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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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35. List und Gegenlist – Der Überfall – Assowaum und Rowson

»Spart Eure Kugeln!« sagte Cotton ärgerlich, als Rowson auf den hinwegschleichenden Indianer im Anschlag lag und endlich, als er die schmale Lichtung übersprang, nach ihm schoß. »Ihr möchtet sie besser gebrauchen können. Der Indianer ist uns jetzt nicht gefährlicher als irgendeiner der anderen. Fielen wir der Bande in die Hände, so möchten sie die Stricke für uns bereit haben, ehe die Rothaut ein Wort dazu sagen könnte.«

»Und wäre ich tausend Meilen von hier«, knirschte Rowson, »so würde ich mich nicht sicher glauben, bis ich den roten Schuft unter der Erde weiß. Der anderen lach' ich.«

»Er hat seinen Posten verlassen«, flüsterte Cotton, »wäre es nicht möglich, das Kanu schnell flottzumachen und wenigstens ans andere Ufer zu entkommen?«

»Seid kein Tor und redet keinen Unsinn«, brummte Rowson ärgerlich, während er die Büchse wieder lud und dann die Zündpfannen der übrigen untersuchte. »Ihr wollt uns wohl durch unüberlegtes Handeln den letzten noch gebliebenen Rettungsweg abschneiden? Wagen wir es, das Kanu vorzuholen, solange noch Tageslicht ist, und werden wir, was zweifellos geschehen mag, entdeckt, so haben wir unser Fahrzeug eingebüßt und sind dann rettungslos in ihre Hände gegeben. Erreichten wir aber wirklich das andere Ufer, so hätten wir die ganze Bande heulender Schufte auf unserer Fährte. Bedenkt, daß es geregnet hat.«

»Das ist wahr! Aber wenn sie uns so umstellen, daß wir es auch in der Nacht nicht erreichen können, und uns nachher aushungern?«

»Aushungern?« wiederholte Rowson höhnisch; »wer stürbe denn da eher, die Mädchen oder wir?«

»Allerdings«, erwiderte Cotton sinnend, »das dürfen sie schon derentwillen nicht tun – aber ich weiß nicht...«

»So will ich's Euch sagen«, flüsterte Rowson, ihn beiseite ziehend, daß die beiden Mädchen seine Worte nicht vernehmen konnten. »Der Platz dort, wo das Kanu liegt, ist so versteckt und fern von hier, daß sie, wenn es dunkel wird, nicht daran denken werden, einen Posten dorthin zu stellen. Ihren Plan ahne ich. Sie hoffen auf einen Versuch von unserer Seite, das Flußufer zu erreichen, sobald es dunkelt, und das müßte auch geschehen, wenn wir nicht glücklicherweise den unterirdischen Gang hätten.«

»Und was machen wir nachher mit den Mädchen? Verdammt will ich sein, wenn ich nicht jetzt eine ganz besondere Lust verspüre, sie mitzunehmen. Wenn wir nachts lagern, könnten sie uns unsere Mahlzeiten kochen, und man ist nachher durch keine großen Heiratsumstände gebunden.«

»Sie müssen mit«, flüsterte Rowson noch leiser, »wär es auch nur deswegen, uns gegen die Kugeln der Feinde, vom Ufer aus, gedeckt zu sehen, wenn diese unsere Flucht zu früh erfahren sollten.«

»Gut«, sagte Cotton, sich die Hände reibend. »Der Lump, der Wilson ist auch unter den Regulatoren – es wird mir eine ganz besondere Wonne sein, dem den Bissen vor den Zähnen fortzureißen. Wie aber, wenn sie schreien?«

»Dafür sorge ich schon«, erwiderte Rowson leise. »Natürlich müssen wir sie knebeln, doch damit sie vorerst nichts merken, wollen wir uns gar nicht um sie kümmern. Ich werde ihnen indessen schon etwas vorlügen, das sie bis zum Abend ruhig hält.

Habt also indessen ein wachsames Auge auf die Burschen, daß sie uns nicht etwa unvermutet über den Hals kommen«, fuhr er dann laut fort; »wenn es dunkel wird, so schlagen wir uns durch den Wald; den Fluß müssen wir erreichen, und dann sind wir gerettet. Ihr aber«, wandte er sich an die Mädchen, »haltet euch bis dahin hübsch ruhig, und wenn wir das Haus verlassen und ihr uns nachher schwören wollt, nicht eher um Hilfe zu rufen, bis wir eine volle Stunde fort sind, dann sollt ihr euren Freunden noch heute zurückgegeben werden.«

»Wir wollen für Euer glückliches Entkommen beten«, rief Ellen freudig, »haltet aber Euer Versprechen, und oh – nehmt uns diese Fesseln ab. Ich gebe Euch...«

»Laß das unnütze Schwatzen, mein Täubchen«, sagte Cotton, während er indessen die Regulatoren beobachtete, »seid froh, daß ihr eure Zungen frei behaltet, mit den gefesselten Armen müßt Ihr euch nun schon einmal bis zum Abend abfinden.«

»Die Stricke schmerzen mich«, bat Ellen, »Ihr habt sie so fest gebunden, sie zerschneiden mir das Fleisch.«

»Nun, dem läßt sich abhelfen«, sagte Rowson, indem er zu den Mädchen trat, die Knoten etwas zu lockern.

»Und was macht mein Bräutchen?« fuhr er dann, zu dieser gewendet, fort, die verächtlich ihr Gesicht abwandte, »so böse, mein kleines Bräutchen?« lächelte er, indem er ihr liebkosend die Locken aus der Stirn streichen wollte.

»Zurück, Verräter!« rief das schöne Mädchen mit funkelnden, zornblitzenden Augen, »zurück – oder ich rufe nach Hilfe und trotze deinen Drohungen wie deinen Waffen.«

»Aber, beste Marion...«

»An Euren Posten, Rowson – Gift und Klapperschlangen!« rief ärgerlich der Jäger, »ist jetzt Zeit zu solchen Possenspielen! Wartet bis... da draußen verteilen sich die Regulatorenhunde wieder«, unterbrach er sich schnell. »Fast kommt mir's vor, als ob sie einen Angriff versuchen wollten. Ich hätte verdammte Lust, dem Brown eins auf den Pelz zu brennen – er ist gerade in Schußnähe.«

Marion lehnte sich zitternd an den Bettpfosten, an dem die beiden Mädchen zusammengefesselt standen.

»Nein – haltet Euer Blei zurück!« sagte Rowson, »wir dürfen sie jetzt nicht noch mehr reizen. Nur wenn sie in zehn Schritt Nähe kommen und verdächtige Bewegungen machen, dann Feuer! Und in diesem Fall natürlich die Führer zuerst weggeschossen: Brown, Husfield, Wilson und Cook – das sind die gefährlichsten.«

»Und der Indianer?«

»Der ist ausgenommen«, rief Rowson, »wo der ein Stück seines roten Felles zeigt, da gebe ich Feuer.«

»Dort schleicht der Hund wieder hinter die Büsche«, sagte Cotton, durch eine Spalte in der Hüttenwand zeigend, »seht nur, wie er sich am Boden hinschmiegt. Es ist nicht möglich, ihn richtig vor den Lauf zu bekommen.«

»So zeigt jetzt einmal Eure Kunst im Schießen, mit der Ihr immer prahlt«, munterte ihn Rowson auf, »schickt dem Indianer dort ein Stück Blei durch die Rippen, und ich gebe Euch zweihundert Dollar.«

»Donnerwetter, Rowson«, sagte der Jäger verwundert, ohne jedoch seine Augen von der nur dann und wann für Sekunden sichtbar werdenden Gestalt Assowaums zu wenden. »Ihr müßt verdammt reich sein, wenn Ihr zweihundert Dollar...«

Er fuhr mit der Büchse schnell an die Backe, als ob er schießen wollte, setzte jedoch nach einer Weile wieder ab, »... zweihundert Dollar für einen Schuß versprechen könnt; aber versuchen will ich's, wenn er mir vors Rohr kommt.«

Wieder zuckte der Lauf in die Höhe, aber auch diesmal erreichte der Befiederte Pfeil eine Deckung, ehe jener ihn aufs Korn nehmen und abdrücken konnte.

»Die Pest über seinen Schatten«, rief der Jäger, ärgerlich mit dem Fuß stampfend, »da will ich doch ebensogern mit der Büchse einem Blitz durch eine Hagedornhecke folgen als diesem Indianer. Wie ein Pfeil, von dem der Schuft ja seinen Namen hat, schießt er über den Boden hin. Was er nur im Sinn hat? Rowson – habt acht auf die Kanaille – sie spioniert uns sonst noch das Boot aus, und dann gute Nacht, Insel.«

Der Indianer ahnte nicht, daß in dem dichten, das Ufer begrenzenden und über den Fluß hinhängenden Rohr ein Kanu verborgen lag. Nur die Aufmerksamkeit der Belagerten wollte er beschäftigen, nach Dunkelwerden gedachte er dann an die Feinde heranzuschleichen, und mehrere der Regulatoren, unter ihnen Curtis und Cook, hatten versprochen, ihm beizustehen. Führten auch die Belagerten ihre Drohungen aus, fielen auch die Mädchen zuerst unter ihren Streichen, das konnte den Indianer nicht von seinem Vorhaben abbringen – auch seine Squaw war ermordet; niemand hatte ihr beigestanden – der Mörder lag in jener Hütte verborgen, und ehe eine neue Sonne das Dach derselben beschien, mußte er tot oder in seiner Gewalt sein.

So verging Stunde um Stunde. »Das große Licht« hatte den Zenit überschritten und sank tiefer und tiefer. Schon färbte sich die Landschaft in matteren, röteren Tönen, und feurig glühten die fernen Gebirgsrücken und die einzelnen Wipfel riesiger Fichten. Raubvögel verließen die schattigen Äste, in denen sie die heiße Mittagszeit verträumt hatten, und strichen durch das grüne, wogende Blättermeer nach Beute; hier und da spielten noch einzelne muntere Eichhörnchen in tollkühnen Sätzen von Ast zu Ast und suchten die sicheren Höhlen. Kaninchen krochen aus ihren Schlupfwinkeln, hohlen Bäumen und finsteren Erdhöhlen, hervor und spitzten erstaunt die langen Löffel, als sie den Platz von Menschen besetzt fanden, der ihnen bis jetzt zum ungestörten Tummelplatz gedient, während sich hoch oben in der klaren Luft ein kleiner Nachtfalke wiegte und dann und wann in kurzen, abgebrochenen Tönen den scharfen, diesen Tieren eigentümlichen Schrei ausstieß.

Der Abend brach herein und mit ihm die Entwicklung dieses Kampfes, denn bis jetzt hatten die Belagerer nur, teils durch angedrohte Angriffe, teils durch plötzliche Bewegungen, bald nach dieser, bald nach jener Seite, die Aufmerksamkeit der beiden Männer in der Hütte in Anspruch genommen.

»Sobald die Sonne untergegangen ist«, flüsterte Rowson dem Kumpan zu, »will ich hinabschleichen zu dem Boot und rekognoszieren. Hoffentlich ist das Kanu flott und der Fluß nur wenig gefallen. Ihr haltet unterdessen Wache, und kehr' ich zurück, so schaffen wir erst die Waffen hinunter und – knebeln dann die Mädchen, das muß unsere letzte Ladung sein. Zeigen sie sich widerspenstig – nun – ein Faustschlag mag sie betäuben; schlagt sie mir aber nicht tot.«

»Nur keine Angst«, Cotton lachte, »so ein bißchen Ohnmacht kann überhaupt nichts schaden, wenigstens bis wir erst einmal fünf Meilen hinter uns haben – nachher...«

»Sprecht leiser, das naseweise Ding, Euer Liebchen, spitzt gewaltig die Ohren. Machen sie zu früh Lärm, so könnten sie uns die Sache verderben. Schreien sie aber nachher beim Knebeln ein bißchen, nun so schadet's nichts, dann stürmen die Narren vielleicht, und während sie sich die Schädel an der eichenen Tür einschlagen, sind wir durch den Gang und haben indessen Zeit gewonnen.«

»Wir müssen dann auf jeden Fall gleich über den Fluß hinüber«, sagte Cotton, »im Schatten des dichten Schilfes an der anderen Seite werden wir unbemerkt bleiben, die Dirnen tragen ja glücklicherweise dunkle Röcke. Was aber fangen wir später mit ihnen an?«

»Mit den Mädchen?« fragte Rowson, »zerbrecht Euch jetzt noch nicht den Kopf darüber; im schlimmsten Fall ist Platz genug auf der Insel, oder – unten im Mississippi. Doch will ich losgehen, habt also acht, Cotton, noch ist es hell genug, und Ihr könnt bemerken, wenn die Regulatoren etwas Besonderes unternehmen sollten.«

»Sorgt Euch nicht um mich und kommt bald wieder. Mir fängt der Boden unter den Füßen an heiß zu werden; ich wollte, ich hätte erst das Ruder in der Hand. Dort schleicht der rote Schuft wieder vom Fluß fort – soll ich schießen?«

»Nein – jetzt ist's zu spät«, sagte Rowson, während er die Dielen aufhob, die den Gang verbargen, »Ihr könnt ihn doch nicht mehr treffen. Zu solcher Tageszeit schießt es sich mit der Büchse schlecht; aber habt acht auf ihn – seht, wo er bleibt; ich bin bald wieder zurück.«

Mit diesen Worten verschwand er in der Höhle, und Cotton wanderte schnellen Schrittes von einer Öffnung zur andern, um sich keine Bewegung der Belagerer entgehen zu lassen und nicht etwa noch in den letzten Augenblicken überrascht zu werden.

»Marion«, flüsterte Ellen der Freundin zu, »fasse Mut – ich habe meine Hand befreit; als Rowson den Strick lockerte, rief ihn die Warnung jenes Buben fort, ehe er den Knoten wieder so fest wie vorher schürzen konnte – ich bin frei.«

»Oh, löse auch meine Fesseln!« flehte die Freundin leise, »ich vergehe fast vor Angst und Schmerz.«

»Ruhig – er kommt«, flüsterte die besonnene Ellen zurück, als sich Cotton ihnen, ohne jedoch acht auf sie zu geben, näherte, damit er auch diese Seite nicht unbewacht ließe. Ellen veränderte übrigens, um keinen Verdacht zu erregen, ihre Stellung nicht im mindesten, warf aber ängstlich die Blicke umher, wo die nächste Waffe liege, um im Notfall Messer oder Büchse ergreifen und sich und die Freundin verteidigen zu können.

Auf einem Stuhl, kaum zwei Schritt von ihr entfernt, lag eine lange Pistole, und an jeder Wand – die nächste konnte sie fast berühren – lehnte eine geladene Büchse, um nach den verschiedenen Richtungen hin augenblicklich in Bereitschaft zu sein.

»Löse meine Fesseln«, flehte Marion, »ich muß verzweifeln, wenn du mich noch länger...«

»Warte nur noch wenige Sekunden«, bat Ellen, »sieh – sobald Cotton wieder in jener Ecke ist, darf ich mich bewegen und dich befreien; dann nimmst du die Büchse, die neben dir steht. Weißt du damit umzugehen?«

»Ja«, flüsterte das Mädchen, »mein Vater lehrte es mich.«

»Desto besser – wir schieben nachher die Riegel zurück und verteidigen den Eingang, bis man uns zu Hilfe kommt.«

»Sie werden uns aber überwältigen – Rowson hat uns doch Sicherheit versprochen, wenn wir still und ruhig sind«, sagte Marion.

»Ich traue ihm nicht mehr«, erwiderte ebenso leise die Freundin. »Ich vernahm einzelne Worte, die mich Verrat ahnen lassen. – Jetzt – jetzt hab' acht – sobald er in jene Ecke tritt, mache ich dich frei.«

Cotton war an den offenen Spalten langsam im Kreis herumgegangen und näherte sich nun dem Bett, an welchem die Mädchen standen und dessen Vorhänge sie, wenn er dahintertrat, seinen Blicken entziehen mußten.

Auf diesen Augenblick hatte Ellen gewartet, jetzt verbarg ihn das dichte, dunkle Moskitonetz – schon setzte sie den Fuß vor, die Waffe zu ergreifen – da erschien Rowsons Kopf wieder über dem Einstieg zum Gang, und den Blick fest auf die Mädchen geheftet, stand er in der nächsten Minute, ein Bild den gespanntesten Aufmerksamkeit, in der Mitte der Stube.

»Cotton – hörtet Ihr nichts?« fragte er leise, als dieser wieder aus der Ecke hervortrat.

»Hören? Was?«

»Mir kam es vor, als ob jemand irgendwo ein Stück Brett losbräche – es kann sich doch niemand an das Haus geschlichen haben?«

»Der müßte schlau gewesen sein«, brummte Cotton, »die hohe Fenz steht noch, und so dunkel ist es doch wahrhaftig nicht, daß man einen darüber Kletternden übersehen sollte. Was würde es aber auch dem, dem es wirklich glücken sollte, helfen? Unsere Schießscharten sind ja sehr zweckmäßig angebracht, und wenn...«

»Schon gut«, unterbrach ihn Rowson, »seitdem es dunkel geworden, wird es mir ganz unheimlich hier – ich wollte, wir wären auf dem Wasser.«

»Ist das Boot in Ordnung?«

»Fix und fertig – also jetzt fort, die Regulatoren lagern größtenteils da vorn, und wenn sie auch wirklich ihre Wachen zwischen dem Haus und dem Fluß haben, was ich keineswegs bezweifle, so können wir doch leise über den Fourche la fave hinübergleiten und drüben die Dunkelheit zu schleuniger Flucht ausnutzen.«

»Aber die Mädchen...«

»Müssen zur Ruhe gebracht werden; jetzt fort ins Boot!«

»Und wie schaffen wir unsere Waffen und den Koffer hinab? Wenn wir die Dirnen tragen müssen, so...«

»Kriecht Ihr voran und nehmt den kleinen Koffer und zwei Büchsen mit; Ihr könnt nicht fehlen, der Gang ist schnurgerade, und dicht davor liegt das Kanu. Stellt den Koffer so geräuschlos wie möglich hinein – die Büchsen auch, und kommt dann schnell zurück. In zehn Minuten muß alles abgemacht sein..

»Was für Proviant nehmen wir mit?«

»Den habe ich eben hineingetragen. Die Kisten standen im Gang und liegen jetzt im Kanu«, sagte Rowson.

»Sehr brav! – Paßt indessen gut auf, ich bin gleich wieder da.«

Rowson schritt unruhig im Zimmer auf und ab. Draußen regte sich kein Lüftchen – kein Laut wurde gehört, nur um die Lagerfeuer, wohl hundertfünfzig Schritt vom Hause entfernt, bewegten sich einige dunkle Gestalten.«

»Was zum Teufel treiben die Schufte? Brüten sie Unheil?« murmelte er vor sich hin, während er mit verschränkten Armen an einer der Spalten stehenblieb und hindurchschaute.

Er drehte den beiden Mädchen den Rücken zu.

Ellen trat geräuschlos vor und nahm die Pistole vom Stuhl, glitt aber augenblicklich in ihre frühere Stellung zurück, denn Rowson wandte sich und schritt an die andere Wand der Hütte.

»Wo nur Cotton bleibt – hol ihn der Teufel!« fluchte er jetzt ärgerlich.

Er sprang in den Gang hinunter und lauschte.

»Hätte ich nur ein Messer, deine Fesseln zu lösen«, flüsterte Ellen der zitternden Marion ins Ohr.

»Die Planke, auf der ich stehe, bewegt sich«, sagte diese ebenso leise und erschrocken, »was ist das?«

»Das müssen Freunde sein«, rief Ellen mit vor Freude kaum unterdrückter Stimme.

»Was?« fragte Rowson, sich wieder aufrichtend, daß sein Kopf eben über dem Fußboden sichtbar wurde.

»Wir beten«, antwortete Ellen.

»Hol Euch der Henker«, zürnte Rowson, sich wieder niederbeugend.

»Ich wollte auf ihn schießen«, flüsterte Ellen bebend, »aber die Hand zittert mir so entsetzlich – ich würde nicht treffen.«

»Es muß jemand unter der Planke hier sein«, sagte Marion leise, »ich fühle es deutlich.«

»So hebe den Fuß – das sind Freunde«, sagte Ellen, »der Fluß liegt auf der andere Seite, und dorthin muß der geheime Gang führen.«

»Allmächtiger Gott – hätte ich nur meine Hände frei!« klagte Marion.

»Die Pest über den Buben – ich höre und sehe nichts«, knurrte Rowson, wieder heraufspringend. »Soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht glaube, daß der Bursche falsch spielt. Aber dann gnade ihm Gott, ich muß ihm nach!«

Die Planke hob sich jetzt in die Höhe, und des Indianers finstere Augen blitzten drohend aus der Öffnung hervor.

Rowson hatte eine Büchse ergriffen und wollte eben wieder in den Gang hinabsteigen, da gab das schwere Brett, unter dem sich der Befiederte Pfeil hervordrängte, etwas nach und schurrte beiseite – der Prediger wandte schnell den Kopf und begegnete in dem ungewissen Dämmerlicht der Hütte dem Blick seines Todfeindes, der die erste Überraschung des Priesters benutzen und schnell aus seiner unbequemen Lage emporspringen wollte.

So erstarrt und erschrocken nun aber auch Rowson im ersten Augenblick der Überraschung gewesen war, so faßte er sich doch schnell genug, um dem noch mit halbem Leibe unter der Planke steckenden Indianer gefährlich zu werden. Dieser konnte nämlich weder schnell genug hinauf noch wieder zurück, und schon war der schwere Kolben gehoben, als Ellen mit einem Mut, der eines Häuptlings würdig gewesen wäre, vorsprang und die Waffe auf den zum Todesschlag ausholenden Rowson abfeuerte.

»Hölle und Teufel!« rief dieser und stürzte zurück; längere Zeit bedurfte aber auch Assowaum nicht, dem engen Raum, der ihm fast gefährlich geworden wäre, zu entsteigen. Wie der Panther seiner Wälder glitt er daraus empor und sprang im nächsten Augenblick mit wildem Satz nach der Brust des Mörders, der mit einem Schrei der Angst und Verzweiflung zusammenbrach.

In derselben Minute hob sich die Planke noch einmal, und Curtis tauchte daraus hervor.

Zu gleicher Zeit kehrte aber auch Cotton zurück, die Mädchen zu holen, und die Gefahr, in der Rowson schwebte, erkennend, eilte er schnell entschlossen zu seiner Hilfe herbei.

Ellen war indessen an die Tür gesprungen und hatte die Riegel zurückgeschoben, während der Indianer, kühn der neuen Gefahr trotzend, den Tomahawk aus dem Gürtel riß und diesen, ohne die Linke von seinem Opfer zu lassen, gegen den neu erschienenen Feind schwang.

Dieser aber überzeugte sich rasch, wie die Dinge standen. Auf der einen Seite warf sich ihm Curtis entgegen; von der andern stürmte Brown mit seinen Regulatoren durch die nun offene Tür, und Cotton erkannte klug genug seinen Vorteil. Mit Blitzesschnelle sprang er in den unterirdischen Gang zurück und floh, von der Dunkelheit begünstigt, dem rettenden Boote zu. Curtis aber, der den Flüchtling nur verschwinden sah, glaubte, er hätte sich auf die Erde geworfen, dem ersten Anprall zu entgehen und dann vielleicht das Freie zu erreichen. Mit einem Fluch sprang er deshalb gegen ihn an und stürzte im nächsten Augenblick kopfüber in das offenstehende Loch.

»Wah!« schrie der Indianer, während seine Augen vor wilder Freude glänzten, »bin neugierig, wer zuerst wiederkommt.«

»Fackeln her!« schrie Husfield jetzt zur Tür hinaus. »Fackeln her und umstellt das Haus – einer der Schufte hat sich hier irgendwo unter den Dielen versteckt.«

Schnell kamen mehrere der Männer mit schon bereitgehaltenen Kienspänen herbei, und Cook, dem ersten die Fackel aus der Hand reißend, folgte dem Freunde. Brown sprang indessen zur Geliebten, und zitternd vor Siegesfreude war er kaum imstande, mit seinem Jagdmesser die Fesseln des armen Mädchens zu lösen. Marion aber, betäubt von dem raschen Wechsel ihres Schicksals von Angst, Sorge und tödlicher Gefahr zu Sicherheit und Glück, sank ohnmächtig in die Arme des jungen Mannes.

»Hier ist ein unterirdischer Gang«, schrie Curtis von unten herauf, »die anderen sind entflohen. Nach dem Fluß zu, Männer, ihr Männer, schnell, und schießt auf alles, was sich bewegt.«

Fort stürmten die Regulatoren, und gleich darauf krachten fünf bis sechs schnell aufeinanderfolgende Schüsse.

»So haben die Kanaillen doch ein Boot gehabt«, sagte Husfield, »und ich und der Indianer glaubten wunder, wie genau wir gesucht hätten.«

»Seid Ihr verletzt, Curtis?« fragte Cook, der hinuntergesprungen war und ihm wieder auf die Füße half.

»Ja – nein – ich glaube nicht – Pest und Gift – ich bin Hals über Kopf in das verwünschte Loch hineingefahren und kann Gott danken, so davongekommen zu sein.«

»Hallo«, sagte Cook, indem er sich den Platz etwas näher betrachtete, »ein künstlich angelegter Gang hier. Nun, jeder alte Fuchs gräbt sich Notröhren, um im schlimmsten Fall ausbrechen zu können. Das Ding war auch schlau genug angelegt, ich glaube aber, der Indianer kam ein wenig zu früh.«

»Wo ist Rowson?« fragte Curtis, der sich jetzt wieder genug erholt hatte, um nach oben klettern zu können.

»Hier!« antwortete der Indianer, während er seine lederne Schnur aus der Kugeltasche nahm und dem Gefangenen damit die Füße zusammenband, »wer hat ein Tuch?«

»Was willst du mit einem Tuch?« fragte Cook, der sich ebenfalls wieder heraufgearbeitet hatte.

»Der blasse Mann ist verwundet«, sagte leise der Indianer. »Das junge Mädchen dort rettete das Leben des Befiederten Pfeils und schoß dem blassen Mann in die Schulter!«

»Der Indianer hat wahrhaftig Mitleid?« fragte Stevenson, der eben durch die Tür getreten war, erstaunt.

»Mitleid?« fragte der Häuptling wild, indem er sich hoch aufrichtete und zornige Blicke auf den Sprecher warf. »Wer sagt, daß Assowaum Mitleid mit dem Mörder Alapahas habe? Aber er darf nicht jetzt – nicht hier – nicht an dieser Wunde sterben, die ihm die Hand eines Weibes schlug. Die Rache muß mein sein. Wer hat ein Tuch für die Schulter des blassen Mannes?«

»Hier ist mein Halstuch«, sagte Stevenson, dem Indianer das Verlangte hinreichend, »aber – wie ist mir denn«, fuhr er sich mit der Fackel über den bewußtlosen Körper des Predigers beugend, fort, »das Gesicht hab' ich schon irgendwo gesehen – die Züge sind mir bekannt.«

Rowson schlug die Augen auf und blickte scheu zu dem Sprecher empor.

»Himmel und Erde – das ist der Mörder des Viehhändlers!« rief jetzt der alte Farmer, indem er halb erschrocken, halb in wildem Zorn aufsprang. »Beim ewigen Gott, das ist das Gesicht des Schurken, der ihn meuchlings niederschoß.«

»Zur Hölle mit Euch!« rief der Verwundete und wandte zähneknirschend das Gesicht zur Seite.

»Wo ist Brown?« fragten mehrere Stimmen.

»Hier«, antwortete dieser leise, »kann niemand etwas Essig herbeischaffen? Miß Roberts ist ohnmächtig.«

»Mein Kind – mein liebes Kind!« rief Roberts, in Todesangst neben dem leblosen Körper des Mädchens kniend.

»Marion – liebste, beste Marion«, flüsterte ihr Ellen ins Ohr, die sich, als die erste Überraschung und Aufregung vorüber war, errötend den Armen Wilsons entzogen hatte.

»Hier ist etwas Wasser und Whisky«, sagte der junge Stevenson, einen Blechbecher und eine Korbflasche dem Regulatorenführer hinüberreichend. Brown bewies sich auch gar nicht ungeschickt und rieb Stirn, Schläfe und Puls der Geliebten mit einem Eifer, der den dabeistehenden Bahrens in Erstaunen setzte.

»Harper!« flüsterte er dem Freund leise zu, »ist denn Brown ein Doktor?«

»Nein«, erwiderte dieser lächelnd, »warum?«

»Nun, weil er das Reiben so weg hat; mir wären die Arme längst eingeschlafen!«

»Vater!« flüsterte das Mädchen jetzt, die Augen aufschlagend, »Vater!« aber ihr Blick begegnete nicht dem des Vaters, obgleich dieser eine ihrer Hände fest in den seinigen hielt, sondern dem des Geliebten, der sie mit zärtlicher Sorgfalt beobachtete.

»Vater!« hauchte das Mädchen und schloß die Augen wieder, aber mit so zufriedenem Lächeln, daß es fast schien, als hielte sie das eben Gesehene für einen schönen Traum und fürchte, ihn beim Erwachen zu verlieren.

»Habt Ihr keinen der Flüchtigen mehr einholen können?« fragte Husfield endlich.

»Nein«, erwiderte Hostler, »einholen nicht, aber ich glaube fast, daß unsere Kugeln gewirkt haben. Als wir an den Fluß kamen, sahen wir den dunkeln Schatten eines Bootes am gegenüberliegenden Ufer hingleiten und feuerten unsere Büchsen darauf ab. Gleich darauf hörten wir etwas ins Wasser schlagen und drinnen plätschern; die Dunkelheit war zu groß, mehr erkennen zu können. Ich hoffe übrigens, daß unsere bleiernen Botschaften ihre Pflicht getan und wenigstens einen umgelegt haben.«

»Es war nur noch einer mit diesem da«, sagte Ellen schüchtern. »Cotton ist sein Name, ihr kennt ihn wohl alle.«

»Cotton!« rief Wilson, »ob ich es mir nicht gedacht habe, daß die Bestie hier in den Bau gekrochen wäre. Daß der uns entgangen ist!«

»Und was soll mit Rowson geschehen?«

»Morgen ist Regulatorengericht«, sagte Brown, »und dort muß er verhört werden. Noch vier seiner Mitschuldigen erwarten ihr Urteil zu derselben Zeit. – Ihr kennt den Platz. Es wäre mir auch lieb, wenn Ihr Euch ebenfalls dort einfinden wolltet, Mr. Roberts. Wir brauchen alte und erfahrene Leute zu solch ernsten Verhören. – Wer ist noch draußen auf der Wache?«

»Nur wenige«, erwiderte Cook, »der Kanadier mit ein paar der Unseren. Drei oder vier sind fort, dem Flüchtling womöglich den Weg abschneiden. Im Nest steckten bloß die beiden, und weiter wird sich wohl niemand hier versteckt gehalten haben.«

»Von dem Mulatten hat man also keine Spur entdecken können?«

»Nein – der Indianer meinte freilich, heute morgen...«

»Er ist in die Gebirge«, warf Assowaum ein, »ich sah seine Fährte.«

»Nach dem Regen?«

»Er muß nach dem Regen wieder am Haus gewesen sein, der Vogel, dessen Nest zerstört ist, umflattert noch eine Zeitlang den Baum.«

»Wo ist Wilson?« fragte Brown, sich nach diesem umsehend.

»Er besorgt wohl die Pferde draußen«, sagte Husfield, »es wird auch das beste für die Damen sein, aufzubrechen. Einige von uns müssen aber hierbleiben und den Platz morgen bei Tageslicht genau untersuchen.«

»Husfield, wollt Ihr mir einen Gefallen tun?« fragte Brown zögernd und, wie es jedem vorkam, etwas errötend. »Es könnte doch sein, daß ich...«

»Herzlich gern«, unterbrach ihn lachend der Regulator. »Ihr dürft Eure Kranke nicht verlassen, und da will ich indessen Euren Rückzug decken. Morgen früh um elf bin ich am bestimmten Platz. Ihr braucht aber mit dem Verhör nicht auf mich zu warten – fangt nur immer an.«

»Wir nehmen Atkins und Jones zuerst vor«, erwiderte Brown, »werden auch wohl früh beginnen müssen. Kommt also dann, so schnell es Euch möglich ist, nach.«

»Ach, da sind die Pferde«, rief Harper, »nun, Junge – du Schlingel, hast ja nicht einen einzigen Gruß für deinen alten Onkel heut abend. Der ist dir wohl bei den jungen Damen ganz aus dem Gedächtnis entschwunden, eh?«

»Onkel!« rief Brown und ergriff die Hand des freundlichen alten Mannes, »Onkel – ich bin recht glücklich.«

»Wie transportieren wir denn den Gefangenen?« fragte Curtis jetzt, »ein Boot haben wir nicht.«

»Dafür wird der Indianer schon sorgen«, sagte Bahrens, »der sitzt ja neben ihm und schaut ihm wie ein verliebtes Mädchen ins Gesicht. Brrr – mich schaudert's, wenn ich mir die blutdürstigen Gefühle denke, die bei dem sanften Blick dem Indianer durch den Kopf zucken.«

»Ich möchte nicht in Rowsons Haut stecken«, murmelte Cook, »nicht für alle Schätze des Erdballs.«

»Die Wunde wird ihm nicht erlauben zu reiten«, sagte Stevenson, der Rowsons Arm indessen untersucht hatte, »der Knochen ist zerschmettert.«

»Glaubt Ihr, daß die Wunde gefährlich ist?« fragte der Indianer, wie aus einem Traum erwachend.

»Wenn er reiten muß und Erkältung hinzukommt, ja«, meinte Stevenson. »Die Nacht ist feucht. Ein hinzutretendes Fieber könnte ihn töten.«

»Ich trage ihn«, sagte der Indianer.

»Wen?« fragte Bahrens, »Rowson?«

»Ja«, erwiderte Assowaum und schlug seine wollene Decke um den Verwundeten.

»Gentlemen«, redete jetzt der alte Roberts die übrigen Männer an, »einige von euch bleiben, wie ich gehört habe, heute nacht hier. Diese erwarte ich morgen um die Frühstückszeit, die anderen aber, welche jetzt mit uns aufbrechen, da der Gefangene doch ebenfalls transportiert werden muß, und mein Haus nicht so sehr weit aus dem Wege liegt, denn meine Frau wird sich wahrscheinlich schon sehr geängstigt haben...«

»... so ersuche ich euch alle miteinander«, fuhr Harper in Roberts' begonnener Rede fort, »heut abend bei mir einzukehren. Wenn wir auch ein wenig mit Raum beschränkt sein werden, so läßt sich das alles schon einrichten – wir sind ja in Arkansas.«

»Bravo!« sagte Roberts gutmütig, »Ihr habt mir aus der Seele gesprochen. Also, Gentlemen, da ihr euch so freundlich meiner annehmt, Brown nämlich meiner Tochter und Harper meiner Rede, so wollen wir denn aufbrechen. Will der Indianer wirklich den Unglücklichen tragen?«

Assowaum beantwortete diese Frage mit der Tat. Er hob den schweren Körper des ehemaligen Predigers, trotz seiner eigenen Verwundung, mit Leichtigkeit empor und schritt, ohne ein Wort weiter zu äußern, auf der schmalen Straße voran. Rowson mußte aber ohnmächtig geworden sein, denn er lag regungslos in den Armen seines Feindes.

»Er wird ihn doch nicht ermorden?« flüsterte Marion ängstlich ihrem Führer zu, auf dessen Arm sie sich bis jetzt gestützt hatte und der ihr nun in den Sattel half.

»Nein, Marion, fürchten Sie kein weiteres Blutvergießen heute abend«, erwiderte der junge Mann. »Das Gericht der Regulatoren wird aber morgen über den Elenden entscheiden, der dreifache schreckliche Blutschuld auf sich geladen hat. Das Maß seiner Sünden ist übervoll.«

Marion schauderte. Sie gedachte der furchtbaren Gefahr, der sie entgangen.

»Und wo ist unsere kleine Heldin?« fragte Bahrens, sich überall nach Ellen umschauend, »Blitz und Hagel, wo steckt sie denn? Zu deren Ritter erklär' ich mich heut abend.«

»Zu spät«, rief Brown lachend, »zu spät, Sir – der Posten ist besetzt, Mr. Wilson hatte die Güte, diese Pflicht zu übernehmen, da sich niemand anderes dazu meldete.«

»Zu spät? So?« sagte Bahrens, »ja, das geht mir manchmal so, und ich könnte darüber eine köstliche Geschichte erzählen, gefröre mir nicht beim Anblick des Indianers da vorn das Blut vor lauter Grauen und Entsetzen in den Adern. Trägt er nicht sein Opfer so zärtlich und sorgsam wie eine liebende Mutter ihr Kind im Arme und hat er irgendeinen anderen Gedanken dabei als Rache?«

»Es ist wahr«, sagte der neben ihm reitende Roberts, »es hat etwas Fürchterliches, wenn man die überlegene Ruhe des roten Mannes betrachtet, mit der er seiner Rache entgegengeht. Ihm wurde aber auch das Liebste genommen, was er auf der Welt hatte, und wenn er jetzt, wo er, um die Erfüllung seines Schwures, den er damals am Grabe seines Weibes leistete – Ihr waret ja wohl auch dabei, Bahrens?«

»Ja!« sagte dieser, aus tiefen Gedanken auffahrend, »ja so – ja. Apropos, Roberts, habt Ihr – unter uns gesagt – nicht einen Tropfen Whisky in Eurem Hause? Ich weiß, Eure Frau kann ihn nicht leiden – aber heut abend, glaub' ich, würd' ich krank, wenn ich nicht einen tüchtigen Schluck nehmen könnte. Zum Essen hab' ich den ganzen Appetit verloren.«

»Erinnert mich wieder daran, wenn wir nach Hause kommen«, sagte Roberts leise, »aber – laßt es Marion nicht merken. Die Frauen stecken immer unter einer Decke, und wenn sie weiter nichts täten, so drehten sie mir einmal die Flasche um und ließen sie auslaufen, und das wäre schade. Es ist echter Monongahela-Whisky.«

Die beiden Männer galoppierten an dem übrigen Zuge vorbei. Als ihre Fackeln aber die Gesichter Rowsons und des Indianers für einen Moment erhellten, sahen sie, wie Assowaum erst ängstlich zu seinem Opfer niederschaute, sich jedoch gleich darauf wieder mit triumphierendem Blick aufrichtete und schnell, wie von keiner Last beschwert, weiterschritt. – Der Verbrecher lebte noch.

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