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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 6
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1956
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6

So spann sich Sebastian Wenzel in seinem Netz kleiner Behaglichkeiten zufrieden durch die Tage. Ruhig und gesund. Dann und wann schreckte ihn auch ein Zwischenfall, aber es lief am Ende immer alles gut ab.

So zum Beispiel der Beinbruch Amalie Zwinks.

Ein schlecht besohlter Schuh hatte das stets anständige Fräulein in diesen hohen Jahren zu Fall gebracht. Sebastian hörte den Lärm vor seiner Tür und öffnete sie. Aber als er sah, daß man seine Bekannte verletzt, oder gar tot, vorübertrug, war er wieder rasch in seine Wohnung zurückgetreten.

Durch die Dienstboten erfuhr er später den wahren Zusammenhang der Dinge. Eine heftige Beunruhigung erfaßte ihn. Er wagte sich kaum vom Stuhl zu erheben.

Endlich klingelte er und veranlaßte, daß man alle seine Schuhe und Stiefel bringe. Nun ließ er auf einem Fleck des Zimmers mehrere Daunendecken übereinander legen. Auf diesem gepolsterten Boden ging er in jedem Paar einige Zeit vorsichtig auf und ab, um diese gefährlichen Dinger auf ihre Sicherheit hin zu prüfen. Bis er zu wissen glaubte, welchem Paar er sich, soweit Menschen voraussehen können, unbesorgt anvertrauen dürfe. –

Einige ungewöhnlich schwere Tage brachen über ihn herein, als ihn, trotz seines vorsichtigen und behutsamen Lebenswandels, heftiges Zahnweh befiel. So entsetzlich heftig, daß er fürchtete, zum Zahnarzt gehen zu müssen. Diesen Weg kannte er nicht. So frei wie seine Lippen vom Küssen, waren seine guten zweiunddreißig Zähne, von denen jeder noch stramm seine Pflicht tat, frei von Plomben.

Fräulein Zwink tröstete und ängstigte ihn zugleich. Sie erzählte, daß sie oft monatelang zum Zahnarzt gegangen sei. Sie riet ihm, zu einem jungen Arzt zu gehen. Das hätte auch sie stets getan. Die jungen Ärzte hätten eine leichtere Hand und einen geschickteren Griff. Und dann solle er sich Goldplomben machen lassen. Die nimmt man noch in den Sarg mit.

Sebastian schauderte. Er wollte überhaupt nicht zum Zahnarzt gehen.

Er fragte den feinen, lebensgewandten General um Rat. Ob er denn kein Mittel gegen Zahnschmerz wisse.

»Ausziehn lassen«, sagte dieser.

»Das war vielleicht zu Ihrer Zeit Sitte. Heute tut man das nicht mehr«, rief Sebastian entrüstet. »Lesen Sie doch die Anzeigen in den Zeitungen.«

»Ihr Schmerz reißt Sie hin«, sagte der andere. »Ich weiß nur ein Radikalmittel, das einmal ein Soldat in meinem Regiment anwendete.«

»Nun?« fragte Sebastian gespannt.

»Er riß, von Schmerz gepeinigt, seine Pistole heraus und schoß den Zahn nieder.«

»Nicht möglich«, stieß Sebastian hervor. »Und das half?«

»Ja, das half gründlich. Aber bei Ihrer sehr begreiflichen Vorliebe für das Angenehme würde ich Ihnen doch raten, es erst einmal mit Kamillenumschlägen zu versuchen.«

Zorn und Zahnschmerzen bohrten und pochten in Sebastian. Wütend ging er nach Haus. Er zog die Vorhänge zu und machte sich Kamillenumschläge.

Da kam Amalie Zwink auf einen Sprung herüber. Sebastian hatte den Umschlag mit einem Riemen am Kopf angeschnallt und sah aus seinem Maulkorb mit bösen Augen auf die Nachbarin. Jetzt wird sie wieder in fünf Minuten von hundert ausgezogenen und tausend plombierten Zähnen sprechen und das ganze Zimmer mit Lachgas, Chloroform und Kokain erfüllen. Alle Weiber sollten dauernd unter Narkose gelegt werden, dachte er und wendete der Besucherin den Rücken.

»Hier hab ich etwas für Sie«, sagte Fräulein Zwink. »Es hat Tausenden geholfen.«

Das veranlaßte Sebastian, sich widerwillig umzudrehen und ein dargereichtes Fläschchen ärgerlich an sich zu nehmen.

Entsetzt prallte er zurück. Ein Totenkopf fletschte ihn an.

Was bedeutete das? In plötzlicher Ideenverbindung schnellte sein Blick von dem Fläschchen nach der Kouponschere drüben auf dem Schreibtisch. Was hatte dieses Weib mit ihm vor? Dabei pochte es in dem Zahn zum Verrücktwerden.

Amalie Zwink gab indessen ahnungslos in rascher, reicher Rede alle Anweisungen für die Verwendung des Mittels. Es war Jod, und ein Pinsel war auch dabei.

»Leise, leise über das Zahnfleisch streichen, lieber Herr Wenzel«, rief sie noch einmal in der Tür.

Sebastian warf ihr einen bösen Blick nach und schnallte sich seinen Maulkorb ab. Er war fest entschlossen, dieses Gift nicht in die Nähe seiner Lippen kommen zu lassen.

Zahnschmerz durchnagt die festesten Entschlüsse.

In der Nacht stand Sebastian auf und griff mit zitternden Fingern zum Fläschchen. Leise, leise strich er über das Zahnfleisch.

Am andern Morgen erwachte er ohne Schmerzen. Große Dankbarkeit gegen Amalie Zwink erfüllte ihn. Er zweifelte beinahe an ihrer Zugehörigkeit zu dem andern verruchten Geschlecht.

Exzellenz bemerkte Herrn Wenzels dankbare Freude und sagte:

»Sein Sie vorsichtig, lieber Freund. Machen Sie ihr keinen Heiratsantrag im Überschuß Ihres Glücks. Sie haben dann wieder niemand, bei dem Sie des Abends eine Tasse Tee trinken können.«

»Sie kennen mich wenig, Exzellenz«, erwiderte Sebastian würdig.

Aber er zeigte seine Dankbarkeit doch. Alle leeren Marmeladenbüchsen aus seiner Speisekammer ließ er zu Fräulein Zwink hinüberschaffen. Er hatte nicht vergessen, daß sie ihn kürzlich um etwas bat, in dem sie das Papageienfutter aufbewahren konnte.

Der Zahnschmerz kehrte nicht zurück. Bald war dieser Schreck überwunden und vergessen. Nach wenigen Tagen rechnete Amalie Zwink wieder unbedingt zum weiblichen Geschlecht, und alles ging wieder seinen gleichmäßigen, ruhigen Gang. –

Man war wieder einmal in der reichsten Zeit des Jahres, wenn überall die Welt in Blüten steht.

Von jeher hatte Sebastian Wenzel das Leben im Sommer doppelt angenehm empfunden. Wenn ihm die langen Tage und die ersparte Lampe auch nicht mehr dasselbe bedeuten konnten wie früher, brachten sie ihm dafür reichlich andere Freuden.

Wieviel Anregung brachte man von einem Sommerspaziergang nach Haus. Die Auslagen der Gemüse- und Obsthändler glichen wahren Ausstellungen. Wenn man zurückkam und wieder im kühlen Zimmer saß, konnte man stundenlang die verschiedenartigsten Speisezettel zusammenstellen. Und gesunde Mahlzeiten, denen man sich wirklich ohne Sorgen und Gewissensbissen hingeben konnte.

Die köstlichen Grützen von Johannistrauben und Himbeeren. Die grünen kleinen Erbsen, leicht durchwellt von kräutiger Sommerbutter. Reife rote Tomatenscheiben unter Weinessig und französischem Öl. Duftende Erdbeeren unter geschlagener süßer Sahne, die auf Eis gekühlt war. Weißwein, ein wenig von Waldmeister durchzogen und gewürzt. Der Sommer hatte sein Gutes, das stand ohne Zweifel fest.

Fräulein Zwink packte einen schwarzen Wachstuchkoffer, legte einen wallenden blauen Schleier um ihren Regenhut und fuhr in eine Sommerfrische an der See.

»Ich begreife Sie nicht«, sagte sie zu Herrn Sebastian Wenzel, als sie sich verabschieden kam. »Wenn ich Sie wäre ...« und sie sah sich im Zimmer um, als suche sie den Geldschrank, an den sie im Augenblick dachte.

»Niemand kann aus seiner Haut«, sagte Sebastian.

»Nun, man braucht wohl nicht gleich aus der Haut zu fahren, wenn man eine kleine Reise tut«, entgegnete Amalie Zwink. Sie war gereizt und hatte Reisefieber. Außerdem vertrug sie keine Hitze.

»Wenn ich nicht wüßte, daß man überall auf Weibervolk stößt ...« Sebastian betrachtete die erregt Atmende mit spöttisch zugekniffenen Augen.

»Das kann man vermeiden, wenn man will. Ich bin immer nur mit Herren gereist«, erwiderte Fräulein Zwink voll Würde. Dann ging sie.

Sebastian sah hinter den Pelargonien zu, wie sie mit Koffer, verschnürten Schachteln und Schirmrollen davonfuhr.

Er dachte: In dieser Zeit der jungen Gänse, frischen Gemüse und reifen Früchte braucht man wirklich keinen menschlichen Umgang. –

Der General jedoch verreiste auch nicht. Er sagte, daß er zu alt dazu sei. Dann und wann kam er auf Herrn Sebastian Wenzels schattigen Balkon, um Sommerluft zu atmen.

Meist saßen sich die beiden Männer schweigend gegenüber. Sebastian hatte genug mit seinen Speisezetteln zu tun. Drängten sich doch alle die guten Sachen auf eine kurze Zeit zusammen. Es war nicht leicht, diese Fülle des Guten wirklich geschickt auszunutzen, Nachdenken und Überlegen gehörte dazu. Aus seinem Grübeln heraus konnte er entrüstet sagen:

»Es ist beinahe lächerlich, daß Kirschen, Erdbeeren, ja, alle Beerensorten und Pfirsiche und Aprikosen zu gleicher Zeit reifen. Es ist doch ausgeschlossen, daß man da allen gleichmäßig gerecht werden kann.«

»Warum haben Sie nur diese rauhen Pelargonien auf dem Balkon? Lieben Sie keine Rosen?« sagte der alte Herr statt einer Antwort.

»In dieser Jahreszeit, wo sie preiswert sind, mag ich sie eigentlich recht gern«, erwiderte Sebastian nachdenklich. Er beschloß, sich den nächsten Vormittag freizuhalten, um einige Rosenstöcke zu kaufen.

Der Sommer wurde sehr heiß.

Herr Sebastian Wenzel nahm jeden Tag ein kühles Bad in seiner Badestube und fühlte sich ungemein wohl.

»Wie man sich nach dem Meer sehnt«, sagte der alte General. »Ich verstehe nicht, wie es ein Mann wie Sie hier aushalten kann.«

»Ich bade doch hier«, antwortete Sebastian. »Auch im Meer kann schließlich auf meinen Körper selbst nicht mehr Wasser kommen als in einer Wanne.«

Exzellenz seufzte und erwiderte nichts.

Nach einer Weile sagte er:

»Ich verstehe es, daß Sie niemals geliebt haben, Herr Wenzel.«

»Also doch, das freut mich.« Sebastian wurde fast lebhaft. »Gerade Sie, der Sie die großen Erfahrungen haben, Sie müssen mir im Grunde recht geben. Wieviel nutzlose Erregung, Mühe und Unkosten hab ich mir dadurch erspart«, rief er erfreut.

Sein Freund sah ihn lächelnd an.

»Es wird uns nichts erspart, mein Lieber«, sagte er. »Sie werden auch noch daran glauben müssen. Altes Holz brennt am besten.«

Sebastian lachte. Das war etwas sehr Ungewohntes und sah aus, als ob sich der ernsthafte Herr Sebastian Wenzel verschluckt habe.

»Vielleicht – Fräulein Zwink«, sagte er und verschluckte sich wieder.

»Selbst das wäre möglich. Ehe der Sargdeckel nicht zuklappt, ist kein Mann sicher«, antwortete der General. Er richtete sich mühsam auf, um einem weißgekleideten jungen Mädchen, das leichten Schrittes durch die Straße ging, möglichst lange nachsehen zu können.

»Wie würde ich dieses Mädchen lieben, wenn ich selbst noch liebenswert wäre«, murmelte er.

Sebastian wurde verstimmt. Das Wort Sarg war ihm unappetitlich. Anspielungen auf Alter und Tod brachten ihn um alle Laune. Störten ihm Schlaf und Verdauung.

Man sollte überhaupt mit niemand sprechen, sagte er sich, als er des Abends ins Bett stieg. Was hat man von andern Menschen? Nichts als Beunruhigung. Würde man sich selbst je etwas Unangenehmes sagen? Nein. Das hat man nur von andern zu erwarten.

Im Bett verzehrte er noch von einem feinen Glastellerchen einen saftigen Pfirsich.

Dabei dachte er: Merkwürdig, daß sich die Zunge, der allein wir den Geschmack verdanken, auch zu ödem Geschwätz hergeben muß.

Dann schlief er ein.

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