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Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel

Alice Berend: Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel - Kapitel 10
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typefiction
authorAlice Berend
titleDie Reise des Herrn Sebastian Wenzel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1956
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10

Sebastian hatte sich wieder daran gewöhnt, gesund zu sein und die Tage hinzunehmen, wie sie kamen. Er glaubte, so bald keinen Arzt mehr wiederzusehn.

Aber es gibt Zeiten, in denen das Schicksal boshafter ist als eine Frau.

Eines Mittags, als Herr Sebastian Wenzel ruhig und gemessen eine Messinaapfelsine aß, machte seine Zunge plötzlich eine ungeschickte Bewegung: ein Kern verlor das Gleichgewicht und rutschte den Hals hinunter. Mit der tückischen und unaufhaltbaren Schnelle, mit der alles sich fortreißen läßt, wenn es bergab geht.

In demselben Augenblick, als sich Sebastian klar war, was sich ereignet hatte, sah er sich auch schon auf dem Operationstisch liegen. Männer, gleich Köchen gekleidet, wetzten die Messer, um ihm seinen Blinddarm zu stehlen.

Er schrie und klingelte nach der Wirtschafterin.

»So rasch als möglich den nächsten Doktor. Schnell, schnell!« rief Wenzel angstvoll und fuchtelte mit den Händen durch die Luft.

Das Mädchen kreischte auf und jagte davon, alle Türen hinter sich offenlassend.

Bald wußte man in der ganzen Straße, daß der reiche Herr im Sterben lag.

Während man sich vor den Ladentüren stritt, wer nun das schöne Geld erben werde, trat bei Sebastian Wenzel ein kleiner, untersetzter Herr ein, der einen goldnen Kneifer trug.

Er setzte sich Herrn Wenzel gegenüber, umfaßte sein Handgelenk und sagte, die Augen auf dem Zifferblatt seiner Taschenuhr: »Nun, was ist denn geschehn?«

Sebastian berichtete ausführlich den unglücklichen Vorfall. Der Arzt nickte, holte ein Notizbuch hervor, drehte seinen Tintenhalter auf und sagte gütig:

»Nur Mut, Sie werden die Sache bald hinter sich haben«, und dabei kritzelte er mit der Feder.

Als er die Feder wieder zuschraubte, war auf dem Notizblock etwas Schwarzes zurückgeblieben, das wie Fliegenschmutz aussah. Das war ein Rezept.

Er reichte das Blatt Herrn Sebastian Wenzel und sagte: »Dies lassen Sie sich rasch aus der Apotheke holen und nehmen es ein. Dann essen Sie drei Pfund Kartoffelbrei.«

»Mit Milch und Butter und ein wenig gerösteter Zwiebel darauf?« fragte Sebastian schwach.

»Wie Sie es lieben. Nur soviel als möglich. Ich komme am Abend noch einmal nach Ihnen sehen.«

Sebastian kam mit dem Schreck davon, der Kern fand den Weg ins Freie.

Aber ein Unglück kommt selten allein.

Am Abend, als das Dunkel die Wirklichkeit verschwinden ließ und sich jeder die Ereignisse des Tages so groß und so klein denken konnte, wie er wollte, hatte Amalie Zwink in dem dunklen Drang des Erlebenmüssens an Herrn Sebastian Wenzels Schwester geschrieben. Sie hatte einen reichlichen Meter Unglück aus dem Unfall gewoben.

Als Herr Sebastian Wenzel am andern' Morgen in neu gewonnener Ruhe seine Zeitung las, öffnete sich die Tür und seine älteste Schwester trat ein.

»Du bist nicht im Bett?« fragte sie vorwurfsvoll!

Sebastian sah sie entsetzt an.

»Seid ihr wieder alle da?« stotterte er.

»Ich nahm mir nicht einmal Zeit, meine eigene Tochter zu benachrichtigen. Auf Flügeln der Angst eilte ich zu dir.«

»Nun, du hast wohl auch die Straßenbahn angewandt«, verbesserte sie Sebastian.

Die Schwester seufzte.

»Du hattest leider niemals Familiensinn. Aber was fehlt dir eigentlich, solltest du nicht operiert werden?«

Sebastian erhob sich.

»Erst werd ich jedenfalls einen kleinen Spaziergang machen«, sagte er.

»Tu, was du nicht lassen kannst«, rief die starke Dame gereizt. »Ich gehe schon. Gott hat gewußt, warum er dir keine Frau gab.«

Bei diesen Worten sah sie dem Bruder scharf ins Gesicht. Sie wollte wissen, was seine Freundschaft mit Fräulein Zwink zu bedeuten habe. Ganz vergeblich sollte der lange Weg doch nicht gemacht sein.

Sebastian richtete sich in seiner ganzen hageren Länge auf.

»Du willst wohl sagen: Ich wußte, warum ich mir keine Frau genommen habe. Damit hast du allerdings recht!« rief er mit machtvoller Stimme.

Als die Schwester gegangen war, sank er erschöpft in seinen Stuhl. Er tupfte sich mit dem Taschentuch die Stirn ab. Die Erregung hatte ihn sehr mitgenommen.

Sebastians Schwester sprach einen Augenblick bei Fräulein Zwink vor.

»Viel Bitternis habe ich hinunterschlucken müssen«, erzählte sie dem Fräulein, das nur darauf bedacht war, die Schäden ihrer Morgentoilette vor dem unerwarteten Besuch zu decken.

»Viel Kränkung mußte ich dulden«, sagte Sebastians Schwester aufs neue.

»Recht so, mein Pappelpäppchen«, schrie der Papagei.

»Gehört das Vieh meinem Bruder«, fragte die Besucherin erschreckt.

»Nein, das ist mein Vogel«, erwiderte Fräulein Amalie stolz.

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