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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 5
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1956
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5

Man kann trotz redlichen Bemühens nicht immer folgerecht im Leben handeln. Das mußte auch Sebastian Wenzel erfahren. Trotz seines tiefen Hasses gegen das andere Geschlecht wurde sein erster Gast eine Frau. Seine Nachbarin, die auf dem gleichen Flur die andere Wohnung und den von Blumentöpfen umrahmten Balkon innehatte.

Sie hieß Amalie Zwink und war ganz das Gegenteil des langen, hagern Herrn Wenzel. Auf einem kurzen, prallen, runden Körper saß ein wohlfrisierter, rotwangiger Apfel, aus dem zwei blanke Kanarienvogelaugen neugierig und freundlich blinzelten. Daß dieses runde Apfelhaupt und das übrige Rund durch einen Hals verbunden war, verrieten ein weißer Kragen und eine goldene Brosche, die sonst wohl nicht dagewesen wären. Zu sehen war er nicht.

Freundschaft ist ein Geschenk des Himmels. Ohne jedes Zutun war Sebastian Wenzel zu dieser Freundin gekommen.

Eines Tages klingelte sie bei Herrn Sebastian Wenzel und war da. Sie sagte, daß sie noch aus der guten, alten Zeit stamme, wo Nachbar und Nachbar sich besuchten, setzte sich ihm gegenüber und erzählte ihm nach wenigen einleitenden Worten ihre Lebensgeschichte.

Sie war immer ein anständiges Fräulein gewesen und jeder Mann hatte sich ihr gegenüber auch anständig benommen. Der Liebenswürdigste von allen hatte ihr ein Schnittwarengeschäft eingerichtet, das sie nun verkauft habe. Jetzt war sie Privatiere und nichts weiter. Sie wollte Ruhe haben. Ihr ganzes Leben hatte sie sich dieses Heim gewünscht, wo niemand außer ihr zu mucksen habe.

Hier nickte Sebastian Wenzel langsam. Er verstand dieses Fräulein.

Aber noch in einem wichtigeren Punkt stimmten beide Nachbarn überraschend überein. Amalie Zwink beseelte eine ebenso große und starke Abneigung gegen das weibliche Geschlecht wie Herrn Wenzel. Sie verabscheute es.

»Ich kenne die Weiber«, sagte sie. »Herr Gott, was haben sie mir zugesetzt im Leben. Dieses Geklatsch, dieses Spionieren, dieses neidische Getue. Noch heute, wo ich doch sozusagen über die Grenze bin und mich um niemand mehr zu kümmern habe, sind mir diese Teufel im Unterrock ein Greuel. Dagegen die Männer. Welch ein vornehmes Geschlecht. Wieviel Liebenswürdigkeit, Nächstenliebe und Offenherzigkeit begegnet man, wenn man nur halbwegs seine Auswahl zu treffen weiß.«

Fräulein Zwink schloß ihre Rede mit der Versicherung, daß sie das stets vollkommen anerkannt habe. Sie habe Gutes mit Gutem vergolten. –

Amalie Zwink sprach immer. Zu Haus, wo niemand außer ihr zu mucksen hatte, mit ihrem Papagei. Der widersprach nicht, sondern krähte zu allem: Recht so, mein Pappelpäppchen. Genau wie es einst sein Herr getan, dem das Fräulein diese lebende Gabe verdankte. Das war ein Kapitän gewesen, der, als er alt und müde und dick geworden war, seine Tage bei Amalie Zwink vergähnt hatte. Tief aus dem Lehnstuhl heraus hatte er auf alle Fragen der lebhaften Ladendame: Recht so, mein Pappelpäppchen, geantwortet. Als ein guter Mann mit einem Gemüt wie ein Kind war er seiner Freundin im Gedächtnis geblieben ...

Wenn Fräulein Amalie dem Papagei nichts mehr zu sagen hatte, kam sie, wie sie sich ausdrückte: auf einen Sprung zu Herrn Wenzel hinüber. Mit diesem Sprung schlug sie den Weltrekord aller Sprünge, denn er währte mindestens eine Stunde. Sie erzählte und erzählte, und es war beinahe, als ob sie zu Haus wäre. Sebastian Wenzel rührte sich nicht. Und so wie der Papagei stets liebenswürdig: Recht so, mein Pappelpäppchen lobte, sagte Sebastian Wenzel in kurzen Abständen: Wie Sie das Leben kennen, mein Fräulein.

Und diese Worte schürten aufs neue die Flamme der Beredsamkeit.

Herr Sebastian Wenzel hatte sich schon an die Eigentümlichkeiten seiner beredten Nachbarin gewöhnt. Von ihrer langjährigen Wirksamkeit hinter dem Ladentisch hatte die Dame eine eigentümliche Angewohnheit zurückbehalten. Ihr war noch immer der Meter das Maß aller Dinge. In der Eile ihrer Rede sagte sie:

»Nein, wenn ich denke; was jetzt der Meter Milch kostet. Und erst der Meter Butter.« Oder sie fragte heftig:

»Was zahlen Sie für den Meter Kaffee, werter Freund?«

Manchmal ertappte sie sich bei ihrem Irrtum und sagte lachend:

»Ja, mir steckt der Meter nun einmal im Leibe.«

An den langen Winterabenden wurde es Sitte, daß Herr Sebastian Wenzel eine Tasse Tee bei Fräulein Zwink trank. Da saßen sie sich in der wunschlosen Schläfrigkeit alternder Leute gegenüber. Neben ihnen schlief der Papagei auf seiner Stange, den Kopf unter den Flügeln. Nur wenn Amalie Zwink sich bei dem lebhaften Erzählen ihrer vielen, reichen Erinnerungen zu einem lauteren Wort hinreißen ließ, steckte er den Schnabel hervor und stotterte: Recht so, mein Pappelpäppchen. Dies weckte für gewöhnlich auch Herrn Wenzel aus seinem leichten Dusel, und er murmelte: Wie Sie das Leben kennen, mein Fräulein.

Diese Abende mußten beide gemütlich finden. Herr Wenzel war beinahe ärgerlich, als sich ein Dritter dazugesellte, trotzdem es sich um ein männliches Wesen handelte.

Es war ein alter General außer Diensten, der – nach Amalie Zwinks Aussagen – eine kleine Wohnung im Hinterhaus und das Podagra im großen Zeh hatte. Fräulein Zwink wußte dies durch den Portier. In einem ihrer nicht seltnen Augenblicke unbezwinglicher Neugier hatte sie sich auch seine Bekanntschaft erzwungen, als sie eines Tages gleichzeitig das Haus betraten.

Und auch er wurde schwach gegen sie.

Wenn auch aus ganz anderer Ursache als Herr Sebastian, den der Haß zum Weibe mit ihr verband. Er im Gegenteil konnte keinem weiblichen Wesen etwas abschlagen. Als Amalie Zwink mit dem ganzen Geschütz ihrer galanten Jugenderinnerungen anrückte, schloß er die Augen und begann sie sich jung und schlank und schön vorzustellen. Denn er träumte immer noch von den Reizen junger Frauen. Er sagte: Das Weib ist das Kleinod der Welt.

Aus diesem Grunde mußte er Herrn Sebastian Wenzel unausstehlich sein. Es war schade um den Mann, dessen ganzes Wesen sonst vornehm und einwandfrei war. Auch war Herr Wenzel nicht ganz unempfindlich gegen das Wort Exzellenz. Es war immer wieder angenehm zu hören, wenn die Haushälterin anmeldete:

»Seine Exzellenz ist da, Herr Wenzel.«

Außerdem wußte der feine alte Herr einige ganz auserlesene Gerichte. Zum Beispiel eine Pastete mit Krebsschwänzen. Noch ganz spät am Abend war er mit dem Rezept dazu angehumpelt gekommen, das er lange unter seinen Papieren gesucht hatte. Trotzdem er sich selbst alle diese guten Dinge versagen mußte.

»Das Podagra, mein Lieber, die vielen allzu guten Stunden ...« erklärte er.

Ein Lächeln lag um die welken Lippen. Die spitzfingrigen, wohlgepflegten Hände hielten ein feines weißes Tuch, dem ein zarter Blumenduft entstieg. Man sah ihm an, daß er sich um viele Jahre zurückträumte. Dann erlosch sofort alle Herzlichkeit für ihn bei Sebastian, und er fand ihn unausstehlich.

So ging es ihm wie manchem in der Welt. Den einzigen Freund, den er hatte, mochte er nicht leiden. –

Wenn sich Sebastian und Amalie wieder einmal einig über die Schlechtigkeit der Frauen waren, schüttelte Exzellenz mit leichtem Lächeln den Kopf, strich sich mit der schmalen Hand über das dünne Haar, das sorgsam gescheitelt war, und sagte:

»Glauben Sie mir, mein Freund, die Frauen haben trotzdem ihr Gutes.«

»Nichts, das wir nicht besser hätten«, murrte Sebastian Wenzel.

»Nun – nun – immerhin ...« Exzellenz versank in lächelndes Lächeln. Erst nach einer langen Pause sagte er:

»Die Liebe, mein Freund, ist alles.«

»Und die Freundschaft schätzen Sie für nichts?« rief Amalie Zwink. Seit sie die Fünfzig überschritten hatte, stellte sie die selbstlose Freundschaft höher als die Liebe. Sie nannte dies ihre Lebenserfahrung.

»Freundschaft?« Exzellenz zuckte die Schultern. »Vertraut ist jeder nur mit seinen eigenen Sorgen und Wünschen. Freundschaft ist ein Unterhaltungsspiel oder ein Betrug. Aber die Liebe ... Auf den ersten Blick versteht man einander. Nur durch die Liebe kann man sich einander verständlich machen. Darum ist man in der ersten Jugend und im Alter einsam.«

Amalie Zwink seufzte hörbar.

»Ich will nicht widersprechen«, sagte sie schwach.

»Aber ich bestreite das durchaus«, entgegnete Sebastian beinahe heftig.

»Das nehme ich Ihnen durchaus nicht übel, lieber Herr«, sagte Exzellenz.

Diese Liebenswürdigkeit entwaffnete Herrn Sebastian Wenzel. Sein Zorn verrauchte. Er wurde wieder freundlich gesinnt.

Denn er liebte die Zufriedenheit.

Wenn er wieder allein war und ihm der angenehme Dunst guter Bratensoßen oder der frische Duft saftigen Tafelobstes in die Nase stieg, sagte er sich: Was geht mich das alles an? Die Hauptsache ist, daß man sich gesund fühlt, Angenehmes zu genießen versteht und Unangenehmes vermeidet.

Dann setzte er sich auf seinen Fensterplatz, sah hinaus und überlegte, wann es wieder Zeit sei, sich den Bart schneiden zu lassen. Und so einmal ins Denken gekommen, fiel ihm bald die frische Gänseleberpastete ein, die er heute abend öffnen wollte, und ihm wurde unendlich wohl zumute.

Am Abend, als es ganz still im Zimmer war, strich er, bei behaglich gedämpftem Licht, die reich getrüffelte Pastete auf die knusprig gerösteten Semmelscheiben.

Lächelnd dachte er an den Freund, der die Macht der Liebe pries. Der hatte das Podagra.

Er hatte Leberpastete und Gesundheit.

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