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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 24
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1956
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24

Selbst alternde Leute, die noch jung sein möchten, sagen oft: Zu meiner Zeit war das besser. Als ob ihnen nicht auch das Jetzt gehörte. Sie wissen nicht, was sie damit verraten. Ihre Augen sind nicht mehr scharf, und ihre Herzen nicht mehr warm genug, um das Leben so bunt zu sehen, so stark zu fühlen, wie sie es einst vermochten, und wie es heute wieder so viele junge können. Ihre Zeit war ihre Jugendzeit.

Herrn Sebastian Wenzel ging es umgekehrt.

Ihm schien es, als ob sich im Laufe der Zeiten doch manches verbessert habe.

Vor allen Dingen die jungen Mädchen. Ein Geschöpf wie die kleine wohlerzogene Marianne gab es in seiner Jugend nicht. Darüber war er sich vollkommen klar. –

Als er eine Stunde nach der bewegten Meeresfahrt auf dem Sofa erwachte, fühlte er sich jung und frisch. Er stand auf, zündete sich ein Pfeifchen an und streckte sich noch einmal behaglich aus, um mancherlei Gedanken nachzusinnen.

Er sah auf die geschlossenen Fensterläden, die dem Zimmer zu einem angenehmen Halbdunkel verhalfen. Die strahlende Sonne, die draußen lag, färbte sie in lichtes Frühlingsgrün. Er hörte das Meer, aber es plätscherte sanft, als ob Kinderhände im Wasser spielten. Die Fliegen summten behaglich, gleichmäßig, wie das Brummen eines Teekessels. Sie hätten Herrn Wenzel noch viel besser gefallen, wenn sie weniger kalte Beine hätten, was er unangenehm empfand, wenn sie ihm in einem unbewachten Augenblick über die Hände oder gar über das Gesicht krabbelten.

Herr Wenzel dachte natürlich an den heutigen Morgen.

Wie hätten sich die Mädchen früherer Zeiten bei einer solchen bösen Fahrt benommen? Zum Beispiel seine Schwester, seine Cousinen oder ihre Freundinnen? Sie wären selbst seekrank geworden oder hätten ohne Unterlaß über die Leidenden gekichert. Und ihre Haare hätte der Wind zerzaust und sie hätten als dunkle Strähnen, wie unappetitliche Schlangen, um ihre Köpfe geweht.

Wie adrett und nett war das rote Mützchen auf dem blonden Haar sitzengeblieben vom Anfang bis zum Ende der Fahrt. Und selbst wenn sich eines dieser vielen Haare losgelöst hätte, wäre es sicherlich nicht anders anzusehn gewesen als ein Sonnenstrahl mehr in der blauen Weite! –

Aber man brauchte nur an Fräulein Laubwurzel zu denken. Sie war wohl kaum mehr als zwanzig Jahre älter, und wie sah sie aus und wie benahm sie sich? Wie geschwätzig war sie. Die bewies deutlich, wie minderwertig die Mädchen noch vor vierzig Jahren auf die Welt kamen. Es gab keinen Zweifel.

Bei Tisch beschloß Herr Sebastian Wenzel nach beendeter Mittagsruhe zum Leuchtturm hinüberzufahren, dessen Wärter hundert Jahr alt sein sollte. Es konnte Spaß machen, den Alten einmal in der Nähe zu sehen. Bisher hatte Herr Wenzel stets die kurze Bootfahrt gescheut. Jetzt wußte er, wie harmlos das Wasser nahe am Strande war.

Außerdem wünschte er nicht, Fräulein Laubwurzel zu begegnen. Er hatte im Spiegel gesehn, wie oft sie im Speisesaal das Lorgnon auf ihn gerichtet hatte. –

Als Herr Wenzel, bereit zur Fahrt, an den Strand kam, suchte er Frau und Fräulein Wendland zu finden. Er war überzeugt, daß es auch ihnen Freude machen würde, diesen seltnen alten Mann zu sehen. Das kleine Fräulein hatte ihm heute morgen liebenswürdig beigestanden. Er fühlte sich verpflichtet, aufmerksam zu sein.

Herr Wenzel hielt nach dem roten Mützchen Umschau und daher bemerkte er die Damen erst, als sie dicht vor ihm standen. Marianne trug heute einen großen Hut mit einem Kranz junger Rosen auf dem Blondhaar.

Mutter und Tochter dankten Herrn Wenzel sehr für seine freundliche Aufforderung. Aber Marianne wollte einen Brief schreiben und nach Hause gehen. Sie versprachen, Herrn Wenzel bei seiner Rückkehr auf dem Steg zu erwarten.

Herr Wenzel zögerte, ob er die Fahrt allein unternehmen sollte. Da sah er Fräulein Laubwurzel den Weg vom Haus herunterkommen. Wie ein Grenzsoldat spähte sie nach allen Seiten, ihr lang gestieltes Augenglas bereithaltend.

Herr Wenzel verabschiedete sich und stieg in ein Ruderboot.

Frau Wendland und Marianne sahen ihm nach und sprachen miteinander. Ihm schien, als sähe Marianne traurig und gequält aus.

»Hier könntest du mit ein wenig Geschicklichkeit dein Glück machen, wenn du dir deine Torheiten aus dem Sinn brächtest«, sagte die Mutter, während ihr Blick dem fortgleitenden Schiffchen folgte.

»Geld ist noch kein Glück«, antwortete Marianne und ging der Mutter voran den Weg hinauf.

Herr Sebastian Wenzel konnte deutlich sehen, wie sie leicht über den Strand eilte und über die Terrasse ins Haus schritt.

Da hielt auch das Boot. Unerwartet sah Herr Wenzel den Leuchtturm erschreckend groß vor sich aufragen. Er stieg ans Land und ging einmal um den dicken Turm herum und wieder zurück. Der greise Alte war nicht zu sehen. Das Meer dröhnte hier unangenehm laut, denn die weißen Schaumwellen polterten und zeterten an den Felsen, als wollten sie den Turm zu sich herunterholen.

Der Bootsmann, der unten wartend im Boot stand, das wie eine Fliege in der Milch zappelte, deutete mit lebhaften Armbewegungen an, daß der Herr auf den Turm hinauf müsse.

Herr Wenzel verschwand im Innern des Turmes und begann zu klettern. In seinem ganzen Leben hatte er noch nicht soviel Stufen gesehen. Er drehte sich wie ein Korkenzieher im Flaschenhals, ohne zu merken, daß er weiter kam. Immer wieder ringelte sich eine neue Wendung aus der andern. Endlich fühlte er doch einen Luftzug, noch einige Kreiseldrehungen, und er wand sich durch ein offnes Loch ins Freie hinaus. Er stand auf einem drahtumsponnenen Balkon und sah auf einem niedern Schemel einen Graubart Pfeife rauchen.

Also auch Pfeife, dachte Herr Wenzel, während er die Schweißtropfen abtupfte und Atem holte. Dann sah er sich um und schloß erschreckt die Augen. Gräßlich hoch stand er, zwischen Himmel und Wasser. Erst nach geraumer Zeit wagte er sich wirklich umzuschaun. Unendlich viel Wasser sah er. Hier begriff er den Spektakel, den diese Massen Tag und Nacht verursachen mußten.

Herr Wenzel schüttelte den Kopf. Gewiß, der Mensch brauchte auch Wasser zum Leben, aber dieses hier war Übermaß.

Er suchte das Ufer. Wie zu einer Spielzeugschachtel gehörig sah der kleine Ort und das Hotel aus, wo Fräulein Marianne jetzt Briefchen schrieb.

Der Alte war aufgestanden und hatte sich Herrn Wenzel zur Seite gestellt.

Er klappte den zahnlosen Mund auf und zu, aber Herr Wenzel verstand ihn nicht. Da versuchte er sich in schlechtem Deutsch verständlich zu machen. Er war ein Seemann gewesen und hatte auch oft in deutschen Häfen gelegen. Aber fünfzig Jahre war das nun her.

Herr Wenzel kam sich gegen ihn wie ein Kind vor. In heiterer Zufriedenheit fragte er den Alten, ob er verheiratet gewesen sei.

Der nickte ernst und machte dem fremden Herrn verständlich, daß seine Gefährtin ihn allein gelassen habe und dort unter den Zypressen schon lange ruhte.

Er zerrte Herrn Wenzel in eine kleine Kammer, wo an der Wand an rostigen Haken Frauenkleider, Tücher und Schürzen hingen, als ob die Bewohnerin dieses Zimmers nur einen kurzen Ausgang unternommen hätte. Der Alte strich über die Falten eines zerschlitzten Rockes und sagte: es sei nicht gut, daß er nicht mehr ihre Schritte hören könnte und ihm nun Fremde sein Essen zubereiten müßten. –

Der Abstieg vom Turm fiel Herrn Wenzel bedeutend leichter. Auf einer der vielen Stufen war ihm in den Sinn gekommen, wie hübsch ein rotes Mützchen von der braunen Wand des Korridors leuchten müßte. Schon wenn man die Tür aufschloß, würde man sie leuchten sehen.

Und weiße Kleider an den Riegeln würden den einfenstrigen Kleiderraum heller machen.

Herr Wenzel stand wieder am Fuße des Turmes. Ein Möwenlachen zwitscherte auf. Erstaunt sah sich Herr Wenzel um. Wartete hier jemand auf ihn? Aber es waren weißgefiederte Möwen, die sich kreischend auf eine Klippe schwangen. –

Vom Boot aus erkannte Herr Wenzel bald Frau Wendland auf dem Steg. Sie las in einem Buch. Marianne sah über das Wasser, und als sie den Näherkommenden erkannte, winkte sie mit einem kleinen weißen Tuch, das sie wie eine Taube umflatterte.

Als Herr Wenzel ans Land kam, gesellte er sich zu den Damen. Er erzählte ein wenig von seiner Fahrt, dann erwarteten sie schweigend den Sonnenuntergang. Als ein großer Purpurdrache, von weißen Wolkenstreifen gezogen, glitt die Sonne langsam auf das Meer hinunter. Feuriger Flammenschein rötete Himmel, Meer, Häuser und Gesichter.

Fräulein Marianne stand auf Zehenspitzen in den Schuhen aus Schlangenhaut, als wolle sie die Sonne länger als die andern sehen.

Herr Wenzel mußte an das Plakat denken, das ihm so gut gefallen hatte. Er reichte Marianne sein großes Fernglas, das er sich für den Leuchtturm mitgenommen hatte.

Mariannes graue Augen mit den braunen Pünktchen sahen ihn erstaunt an.

»Für die Sonne?« fragte sie.

Herr Sebastian Wenzel nickte, und das junge Mädchen nahm verlegen das schwere Glas in die Hand.

Es wurde still. Das Blau des Himmels war erblaßt. Auf der geraden Linie des Horizonts rannte ein eifriger Dampfer vorwärts.

Im Dorf begann eine Glocke zu läuten. Weich und hell tönte sie in die friedliche Abendruhe.

»Wie froh das Glöckchen stimmt, wie glücklich es mich macht!« rief Marianne, und ihre strahlenden Augen sahen weit in die Ferne. Lächelnd sprang sie den Steg entlang und lief den alten, ernsthaften Leuten davon.

Ein Schiffer, der am Rand des Steges saß, nahm die Mütze ab und bekreuzigte sich. Er sagte, daß die Glocke läute, weil ein alter Mann im Dorfe gestorben sei.

Frau Wendland machte ein trauriges Gesicht und übersetzte seine Worte Herrn Wenzel.

Wie gut, daß wir nicht alles wissen, was um uns herum geschieht, dachte dieser.

Bald darauf sagte Mariannes Mutter mit freundlichem Lächeln:

»Ich glaube, auch mit dem Fernglas wird man die Sonne heut nicht mehr sehn.«

Und sie erhoben sich und gingen dem Land zu.

Am Abend saß Herr Wenzel wieder auf der Terrasse. Unter den Sternen, zwischen den müde murmelnden Wellen und der wiegenden Walzermusik.

Neben ihm plauderten Frau und Fräulein Wendland.

Marianne sagte, daß die Wellen sie an Wagengeroll erinnerten. In der Stadt kenne sie nichts Schöneres, als vom Fenster aus auf die Straße zu sehen. In der Dämmerstunde, vor den Scheiben, mußte eine Blume duften. Sie dachte dann, was und wer wohl alle die vielen Vorübereilenden daheim erwarten mochte.

Dann schwieg sie wieder. Zurückgelehnt in den Stuhl blickte sie zu den Sternen auf.

»Ich möchte in einer Hängematte schaukeln, die an zwei Sternchen hängt«, sagte sie und lachte.

»Wirklich?« fragte Herr Wenzel und sah nach den glitzernden Punkten da oben.

Er bedauerte bei sich, daß man diesen kindlichen Wunsch des kleinen Mädchens nicht erfüllen konnte.

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