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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 20
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1956
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20

Herrn Sebastian Wenzel hatte die belehrende Entrüstung des Herrn Stadtrat geärgert. Er frühstückte, ehe Herr und Frau Sprechhammer herunterkamen, und ging dann nicht zu dem allgemeinen Tummelplatz am Strand.

Es gab auch abseits einige Plätze. Auf dem Felsen und am Ende der Promenade. Sie waren mühevoller zu erreichen. Sie lagen nicht gerade vor der weißen Front der Hotelbauten.

Heiterkeit und Lachen hatten nicht nötig, sich einen Umweg zu machen und sich zu verstecken. Wohl aber das Leid. Da saß die schwarzgekleidete junge Frau, und zu ihren Füßen spielten zwei stille kleine Mädchen und backten Kuchen aus Sand. Die Frau aber sah auf das Meer und ungeblendet in die brennende Sonne. Ihre glanzlosen Augen sagten: Was soll das noch alles. Wenn der eine fort ist, zu dem man gehört, und der allein das Lachen meiner Kinder verstehen konnte, wie ich? – Und auf den vielen einsamen Bänken saßen zusammengebeugt schwarze Gestalten. Unheimlich zwischen dem hellen Licht und dem strahlenden Blau.

Den Augen, die sich rasch wieder abwandten, sah man es an, daß sie lange gekühlt worden waren, ehe sie sich wieder in den hellen Tag wagten.

Herr Sebastian Wenzel fühlte einen Druck im Magen, als hätte er etwas schwer Verdauliches geschluckt. Trauer und Unglück zuzusehen, war niederdrückend, unbehaglich, beklemmend wie schwüles Regenwetter. Wenn man sich dem Leben erhalten wollte, mußte man seine Gedanken gewaltsam davon abwenden.

Und wenn die Gedanken fortwollen, muß der Körper gehorchen. Herr Sebastian Wenzel kehrte kurz entschlossen um und ging mit raschem Schritt dem bunten, belebten Stück Strand zu, wo man sich nur Freundliches sagte und von dem das Lachen bis hier zu ihm herauftönte.

Auf halbem Weg kam ihm Fräulein Mathilde Laubwurzel entgegen.

Es war kein Zufall, daß sie ihm hier zufällig begegnete, aber sie tat so.

»Hier also findet man den einsamen Denker«, sagte sie geziert, kehrte ohne Aufforderung neben ihm um und begann zu erzählen:

»Eine neue Dame ist angekommen. Eine Gräfin mit einem zahmen Affen, einem eigenen Masseur. Sie ist kolossal stark parfümiert. Ich möchte wetten, selbst ihr Schatten riecht nach Heliotrop. Eigentlich sollte das nicht gestattet sein. Wenn jeder das täte.«

»Jeder kann sich seinen Geruch vorbehalten«, sagte Herr Wenzel, »das interessiert mich gar nicht.«

»Ihre Schelmerei ist unvergleichlich, Sie böser Mann«, flüsterte Fräulein Laubwurzel mit spitzen Lippen.

Sie waren nun schon vor den Augen der andern.

Wie ein Häuptling den lang gesuchten weißen Gefangenen führte Fräulein Laubwurzel Herrn Wenzel in den Kreis.

Es war schwül heute. Die Sonne blendete. Das Meer war träge, und träge waren auch die Gedanken. Man scherzte heute nicht, sondern war philosophisch gestimmt.

»Man sollte nicht glauben, daß es so viel Wasser gibt«, sagte die Frau Bürgermeisterin. Ihr Blick war auf das Meer gerichtet.

»Ja«, sagte Frau Sprechhammer, »und dabei muß man bedenken, daß man nur das sieht, was an der Oberfläche ist.«

»Und doch ist die Welt so klein«, bedauerte Fräulein von Pochhammer, der es in der Hitze doppelt mühevoll war, wie 25 Jahre auszusehen. »Man merkt es auf der Reise am besten. In jedem Hotel trifft man irgend jemand, dem man schon einmal begegnet ist.«

»Ja, das ist wahr«, sagte der Großschlächtermeister. »Sie glauben nicht, wie viele alte Bekannte vom Viehhof ich in Monte Carlo getroffen habe. Ich dachte oft: Na, Krüger, bist du nun im Schlachthaus, oder wandelst du unter Palmen?« Und er lachte, und die ganze Zufriedenheit des ehrlichen Mannes, der, wie jeder sehen konnte, zu Geld gekommen war, lachte mit.

Weniger seine Zuhörer. Er war nur ein geduldeter Verkehr. Aber er wußte es nicht und konnte es auch nicht ahnen. Er selbst hielt sich für einen prächtigen, gediegenen Kerl, wie es nicht viele gibt.

Fräulein Laubwurzel war aufgestanden und inspizierte wie ein Leuchtturm die Wasserfläche.

»Ist sie schon im Bade?« rief sie aus und riß das Lorgnon von den Augen, um es sofort wieder auf die Nase zu haken.

»Ist sie schon im Bade?« wiederholte sie.

Sie meinte die neue Gräfin, deren Schatten nach Heliotrop roch.

Frau Sprechhammer wußte sofort, daß von niemand anderm die Rede sein konnte.

»Ja«, sagte sie, »natürlich – und dekolletiert bis zum Magen.«

Frau Stadtrat hatte leider einen Kropf und schockierte sich daher über den kleinsten Kleiderausschnitt.

»Wie heißt sie denn?« fragte Fräulein Laubwurzel und behielt ihre Schildwachstellung bei.

»Gräfin Quithof«, sagte Frau Stadtrat und zuckte die Schultern.

»Und sonst, der Vorname?« fragte Fräulein Laubwurzel in schneller Unersättlichkeit.

»Steht nicht im Fremdenbuch«, entgegnete plötzlich die ganz alte Frau Pochhammer mit ihrer tiefen Stimme, die aus dem zahnlosen Mund wie aus einem Grab kam.

»Steht nicht im Fremdenbuch«, wiederholte sie in demselben Tonfall. So, wie es Kinder und Greise oft tun. Die anderen übersahen sie meist, aber ihre Anteilnahme am gesellschaftlichen Leben war noch keineswegs erstorben. Ganz im Gegenteil.

»Das Äffchen heißt Lulu«, sagte Fräulein von Pochhammer.

»Und der Masseur Petersohn«, fügte Herr Krüger kräftig hinzu und zeigte damit, daß er mit der Gräfin ebensogut Bescheid wußte, wie irgend jemand andres.

Herrn Sebastian Wenzel mißfiel es immer, wenn viele zusammen redeten. Er behielt sein distinguiertes Schweigen bei und blickte ebenfalls auf das viele Wasser, von dem man nur die Oberfläche sah.

Auf dieser Oberfläche schwamm etwas, das ihm besser gefiel als dieses Geschwätz hier. Das waren goldene, aufgelöste Haare, die wie Sonnenstreifen auf dem Wasser schwammen. Gold war Herrn Sebastian Wenzel niemals ein Dorn im Auge gewesen. So wie es ihm zum Beispiel die jungen Mädchen waren.

Und doch war es keine Perücke, die dort auf dem Wasser schwamm. Zu den Haaren gehörte das schlanke Mädchen Marianne Wendland.

Gestern hatte Herr Wenzel sie das erstemal recht in der Nähe gesehen und einige Worte mit ihr und ihrer Mutter geplaudert. Sie hatte große graue Augen mit braunen Pünktchen und trug die goldenen Haare als eine Krone über der glatten weißen Stirn. Ihren langen, schlanken Hals durchschnitt ein feines Goldkettchen, und eine schmale, sich biegende Gestalt gehörte an diesen Hals und Kopf.

Alles dies hatte Herr Sebastian Wenzel erstaunt betrachtet, während des jungen Mädchens Mutter liebenswürdig und höflich fragte, ob er Witwer sei und an welcher Krankheit seine liebe Frau verschieden sei.

Herr Wenzel war mit seinen Betrachtungen gerade bis zu den kleinen Füßen gekommen. Er zog die Augenbrauen hoch. Da saßen die kleinen Schuhchen aus Schlangenhaut, von denen er den einen in Händen gehalten hatte. Die winzigen Zwerge schienen wirklich zu passen.

Mariannes Mutter wiederholte ihre liebenswürdige Frage und sprach nun im lauten Rufton mit dem alten reichen Herrn, der offenbar schwerhörig war.

»Meine Frau ist nicht gestorben«, sagte Herr Wenzel erschreckt. »Ich habe nie eine gehabt.«

»Aha!« schrie Frau Wendland. »Also ein Hagestolz.«

Warum schreit sie nur so mit mir, dachte Herr Sebastian Wenzel und sah wieder auf die grünen Schuhe. Das junge Mädchen gähnte leicht und sah über das Meer. Es war ihr gleichgültig, was die Mama und der alte Onkel zusammen sprachen.

Herr Wenzel, der Schweigsame, aber wandte sich ihr zu und sagte:

»Sie haben reizende Schuhchen, liebes Fräulein. Ich habe sie schon früher bemerkt.«

Das Mädchen lachte, und dann sagte sie mit einer tiefen, schwingenden Stimme:

»Siehst du, Mama, und du findest sie häßlich.«

Und dann schwieg sie wieder, spielte mit dem Kettchen am Hals und sah auf das Meer.

Aber Herr Wenzel wollte noch etwas reden, und so wendete er sich nach einer Weile wieder zu Fräulein Marianne und sagte:

»Sie sitzen gut? Drücken sie nirgends?«

Das Mädchen blickte ihn erstaunt aus den klaren Augen mit den braunen Pünktchen an und sagte:

»Wie?«

»Sie sitzen gut? Drücken sie nirgends – die kleinen Schuhe?« Und er lächelte steif.

»Ach – so, die Schuhe.« Das Mädchen lachte ein kurzes Möwengezwitscher, und lächelnd fügte sie hinzu:

»Sie sitzen mir wie angegossen. Der Schlange selbst konnte diese bunte Haut nicht besser passen.«

Dann rief die Tischglocke, und alles hatte sich getrennt.

»Vielleicht war der reiche Herr einmal Schuhmacher?« sagte Marianne, als sie mit ihrer Mutter zum Speisesaal ging.

»Das wäre noch keine Schande«, erwiderte diese ernst. Keine Mutter, die noch Schwiegermutter werden kann, hätte in diesem Fall anders gesprochen.

Das war gestern gewesen.

Und nun saß Herr Wenzel und betrachtete das Gold auf dem Wasser. Er dachte, daß solch Gold eigentlich mehr bedeutete als das harte Gold, um das alle Menschen Frondienst taten. Es gehörte einem Menschen ganz allein für sich und konnte auch nur ihn allein schmücken.

Den ganzen Vormittag plätscherte die Jugend da draußen im Wasser herum. Herr Stadtrat Sprechhammer war immer munter mit dabei.

Fortdauernd klang Lachen von dort herüber.

Herr Sebastian Wenzel wußte jetzt, was seinen Freund jung erhalten hatte: Das Zusammensein mit der Jugend. Nichts anderes.

Selbstverständlich mußte ihre Heiterkeit von größerem hygienischem Vorteil sein, als das neidische Geschwätz von alten Weibern.

Lachen ist der Gesundheit außerordentlich zuträglich. Junge Leute lachen. Nichts war einfacher als dies Exempel.

Gerade jetzt zwitscherte es dort wieder über dem Wasser, als ob sich eine Möwe zum Himmel aufhob. – Die Damen steckten die Köpfe zusammen.

Die neue Gräfin verließ das Bad. Ein kurzes schwarzes, glänzendes Badekostüm umschloß eine schlanke, aber volle Gestalt.

»Seide oder Alpaka!« rief Fräulein Laubwurzel und fuchtelte mit ihrem Lorgnon erregt vor den hungrigen Augen.

»Gediegene Seide«, sagte Frau Sprechhammer, die durch ein Opernglas sah.

Nicht allein aus Neugierde benutzte sie diesen Ferngucker. Eine Ehefrau braucht manchmal verschärfte Augen, um besser sehen zu können, was sie besser nicht sehen sollte. Sie seufzte.

Dicht hinter der Gräfin verließ auch der Herr Stadtrat prustend die feuchte Flut.

Auch die goldenen Haare verschwanden. Die Mittagszeit rückte heran.

Herr Wenzel bemerkte, daß Haare von einer solchen Farbe auch ungekämmt nichts Abstoßendes hatten. Er dachte an seine Schwestern – wenn diese solche goldene Fülle besessen hätten –

Frau Bürgermeister Kleinhausen machte sich Vorwürfe, daß sie sich heute gar nicht um ihren alten Freund gekümmert hatte.

Sie kam zu ihm herüber, klopfte ihm, der ganz in diese und ähnliche Gedanken versunken war, auf die Schulter und sagte:

»Denken Sie, mein guter Mann schreibt mir, daß wir in dieser Woche achtzehn Ferkel bekommen haben. Das gibt mehr als eine gute Wurst, mein Freund.«

Und nun begannen wieder Mett- und Leber- und Dauerwürste um Herrn Wenzel zu tanzen; bis es Mittag läutete.

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