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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 26
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1956
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26

Es war an dem Tag vor dem Ball.

Frau Wendland war im Zimmer geblieben, um zu packen. Marianne hatte helfen wollen, aber die Mutter sagte: »Spring nur herum, Kleine, ich werde schon allein fertig werden.«

Das blonde Mädchen hatte ihr einen heftigen Kuß auf die Backe gedrückt und war davongegangen. Marianne hatte einen heimlichen Plan, der das Glück der Mutter sein konnte.

Draußen traf sie bald Herrn Wenzel, und sie schritten beide miteinander fort, den sonnigen Weg am blauen Meer entlang.

Bei einer Bank, von der man weit über das Wasser blicken konnte, machten sie halt, setzten sich und blickten auf die sonnendurchglitzerte Flut.

Sie leisteten sich schweigend Gesellschaft. Wie meist. Marianne war nicht geschwätzig. Herr Wenzel verglich sie heute mit anderen weiblichen Wesen. Nur um nach der Uhr zu fragen, verübten diese ein langes Geschwätz, während dieses junge Geschöpf stundenlang in schweigendem Sinnen verharren konnte.

Sie saßen an derselben Stelle, an der Herr Sebastian Wenzel einmal die trauernde Frau mit den spielenden Kindern sah.

Was alles konnte dem jungen Mädchen an seiner Seite bevorstehen, wenn man sich nicht seiner annahm, dachte er sorgenvoll.

»Dies ist so recht der Platz, um an etwas Wunderschönes zu denken«, sagte Marianne und sah mit strahlenden grauen Augen weit in die Ferne hinaus.

Das Wunderschöne, an das sie dachte, war der blonde Assessor mit dem kleinen Schnurrbärtchen, der die Raubmörder in zehn Minuten freisprach. Wenn er im Herbst die Anstellung bekam, auf die er hoffte, konnten Marianne und er schon einen Weihnachtsbaum im eigenen Heim haben. Jeden Tag schrieben sie sich, und fast in jedem Brief kam dieser Weihnachtsbaum vor, und Marianne dachte an ein schönes großes Zimmer mit schweren Eichenmöbeln und einer grünbeschatteten Lampe über dem Tisch, an dem sich zwei gegenübersaßen, die sich liebhatten.

Unendlich froh war Marianne zu Sinn.

Nur daß sie die Mutter allein lassen sollte, quälte sie ein wenig. Trotzdem der Assessor sagte, daß dies der Lauf der Welt sei. –

»Erzählen Sie mir eine Geschichte«, sagte Marianne nach diesen vielen Grübeleien zu Herrn Wenzel. »Eine Geschichte aus Ihrem Leben. Übermorgen schon können wir nicht mehr miteinander sprechen.«

»Ich habe keine Geschichte«, erwiderte Herr Wenzel und lächelte Marianne freundlich an. »Ich habe immer für mich selbst gelebt – ganz allein.«

»Kommen Sie gar nicht mit Menschen zusammen?« fragte Marianne erstaunt.

»Das wohl – aber deshalb kann man doch allein leben. Ich meine damit, daß man sich um niemand kümmert und auch nicht will, daß andere einem nahe kommen.«

Sie schwiegen wieder. Aber Marianne öffnete mehrmals den Mund, als ob sie sprechen wollte.

Endlich sagte sie:

»Lieber Herr Wenzel, wie lieb ich Sie gewonnen habe.« Sie strich schüchtern über die knochige alte Männerhand. »Nämlich ich – ich bin so herzensfroh – der Assessor und ich – Weihnachten haben wir vielleicht schon einen Tannenbaum im eigenen Heim – nur daß ich die Mutter allein lassen soll, das kommt mir unrecht vor – wird mir so schwer zu denken – lieber Herr Wenzel – auch Sie sind allein – und hier immer mit uns zusammengewesen – Sie glauben nicht, was die Mutter für eine tüchtige Hausfrau ist – wie gut sie ist. Mutter ist überhaupt die beste Frau auf der ganzen Welt.«

Tränen schossen in ihre Augen und nahmen ihr den Blick.

Rasch zog sie das kleine, feine Taschentuch hervor, das mit Spitzen umsäumt war, und trocknete sich die Augen.

Sie sah zu Herrn Wenzel hinüber, der ganz stillgeblieben war.

Er saß ernst und unbeweglich im vollen Sonnenlicht. Sein Gesicht war Marianne niemals so scharf und hager erschienen. Man sah die Adern sich unter der grauen Haut bewegen. Sie erschrak. Vielleicht hatte es die Mutter allein doch besser. Was sollte sie bei dem fremden Mann? Sie begriff nicht, wie sie einen Augenblick lang hatte denken können, daß dies ein Glück für die Mutter sein müsse.

In ängstlicher Erwartung betrachtete sie den alten Mann. Wie dünn und blaß seine Lippen waren. Seine Augen schimmerten feucht. Jetzt füllten sie sich ganz mit Wasser. Auch des Großvaters Augen tränten immer. Aber Herr Sebastian Wenzel war ihr bisher viel jünger und netter erschienen.

Unruhig bewegte sie sich auf der Bank, die sie miteinander teilten.

Herr Wenzel blickte auf.

Marianne errötete.

»Was ich alles geschwatzt habe – Sie haben wohl gar nicht zugehört«, sagte sie.

»Doch«, erwiderte Herr Sebastian Wenzel. »Aber ich habe leider gar keinen übrigen Platz in meiner Wohnung.«

»Das dachte ich beinahe«, sagte Marianne erleichtert, und ihre Augen wurden wieder glänzend. »Entschuldigen Sie nur mein dummes Geplapper.« Sie drückte wieder heftig Herrn Wenzels Hand, aber strich danach heimlich die Finger an ihrem weißen Kleid ab. Solche alten Männer haben ganz eiskalte Hände. Schauerlich.

Sie wollte nun baden gehen und sah Herrn Wenzel zum Abschied herzlich an. Er war ihr vertraut. Er wußte nun, daß sie jemand liebhatte. –

Wie warm und klein eine Mädchenhand ist, dachte Herr Wenzel, als er in das Hotel zurückging, um anzusagen, daß er heute abend reisen werde.

Die Hitze wurde unangenehm. Er brauchte wohl nicht abzuwarten, bis alle andern wieder gereist waren. Er war schließlich nicht der Portier hier.

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