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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 22
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1956
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22

Gute Vorsätze leiden meist an dem Fehler, daß sie bleiben, was sie sind, daß sie keine Weiterentwicklung haben. Das Leben erschwert ihre Ausführung meist über Gebühr.

Nachsichtig gegen sich selbst zu sein läßt sich allenfalls durchführen. Wir kennen uns von klein auf, wissen die Wurzeln unserer Handlungen und Gedanken und bringen uns im allgemeinen keine besondere Antipathie entgegen.

Wie selten aber trifft das andern Leuten gegenüber zu.

Als Herr Wenzel am nächsten Morgen nach erquickendem Schlaf heiter und mit allen guten Vorsätzen seine Tür öffnete und sich nach seinen Stiefeln bückte, sah er sofort, daß sie schlecht gebürstet waren.

Er wurde sehr ärgerlich auf den Hausdiener und beschloß, ihm bei der Abreise weniger Trinkgeld zu geben.

Mit Recht und mit Unrecht. Schließlich ist ein Stiefelputzer auch ein Mensch. Weil Marietta heute neben ihm Kartoffeln schälte, hatte er mehr in ihre blanken Augen als auf den Glanz der Stiefel gesehn.

Aber das wußte Herr Sebastian Wenzel nicht. Er wußte nur, daß er keine halbverstaubten Schuhe anzog, daß er nach andern suchen, die Schranktür quietschen lassen und sich bücken mußte.

Ärgerlich warf er die ungenügend gereinigten Schuhe wieder vor die Tür.

Da fiel ein Brief aus ihnen heraus. Herr Sebastian Wenzel hob ihn auf, nahm ihn in das Zimmer und ging an das helle Fenster.

Es war ein hübsches Kuvert, und reich verschnörkelt stand sein Name darauf.

Er ging zum Tisch, holte das Falzbein, ritzte den Briefumschlag vorsichtig auf, rückte einen Stuhl ans Fenster und begann zu lesen. Zuerst die Unterschrift: Mathilde Laubwurzel. Was konnte sie von ihm wollen? Er sah ihre schnellen grünlichen Augen dicht vor seinem Gesicht.

Als er las, wurde ihm bedeutend unbehaglicher.

Herr Sebastian Wenzel erfuhr, daß er den Gruß eines armen Frauenherzens entgegennehmen solle, daß sich um ihn fast zu Tode ängstigte, als er gestern nicht zu Tisch kam, und doch noch kein Recht hatte, nach ihm zu fragen, daß aber schon gestern das wundervolle Geheimnis zu lesen war, das er in der herben Zurückhaltung des stolzen Mannes noch verschwieg. Liebe aber mache demütig, und so riefe ihm Fräulein Laubwurzel mutig zu: Brechen Sie Ihr Schweigen.

Langsam faltete Herr Wenzel den ersten Liebesbrief seines Lebens zusammen.

Er sah aus, als habe er eine unberechtigt hohe Rechnung vorgelegt bekommen.

Er war empört und erschreckt.

Was wollte diese lange, furchtbare Person von ihm? Was hatte er ihr getan, daß sie ihm so etwas schrieb und in die staubigen Schuhe steckte? Was sollte er tun? Er mußte in beständiger Furcht sein, ihr zu begegnen. In fortwährende Erregung, die Gift für den Menschen war, wird er gejagt werden. In wenigen Tagen wird seine Gesundheit untergraben sein. Wer zählt die Männer, die durch weibliche Hinterlist in ein frühes Grab gebracht wurden? Im Weltbetrieb kam es vielleicht nicht auf ein Opfer mehr oder weniger an. Ihm, in diesem Falle, aber sehr. Was sollte er tun, um sich zu retten?

Seine verstörten Blicke glitten durch das Fenster und fielen auf einen roten Punkt. Das war das Mützchen auf Marianne Wendlands blondem Haar.

Daß dieses Mädchen auch jenem abstoßenden Geschlecht angehörte, war eines der merkwürdigen Rätsel, an denen das Leben so reich war. Herr Wenzel sah wieder hinunter.

Marianne lächelte jetzt und lief auf jemand zu. Es war der Briefträger, der ihr einen Brief gab. Das junge Mädchen grüßte den Postboten freundlich und lief davon.

Wie liebenswürdig sie selbst dem einfachsten Mann gegenüber ist, dachte Herr Wenzel.

Aber dann besann er sich auf den Brief, den er selbst in Händen hielt, und Unruhe und Verdruß packten ihn aufs neue.

Herrn Sprechhammers Pfiff ertönte vor dem Fenster. Neben ihm stand wieder die kleine blonde Frühaufsteherin.

»Wir sind eine kleine Gesellschaft, die eine Motorbootfahrt machen will. Sind Sie dabei, mein Freund? Das Meer ist glatt wie Eis. Am Abend sind wir wieder zurück. Picknick an Bord!« rief er.

»Kommen Sie nur mit, Herr Wenzel, es wird wunderschön«, fügte Mariannes frische Stimme hinzu.

Ja, dachte Herr Wenzel, weit auf das Meer hinaus will ich und muß ich. Für heute soll sie mich nicht erreichen.

Und er antwortete, daß er gern und gleich mitkommen werde.

»Oh, das ist recht von Ihnen!« rief Marianne, und ein kurzes Möwenlachen flatterte herauf.

»Sehen Sie«, sagte Herr Sprechhammer zu dem jungen Mädchen, als sie ins Hotel zurückgingen. »Ich sagte es, wenn Sie bitten, kommt er. Nun teilen sich die Kosten durch sechs statt durch fünf.«

Herr Wenzel hatte durch diese kleine Fensterunterhaltung seine Energie wiedergefunden.

Er nahm den Brief, steckte ihn in ein Kuvert und schrieb dazu: Daß die geehrte Dame ihm irrtümlich etwas in die Schuhe geschoben habe, was ihn nichts angehe. In seinen Augen könnte niemand Geheimnisse lesen, da er solche nicht habe.

Er zeichnete mit vorzüglicher Hochachtung und verschloß erleichtert und etwas zufriedener den Brief.

Er ging hinunter und gab das Kuvert zum Weiterbefördern.

Draußen auf dem Wasser lag das weiße Motorboot.

Lächelnd wandte sich Herr Sebastian dem Frühstück zu, um seinen Körper nach dem Schrecken zu stärken. Er sann einen Augenblick nach und bestellte dann außer dem üblichen Mahl noch eine kleine Portion Schinken mit einem lockeren Setzei darauf. Man mußte dem Schicksal entgegenarbeiten.

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