf erinnerte ihn an das Vorzimmer des Notars, wo er die Testamentseröffnung nicht abwartete. Er hatte beinahe auch hier Lust, wieder zu gehn. Aber im gleichen Augenblick öffnete sich eine Tapetentür, die Herr Wenzel vorher gar nicht bemerkt hatte. Er zitterte vor Schreck. Eine scharfe Stimme rief: »Ich lasse bitten.«

Eine Sekunde später saß Herr Sebastian Wenzel einem kleinen, verhutzelten Mann gegenüber, der den Mund schief zog und rasch und schnarrend hervorstieß: »Mit wem habe ich die Ehre?«

In fliegender Eile schnellte nun Frage auf Frage hervor. Bis Sebastian alles gesagt hatte. Von der Nummer seines Hauses an bis zur Zahl seiner Jahre. Von der Appetitlosigkeit an bis zu den geheimsten Lebensgewohnheiten.

»So – so, schildern Sie mir nun genau die Art Ihrer Beschwerden«, knurrte der berühmte Mann.

In Sebastian Wenzels Augen kam die ganze Starrheit der Examensangst. Ihm fiel nichts ein. Was fehlte ihm nur eigentlich?

Aber unter dem Druck der scharfen Augen fing er zu reden an. Alles, was ihn einmal im Leben beschwert hatte, zählte er auf. Sogar die Zahnschmerzen.

»So – so, allgemeines Schlechtbefinden. Welche Badeorte haben Sie schon aufgesucht?«

»Ich bin niemals gereist«, antwortete Sebastian und hatte das deutliche Gefühl, daß es seine Pflicht gewesen wäre, die ganze Welt umfahren zu haben.

»So – so, niemals gereist?«

Der wirkliche Geheimrat setzte sich noch einen Kneifer über die Brille. Seine Augen flogen zu Herrn Wenzel und dann hinüber zur Wand. Dort stand auf einer Papptafel, daß jeder Besuch zwanzig Mark koste, die gleich hier zu erledigen seien.

»Bitte stehen Sie auf«, schnarrte der Sechsäugige.

Sebastian mußte den Mund aufreißen, der Professor stellte sich auf die Zehenspitzen und sah ihm tief in den Hals.

»So – so, Sie scheinen an Harnsäure zu leiden. Im Hals haben Sie nichts. Ich bin leider nur Spezialist für Hals- und Nasenleidende. Sie müssen Kollegen Winkelschneider aufsuchen.«

Er machte eine verabschiedende Verbeugung und hielt Sebastian mit den Blicken fest.

Der tat, wie ihm Exzellenz geraten hatte. Er schob ein Zwanzigmarkstück auf den Schreibtisch.

»So – so«, sagte der Geheimrat freundlich. »Ich habe mich sehr gefreut. Auf Wiedersehen.«

»Sie glauben nicht, wie rasch der Mann spricht«, sagte Sebastian bewundernd zur Exzellenz, die ihn in seiner Wohnung erwartete.

»Und sonst, mein Freund? Was sagte er? Schnell sprechen kann auch unsere Amalie. Sogar ohne Vergütung.«

Ein gutes, sorgendes Lächeln lag um den alten Mund, der so gern spottete.

Sebastian erzählte.

Exzellenz lachte vergnügt.

»Sagte ich es Ihnen nicht, der Mann ist Spezialist für Halskrankheiten. Sie wollten mir aber nicht glauben.«

»Jedenfalls muß ich nun diesen Professor Winkelschneider aufsuchen«, sagte Herr Wenzel wichtig.

Amalie Zwink, die an solchen Tagen Herrn Wenzels Wortkargheit verwünschte, war doch zufrieden, als sie den Ausgang der Unterredung erfuhr. Die Spannung ging also weiter. –

Geheimrat Winkelschneider empfing seine Patienten bei Tagesanbruch. Zu der Stunde, wenn Herr Sebastian Wenzel nach einem kurzen Spaziergang in angenehmer Ruhe zu frühstücken pflegte.

So brachte er seiner Gesundheit ein zweites Opfer, indem er seinen Morgenfrieden hingab. –

Bei Geheimrat Winkelschneider ging es anders zu.

Ein Diener half Herrn Wenzel aus dem Pelz und bot ihm eine Karte mit einer Nummer an, die einem Los glich. Dafür waren zwanzig Mark zu zahlen. Herr Wenzel hatte Nummer vier gewonnen.

In dem Wartezimmer saßen zwei Herren und eine Dame auf den roten Plüschmöbeln. Von Zeit zu Zeit seufzte jemand. Bis endlich alle drei aufgerufen waren.

Sebastian hatte sofort nach der geheimen Tapetentür gesucht. Aber hier verschwand man hinter einem grünen Friesvorhang.

Geheimrat Winkelschneider fragte genauso rasch wie sein großer Kollege. Wieder gab Sebastian den Grundriß seines Lebens an.

»Aha, aha«, erwiderte der Arzt geschwind auf alle seine Antworten.

Als er erfuhr, daß sein verehrter Kollege bei Herrn Sebastian Wenzel Harnsäure festgestellt hatte, nachdem er ihm in den Hals gesehn, sprang er erfreut auf und rieb sich die Hände.

»Aha, aha. Ja, verehrter Herr, da muß ich vor allen Dingen eine Probe Ihres – na Sie wissen, was ich meine – im saubern Fläschchen zugesandt bekommen. Morgen früh senden Sie es mir. In drei Tagen kommen Sie wieder. Auf Wiedersehen. Der nächste.«

Er hatte Sebastian schon den Rücken gedreht, den er vor einem Neueingetretenen leicht neigte. –

»Man geht zu einer andern Tür hinaus, wie hinein«, erzählte Herr Wenzel seinen Freunden.

Er berichtete Fräulein Zwink nichts Näheres über die heutige Unterredung. Aber sie erriet alles. Also noch drei Tage Spannung. –

Jetzt fühlte sich Herr Sebastian Wenzel wirklich elend. Seine Angst folterte ihn.

Seine Nächte wurden schlaflos. Er war an den köstlichen Schlaf der Gesunden und Ehrlichen gewöhnt. Er kannte die Nacht gar nicht. Erschreckt sah er Stunde auf Stunde durch das dichte Dunkel gleiten. Er stand auf und zog die Gardinen von dem Fenster fort: Nichts als Finsternis. Wie in eine tiefe Gruft versenkt waren Straße und Stadt. Er schlich zurück auf sein Lager und graute sich vor den hellen Leinentüchern. Erst gegen Morgen, als die vielen kleinen Klappergeräusche des Tages begannen, fiel er in schweren Schlaf.

Die Einwohner der Straße wurden unpünktlich. Der Kopf des reichen Herrn hinter den Scheiben war zu andern Tageszeiten zu sehn und nicht zu sehn.

Endlich waren drei Nächte und drei Tage vorüber.

Herr Wenzel stand vor dem Arzt, keines Wortes fähig. Nur seine Augen fragten.

»Aha, aha«, rief der Geheimrat und kramte in den Papieren auf seinem Schreibtisch. »Herr Wenzel Sebastian, oder, pardon, pardon, Herr Sebastian Wenzel, wenn ich nicht irre. Aha, aha, da haben wir's.« Er hatte ein Papier gefunden, dessen Inhalt er rasch überflog.

»Aha, aha. Ja, mein lieber Herr – so betrübend es ist ...«

Vor Sebastians Augen flossen Arzt und Schreibtisch zu einem Nebelballen zusammen.

»Ja, so schwer es mir zu sagen fällt, mein verehrter Herr Kollege hat sich geirrt. Sie sind ganz gesund. Ich habe keine Krankheitsstoffe finden können.«

Das Telefon klingelte, während es an beiden Türen pochte. Der beschäftigte Man bedankte sich bei Herrn Wenzel, verbeugte sich, rief zur einen Tür hinaus: »Der nächste«, zur andern: »Ich komme sofort«, und legte dabei den ungeduldig schnarrenden Telefonhörer ans Ohr.

Ohne zu wissen wie, war Herr Sebastian Wenzel draußen und auf der Straße.

Es war echtes Gummischuhwetter. Der Schnee schmolz. Ein scharfer Ostwind strich wie mit Messern über die Gesichter. Der vorsichtige Sebastian Wenzel ging lächelnd seines Weges, als durchschritte er den lieblichsten Frühlingstag. Er vergaß ein windschützendes Malzbonbon in den Mund zu schieben und den Kragen aufzuschlagen. Ihn durchglühten die Worte: Sie sind ganz gesund.

Er hatte keine Eile, nach Haus zu kommen. Lächelnd trieb er durch den rauhen Wind.

Endlich stieg er auf einen Straßenbahnwagen. Sonst brachte ihm eine solche Fahrt meist viel Verdruß. Entweder es setzte sich jemand ungebührlich dicht an ihn heran oder stieß in dem engen Gang gegen sein Knie, oder ein Kind kletterte auf den Sitz hinauf, ohne seine Füße und die Kleider seiner Nachbarn genügend auseinanderzuhalten. Oder zwei gegenübersitzende Frauen schrien sich im Rädergetöse ihre Familienangelegenheiten zu, ohne zu überlegen, ob andere diese unangenehmen Belanglosigkeiten mitanhören wollten.

Heute war Herr Sebastian Wenzel nachsichtig und milde gestimmt.

Mancher hatte vielleicht dieselbe Prüfung durchmachen müssen wie er. Viele mochten diese bösen Sachen im Blut haben, von denen er frei befunden worden war, einige vielleicht gar, ohne es zu wissen. Traurig war das.

Da trat ihm jemand heftig auf den Fuß. Gerade auf das einzige Hühnerauge, das ihn von Kindheit an drückte. Ein kurzsichtiger, schwerer Herr mit Kneifer und Pelz, aber ohne Gummischuhe, hatte im Stolperschritt einen Stiefelabsatz fest daraufgedrückt.

Herr Sebastian Wenzel hatte Mühe, nicht laut aufzuschrein.

»Man entschuldigt sich wenigstens«, rief er dem Herrn nach, als der erste Schmerz vorüber war. Dieser hörte es nicht mehr, er stand schon auf den Füßen des drittnächsten.

Dieser Vorgang brachte Herrn Wenzel in die Wirklichkeit zurück. Nein, diese Welt war nicht dazu angetan, um übermütig zu werden.

Er fühlte eine große Erschöpfung. Die schlaflosen Nächte rächten sich. Er sehnte sich nach Haus.

Als er die Bahn verlassen hatte und um die Ecke bog, sah er aus seinem Fenster Amalie Zwinks Apfelgesicht herausstecken.

Das Fräulein winkte mit einem Tuch, als ob er von langer Seefahrt heimkehre.

Rasch war Sebastian oben. Aber nicht die Freude beflügelte seinen Schritt.

»Sie kühlen mir mein ganzes Zimmer aus«, rief er heftig. »Wedeln Sie doch Ihre Tücher woanders hin und her.«

Das lächelnde Apfelgesicht verzog sich sauer.

»Das ist der Dank. In Sorge und Erwartung stehe ich hier. So spät kommen Sie von einem solchen wichtigen Gang zurück. Aber ich gehe schon.«

In der Tür drehte sie sich um.

»Trotz alledem könnten Sie mir wohl sagen, was –«

»Ich bin vollständig gesund«, bellte Herr Sebastian Wenzel zurück.

»Sie brauchen zu keinem andern Arzt zu gehn?«

»Fällt mit nicht ein. Gesund ist gesund.« Sebastian ging auf die Tür des andern Zimmers zu.

Enttäuscht und beleidigt zog sich Fräulein Zwink zurück.

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