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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 21
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1956
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21

Am andern Morgen schien Herrn Sebastian Wenzel das Wetter noch schwüler zu sein als den Tag zuvor. Er sah nicht ein, warum er nicht auch baden sollte. So gut wie jeder andere. So gut wie der Herr Stadtrat. Er war nicht fett und nicht gebrechlich. Seine Jahre waren ihm auch nirgends auftätowiert.

Sein Arzt hatte erlaubt, an warmen Tagen ein kurzes Seebad zu nehmen. Und die Ärzte aller dieser Leute mußten Seebaden für gesund halten.

Er beschloß, sich einen Badeanzug zu kaufen und dazu Herrn Sprechhammer als Ratgeber mitzunehmen.

Herr Stadtrat pfiff vor dem Fenster, und Herr Sebastian beeilte sich hinunterzukommen.

Herr Sprechhammer griff Herrn Wenzel unter den Arm und sagte eifrig: »Verstehen Sie sich auf Affen? Wissen Sie, was man solchem Tier am Morgen mitbringen kann? Um ihm eine Freude zu machen?«

Herrn Sebastian Wenzel wurde unbehaglich zumute.

»Was meinen Sie mit Ihren Worten?« sagte er und machte seinen Arm frei.

»Also, Sie wissen auch nichts«, erwiderte der Stadtrat. »Sie ist ein süperbes Weib. Mit dem Masseur kann man nicht sprechen. Er ist Schwede. Er spricht nicht deutsch. Ich dachte, wenn man durch den Affen die Bekanntschaft machen könnte. Man bringt ihm Zucker. Die Herrin muß sich bedanken. Die Freundschaft ist geschlossen. Und wenn erst einmal die Freundschaft da ist ... Oh, ich habe die ganze Nacht von ihr geträumt.«

In dieser Weise schwatzte Herr Sprechhammer ununterbrochen, während sie am Meer dahinschritten.

Herr Wenzel dagegen sah oft über das Wasser und dachte an sein Vorhaben.

»Ich wollte heute auch mit dem Baden beginnen«, unterbrach er seinen Begleiter.

»Tun Sie das! Tun Sie das! Sie werden sie in der Nähe sehen. Sie werden sehen, sie ist mollig vom Kopf bis zu den Füßen.«

»Glauben Sie, daß es mir zuträglich sein wird?« fragte Herr Wenzel bedächtig.

»Was denn? Wie denn zuträglich? Ach so, das Baden? Ausgezeichnet wird es sein. Für jeden ist es ausgezeichnet, der nicht herzkrank ist. Sie sind doch nicht herzkrank?«

»Nein, bewahre doch!« sagte Herr Wenzel heftig. Schon eine solche Vermutung war ihm widerlich.

Auf dem Rückweg kauften sie an einer Strandbude ein Badekostüm. Herr Wenzel wollte das teuerste haben, das es gab.

Herr Stadtrat bemerkte in der Nebenbude Nüsse in einem Korb und rief erfreut:

»Nüsse, richtig. Das ist etwas für Affen. Herr Gott, ich bin doch beinah zu Haus im Zoologischen Garten. Wir haben doch einen Musterpark in Hamburg. Wie konnte ich das vergessen. Nüsse, natürlich, Nüsse!«

Und er kaufte eine große Tüte voll Nüsse für den Affen der schönen Frau Gräfin.

Er ahnte nicht, daß diese Nüsse niemals in die Pfoten des Äffchens kommen würden, sondern als Beispiel für die Fallgesetze dienen sollten. Schon eine halbe Stunde später flogen sie mit gleichmäßig beschleunigter Geschwindigkeit aus dem Fenster des stadträtlichen Zimmers. Frau Stadtrats wohlgepflegte Hände hatten sie in diesen Schwung versetzt.

»Was gehn dich anderer Leute Affen an, mein Teurer?« hatte sie gesagt. »Hast du mir jemals etwas von deinen Spaziergängen mitgebracht?«

Herr Stadtrat schwieg dazu, denn er rasierte sich sorgfältig vor dem Spiegel. Nur die Augen, die aus dem weißen, seifenbeschäumten Gesicht funkelten, redeten eine stumme Sprache.

Indessen saß Herr Wenzel allein am Frühstückstisch. Nachdenklich blickte er auf die dampfende Kaffeetasse.

Je näher das Bad rückte, um so unheimlicher wurde ihm zumute.

Vor fremden Leuten sollte er baden? Würden die jungen Mädchen am Ende über ihn kichern? Diese jungen, übermütigen Dinger, denen nichts heilig war?

Es schien ihm, als ob sein Herz unruhiger, stärker klopfte als sonst. War er vielleicht doch herzkrank? Was wissen die Menschen schließlich von ihren Leiden? Wenn jeder wüßte, was ihm fehlte, gäbe es keinen Irrtum auf der Welt.

Marianne Wendland hüpfte lachend durch den Saal und zur Terrasse hinaus, an den Strand hinunter. Sie hatte ein rotes Mützchen auf dem blonden Kopf, das wie eine Mohnblume zu dem tiefen Blau von Meer und Himmel leuchtete.

»Guten Morgen, Herr Wenzel! Nun gehts in die Flut!« hatte sie gerufen, als sie vorbeiflog.

Herr Sebastian Wenzel fand, daß dieses junge Mädchen ein liebenswürdiges Naturell habe.

Aber sein Herzklopfen hatte sich nicht gelegt, eher verschärft.

Ging er vielleicht bei diesem Bad in sein sicheres Verderben? Gesundheit hoffte er sich zu holen und fand einen raschen, vorzeitigen Tod?

Rührung und Schmerz über sich bewegten ihn.

Aber da kam Herr Stadtrat in einem blütenweißen Anzug und roter Krawatte auf gelbseidenem Hemd und riß ihn aus seinen Träumen.

Er goß sich hastig Tee ein, ließ den Löffel heftig in der Tasse kreisen und begann sofort zu sprechen.

»Ich werde die Nüsse nicht dem Affen bringen. Ich werde lieber versuchen, mich im Bad an die Herrin selbst zu schmuggeln. Oder – da habe ich einen großartigen Gedanken. Sie baden doch auch heute? Sie vermitteln die Bekanntschaft. Sie sagen: Verzeihung, Gnädigste, mein Freund möchte Sie gern kennenlernen. Er interessiert sich so sehr für kleine Affen. Dann trete ich heran und sage: Nicht nur allein für kleine Affen, meine Gnädigste. Und dann ist die Sache gemacht. Dann können Sie gern aus dem Wasser gehen, wenn es Ihnen kühl werden sollte. Ganz sans gêne, mein Lieber. Man muß nichts Unbilliges von seinen Freunden verlangen. Ich wenigstens bin nicht imstande, so zu verfahren. Aber natürlich, nicht alle sind so, wie sie sein sollten.«

»Ich werde sogar hinausgehen, ehe mir kühl wird«, sagte Herr Wenzel.

Herr Stadtrat hätte gern eine ausführliche Antwort auf seinen Vorschlag erhalten. Aber er kannte ja jetzt Herrn Sebastian Wenzel.

Gar zu schweigsam, gar zu schweigsam – dieser Mensch, dachte er ärgerlich, während er die Serviette zusammenlegte und, sich erhebend, sagte:

»Also denn hinaus zu Sand und Strand.«

Herr Sebastian Wenzel saß unschlüssig auf den Stufen vor seiner Badekabine und sah ins Wasser. Der schwarze Trikotanzug umschloß ihn fest, und jeden Augenblick konnte das Bad beginnen. Es hätte vielleicht auch schon begonnen, wenn nicht gerade jetzt eine große Qualle durch das klare Wasser segelte. Sie drehte sich wie eine Dame, die ihr neues Kleid auf der Promenade zeigt. Widerlich. Übrigens konnte einem dieser Gallerthaufen ein für allemal verleiden, Lachs in Aspik zu essen.

Herr Wenzel wartete nun, bis die Qualle sich entfernt hatte.

Draußen schwamm schon Marianne Wendlands Kopf wie eine kleine Sonne auf dem Wasser. Neben ihr tauchte und sprang der junge Assessor, der die Raubmörder in zehn Minuten freisprach. Man hörte seine zufriedene Stimme ununterbrochen über das leichtgekräuselte Wasser schallen. Nur in den Sekunden, in denen er den Kopf unter Wasser hatte, war Ruhe.

Herr Wenzel schüttelte mißbilligend den Kopf. Der Mensch sollte die Natur nicht verbessern wollen, aber – es war doch unüberlegt eingerichtet, daß jeder so viel schwatzen konnte, wie er wollte. Genau, wie der Mensch nur eine bestimmte Anzahl Zähne im Munde hatte, sollte er auch täglich nur über eine bestimmte Anzahl sprechbarer Silben verfügen können. Hatte er die verbraucht, mußte er schweigen. Wobei der Welt gewiß in den meisten Fällen nichts verlorenging. Alles im Leben, im ganzen Weltall, war halbwegs zu berechnen, nur nicht wieviel die Menschen schwatzen durften. Wie die Windmühlen schnurrten an allen Orten die Münder.

Die Qualle war davongeschwommen.

Herr Wenzel erhob sich, setzte sich aber sofort wieder.

Ein berauschender Heliotropduft überströmte ihn: Die Frau Gräfin ging lächelnd an ihm vorüber ins Wasser. Auf ihrer Schulter kratzte sich in gebückter Greisenstellung das Äffchen. –

Herr Sprechhammer kam eilig aus seiner Badehütte und rief:

»Nun, hinein, mein Freund. Jetzt oder nie. Sofort hinter ihr her.«

Herr Wenzel, rührte sich nicht. Seine Augen hingen an dem Affen, der auf der bloßen runden Frauenschulter kauerte.

»Nimmt diese Dame das Tier mit ins Wasser?« fragte er entrüstet. »Denken Sie, daß ich mit einem Affen zusammen bade? Wir sind doch hier nicht Bestandteile einer Menagerie?«

»Lieber Freund, ich gehe«, erwiderte Herr Stadtrat ungeduldig, und schon durchfurchten seine behaarten Beine mit langen Schritten das Wasser.

Die Dame schäkerte mit ihrem Äffchen, ließ ihn an einem hellblau seidenen Bändchen über ihren Arm ins Wasser hüpfen und neckte sich mit ihm.

Herr Wenzel erhob sich, zog sich in die Badezelle zurück und kleidete sich an. Er ging über den sonnigen Strand hinauf zum Hotel. Dort verlangte er wieder einmal den Direktor zu sprechen. Alles konnte man sich nicht bieten lassen.

Er mußte etwas warten.

Mit einer Beschwerde kommt man wohl nie gelegen. Aber das war ein ganz besonders ungünstiger Augenblick für ein solches Geschäft.

Der Direktor war in heller Verzweiflung. Vor wenigen Augenblicken hatte man ihm beide Köche geraubt. Sie waren in Streit miteinander geraten, und der eine hatte dem andern eine Pfanne mit siedendem Öl über den Kopf gedeckt. Nun war der eine ins Hospital und der andere ins Gefängnis gebracht worden. Der Direktor hatte den Gendarmen flehentlich gebeten, ihm den Gefangenen noch bis über Mittag hierzulassen. Wenn es sein mußte, an schwerer Fußkette, aber vor dem Herd. Doch man hatte ihn mitleidlos abgeführt. In allen Töpfen pruzelte es. Und die Küche war ohne Köche. Alles, was vom Personal nur einmal in seinem Leben in einem Kochbuch geblättert hatte, mußte jetzt helfen.

Da kam der lange reiche Herr schon wieder mit einer Beschwerde. Um was, um des Himmels willen, konnte es sich diesmal handeln? Heizen würde er wohl bei dieser Witterung nicht wollen. Cesare war längst entlassen worden. Nicht, weil er mit den Fingern in seiner Nase grub. Die war schließlich sein Eigentum, und er konnte mit ihr machen, was er wollte. Sondern weil er die Finger auch häufig in die Büfettkasse gesteckt hatte. – Also, was konnte geschehen sein?

Der Direktor goß rasch noch einen guten Liter Wasser an die Bouillon, zog den repräsentierenden Gehrock über Hemd und Hosenträger und eilte die Treppe hinauf.

»Mein Herr?« fragte er, sich verbeugend, und wie angummiert saß auch im selben Augenblick das rosige Lächeln unter seinen Augen.

Herr Wenzel holte Atem. Dann sagte er schwer:

»Ich beabsichtigte, ein Seebad zu nehmen, mein Herr.«

»Ausgezeichnet!« rief der Direktor. »Das Wetter ist heute wie geschaffen dafür. Wenn ich Ihnen raten darf, verlieren Sie keinen Augenblick, mein Herr. Der Mittag ist immer schneller da, als man glaubt.«

Er unterdrückte einen Seufzer und dachte an die Küche. Roch es nicht schon angebrannt? Er lächelte noch stärker, während er vorsichtig die Luft zu durchschnüffeln suchte.

»Ich sagte, daß ich baden wollte. Aber ich werde es nicht tun. Ein Affe verunreinigt dort das Wasser. Es ist ein Skandal, daß so etwas erlaubt ist. Ich verlange, daß Sie der Dame untersagen, Affen in das Bad mitzunehmen.«

Der Direktor sah bestürzt aus.

»Aber werter Herr, das kann ich nicht. Ich gestatte allen Herrschaften, mit ihren Tieren zu baden. Das schadet ja auch gar nichts. Das Wasser leidet durchaus nicht davon. Seien Sie überzeugt, mein Herr, man kann in das Meer so viel Schmutz hineintun, wie man will, es bleibt sauber. Das ist ja gerade eine der vorzüglichsten Qualitäten unserer Meere«, versicherte er eifrig.

»Ich danke für solche Qualitäten«, sagte Herr Sebastian Wenzel gereizt, drehte sich um und ging. Er fühlte, daß er bald sehr heftig werden würde, und er wollte nicht selbst dazu beitragen, seine Gesundheit zu untergraben.

Als er in den Flur trat, stieß er auf Herrn Stadtrat, der mit lächelndem, gerötetem Gesicht und feuchtem Bart auf sein Zimmer eilen wollte, um sich hier zum Mittagessen umzukleiden.

»Ich habe sie gesprochen«, flüsterte er – »gerade noch; als sie wieder aus dem Wasser steigen wollte.

›Lieben Sie die Affen, Gnädigste?‹ fragte ich und krabbelte dabei pro forma das Äffchen ein bißchen.

›O ja‹, sagte sie und lächelte mich an.

›Aber die Affen machen doch alles nur den Menschen nach‹, sagte ich. Und was antwortete sie da? Was glauben Sie?

›Ich finde, die Menschen machen alles den Affen nach‹, antwortete sie da lächelnd.

Das Weib hat nicht nur Geist, sage ich Ihnen, das Weib hat Esprit. Aber ich muß hinauf. Auf Wiedersehen bei Tisch. Sie sehen auch ganz frisch aus von Ihrem Bad. Auf Wiedersehen, mein Freund.«

Und er eilte die Treppe hinauf.

Herr Wenzel sah ihm ärgerlich nach.

So sind die Menschen, dachte er. Einen Affen krabbeln sie pro forma, wenn sie sich Vorteil davon erwarten, aber daß ein Mensch, mit dem sie dreimal des Tags zu Tisch sitzen, aus Verdruß um sein kühlendes, stärkendes Bad kam, merken sie überhaupt nicht.

Sein Ärger nahm zu.

In einer halben Stunde wird es Mittag sein. Und dann mußte er vielleicht wieder von dieser Gräfin und ihrem Affen hören. Nein, das paßte ihm nicht.

Er erinnerte sich, daß jemand aus der Gesellschaft erzählt hatte, daß man in dem nahen Dorf ganz vorzügliche Pilze, unvergleichlich zubereitet, bekäme. Man ißt sie neben einer Lorbeerhecke und trinkt köstlichen Wein dazu. Sebastian verließ das Haus.

Er fand das Wirtshaus und die Lorbeerhecke und ließ sich im kühlen Schatten nieder. Er wischte sich die Tropfen von der Stirn und dachte zufrieden: Schließlich ist man nicht in Italien, um mit einem Hamburger Stadtrat über mollige Frauen und Affen zu sprechen.

Aber als die Wirtin kam, lächelte sie wohl international, doch was sie sprach, verstand Herr Sebastian Wenzel nicht. Was er redete, begriff sie wieder nicht. Sie lächelte nur.

Dabei fühlte Herr Sebastian von Sekunde zu Sekunde deutlicher, daß er starken Appetit habe. Denn eine nicht zu bestreitende Roheit des Lebens ist, daß Ärger oder Unglück hungriger machen als Freude oder Glück.

Ein Huhn flatterte auf den Tisch, und die Frau erklärte ihrem Gast pantomimisch, daß sie ihm diesen Vogel braten wolle.

Herr Wenzel nickte. Etwas mußte er schließlich essen. Das Huhn blinzelte ihn an und flatterte vom Tisch herunter. Die Frau griff es und verschwand mit ihm. –

Nun war wieder Schweigen in und über der Lorbeerhecke.

Auf einem Kriegsschiff im Hafen heulten die Sirenen Mittag.

Herr Wenzel zog die Augenbrauen hoch. Er fühlte es im Magen, daß es Mittagszeit war, das brauchte ihm niemand anzumelden.

Er begann ein wenig am Brot zu knabbern.

Nach einer halben Stunde, in der er sich gegen Hunger und Schläfrigkeit tapfer gewehrt hatte, klopfte er heftig auf den Tisch. Er wollte doch auch die berühmten Pilze haben.

Die Frau erschien, und Herr Wenzel verstand, daß sie ihm auf Ehre und Gewissen versicherte, daß das Huhn bald fertig sei.

Aber er wollte Pilze dazu haben. Er machte Zeichen in die Luft, um die Umrisse eines Pilzes zu beschreiben. Er bückte sich und zeigte auf die Erde, um der Frau begreiflich zu machen, daß er etwas wünschte, das dicht über dem Boden wachse.

Aber die Frau lächelte und schüttelte den Kopf zu allem, bis sie wieder zu dem bratenden Huhn rannte.

Bald darauf kam sie zurück. Auf einer weißen Schüssel lag das Huhn, knusprig gebraten, mit Kopf und Augen und gelbem Schnabel.

Da lag es, als habe es sich nur zu einem kleinen Mittagsschläfchen ein wenig auf die Seite gedreht.

Herr Wenzel erwartete ängstlich, daß es wieder mit den Augen blinzeln werde, wie vor kurzem.

Nein, das konnte er nicht essen. Dazu mußte, er noch einmal auf die Welt kommen, und als Indianer.

Er stocherte ein wenig in den Bratkartoffeln herum, die das Kopfkissen des schlummernden Huhnes bildeten, und überlegte verzweifelt, wie er zu den berühmten Pilzen kommen könnte.

Er beschloß noch einen letzten Versuch zu wagen. Er holte Taschenbuch und Bleistift hervor und zog sorgsam einen Halbkreis, an den er einen dicken, schwarzen Strich hing. Dies Blatt zeigte er der lächelnden Frau. Ein Blinder mußte sehen, daß dies ein Pilz sein sollte.

Über das braune Gesicht der Frau glitt auch sofort ein freudiger Schimmer des Verständnisses. Sie eilte davon.

Wenige Augenblicke später kam sie mit einem großen grünen Schirm wieder.

Da bezahlte Herr Sebastian Wenzel das arme tote Huhn und ging.

Auf dem Rückweg wurde der hungrige Herr Wenzel an die alte Weisheit erinnert, daß die Sonne um Mittag keinen Schatten wirft.

Endlich war er in seinem Zimmer. Er verdunkelte die Fenster und versank in tiefen Schlummer.

Als er erwachte, war es Abendbrotzeit, und er aß mit wundervollem Appetit, trotzdem Herr Sprechhammer von nichts anderem sprach als der Gräfin mit dem Affen.

Sie hatte das Äffchen einem Leierkastenmann abgekauft, der es geschlagen hatte. Sie hatte also nicht nur Esprit, sondern auch Herz. Warum und woher sie den Masseur hatte, wußte Herr Stadtrat noch nicht.

»Wenn ich nur wüßte, was dich anderer Leute Affen und Masseure angehen«, sagte Frau Stadtrat kühl und verweisend.

Wenzel aber ließ es sich schmecken, dachte an die heiße, fliegenumsurrte Lorbeerhecke mit dem toten Huhn und dem grünen Regenschirm und sagte sich:

»Man muß Nachsicht haben mit sich und mit andern.«

Er trieb seine Nachsicht so weit, daß er sich nicht wie sonst des Abends zurückzog, sondern auf die Veranda ging, wo die Gäste im Mondschein und in bequemen Stühlen rauchten, Kaffee tranken und Reiseeindrücke auswechselten. Sie erzählten, wo sie ein falsches Geldstück bekommen hatten, oder wieviel Pfennige die Tasse Kaffee in andern Hotels kostet. Wie sie an manchen Plätzen der Welt vom Regen, an andern von Mücken geplagt wurden, wieviel Stunden Verspätung oft ein Zug haben konnte und andre mehr oder weniger wahre Tatsachen ihrer Fahrten. Denn, wer eine Reise tut, kann was erzählen.

Die jungen Leute saßen meist nur wenige Augenblicke zwischen den Plaudernden, um sich vom Tanz auszuruhen. Dann sprangen sie davon und verschwanden in der Richtung, aus der die gedämpften Klagetöne gequälter Geigen herüberklangen.

Aber die blonde Marianne Wendland saß heute still und schweigsam neben ihrer Mutter und Herrn Sebastian Wenzel und blickte ernst auf das weißglitzernde Wasser.

Es gefiele ihr heute besser hier als in den heißen Sälen, sagte sie.

Herr Wenzel fand das junge Mädchen außerordentlich wohlerzogen und angenehm. Er hatte nicht geglaubt, daß es solche Mädchen gab.

Sie saßen ein wenig abgesondert von den andern, und der Abend verlief ruhig und mit wenigen Worten, durchaus angenehm.

Fräulein Laubwurzel war nicht da, und der plappernde Assessor war abgereist.

Herr Wenzel teilte die Freude über sein Verschwinden dem kleinen blonden Mädchen an seiner Seite mit. Aber sie antwortete nichts darauf und spähte weiter hinaus über das Wasser, als wollte sie das andre Ufer des Meeres ergründen.

Sie hatte recht. Sie beschämt mich, dachte Herr Sebastian Wenzel. Man spricht nicht schlecht über Abwesende. Er sah zum zweitenmal heute ein, daß er noch manchen Fehler abzulegen hatte. Das junge, zierliche Wesen hier neben ihm stand weit über ihm in Nachsicht und Geduld. Das hatte er nicht eben erst erfahren. Das zeigte schon das sanfte Gesicht und die freundlichen grauen Augen mit den braunen Pünktchen.

Er nahm sich vor, nicht allein auf seine Gesundheit, sondern auf sein ganzes Wesen achtzugeben.

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