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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 18
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
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18

Als Herr Wenzel am anderen Morgen erwachte, sah er einen gelben Lichtstreifen, der durch die geschlossenen Läden ins Zimmer fiel. Als ob eine elektrische Glühbirne vor dem Fenster hinge.

Nachdem er sich mit Filzschuhen versehen hatte, öffnete er die Fensterläden. Was da draußen leuchtete, war die Sonne, die er wahrhaftig fast vergessen hatte. Er blinzelte behaglich in diesen lange entbehrten Gegenstand und ließ dann die Blicke zufrieden über Himmel und Meer streifen. Sie waren wieder ordnungsmäßig blau, wie auf den Plakaten.

In dem warmen, wohltuenden Schein der Sonne rüstete sich Herr Wenzel langsam und bequem für den neuen Tag.

Eine köstliche Luft umspielte ihn, als er auf der stillen Promenade die Ankunft des Bäckers erwartete.

– Schön Wetter – lag auf allen Mienen. Pfeifend putzte der Hausdiener die Stiefel. Heute, da sich der blaue Himmel in ihnen spiegelte, sah man wenigstens, daß sie blank wurden.

Marietta stand an einem Fenster und rieb die Scheiben klar. Sie sang dabei und lächelte. Nun begann also wieder einmal das Leben. Der Pikkolo und der kleine Türhüter, noch ohne ihre würdegebenden Livreeröcke und Mützen, sprangen als vergnügte kleine Jungens auf der Straße umher.

Der Bäcker kam laut singend auf seinem zweirädrigen Wägelchen angejagt, stellte lachend den vollen Korb auf das trockene, warme Pflaster, zeigte mit dem Peitschenstiel auf die Sonne und jagte singend zum nächsten Hotel.

Den Semmelchen sah man ordentlich an, daß sie in guter Laune gebacken waren. Sie überknusperten sich selbst.

Ein rechter Morgen. Ein Morgen, wie er sein soll, dachte Herr Sebastian Wenzel und atmete tief die frische Salzluft ein.

Aber die Behaglichkeit unseres Lebens hängt nicht allein von uns ab. Denn wir müssen die Welt und alle Schönheit mit jedem teilen, der sich neben uns setzt.

Als sich Herr Wenzel mit seinen braunen Semmelchen gemütlich auf seinen gewohnten Platz begab, sah er, daß auf dem runden, appetitlichen Tischchen noch zwei andere Tassen standen.

Er erfuhr, daß auch diese beiden letzten Plätze des Speisesaals in Anspruch genommen werden mußten.

Bald darauf kam ein Herr auf den Tisch zu und setzte sich neben Herrn Wenzel.

Seine Augen wurden durch blaue Gläser und das übrige Gesicht von einem grauen Bart verdeckt. Er war breitschultrig, und auf seiner breiten Brust hing wie ein Orden ein zweites Augenglas.

Er entfaltete seine Serviette und steckte sie unters Kinn, wo sie wie ein kleines Papierstückchen klebte. Dann klopfte er eins der Eier auf, die der Kellner vor ihn hinsetzte, und begann sie schlürfend einzulöffeln.

Mit der ganzen Neugier eines Menschen, der nicht mehr gewohnt ist, andere aus der Nähe essen zu sehen, hatte Herr Wenzel dies alles ernsthaft beobachtet.

Er hätte gern den Herrn gefragt, ob ihm ein Arzt diese Eier zum Frühstück verordnet habe. Über die Zuträglichkeit der Eier waren die Meinungen jetzt so geteilt. Er versuchte auch das Alter des Fremden herauszufinden. Aber Brille und Bart erschwerten das. Er trank starken dunklen Tee, was Herr Sebastian Wenzel durchaus unvernünftig fand.

Inzwischen war der dritte Stuhl von einer Dame eingenommen worden. Man sah ein hageres Gesicht und eine üppige Büste, über die sich eine helle Sommerbluse spannte. Zierlich gespreizte Knochenfinger gossen Schokolade ein, deren Duft angenehm in die Nase stieg.

Sebastian Wenzel wurde unwillkürlich daran erinnert, daß Schokolade nahrhafter sei als Kaffee. Allerdings stellte sie dafür auch größere Kraftansprüche an den Magen.

Es war ein schwieriges Kunststück, das Richtige im Leben zu treffen.

Die Dame nippte an der Tasse, sah dann zu Herrn Wenzel herüber und lächelte.

»Kennen Sie mich nicht wieder?« sagte sie sanft.

Herr Wenzel erinnerte sich jetzt, dieser spitzen Nase irgendwo lange Zeit gegenüber gesessen zu haben. Es war die magere Dame aus dem Kupee, die keinen Schlaf hatte finden können, ehe sie nicht das ganze Kupee auseinandergenommen und wieder zusammengeschraubt hatte.

»Nein, weiß Gott, ich hätte Sie nicht wiedererkannt«, sagte Herr Wenzel, ehrlich erstaunt.

»Ja«, sagte die Dame, »in der Eisenbahn sieht man wenig komfortabel aus. Da behilft man sich mit dem Allernotwendigsten. Auch allen Humor verliert man.« Und sie lächelte über ihre Büste hinweg Herrn Wenzel an und zupfte an den blonden Löckchen, die auch nicht zu dem Allernotwendigsten gehört hatten.

»Humor braucht man auf der Reise so notwendig wie Kleingeld«, sagten da auf einmal die Lippen, die zu der blauen Brille und dem Bart gehörten.

»Eigentlich haben Sie recht«, entgegnete die Dame und kicherte höflich.

»Ja«, fuhr der Herr fort, »Humor ist das beste Antiseptikum. Sonst kann man auf einer Vergnügungsreise von drei Tagen gallenkrank werden. Die Öfen rauchen, die Kellner popeln, Matratzen sind mit Nüssen statt mit Roßhaar gepolstert, wohin man kommt, war das Wetter immer gerade bis gestern schön. Dagegen hilft nur Lachen.«

»Ja, wenn man es kann«, sagte die Dame und steckte seufzend ein Krümelchen Brot in den Mund.

»Man muß es, Verehrteste. Außer bei Bauchfellentzündung ist Lachen die beste Medizin.«

Es stellte sich heraus, daß der Herr Medizinalrat war.

Die Dame hatte das Frühstück beendet und ging grüßend davon.

»Eine alte Bekannte?« fragte der Rat Herrn Wenzel.

»O nein, ich habe nur einmal auf der Reise eine Nacht mit ihr verbracht«, sagte Herr Wenzel abweisend.

Der Herr drehte die blauen Gläser noch einmal nach der hageren Dame zurück und dann zu Herrn Wenzel.

»So, so«, meinte er dann.

Nach dem Frühstück flatterte die ganze Hausgesellschaft hinunter an den weißen Strand und ruhte, schwatzte oder träumte am Rand des kornblumenblauen Meeres. Leinwandzelte schützten vor den Strahlen des lange vermißten gelben Gestirns.

Herr Wenzel machte wie immer allein einen langen Spaziergang. Sinnend schritt er dahin. Er wollte dem Herrn mit der Brille einige wichtige Fragen vorlegen. Ob das ernst gewesen sei, was er über das Lachen gesagt hatte. Dann, was er vom Pfeifenrauchen halte? Warum er schon des Morgens zwei Eier esse? Und noch einiges mehr.

Er freute sich immer auf die Mahlzeiten. Aber heute ganz besonders. Er schrieb dies dem herrlichen Wetter zu. Er kam etwas erhitzt nach Haus, schloß und verdunkelte die Fenster und schlummerte ein wenig, um bei Tisch frisch zu sein.

Der Medizinalrat erschien erst, als man schon die Suppe gelöffelt hatte. Er hatte die Brille abgenommen, und man sah in zwei gute, menschenfreundliche Augen.

»Ja, das ist ein Genuß«, sagte er und sah sich lächelnd um. »Unter die klare Flut zu tauchen und ein paar Augenblicke alle die armen kranken Nieren und Herzen, Lebern und Lungen zu vergessen.«

Er strich sich durch die Haare und sah ernst über die Köpfe hinweg durchs Fenster.

»Gibt es wirklich so viel organische Erkrankungen?« fragte Herr Wenzel behutsam, und damit hatte er das Gespräch dahin gebracht, wohin er es haben wollte.

Die dünne Dame warf von Zeit zu Zeit ein interessiertes Aha – oder Achso – in die Unterhaltung der beiden Herren. Sonst widmete sie sich ganz den Speisen. –

Am Schlusse der Mahlzeit, als der zarte Pudding ein sanftes Lächeln auf alle Mienen zauberte, beendete der Arzt sein Gespräch mit Herrn Sebastian Wenzel.

»Mein lieber Herr«, sagte er. »Das Leben tötet das Leben. Diese Tatsache wird keine Wissenschaft der Welt aufheben können.«

Er schob seinen Stuhl zurück, verbeugte sich und ging, ohne das Servieren des Käses abzuwarten, rasch davon.

Herr Wenzel zog daraus die Lehre, daß Käse nicht gesund sein könne. Er nahm sich vor, den Herrn Medizinalrat, der einen sehr tüchtigen Eindruck machte, am Abend darum zu befragen.

Am Abend war der Arzt abgereist.

Er hatte diesmal das Kleingeld über den Humor gehen lassen. Er wollte sich erholen. Er kannte die Hartnäckigkeit und den Wissensdurst jener alternden Leute, die über ihr Leben ängstlicher wachten als die zärtlichste Mutter über ihr Neugeborenes.

Er reiste weiter, fest entschlossen, sich im nächsten Ort als Steuereinnehmer auszugeben.

Herr Wenzel war sehr enttäuscht, als er ihn nicht mehr vorfand. Schmerzlich empfand er das rasche Kommen und Gehen der Reise.

Als er am Abend den gewohnten Gang über den Korridor machte, wehte noch Lärm, Musik und Zugluft durchs Haus. In dem großen Saal tanzte man bei geöffneten Fenstern. Auch die Rollschuhbahn war zu hören.

Herr Wenzel erinnerte sich der kleinen grünen Schuhe. Heute standen sie nicht vor der Tür. Sie tanzten wohl da unten mit im Saal und wurden bestaubt und beschädigt.

Als er das Licht löschte und sich in die Kissen zurücklegte, dachte er, wie unvernünftig doch die Leute dahinleben. Sie kamen, um sich zu erholen, und statt sich beizeiten zur Ruhe zu begeben, sprangen sie die halbe Nacht leicht bekleidet herum, schluckten Staub und brachten sich unnötig in Schweiß. Kein Wunder, daß es so viel Todesfälle in der Welt gibt.

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