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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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39. Schluß

»Also ernstlich gut seid Ihr dem Mädchen die ganze Zeit über gewesen, Brown, und habt mir nicht ein einziges Wort davon gesagt?« fragte der alte Roberts, während er die Hand des jungen Mannes fest in der seinigen hielt.

Brown drückte sie schweigend; dann erwiderte er herzlich:

»Was hätte es geholfen, Sir? Ich war zu spät gekommen und durfte mich nicht beklagen.«

»Und jener Schurke hätte Euch beinahe...«

»Er ist bestraft«, fiel ihm Brown in die Rede. »Nun aber sagt auch Ihr mir gerade und freiheraus, wollt Ihr mir das Glück Eurer Tochter anvertrauen?«

»Ja – Blitz und Hagel«, erwiderte der Alte ganz erstaunt, »Ihr fragt mich da, als ob ich überhaupt bei der ganzen Verhandlung ein Wort zu sagen hätte. Bin ich denn bei Rowson...«

»Roberts«, unterbrach ihn bittend die Mutter.

»Aber das Mädchen«, rief dieser kopfschüttelnd, »das ist doch hierbei die Hauptperson.«

»Vater«, bat Marion, die bis jetzt ihren Kopf an der Schulter der Mutter verborgen hatte und nun zärtlich den Hals des alten Mannes umschlang.

»Ah!« sagte dieser, halb lachend, halb verwundert, »so stehen die Sachen? Ja, wenn das Wild gleich aufbäumt, hat der Jäger leichte Jagd. Übrigens«, rief er, Brown mit dem Finger drohend, »scheint mir der Herr nicht erst seit heute auf der Fährte zu sein.«

»Und was meint die Mutter?« fragte Brown, dieser das Mädchen entgegenführend.

»Nehmt sie hin, Sir«, sagte die alte Frau, »sie scheint Euch gut zu sein, und ich – ich habe mir leider das Recht vergeben, für sie eine Wahl zu treffen.«

»Mutter«, bat Marion, »rede nicht so; du glaubtest ja doch nur für mein Glück zu sorgen.«

»Ja, das glaubte ich, Kind; der Allmächtige ist mein Zeuge. Das glaubte ich mit fester, inniger Überzeugung; aber der Herr allein kennt die Herzen der Menschen; wir armen Sterblichen sind schwach und blind.«

»Dank – Dank – herzlichen Dank, Ihr Guten«, rief Brown und schloß das Mädchen in seine Arme. »Sie sollen hoffentlich nie bereuen, mir Ihr einziges Kind anvertraut zu haben.«

»Und mich fragt der Junge gar nicht«, sagte jetzt Harper, der mit nassen Augen vortrat und den Neffen fest ans Herz drückte. »Mordsschlingel – tut so, als ob er keinen Onkel hätte.«

»Ihre Güte kenne ich, lieber Onkel«, rief, ihn freudig umarmend, der junge Mann, »und auch für Sie soll hoffentlich jetzt ein freudigeres, fröhlicheres Leben blühen.«

»Ha«, sagte Harper, indem er sich mit dem Rockärmel schnell über die Augen fuhr, den Neffen losließ und die künftige Nichte beim Kopfe nahm. »Es tut auch not, daß das alte Leben einmal aufhört. Lange hätt' ich's übrigens so nicht mehr ausgehalten; hier Bahrens und ich, wir wollten schon im nächsten Monat eine Wanderschaft antreten.«

»Wohin?« fragte Mrs. Roberts erstaunt.

»Wohin?« wiederholte Harper, »nirgends hin, hier bleiben, aber heiraten. Jetzt feixt der Junge wieder, als ob ich zu alt zum Heiraten wäre. Höre, Bursche...«

»Dort kommen Reiter!« rief Bahrens, nach der Flußgegend zeigend, und gleich darauf sprengten auch Stevenson, Cook und Curtis auf den freien, die Farm umgebenden Platz.

Stevenson begrüßte die Frauen, die er als alte Freunde und Nachbarn kannte, herzlich, schüttelte aber lachend den Kopf, als ihm Mrs. Roberts Vorwürfe machte, seine Frau und Töchter nicht einmal mitgebracht zu haben. Sie habe diese so lange Zeit nicht gesehen und hätte sie so gern einmal wieder gesprochen.

»Wir können morgen hinaufreiten«, sagte Roberts.

»Ist nicht nötig!« rief dagegen Stevenson, »Ihr werdet uns schon noch alle satt und müde werden.«

»Wieso? Ihr bleibt hier?« fragte Roberts schnell.

»Ich habe Atkins' Farm gekauft«, erwiderte der alte Tennesseer. »Die Gegend hier gefällt mir, der arme Teufel wollte fort, und – da bin ich handelseinig mit ihm geworden.«

»Ihr könnt ja aber den Platz noch nicht einmal gesehen haben, denn an jenem Abend...«

»Ist auch nicht nötig«, unterbrach ihn Stevenson lachend. »Sagt er mir nicht zu, nun, so läuft mir Crawford County nicht fort. Ist er aber so, wie ihn Mr. Curtis und Cook hier schildern, dann brauch' ich nicht weiterzuziehen. Die Nachbarn gefallen mir ebenfalls, und da unter dem Pack der Pferdediebe ein wenig aufgeräumt ist, so fange ich an einzusehen, daß der Fourche la fave gar nicht so schlimm sei, als ihn die Leute machen.«

»Brav, Stevenson, brav!« rief Roberts, ihm voller Freude beide Hände schüttelnd. »Heute ist ein Glückstag. Der Teu – oh – Füchse und Wölfe, – höre, Alte, heut mußt du mir einmal einen Fluch zugute halten, es kommt sonst nicht so herzlich heraus, wie ich's meine. Aber verdammt will ich sein, wenn ich die Zeit weiß, wo ich so vergnügt gewesen bin. Kinder – wo ist denn Ellen? Das brave Mädchen darf nicht fehlen.«

»Im Haus«, sagte Brown.

»Allein im Haus? Ei, weshalb kommt sie denn nicht zu uns? Die gehört von jetzt an mit zur Familie.«

»Daß sie nicht allein ist«, erwiderte ihm lächelnd Brown, »dafür hat, glaube ich, Mr. Wilson gesorgt.«

»Pu – uh!« sagte Roberts, »dort sitzt der Truthahn? Nun so kommt, Kinder, da sie nichts von uns wissen will, müssen wir sie aufsuchen. Ihr seid aber alle meine Gäste, und Stevenson, alle Wetter, wo ist denn Euer Junge?«

»Den hab' ich den Frauen geschickt, um sie zu beruhigen«, sagte der Alte.

»Recht so; also Stevenson muß seine Familie morgen ebenfalls herunterholen; wir schlagen hier ein Lager auf, und in der nächsten Woche – oder sobald es den jungen Leuten gefällig ist – denn die haben doch wohl dabei die Hauptstimme – oder nehmen sie sich wenigstens, was, wenn man es bei Tage...«

»... betrachtet, vollkommen recht ist«, vollendete lachend Harper diese Rede, »halten wir also Hochzeit, und nachher«, fuhr er mit einem komischen Seitenblick auf Brown fort, »läßt ein gewisser junger Mann seinen alten Onkel hier allein auf dem trocknen sitzen, besteigt einen zu diesem Zweck besonders angeschafften Fuchs und reitet nach...«

»Little Rock – Onkelchen«, fiel Brown, ihm die Hand hinüberreichen, ein, »um dort das Land zu kaufen, auf dem er von nun an am Fourche la fave mit eben diesem alten Onkel und seiner jungen Frau leben will.«

»Und wird euch Regulatoren der Gouverneur nicht zürnen, daß ihr seine Gesetze gebrochen habt?« fragte Marion schüchtern'

»Mag er«, sagte lächelnd der junge Mann. »Wir haben unsere Rechte verteidigt und die Brut vernichtet, die giftgeschwollen diese herrlichen Wälder durchkroch. Seine Machtlosigkeit gerade war es, die jene Verbrecher glauben machte, daß sie, wenn auch nicht unentdeckt, doch ungestraft Untat nach Untat begehen könnten. Unser Regulatorenbund hat ihnen aber die Gewalt gezeigt, die der einfache Farmer imstande ist auszuüben, sobald es die Not und seine eigene Sicherheit erheischt. Die Gefahr ist vorüber, und gern vertauschen wir wieder das Richtschwert mit dem freundlicheren Ackergerät des Landmanns.«

 

Das übrige ist bald erzählt:

Was Wilson und Ellen betraf, so hatte diesmal der alte Roberts, nach einem arkansischen Sprichwort, keineswegs »unter dem falschen Baum gebellt«. Noch in derselben Woche legte der nicht fern wohnende Friedensrichter die Hände beider Paare ineinander, und während Brown nach Little Rock ritt, den Kauf seines Landes zu besorgen, schrieb Wilson an seine alte Mutter in Memphis, um diese zu sich einzuladen, damit sie in seinem Haus ihre letzten Tage in Ruhe und Frieden verleben könne.

Atkins verließ schon am nächsten Morgen den Fourche la fave, lagerte jedoch noch eine kurze Zeit in der Nähe, um seinen Handel mit Stevenson in Ordnung zu bringen. Dies geschah jedoch über Curneales' Vermittlung, da er sich nicht entschließen konnte, wieder freundlich mit dem Mann zu verkehren, durch dessen Hilfe er seiner, wenn auch gerechten, Strafe oder Beschimpfung überliefert worden. Mit Wilson hatte er jedoch noch eine Unterredung, und auch Ellen nahm Abschied von ihren Pflegeeltern, ehe diese den Staat auf immer verließen.

Über Cotton konnte man nichts Näheres erfahren; ein Kanu war umgeworfen und mit einem Kugelloch in der Seite unterhalb Harpers Haus angetrieben gefunden worden; es ließ sich daher nichts anderes vermuten, als daß dies dasselbe sei, in welchem Rowson und Cotton hatten fliehen wollen; doch blieb Cotton selbst spurlos verschwunden, und da man auch an keinem Ufer eine Spur entdeckte, so gewann das Gerücht bald allgemeinen Glauben, der Verfolgte sei, wenn nicht von einer der nachgeschickten Kugeln getroffen, doch mit dem Boot umgeschlagen und durch die Kleider und vielleicht noch sonstiges mitgenommenes Gepäck am Schwimmen verhindert worden und ertrunken. Ebensowenig war über den Mulatten etwas zu erfahren, obgleich die Männer, die einige Tage darauf Johnsons Leichnam abschnitten und begruben, behaupten wollten, den Schatten seiner dunklen Gestalt am Rande jenes Schilfbruches gesehen zu haben, der sich vom Ufer des Fourche la fave aus nach dem Hügel zu erstreckte.

Der Advokat von Little Rock hatte sich, gleich nach Beendigung der Versammlung, auf sein Pferd geworfen und war im gestreckten Galopp davongesprengt, doch, wie man später erfuhr, nicht in der Richtung nach Little Rock zu, wo niemand einen »Wharton« kannte.

Der Indianer lagerte dagegen noch neun Tage nach dem Tode Rowsons neben dem Grab seines Weibes, unterhielt dort ein Feuer und brachte ihr nächtlich seine Spenden an Speise und Trank. Am Morgen des zehnten jedoch trat er, mit Decke und Büchse auf der Schulter, marschfertig gerüstet in Harpers Hütte, die, bis ihr eigenes Haus errichtet worden, von den jungen Eheleuten einstweilen bezogen war. Dort reichte er dem Freund ernst und schweigend die Hand zum Abschied.

»Und will der Befiederte Pfeil sein Leben nicht bei seinen Freunden beschließen?« fragte ihn Brown herzlich; »Assowaum hat niemanden, der für ihn kochen und seine Mokassins nähen wird. Will er das Dach meiner Hütte mit mir teilen?«

»Du bist brav!« sagte der Indianer, indem er freundlich mit dem Kopf nickte; »dein Herz hat denselben Sinn wie deine Worte, aber Assowaum muß jagen; Die weißen Männer haben das Wild am Fourche la fave getötet, die Fährten der Hirsche sind selten geworden, und Bären kommen nur noch als Wanderer in die Niederungen dieser Täler. Die Herden der Weißen haben die Rohrdickichte der Sümpfe gelichtet, und der Bär sieht sich in ihnen vergeblich nach einem Lager um. Assowaum ist krank; Büffelfleisch wird ihn gesund machen. Er zieht nach Westen.«

»Dann gehe wenigstens nicht so weit, und wenn du des Umherwanderns müde bist, kehre zurück zu uns; du hast hier eine Heimat.«.

»Mein Bruder ist gut – Assowaum wird daran denken.«

»Und Ellen? – Hast du von ihr schon Abschied genommen?« fragte ihn Brown.

»Assowaum vergißt niemals die, die ihm Gutes erwiesen«, antwortete der Indianer. »Das junge Mädchen rettete sein Leben, aber mehr noch – es rettete seine Rache. Mein Pfad führt an ihrem Haus vorbei – good bye!«

Noch einmal schüttelte der Häuptling warm und innig des weißen Freundes Hand – ebenso die seiner jungen Gattin –, noch einmal winkte er einen Gruß zurück, und im nächsten Augenblick schloß sich das volle Laub der Büsche hinter ihm, als er, die Fenz überspringend, im Wald verschwand.

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