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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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33. Der entlarvte Verbrecher

Harper und Bahrens hatten sich ungern der Einladung gefügt. Sie war aber so herzlich ausgesprochen worden, daß beide nicht umhinkonnten, sie anzunehmen, und nun ihre Tiere sattelten und aufzäumten, um später die Gesellschaft nicht warten zu lassen.

Marion betrieb mit einer gewissen unruhigen Angst alle Vorbereitungen zu dem Schritt, der sie nun für immer aus dem elterlichen Hause entfernen sollte, und so auffallend stark war eben dieses Gefühl in ihren Zügen ausgeprägt, daß selbst der rauhe, in solchen Sachen höchst unbekümmerte und sorglose Bahrens es bemerkte und Harper darauf aufmerksam machte. Dieser versuchte jedoch es ihm auszureden, und schweigend besorgte jeder das, was noch erledigt werden mußte.

Mrs. Roberts hatte eine Zeitlang mit augenscheinlicher Ungeduld dem Treiben der Mädchen und der Männer zugesehen. Endlich aber siegte ihre gewöhnliche Unruhe, mit der sie gern alles selbst tun, alles selbst besorgen wollte, und aus dem Stuhl, auf dem sie gesessen, aufstehend, wandte sie sich an Marion und Ellen und sagte, Marions Bonnet dabei vom Nagel nehmend:

»Kommt, Kinder – zieht euch an und macht, daß ihr fortkommt; das Gelaufe wird mir hier zu arg. Ich habe noch eine Menge von Kleinigkeiten zusammenzuräumen und mitzunehmen, die in einer neuen Haushaltung unumgänglich notwendig sind, in einer Junggesellenwirtschaft aber selten gefunden werden. Unterdessen kommt dann Mr. Rowson zurück, Sam muß die beiden Körbe auf sein Pferd nehmen, und wir drei folgen euch so schnell wie möglich.«

Hiergegen hatte niemand etwas einzuwenden, selbst Harper sträubte sich nur noch schwach, und bald darauf setzte sich die kleine Karawane, von Roberts und Bahrens angeführt, in Bewegung, während Mrs. Roberts, geschäftiger denn je, zwischen allen möglichen Krügen und Kästchen, Kisten und Schachteln hantierte. Da plötzlich, während sie noch in ihrer Arbeit vertieft war, erschien die Gestalt des Indianers in der Tür, und so ernst und düster schaute der rote Krieger unter seinen wild die Stirn umflatternden Haaren hervor, daß die Matrone einen leisen Schrei der Überraschung ausstieß. Sie hätte beinahe das irdene Gefäß mit getrockneten Pfirsichen, das sie in der Hand trug, fallen lassen.

»Ach, Assowaum«, rief sie endlich lächelnd, »bin ich doch beinahe erschrocken, als ich Euch so unerwartet dastehen sah – es war fast wie ein Gespenst. Ihr habt Euch recht lange nicht sehen lassen. Wie ist es Euch ergangen?«

»Hat der blasse Mann das braunäugige Mädchen schon heimgeführt?« fragte Assowaum, ohne ihre freundliche Anrede zu beachten, und nur forschend im Zimmer umherschauend, »ist Assowaum zu spät gekommen?«

»Was habt Ihr, Mann?« rief die Matrone, jetzt in der Tat vor den rollenden Augen des Indianers entsetzt, »was wollt Ihr mit Mr. Rowson, den Ihr ja wohl immer den blassen Mann genannt habt?«

»Ich will noch nichts von ihm«, flüsterte Assowaum, »noch nicht; aber die Regulatoren verlangen nach ihm!«

»Was geht er die Regulatoren an, er gehört ja nicht zu ihnen, ja er billigt ihre Versammlungen nicht einmal.«

»Das glaub' ich«, antwortete der Indianer lächelnd, aber selbst dieses Lächeln war so drohend, daß Mrs. Roberts ernstlich fürchtete, er sei über den Verlust seiner Squaw wahnsinnig geworden. Vorsichtig schaute sie sich nach dem Negerknaben um, der eben ihr Pferd draußen vor der Tür sattelte.

Assowaum mochte spüren, was in der Frau vorging, denn er fuhr mit der Hand über die Stirn, strich sich die Haare glatt und sagte leise: »Assowaum ist nicht krank – aber er kam hierher, Eure Tochter zu retten. Ist es zu spät?«

»Meine Tochter? Allmächtiger Gott, was ist mit ihr? Was sollen Eure rätselhaften Reden? Sprecht – was ist mit meinem Kind?'

»Ist Marion schon des blassen Mannes Weib?«

»Nein – aber was hat Mr. Rowson...«

»Die Regulatoren sind auf seiner Fährte – er ist der Mörder Heathcotts!«

»Großer Gott!« rief die Matrone entsetzt und wankte zu dem Sessel zurück, während der Indianer ruhig und ernst an der Tür stehen blieb.

»Das ist Verleumdung«, sagte sie endlich, sich aufraffend, »schändliche, niederträchtige Verleumdung. Wer ist der Bube, der ihn dessen anklagt?«

»Ich selbst«, antwortete Assowaum leise, »ich selbst«, wiederholte er nach kurzer, atemloser Pause. »Er mag sich verteidigen, aber ich fürchte – an seinen Händen klebt auch das Blut Alapahas, meines Weibes!«

»Entsetzlich – fürchterlich«, stöhnte die unglückliche Frau, »und mein Kind – aber nein, es ist nicht möglich – es ist ein Irrtum – ein schrecklicher Irrtum, der sich bald aufklären wird und muß.«

»Onishin«, sagte der Indianer. »Wo aber sind die Eurigen? Wo ist der alte Mann, wo das Mädchen? Wo der blasse Mann selbst?«

»Er muß augenblicklich zurückkehren – Marion und Roberts sind vorausgeritten nach seinem Haus; heute nachmittag soll in des Richters Wohnung die Trauung stattfinden. Mensch – es ist ja nicht möglich – Rowson – der fromme, gottesfürchtige Mann kann kein Verbrecher sein. Er müßte denn den Regulator, der ihn stets beleidigte und kränkte, in der Hitze erschlagen haben.«

»Und wen beschuldigte er der Tat?« fragte der Indianer ernst; »der blasse Mann hatte zwei Zungen in seinem Munde, die eine sprach mit seinem Gott, und die andere zürnte dem Verbrecher. Tat er recht, wenn er das Blut an seiner eigenen Hand wußte?«

»Ich kann es nicht glauben – ich kann es nicht begreifen«, jammerte die Frau händeringend.

»Denkt Ihr an den Tag nach Alapahas Ermordung?« fragte Assowaum mit unterdrückter Stimme, indem er den kleinen Tomahawk seiner Squaw aus dem Gürtel nahm und auf den Tisch legte. »Mit dieser Waffe«, fuhr er dann noch leiser, aber mit deutlicher Stimme fort, »mit dieser Waffe wehrte sich die Blume der Prärien gegen den feigen Mörder, und Rowsons Arm war an jenem Tage verletzt. Diesen Knopf«, flüsterte er weiter, das Beweisstück aus der Kugeltasche nehmend, »wand ich aus den im Tode krampfhaft geschlossenen Fingern Alapahas. Er muß Rowson gehören. Assowaum hat Leute gesprochen, die da sagten, das sei Rowsons Knopf.«,

»Das sind alles nur unsichere, schwankende Vermutungen«, rief die Matrone, sich erhebend und dem Indianer fest ins Auge schauend, »das ist noch kein Beweis, Mann. Ich sage Euch, es ist nicht möglich – Rowson ist unschuldig!«

»Onishin! Dann fragt ihn selber, denn dort kommt er«, erwiderte Assowaum ruhig. »Wird der blasse Mann noch blässer werden, wenn ihm die gute Frau sagt, daß er ein Mörder sei?«

Ehe die Matrone einer Antwort fähig war, hatte der Indianer den kleinen Tomahawk wieder an sich genommen und mit geräuschlosem Schritt ein Versteck, das in der Ecke stehende, mit weißem Fliegennetz überhangene Bett, erreicht. Fast in demselben Augenblick hielt auch das Pony des Predigers, ganz mit Schaum bedeckt, an der Fenz. Der Reiter schwang sich aus dem Sattel und betrat gleich darauf die Schwelle, von wo aus er allerdings das bleiche Aussehen der Matrone schon hätte bemerken können. Zu sehr aber mit sich selbst beschäftigt, fragte er nur mit heiserer, fast tonloser Stimme, wo seine Braut und die Männer wären. Ein Fluch schwebte ihm auf den Lippen, als Mrs. Roberts, zwar noch zitternd, aber doch schon wieder gefaßt, antwortete, sie wären vorausgeritten und erwarteten ihn bald. Die alte gewohnte Scheu hielt jedoch noch jedes rauhe Wort zurück, und Rowson wollte sich schon abwenden, um jene möglicherweise zu überholen. Erst einmal das eigene Haus zeitig genug erreicht, durfte er ja doch hoffen, seine Flucht zu Wasser zu ermöglichen, die ihm zu Land vielleicht schon abgeschnitten war. Da rief ihn Mrs. Roberts zurück und bat ihn, zu ihr zu treten.

Wohl fühlte er, daß jetzt weitere Verstellung nur unnötig Zeit vergeude und er vielleicht gar den günstigen Moment versäumen könne. Dann gewann aber auch sein besseres Gefühl der Frau gegenüber, die er so fürchterlich getäuscht hatte, die Oberhand, und er beschloß, wenigstens in Frieden von ihr Abschied zu nehmen. Schnell schritt er in dieser Absicht zu dem Tisch zurück, an dem sie lehnte, und hier fiel ihm zum erstenmal ihr verändertes, bleiches Aussehen auf. Ehe er jedoch eine Frage stellen konnte, fragte die Matrone sehr ernst, aber immer noch freundlich:

»Mr. Rowson, wollen Sie versprechen, mir auf etwas, das ich Sie fragen werde, frei und offen zu antworten?«

»Ja«, sagte der Prediger halb bestürzt und halb verlegen, »doch muß ich Sie bitten, sich zu beeilen, denn ich – ich muß wirklich noch einmal fort – Sie wissen, daß so viele Geschäfte...«

Er hatte nicht den Mut, die Frau anzusehen; ein ihm selbst unerklärbares Gefühl hinderte ihn, es war ihm, als ob er vor seinem Richter stände.

»Mr. Rowson«, sagte die alte Dame jetzt mit leisem, aber deutlichem Ton, »es sind heute morgen seltsame Dinge von Ihnen erzählt worden!«

»Von mir? Wer?« fragte der Prediger erschrocken, »wer war hier?«

»Es sind immer noch bloße Vermutungen«, fuhr Mrs. Roberts ruhig fort, »und ich hoffe zu Gott, daß es auch nur Vermutungen bleiben werden. Aber notwendig ist es, daß Sie selbst erfahren, was man von Ihnen sagt, um sich dann dagegen verteidigen zu können.«

»Ich weiß in der Tat nicht – diese rätselhaften Worte – was ist nur vorgefallen?« stotterte Rowson, immer verlegener werdend, und schon warf er einen scheuen Seitenblick nach der Tür, als sei er entschlossen, sich durch die Flucht jeder weiteren Frage zu entziehen. Unwillkürlich hatte er indessen mit einer Blume gespielt, die auf dem Tisch lag, an dem er lehnte, und ebenso gedankenlos nahm er jetzt den Knopf auf, den der Indianer dort zurückgelassen hatte.

»Rühren Sie den Knopf nicht an, Sir – um Gottes willen«, rief die Matrone, die es bemerkte, in einem plötzlichen Gefühl des Schrecks und der Angst, »er ist...«

»Was fehlt Ihnen, Mrs. Roberts?« fragte aber Rowson, der sich rasch gesammelt hatte und entschlossen schien, diesem Gespräch ein Ende zu machen. »Sie scheinen außer sich. Was ist mit dem Knopf? Es ist einer der meinigen, der wahrscheinlich...«

»Der Ihrige?« schrie entsetzt die Matrone und hielt sich an der Lehne ihres Stuhles, »der Ihrige?«

»Was ist Ihnen?«

»Den Knopf fand Assowaum in der Hand seines ermordeten Weibes«, rief die Frau, sich hoch und fast krampfhaft aufrichtend. »Nur der Mörder Alapahas kann den Knopf verloren haben!«

Die Hand Rowsons fuhr wie unbewußt an seine Seite, wo er die versteckten Waffen trug. Als er aber den scheuen Blick im Zimmer umherwarf, begegnete sein Auge dem des Indianers, der, die Büchse erhoben, ihm zurief:

»Einen Schritt, und du bist des Todes!«

Rowson hielt sich für verloren. Da bemerkte Mrs. Roberts die drohende Stellung des Indianers und nicht anders glaubend, als daß dieser hier gleich an Ort und Stelle Rache für sein ermordetes Weib nehmen wolle, warf sie sich von der Seite auf ihn – drückte den Lauf der Büchse in die Höhe und rief entsetzt aus:

»Oh, nur nicht hier – nur nicht vor meinen Augen!«

Rowson sah diese Bewegung und ahnte, daß dies vielleicht die letzte Möglichkeit zur Flucht sei. Mit der Gewandtheit eines Panthers sprang er daher, ehe der Indianer die Frau von sich abschütteln konnte, aus der Tür, schwang sich in den Sattel seines Ponys und war in der nächsten Sekunde in dem Dickicht, das beide Seiten des schmalen Weges begrenzte, verschwunden.

Assowaum stürmte ihm in wilder Eile nach, ehe er jedoch die fliehende Gestalt aufs Korn nehmen konnte, war der Verbrecher schon in den dichtbelaubten Büschen verschwunden und, wenigstens für den Augenblick, gerettet. Mit zwei Sätzen war Assowaum neben dem Reitpferd von Mrs. Roberts, das fertig gesattelt und aufgezäumt, von dem Neger gehalten, vor der Fenz hielt. Im Nu warf er den Damensattel ab, riß den Zügel aus der Hand des verblüfften Jungen, schwang sich auf den Rücken des Tieres und folgte, diesem die Hacken wütend in die Seiten schlagend, den Spuren seines Opfers.

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