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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 14
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1956
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14

Exzellenz war abgereist.

Herr Sebastian Wenzel packte und packte, schob Schübe auf, schob Schübe zu. Wickelte aus, wickelte ein, schloß Schlösser zu und Schlösser auf. Ein geheimnisvolles Rascheln ging früh bis spät durch seine Wohnung.

Nie hatte er sich träumen lassen, daß so viele Sachen und Sächelchen zum Leben gehörten. Dabei nahm er nur das Notwendigste mit und zerbrach sich den Kopf, wo er den insektensicheren Blechkasten unterbringen sollte, in dem er seinen Pelz zu verwahren pflegte, und die eisernen Hanteln, mit denen er des Morgens gesundheitliche Übungen machte.

Wenn er sich zu kurzem Ausruhen in seinem Lehnstuhl am Fenster niederließ, sprangen ihm die Gedanken wüst durch den Kopf. Obwohl er sie in einem Notizbuch alphabetisch geordnet hatte. Er mußte auch vieles denken, was gar nicht zur Sache gehörte. Er erinnerte sich bei diesem Kramen und Räumen plötzlich an die Einzelheiten eines Umzugs im elterlichen Hause. Dann fiel ihm ein, wie rasch sein Auszug aus der Mansardenstube vonstatten gegangen war. Zwei helle Segeltuchkoffer hatten mühelos sein Hab und Gut aufgenommen. Er sah sie deutlich vor sich.

Das beunruhigte ihn sehr. Er hatte oft gehört, daß es ein Merkmal des Alters oder des nahen Todes sei, wenn man längst Vergangenes deutlich vor sich sähe. Bis vor kurzem noch hatten ihn keinerlei Erinnerungen gequält. Es schien höchste Zeit zu sein, daß er etwas Ernstliches für seine Gesundheit tat.

Aufs neue ging er an seine mühevolle Arbeit.

Endlich war er reisefertig. Der gelbe Löwe war vollgepackt; ein lederner Hutkoffer, der neben ihm stand, war schon verschlossen. Sebastian hatte bereits mehrere Male sein Portemonnaie geöffnet, um sich zu überzeugen, daß der kleine Nickelschlüssel dazu noch da sei.

Morgen früh würde er reisen.

Die Wirtschafterin sollte in dem hinteren Teil der Wohnung bleiben. Alles übrige wurde fest verschlossen. Die Jalousien waren niedergelassen, die Fenster und Türen kräftig zugeriegelt. Kleine Säcke voll Kampfer strömten schon den wehmütigen Geruch verlassener Räume aus.

Sebastian war zumute wie jemand, den unsichtbare, grausame Mächte fortstoßen vom Liebsten, das er hat. Fortstoßen ins Ungewisse.

Als alles nun geordnet war, nahm er die Feder zur Hand. Er schrieb an seine älteste Schwester. Diese sollte der ganzen Familie mitteilen, daß er auf Reisen gehe und bei seiner Rückkehr auf keine Besuche mehr Anspruch mache. Das Geld, das ihm das gütige Geschick zur Verwaltung gegeben habe, werde er dermaleinst – vor dem Worte »Tod« sträubte sich seine Feder – einem wohltätigen Zweck überliefern. Dem Brief aber legte er einen Scheck über einige tausend Mark bei, die sich die einzelnen Mitglieder der Familie teilen sollten. Und damit Gott befohlen.

Er siegelte den Brief mit einem großen W. Aber ihm war wohl dabei zumute. Er hatte das Gefühl, als ob er sich mit diesem Schreiben gegen alle Reiseunfälle versichert habe.

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