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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 15
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
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15

Eine Weckuhr weckte Herrn Sebastian Wenzel drei Stunden vor Abgang des Zuges. Er fuhr aus dem Schlaf und sagte sich: jetzt muß es sein. Er machte Licht und stieg aus dem Bett.

Es war fünf Uhr. Die Sonne, die nicht mit dem Frühzug an die Riviera zu fahren brauchte, war noch nicht aufgestanden. Die Straßen waren still. Nur die Spatzen zeterten auf den Baumgerippen.

Wie es vorauszusehen war, hatte Sebastian reichlich Zeit zum Frühstücken. Mit nüchternem Magen geht ein Mann mit Überlegung nicht auf Reisen. Während er den duftenden Kaffee wärmend über die Zunge rieseln ließ, studierte er noch einmal die Tabelle, die ihm der blonde Mann im Reisebüro zusammengestellt hatte. Als er sie Herrn Wenzel übergab, etwas blaß von den vielen Fragen des alten Herrn, meinte er mit dem liebenswürdigen, wächsernen Lächeln von Schaufensterpuppen: »Hier finden Sie alles ganz genau vermerkt, werter Herr. Ein Säugling könnte damit reisen, wenn man ihm dies Blättchen an die Windeln heftete.« – Und er verbeugte sich tief mit vertieftem Lächeln.

Herr Sebastian Wenzel fand diesen Vergleich nicht recht appetitlich, aber gleichzeitig sehr beruhigend.

Jetzt war es Zeit, daß das Mädchen die Droschke holen mußte. Mit einem Automobil zur Eisenbahn zu fahren, schien Herrn Sebastian Wenzel zu herausfordernd gegen das Schicksal.

Bald standen der gelbe Löwe und die Hutschachtel hinter dem Schwanzstoppel eines mageren Droschkengauls, der den Kopf in Morgenmüdigkeit tief gesenkt hielt. Um ihn herum klapperte und klopfte schon der beginnende Tag.

Herr Sebastian Wenzel war bereit.

Er fühlte nur noch einmal in alle seine Taschen. Nach der Brieftasche, der Reiseapotheke, der Uhr, den Schlüsseln, den Taschentüchern.

Nun knöpfte er den Pelz zu, gab sich einen Ruck und ging, den Abschied der weinenden Wirtschafterin abwinkend, hinaus.

Nicht lange darauf zerrte das Pferd Droschke, Koffer und den reichen Herrn um die Ecke der Straße ...

*

Alle Züge gehen schließlich ab. Auch wenn man ein und eine viertel Stunde zu früh zum Bahnhof kommt und dies nicht mehr glauben will.

Herr Sebastian Wenzel saß wartend und sicher im mittelsten Wagen der schwarzen gefensterten Schlange. Er teilte ein Abteil, in dem Rauchen verboten war, mit einem dicken Herrn und einer dünnen Dame, die nicht zusammengehörten. Beide waren schon in dem Alter, wo man sich ärgert, wenn einer den Fuß eines Mitreisenden zärtlich streift. Wo man nicht mehr lächelt, wenn sich die Blicke begegnen.

Alle drei hatten Eckplätze eingenommen, von denen aus sie sich gegenseitig beobachteten.

Endlich kam der Zug ins Rollen und lenkte die Blicke ab.

Vor den Fenstern glitten kalte braune Felder vorbei unter aschgrauen Wolken. Häuser, die sich an einen Kirchturm schmiegten. Leichter Rauch, der aus Schornsteinen aufstieg. Kinder, die Mützen schwenkten, Frauen und Männer, die mit ungewissem Lächeln dem vorbeisausenden Gepolter nachschauten.

Herr Sebastian Wenzel bemerkte das wohl, aber er war nicht recht bei der Sache. Er überlegte, ob er auch wirklich nichts beim Einpacken vergessen hatte. Stück für Stück rief er sich ins Gedächtnis zurück. Er zuckte zusammen.

Die grünen Filzschuhe waren sicherlich nicht mitgekommen. Sie waren ganz neu. Er hatte sie nur zehn Minuten, nach der Uhr, an den Füßen gehabt, um sie nicht verzollen zu müssen. Der Platz, wo sie hätten sein müssen, war die Handtasche, die sich im Netz über dem Kopf des dicken Herrn schaukelte. Der Herr hatte jetzt eine kleine Reisemütze auf dem großen Kopf, die Hände über dem Bauch gefaltet und die Augen zugekniffen. Es konnte sein, daß er schlief; es war aber ebenso möglich, daß er nicht schlief.

Herr Sebastian Wenzel sah von dem runden Gesicht des Ruhenden nach der schaukelnden Tasche hin und wieder zurück. Mehrere Male. Endlich faßte er sich Mut. Er stand auf und faßte mit seinen langen Armen nach der Tasche. Der Dicke fuhr entsetzt in die Höhe.

»Entschuldigen Sie«, sagte Sebastian ebenfalls erschreckt.

»Bitte, bitte!« erwiderte der andere. Sein Mund versuchte, ein Lächeln aufzubringen, aber seine Augen drohten: können Sie nicht stillsitzen, Sie langer Kerl?

Er war schon gereizt über Sebastians nicht runde Knie, die ihm im Wege waren.

Herr Wenzel holte nun seine Schlüssel hervor und probierte mit ihnen an der Tasche herum, wie ein Hausdieb. Er kannte sich noch nicht aus mit all den neuen blanken Schlüsseln.

Die dünne Dame beobachtete starr jede seiner Bewegungen. Schlüsselgeklapper war ihr unerträglich. Ihre ganze dünne Gestalt schien sagen zu wollen: dazu geht man nicht auf Reisen, mein Herr!

Endlich sprang das Schloß auf, und die Tasche klaffte auseinander. Das erste, was Herr Wenzel sah, waren die grünen Schuhe. Befriedigt schloß er sofort die Tasche und brachte sie wieder an ihren alten Platz zurück.

Nur einige Minuten später wiederholte sich dieser Vorgang. Ganz genauso. Diesmal suchte Herr Wenzel nach seiner Nagelschere, die er vergessen zu haben glaubte.

Die beiden Mitreisenden warfen sich einen Blick zu. Der alte Herr schien ›Probier's Schlüsselchen‹ zu spielen. Dann sollte er sich dazu ein Abteil für sich allein nehmen.

Duldsamkeit, dies seltene Kraut, wächst nicht zwischen Eisenbahnschienen.

Sebastian saß wieder zufrieden da.

Vor den Fenstern hüpften hohe Tannen vorbei.

Herr Wenzel hatte noch keine Zeit für sie. Die wichtige Speisefrage beschäftigte ihn. Auf seiner Reisetabelle stand, daß er im Speisewagen Mittag essen solle. Das war natürlich. Denn Herr Wenzel wollte die lange Reise ohne Unterbrechung machen. Das war ihm im Büro geraten worden. Er hatte gefragt, ob es nicht besser sei durchzufahren, wenn man sich nirgends aufhalten wollte. Und man hatte ja gesagt. Das Büro gab jedem den Rat, den er haben wollte. Das war sein Zweck, denn es war zur allgemeinen Bequemlichkeit da.

Wenn Herr Wenzel nicht aussteigen wollte, mußte er im Zug essen. Ohne Speise kann der Mensch nicht bestehen. Nun aber hatte Herr Sebastian Wenzel bemerkt, daß sich der Speisewagen an der gefährlichsten Stelle des Zuges befand, am Ende.

Was tun?

Über die Gefahr, eine Stunde im letzten Wagen des Zuges zu sitzen, war er sich vollkommen klar. Was nun tun? Er fragte sich immer wieder und konnte nicht ins klare kommen. Das Leben ist leider mit vielen Komplikationen verbunden.

Draußen teilten sich die Wolken ein wenig und zeigten, daß der Himmel über ihnen immer blau ist.

Die Tür zum Gang wurde aufgerissen, und ein kleiner Kellner sang im Ton eines Chorals: »Um 12 Uhr Mittag bitt' schön.« Er ließ einige Zettel in das Abteil fliegen, sah einen Augenblick wartend auf die stummen drei, zog den Kopf wieder zurück, schloß die Tür zu und verschwand.

Herr Sebastian hatte eines der Papiere aufgefangen und studierte die Reihenfolge der Speisen.

Als er ausgelesen hatte, versetzte er seine Mitreisenden in heftigen Schreck, so eilig sprang er zur Tür, wo gerade der kleine braune Frack vorbeigleiten wollte. Er hielt ihn am Schoße fest und bestellte sich einen Platz im Speisewagen. Dann stolperte er auf seinen Platz zurück. Der Zug rollte gerade auf einer großen eisernen Brücke über einen glänzenden, breiten Strom hinweg.

Sebastian schloß die Augen. Jetzt war es bestimmt. Das Menü, war nicht schlecht zusammengestellt. Man mußte der Gefahr trotzen. Und schließlich – selbst bei dem größten Eisenbahnunglück – alle kommen doch niemals dabei um ...

*

Mut belohnt sich meist. Alle kamen mit dem Leben davon. Nicht nur Herr Sebastian Wenzel, der nun wieder in seiner Ecke saß und ein kleines Schläfchen machte.

Der Wagen rollte durch das sanfte Thüringen.

Der dicke Herr sah auf Herrn Wenzels spitze Knie, die ihn bei jedem Räderdrehen stachen, und verwünschte die Verschiedenheit der menschlichen Formate.

Inzwischen gehorchte der Zug genau der Reisetabelle in Herrn Sebastians Brieftasche. Sobald er erwacht war, überzeugte sich Herr Wenzel davon auf jeder Station.

Gegen Abend rollten die Wagen in die Stadt Frankfurt am rauschenden Main. In Goethes und Schopenhauers Geburtsstadt.

Hier kletterte Herr Sebastian Wenzel aus dem Wagen. Denn es war Zeit, sich um ein Abendbrot zu kümmern.

Er notierte sich die Nummer des Wagens und ging mit langen Schritten durch das Gewühl.

Im Bahnrestaurant standen am Büfett Frauen, Männer und Mädchen mit gehobenen Armen, drängend, puffend, stoßend, als ob hier nach einer Hungersnot Freibrot verteilt würde. Aber schließlich erwischte auch Herr Wenzel sein Teil, wickelte es sich in Pergamentpapier und trug seinen Raub hastig davon.

Bald hatte er die rechte Tür gefunden, und vorsichtig kletterte er in den Wagen hinein.

Der dicke Herr war fort.

Die dünne Dame hatte Nachttoilette gemacht. Um den Kopf war ein Schleierturban geschlungen, an den Füßen hingen Pantoffeln, um den übrigen Körper waren bunte karierte Tücher gewickelt. Sie zog gerade die Gardine um die gläserne Halbkugel, aus der das Licht blendete, als sich Herr Wenzel zur Tür emporwand. Ein empörter Blick traf ihn, denn die Dame hatte von ihm erwartet, daß er Schlafwagen fahre.

Der Zug rannte wie eine Kette springender Lichter durch die Finsternis.

Herr Sebastian lag ausgestreckt auf den Sitzen und merkte sofort, daß er schlafen würde. Die Melodie der Räder war ihm angenehm und erinnerte ihn an ein Leierkastenlied, das seine Straße häufig durchsummte; behaglich schloß er die Augen.

Aber man kann nicht immer, wie man will.

Die dünne Dame, die sich auf der andern Seite des Kupees streckte, konnte keine Ruhe finden. Sie sprang wieder auf und beugte sich über Herrn Wenzel. Dieser fürchtete schon ein Attentat irgendeiner Art und war auf alles gefaßt. Aber die Dame drehte nur den Heizungshebel an der Wand. Dann legte sie sich wieder nieder.

Aber schon nach kurzer Weile erhob sie sich aufs neue, um an Fenstern, Türen und Lampe zu schieben und zu schrauben.

Herr Wenzel drehte sich ärgerlich der Wand zu. Er hätte es sich gleich sagen sollen, daß man, nur eine einzige Frau in der Nähe, nicht zum Schlafen kam.

Aber nachdem seine Gefährtin an allen Fenstern gerüttelt, an allen Hebeln gedrückt, an allen Ventilationen gezerrt hatte, gab sie sich zufrieden. Beide fanden endlich Ruhe.

Über den Schlafenden tropften die Sterne ihr Licht auf eisbedeckte Steinklumpen. Der gelbe Schein der fahrenden Fenster spiegelte sich in stillen, gefrorenen Wassern. Tief in Schnee gehüllte Bergtannen bewegten sich unruhig, als Rauch und Lichter vorbeisausten und im gleichen Augenblick verschwunden waren.

Herr Sebastian Wenzel merkte es, daß er die Schweiz durchfuhr. Aus unbegreiflichen Gründen wurde mitten in der Nacht einmal die Kupeetür aufgerissen, und ein eisiger Luftzug drang herein. Er zog sich die Decke über die Ohren, dachte an sein feststehendes Bett zu Hause hinter verschlossenen Fenstern und Türen und schlief weiter.

Als er erwachte, war er in Italien. Wie das glückliche Kind im Märchen, das schlafend durch den Schlund der Berge ins Wunderland fand, war er dahin gekommen.

Er richtete sich auf, gähnte und sah sich um. Die dünne Dame saß auch wieder aufrecht da und knüpfte sich mit der zitternden Hast eines, der unrecht Gut verbirgt, einige Verschlüsse ihres Kleides zu. Herr Wenzel wendete verächtlich den Blick weg.

Er rieb bedächtig die beschlagenen Fensterscheiben ab. Seine Augenbrauen zogen sich hoch. Was war das? Ein freundlicher Frühlingsmorgen lächelte unter wolkenlosem Himmel. Auf hellgrünen Feldern trugen Obstbäume ihre reiche, zarte Blütenlast. Am Rand des Weges leuchteten stark farbige Wiesenblumen. Herr Sebastian Wenzel holte seinen Kneifer her, den er nur in seltenen Fällen zu Rate zog, denn seine Augen waren noch recht gut. Er putzte die Gläser mehrmals, um recht zu sehen: Die Welt schien bunter geworden zu sein.

Bald fuhr die Lokomotive in eine große, von Lärm durchgellte Eisenbahnhalle, machte einen großen, schweren Schnaufer und blieb stehen. Dann folgte ein kurzer, befehlender Pfiff, der sagen wollte: Raus mit euch, die ich euch durch die Berge und Schluchten gezogen habe. Hier ruhe ich mich aus.

Herr Sebastian Wenzel überzeugte sich nach Uhr und Reisetabelle, daß diese Stadt Mailand sei.

Das Reisebüro verlangte hier: aussteigen und frühstücken. Dom besichtigen. Mittags weiterfahren.

Herr Sebastian kletterte also hinaus und nahm auf dem Bahnhof einen tüchtigen Imbiß ein. Der Kaffee war schlecht, aber Brötchen und Butter mundeten ihm. Schade, daß er die Zeitung, die auf dem Tisch lag, nicht lesen konnte. Es hätte sonst recht behaglich sein können.

Endlich stand er auf und klopfte sich die Semmelkrümelchen von dem neuen dunkelgrauen Rock. Das wäre gemacht. Nun also: Dom.

Er trat aus der Bahnhofshalle heraus und sah unschlüssig auf eine lange Straße.

Viele Droschkenkutscher riefen: Duomo, Duomo? Er war erstaunt über dieses treffliche Gedankenlesen, bemerkte aber mit Unruhe, daß die lebhaften Pferde bei jedem Zug des Zügels wie junge Böcke sprangen.

Schließlich entschied er sich für das ihn am harmlosesten dünkende Tier und stieg in den Wagen. Er sah, daß er einen Preisanzeiger hatte, und lehnte sich beruhigt zurück.

Die Fahrt ging durch breite, lebhafte Straßen. Er fand es nicht anders als zu Haus. Schulkinder gingen mit ihren Mappen zur Schule, Dienstmädchen machten ihre Einkäufe. Nur die Schutzmänner hatten andere Uniformen. Ihr Dreispitz erinnerte an Leichenkutscher. Sie gefielen Herrn Wenzel nicht. Der Wagen hielt auf einem belebten Platz. Der Preisanzeiger verlangte eine Lire. Herr Wenzel nahm eine der silbernen fremdländischen Münzen und reichte sie dem Kutscher. Dieser schüttelte den Kopf, sprach einige unartikulierte Laute und gab das Geld zurück. Es war ein Lirestück, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Herr Wenzel hatte es sich im Büro unsägliche Male erklären lassen. Aber der Kutscher wollte es nicht haben. Er schrie und knallte mit der Peitsche. Leute sammelten sich an. Herr Sebastian sprach, aber das war den anderen komisch. Sie lachten und schrien unverständliche Worte durcheinander. Herr Wenzel sah zwei polizeiliche Leichenträger über den Damm kommen. Sein ganzes Leben hindurch hatte er nichts mit der Polizei zu tun gehabt. Verzweiflungsvoll griff er in die Tasche und hielt dem Kutscher drei solcher Silberstücke und noch einen Haufen Kupfer hin. Angstvoll starrte er in das braune, schlecht rasierte Gesicht. Es begann sich in einem breiten Grinsen zu verziehn, ein Peitschenknall, und Roß und Wagen sprengten die Menge auseinander und jagten davon. Die Dreimaster kehrten um.

Sebastian atmete auf. Betäubt sah er in das Gewühl. Aber jetzt schien ihm alles fremd. Was nützte es, daß sie sich verstellten und sich so kleideten und gebärdeten wie die Leute bei ihm im Land. Er konnte nicht hören, was sie sagten, und war nicht imstande, mit ihnen zu sprechen.

Sollte er dermaleinst sein Geld den armen Taubstummen überlassen? Ganz plötzlich durchzuckte ihn dieser Gedanke. Diese armen Menschen mußten furchtbar leiden!

Er tupfte sich den Schweiß von der Stirn und sah ängstlich und ratlos über den lärmenden, unbekannten Platz. –

Andere Länder, andere Sprachen. Nichts war daran zu ändern; wenn auch Herr Sebastian Wenzel unendlich bereute, diesen Fehler des Weltalls nicht vorher ins Auge gefaßt zu haben. Das hätte wahrscheinlich manches geändert.

So stand er nun vor dem Mailänder Dom, allein, zwischen Italienern. Wie konnte er nur wieder fortkommen!

Er wußte später nicht mehr, wie lange er hier gestanden haben mochte, so ungewiß des Kommenden, wie nur je ein Mensch in die Zukunft gesehen hatte, bis wieder ein solcher Teufel von Kutscher sich ihm näherte und mit der Peitsche über einem zappligen Pferd knallte. Er rief fortwährend Stazione, Stazione und sah dabei Herrn Wenzel unverschämt fragend ins Gesicht. Beleidigt blickte dieser fort. Aber wie er sich drehte und wendete, der Kerl auf dem Bock umkreiste ihn weiter: Stazione, Stazione.

Erkenntnis kommt meist plötzlich.

Auf einmal begriff Sebastian, daß dieser vernünftige Mensch ihn zum Bahnhof fahren wollte. Hastig stieg er in den Wagen, nicht ohne einen Seitenblick auf das übertrieben lebhafte Pferd zu werfen.

Bald darauf sah er ein Gebäude vor sich, das in der ganzen Welt nur einen Bahnhof bedeuten konnte. Auch hörte er eine Lokomotive pfeifen. Hier gab es keine Täuschung, was für ein Kauderwelsch auch um ihn herum geschrien werden mochte. Er war gerettet.

Der Preisanzeiger meldete wieder eine Lire. Aber er gab gleich drei Silberstücke und ging rasch durch das Portal davon.

Sein Zug stand schon in der Halle, obgleich noch eine ganz nette Zeit bis zur Abfahrt übrig war.

Gerade als er einsteigen wollte, fiel ihm ein, daß er durch all dieses Ungemach ja ganz und gar vergessen hatte, zum Dom aufzugucken und sich ihn anzusehen. Er kehrte verdrießlich um und suchte sich an dem Zeitungsständer einige Postkarten mit Abbildungen dieses berühmten Gotteshauses aus. Zu seiner Freude fand er dabei auch einige deutsche Witzblätter, die er nun studierte, ehe der Zug ins Rollen kam.

Während die Reise weiterging, sah er sich dann gründlich die Abbildungen des Doms an. Er hatte ihn sich von außen, innen und allen Seiten gekauft. Da war viel zu betrachten.

Ihm entging dadurch, daß draußen der breite Po frühlingsgeschwellt mit den raschen Rädern um die Wette lief.

Man kann nicht alles auf einmal sehen. –

Wieder kam die Nacht, und alle Fenster erhellten sich. Sebastian war nicht mehr so vermessen, nach seinem eignen Bett zu verlangen, das gut und behaglich war und nun im dunklen, kampfergefüllten Zimmer stand. Jetzt wäre er mit jedem Bett zufrieden gewesen.

Draußen lag Finsternis auf fremdem Land. Aber überall erinnerte Lichterschein, daß Menschen ihre Heime und auch wohl Betten hatten. Es waren gewiß schlechte Betten, aber man konnte die Glieder darauf strecken. Er seufzte schwer.

Nun reiste Sebastian schon dreißig Stunden.

Bald sollte er am Ziel sein. Aber die Zeit wollte nicht mehr vergehn. Seine Uhr steckte in einem schützenden Lederfutteral, das noch schwer auf- und zuging. Aber er scheute nicht die Mühe, sie wieder und wieder vorzuziehen. Die Zeiger schienen kaum vom Fleck zu kommen.

Sebastians Schlafsucht und Zerschlagenheit nahmen zu. Er dachte an kein Bett mehr. Jetzt hätte er in straffer Kniebeuge und auf einem Bein schlafen können. Aber er mußte sich wach halten, um nicht die Station zu verschlafen, an der er den Zug endlich verlassen durfte.

Seine Uhr hatte trotz aller Langsamkeit die Zeit erreicht, wo Herr Wenzel der Reisetabelle gemäß aussteigen mußte. Aber der Zug hielt nicht. Entsetzliche Unruhe befiel ihn. Es schien ihm, als ob die Wagen über Gebühr schnell vorwärts rasten. Er wurde hin- und hergeschüttelt. War der Zugführer vielleicht ...? Durch Zeichensprache verständigte ihn sein Gegenüber endlich, daß der Zug ein und eine halbe Stunde Verspätung habe. Das sei meist der Fall hier.

Ein und eine halbe Stunde? Herr Sebastian Wenzel drückte sich in seine Ecke. Er wurde stumpf und gleichgültig gegen alles. Mochte der Zug zusammenfahren und er zu Brei gequetscht werden. Mochte ihn der Mann dort gegenüber mit den funkelnden Augen erdolchen. Mochten sie ihn spießen und in den Rauchfang hängen – ihm war alles gleich.

In seine Betäubung schallte plötzlich das Wort, das am Schluß seiner Reisetabelle mit roter Tinte vermerkt war. Das unglückselige Wort, das unter den Füßen der durch das Fernglas lächelnden Dame gestanden hatte.

Er stolperte zum Wagen hinaus. Ein wildes Schreien umbrüllte ihn. Er selbst schrie, wie man ihm im Reisebüro gesagt hatte, fortwährend: »Parkhotel!« Sein Gepäckträger neben ihm wiederholte dieses Wort wie ein Echo, und der ganze Lärm versank hinter den Worten: »Parkhotel! Parkhotel!«

Und plötzlich sah Herr Sebastian Wenzel diese Silben auf den Schildern zweier brauner Mützen; er hörte die deutschen, wahrhaftig die deutschen Worte: »Wollen Sie bitte einsteigen, Herr? Darf ich um den Gepäckschein bitten?«

In dankbarer Rührung stieg Sebastian in einen Glaskasten auf Rädern. Nach einigen Minuten sah er beim Schein der gelben Lampen den gelben Löwen auf den Wagen zukommen. Mit einem Ruck flog er über Sebastians Kopf auf das Wagendeck. Es war gewiß kein angenehmes Geräusch. Der ganze Glaskasten zitterte. Aber Sebastian lächelte. Das erste Lächeln wieder seit dem Frühstück in Mailand. Ihm schienen Jahre dazwischenzuliegen.

Und nun begann der Glaskasten zu schütteln, als sollte Herr Sebastian durchgesiebt werden. Aber es dauerte nicht lange, dann hielt er wieder. Herr Sebastian Wenzel faltete sich zusammen und stieg aus. Man schob ihn in eine hohe, erleuchtete Zigarrenkiste, die sofort wie ein Luftballon in die Höhe stieg. Eine grüne Filztür öffnete sich, ein Licht flammte auf, und Herr Sebastian Wenzel stand vor einem weiß überzogenen, breiten Bett.

Ein Kellner erschien in der Tür, fragte, ob der Herr warm speisen wollte, und zählte rasch hintereinander ein paar gute Gerichte auf. Herr Wenzel winkte ab, trotzdem der Versucher auch Seezunge mit Remouladensauce gemurmelt hatte. Sebastian aß ein Brötchen, das er noch in der Reisetasche hatte, und – stieg ins Bett.

Er schloß die Augen und streckte sich in seiner ganzen Länge aus. Er seufzte tief. Wer mochte wohl das Bett erfunden haben? fuhr es ihm durch den Sinn. Ob von diesem tüchtigen Mann noch Angehörige leben mochten? Wenn er dermaleinst über sein Geld verfügen wollte, könnte er vielleicht ...

Der Schlaf übermannte ihn. Aber er fuhr erschreckt wieder empor. Was war das für ein polterndes Geräusch? Man warf mit Riesensteinen oder schüttete Sandberge auf. In dunkler Nacht? Nein, jetzt war es mehr ein zischendes Brausen, als ob ein gewaltiges Wasserrohr geplatzt wäre?

Er riß an der Klingel, verließ das Bett wieder und eilte zur Tür.

»Sie wünschen?« klang es bald von draußen.

»Was poltert hier vor dem Haus?« fragte Sebastian Wenzel streng.

»Das Meer«, antwortete eine geduldige Stimme. »Befehlen der Herr sonst noch etwas?«

»Nein, danke.«

Herr Sebastian Wenzel legte sich wieder eiligst nieder.

Merkwürdig, daß dieser Spektakel gesund sein soll, dachte er, als er tiefer und tiefer in Schlaf und Ruhe sank.

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