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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 23
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1956
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23

Herr Wenzel blieb allein am Tisch. Frau Sprechhammer bereitete sich oben im Zimmer auf die Seefahrt vor.

Ihren Gemahl aber konnte man durch die hohen Saalfenster sehn. Eifrig lief Herr Stadtrat auf dem schmalen Holzsteg hin und her, der zum Boot führte. Er brachte Kissen, Blumen, Flaschen herbei. Ganz in Weiß, mit Schirmmütze, glich er einem Kapitän, der seine Ladung verstaute.

Jetzt betrat die mollige Gräfin den schwankenden Steg und trippelte ängstlich lächelnd auf das Boot zu. Herr Stadtrat kam ihr entgegen und zog die Mütze. Er reichte ihr die Hand und half der schönen Dame in das Boot zu klettern, das davon, aufs heftigste bewegt, auf dem Wasser herumzuhüpfen begann.

Am Ufer begrüßte jetzt Frau Sprechhammer mit wehendem Automobilschleier Frau Wendland und ihr blondes Töchterchen. Sie sahen wartend zum Hotel zurück.

Herr Wenzel trank Schluck auf Schluck, aß Bissen auf Bissen langsam und vorsichtig, wie es bekömmlich war, während er dies alles beobachtete.

Nun war er fertig, und bald schritt er mit den andern über den Steg, hinein in das jetzt wie ein scheues Pferd herumspringende Boot.

»Nur ruhig«, sagte Herr Stadtrat und hob die Hände, als führe er einen Taktstock. »In wenigen Minuten gleiten wir dahin, wie über gebohnertes Parkett.«

Das Boot fing zu schnurren an, drehte sich blitzschnell im Kreis herum, aber ehe Herr Wenzel noch sagen konnte, daß er Karussellfahren nicht vertragen könne, hatte es sich beruhigt und glitt stolz davon, wie ein aufgezogener Schwan, in dessen Innern es rasselt.

Herr Wenzel merkte, daß es hier nach Benzin und Heliotrop roch. Der Parfümduft ging ihn nichts an, aber der Benzingeruch beunruhigte ihn sehr.

»Ist das nicht unerhört gefährlich?« fragte er.

Jetzt erst wurde er sich klar, daß er sich aus einer Gefahr in die andre gestürzt hatte.

Immer weiter entfernte sich das sichere Land, wo man fest stehen und sicher gehen konnte.

Was hatte er hier zu tun? Mitten auf dem Wasser zwischen lose aneinandergefügten Brettern neben einer Benzin-Maschine?

Er sah sich nach den andern um. Herr Stadtrat und die Gräfin lächelten sich an. Frau Sprechhammer und Mariannens Mutter plauderten leise miteinander. Das junge Mädchen saß für sich allein und blickte in das Wasser.

»Nun, so still, Fräulein Marianne? Hat der Herr Assessor am Ende alle Ihre Heiterkeit mitgenommen?« fragte Frau Stadtrat und zog die Lippen kraus.

Mariannes Gesicht wurde rot wie das Mützchen auf ihrem goldenen Haar.

»Ich denke nur so ein bißchen für mich hin«, sagte sie entschuldigend.

Das wird sie doch wohl noch dürfen, dachte Herr Sebastian Wenzel ärgerlich. Was hatte das mit dem längst abgereisten Herrchen zu tun? Aber die Mädchen wurden geradezu angelernt zum Schwatzen. –

Ruhig glitten sie durch die helle Leere.

Aber nichts ist beständig auf dieser Welt. Der feuchte Parkettboden, über den sie dahinglitten, begann sich in Falten zu legen wie der Seidenrock einer eitlen Frau und sich tief zu furchen wie die Stirn eines zornigen alten Mannes.

Das Boot begann wie ein übermütiger Bock über diese Streifen zu springen.

Herr Wenzel, der fast immer auf das blonde kleine Mädchen gesehen hatte, weil er sich über solche schweigsame Wohlerzogenheit aufrichtig freute, begriff nicht, warum sich der blonde Kopf mit der roten Mütze plötzlich zu drehen anfing. Geschwinder und immer geschwinder. Er sah zum Himmel auf. Als ein großer Ball kreiste dieser herum. Entsetzt riß er den Blick herunter zum Meer. Aber wie eine schwere Glaskugel rollte dieses auf und nieder.

Er sah hilfesuchend zu Herrn Stadtrat hinüber. Er lächelte nicht mehr die Gräfin an, sondern beugte sich stöhnend über den Rand des Bootes. Die schöne Frau Gräfin lehnte mit geschlossenen Augen da. Ihr Gesicht war kreideweiß.

Die andern Damen konnte Herr Wenzel nicht sehen, da er den Kopf nicht umwenden konnte.

Plötzlich zog sich sein Magen zu und auf wie eine Harmonika, und Herr Sebastian Wenzel begriff, daß er an der Seekrankheit litt, von der er soviel gelesen und gehört hatte. Der Bootsführer kannte dies.

Gleichgültig und ruhig ließ er das Boot sich drehen und rasselte auf das Land zu.

Marianne Wendland nahm eine Flasche und ein kleines Kognakglas vom Tisch, wo der unberührte Proviant lag, und reichte es Herrn Wenzel.

Dieser trank es hastig aus und verlangte ein zweites. Ihm wurde klarer vor Augen, und er bat um ein drittes. Ruhig ließ das junge Mädchen zum dritten Male die stärkende Flüssigkeit in das Gläschen glucksen. Niemals hatte Herr Wenzel eine schönere weibliche Bewegung beobachtet.

Er trank zum drittenmal, und der Himmel stand endlich still. Die Harmonika in seinem Magen hatte ihr ungebetenes Spiel beendet. Herr Wenzel konnte den Kopf nach allen Seiten wenden. Die schöne Gräfin hatte ihre Somnambulenstellung unverändert beibehalten. Frau Stadtrat und Frau Wendland saßen noch aufrecht und steif wie im Salon, nur etwas bleich unter den Augen, als ob sie im Vorzimmer eines Arztes warteten.

Herr Stadtrat lag noch weit über das Boot gelehnt. Von seinem Kopf war nichts zu sehen, und wenn man nicht genau gewußt hätte, daß dieser Gegenstand mit dem übrigen Körper verbunden sei, hätte man glauben können, daß er abgefallen wäre.

Aber nun schien das Boot sich ausgesprungen zu haben, es glitt ruhig wie auf Rollschuhen dahin. Man war wieder in der sanften runden Bucht. Man konnte schon die Fenster der weißen Häuser unterscheiden.

Eine Hand des kopflosen Herrn Stadtrat begann Zeichen zu machen.

Das wunderbare Mädchen verstand auch dies. Sie schenkte aufs neue ein Gläschen voll und schritt ruhig auf die andre Seite des Bootes. Herr Stadtrat zog seinen Kopf über Bord und trank gierig. Wie Herr Wenzel leerte er drei Gläser. Etwas verlegen brachte er sich dann in Ordnung und begann zu lächeln und dann zu sprechen.

Wie eine große Puppe schlug endlich die Gräfin die großen blauen Augen auf.

»Wo sind wir?« flüsterte sie.

»Im sichern Hafen«, antwortete Herr Stadtrat feierlich.

Frau Stadtrat erinnerte ihren Gatten an die Bezahlung und warf einen liebenswürdigen, aufmunternden Blick zwischen die Anwesenden.

Frau Wendland und Herr Wenzel begannen mit Geld zu klappern.

Die Gräfin schüttelte müde den Kopf.

»Mich müssen Sie bis morgen entschuldigen«, sagte sie sanft und leise. »Ich habe kein Kleingeld und hoffe, daß es morgen mit der Frühpost kommt.«

»O bitte, bitte«, sagte Herr Sprechhammer.

»Ja«, fuhr die Gräfin fort, »ich wollte Sie sogar bitten, mir bis morgen früh eine Kleinigkeit zu leihen, meine Hotelrechnung – es ist so peinlich, gewöhnlichem Volk etwas zu schulden. Wenn Sie ...«

»Aber gewiß, mit dem größten Vergnügen«, fiel der Stadtrat ein. »Sobald wir an Land sind, werde ich mir erlauben –«

»Das heißt, wenn wir selbst unser Kleingeld erhalten haben, lieber Mann«, unterbrach Frau Stadtrat dies Geplauder mit festen, betonten Worten.

Ihre Augen sprachen deutlich: Nicht vor dem Jüngsten Gericht wird dies geschehn.

Immer höher wuchsen indes die weißen Häuser am Ufer, und endlich legte sich das Boot gutmütig und gehorsam wieder neben den Holzsteg.

»Mutter Erde«, sagte Herr Stadtrat mit vibrierendem Ton, als er das Land betrat.

»Diese Fahrt war deine Idee«, antwortete Frau Stadtrat gereizt, denn vor ihren Augen begann sich erst jetzt alles in drehende Bewegung zu setzen.

Man verabschiedete sich ziemlich rasch voneinander und suchte die Zimmer auf. –

Fräulein Laubwurzel hatte hinter ihrer Gardine die Abfahrt und Rückkehr des weißen Schiffchens beobachtet. Sie lief zum Strand hinunter, und als sie vom Bootsmann erfuhr, wie die Fahrt verlaufen war, verlor sich endlich die Migräne, die sie seit heute morgen geplagt hatte.

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