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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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30. Der Hinterhalt

Nachdem Weston Atkins' Haus verlassen, hatten es sich die beiden Gäste so bequem gemacht, als es die Umstände erlaubten, und Curtis trat jetzt vor die Tür und schaute sinnend zu den blauschwarzen Wolkenmassen empor, die sich im Westen aufzutürmen begannen.

»Sollte mich gar nicht wundern, wenn das Wetter hierher käme«, sagte Atkins an seiner Seite, »seht einmal, wie die weißen dünnen Nebelschleier jagen. Wenn wir nur keinen Hurrikan bekommen. Vor sechs Jahren am Whiteriver sah es ebenso aus, und da war nachher der Teufel los.«

»Wart Ihr vor sechs Jahren am Whiteriver?« fragte ihn Cook, der den beiden Männern gefolgt war.

»Ja, ich wohnte etwa zwei Meilen unterhalb der Straße, die von Memphis nach Batesville führt.«

»Das muß ja zu der Zeit gewesen sein, als sie den Witchalt hingen, der seinen Vater erschlagen hatte, nicht wahr?« fragte Curtis.

»Später«, meinte Atkins, »ich kam etwa vier Wochen danach.«

»Die Whiteriver-Boys übten strenge Gerechtigkeit«, stellte Cook lachend fest, »den Pferdedieb – wie hieß er doch gleich – ließen sie auch baumeln.«

»Das kann ich ihnen nicht verdenken«, rief Curtis, »mit Pferdedieben wird kein rechtlicher Mann Erbarmen haben, das heißt, wenn er selbst Pferde besitzt, nicht wahr, Atkins?«

»Ihr betreibt eure Gerechtigkeit sehr eigennützig«, antwortete dieser ausweichend, »aber – ihr werdet hungrig sein, nicht wahr? Ich will...«

»Danke – danke«, rief Curtis und hielt ihn zurück, »wir haben tüchtig zu Mittag gegessen und können recht gut warten, macht Euch keine Umstände. Eurer Frau wird heute überdies nichts an besonderen Mahlzeiten liegen.«

»Nein, allerdings nicht«, sagte Atkins, »denn das ist eine Wirtschaft da drüben, daß einem Hören und Sehen vergeht.«

»Geht es dem Kind denn noch immer nicht besser?«

»Leider nein – wie wär's aber auch anders möglich? Es ist schon schlimm genug, wenn ein Kranker einem Doktor in die Fäuste fällt, hier sind ihrer aber elf darüber her, und ich baue jetzt so fest auf meines Kindes Konstitution, daß ich wirklich glaube, sie können's nicht totmachen, sonst wär' es schon lange gestorben. – Ich will aber lieber Licht holen, es fängt an dunkel zu werden. Donnerwetter, wie der Wind draußen pfeift, wir haben doch dieses Jahr einen merkwürdig stürmischen Frühling.«

Nach diesen Worten verließ er das Zimmer, und die beiden Regulatoren waren allein.

»Hört, Curtis« , sagte nach einer kleinen Pause Cook zu dem Freund, »um Atkins tut es mir wahrhaftig leid, daß der auch einer von den Schuften ist.«

»Sprecht leiser«, ermahnte dieser, »wer zum Henker weiß denn, ob nicht da oben irgend jemand versteckt liegt. Ja, er ist sonst ein recht ordentlicher Kerl, und ich habe ihn immer ganz gut leiden können.«

»Ich bin neugierig, was sie mit ihm anfangen werden«, fuhr Cook nachdenklich fort, »ich hoffe doch nicht, daß sie ihn hängen! Hört, Curtis – schuld an seinem Tode möcht' ich nicht sein; Strafe hat er verdient, und ich sehe recht gut ein daß wir dem Unwesen steuern müssen, aber hängen – nein – schon der Frau und des Kindes wegen nicht.«

»Nun, das wäre ein sauberes Schutzmittel«, erwiderte Curtis lachend. »Dann brauchten ja nur alle Schufte zu heiraten, um sicher vor dem Strang zu sein – das dürfte nicht als Hindernis betrachtet werden; aber leid würde er mir auch tun. Nein, hängen sollte man ihn nicht, nur...«

»Still, er kommt«, unterbrach ihn Cook, und der ahnungslose Wirt trat mit einem aus Wachs und Hirschtalg gegossenen Licht in die Stube, stellte es auf den Tisch und zündete es mit einem Kienspan an.

»Das pfeift draußen, als ob es uns das Dach über dem Kopf wegblasen wollte«, sagte er und stocherte ein wenig im Kamin, »wenn's der Wind nicht vertreibt, so müssen wir das Unwetter in zehn Minuten hier haben.«

»Böse für die, die heute draußen sind«, sagte Curtis, »das Vieh drängte sich auch gegen Abend merkwürdig ums Haus herum.«

»Waren viele Leute vom Petite-Jeanne in der Versammlung?« fragte Atkins.

»Nicht besonders viele«, sagte Cook, »sie hatten sich wohl meistens darauf verlassen, daß sie es morgen näher haben würden. Ein Fremder nur, der seine gestohlenen Pferde suchte.«

»Ein Halbindianer«, erwiderte Atkins, »ja, der war auch hier bei mir und erkundigte sich nach ihnen. Ich konnte ihm aber leider keine Auskunft geben.«

»Ihr habt gar nichts von seinen Pferden gesehen?« fragte Cook, ihn scharf fixierend.

»Nein – wie sollte ich«, erwiderte Atkins, ohne dem Blick zu begegnen. »Ich bin überhaupt seit den letzten vier Tagen nicht aus meiner Fenz herausgekommen, und vor den Häusern werden die Pferdediebe denn doch wahrhaftig die gestohlenen Tiere nicht vorbeitreiben.«

»Schwerlich«, meinte Curtis lächelnd. »Aber was haben denn die Hunde, sie lärmen ja merkwürdig.«

»Vielleicht noch einer der Regulatoren, den das nahende Gewitter hier hereintreibt«, sagte Cook.

»Wahrscheinlich«, pflichtete ihm Atkins bei, »ich will doch einmal nachsehen – Ruhe da – ihr Bestien! Ruhe!«

Er trat mit diesen Worten vor die Tür, und Curtis flüsterte zu Cook: »Das ist Stevenson, paßt auf. Der hat aber eine schlechte Zeit gewählt, das Wetter werden wir auf jeden Fall vorüberlassen müssen. Die im Schilfbruch werden sich übrigens nicht wohl fühlen; da befinden wir uns doch hier behaglicher.«

»Wie weit ist's noch bis zum Fourche la fave?« überschrie jetzt draußen eine Stimme das Toben der Hunde.

»Pest und Gift«, murmelte Atkins vor sich hin und sprang von den Stufen hinunter, »das wäre ja verdammt schnell gegangen, wenn da schon die zweite Sendung käme. Jones hat mir doch gesagt, es würde noch acht Tage dauern.«

»Er fließt gleich nebenbei«, sagte er dann laut zu dem Mann, der, in einen weiten Regenmantel dicht eingehüllt, auf seinem Pferde saß. »Wer seid Ihr – Sir? Ich heiße Atkins.«

»Habt Ihr gute Weide hier?« war die leise Antwort.

»Von woher kommt Ihr?« flüsterte Atkins ebenso leise.

»Ich bitte um einen Trunk Wasser.«

»Höll' und Teufel! Jones sagte mir doch, es würde noch acht Tage...«

»Laßt uns die Pferde schnell in Sicherheit schaffen«, unterbrach ihn der Fremde«, ich habe meinen Jungen bei ihnen, und es ist ein fürchterliches Wetter im Anzug.«

»Das Naßwerden wird ihnen nichts schaden«, erwiderte Atkins, »ich habe Fremde im Haus und kann jetzt nicht fort.«

»Aber der Regen würde die Fährte so schön wieder verwaschen«, wandte jener ein.

»Das ist allerdings wahr – wieviel habt Ihr?«

»Drei.«

»Drei nur? Jones sagte mir von sieben.«

»Die anderen kommen morgen abend, wir durften die Fährten nicht zu breit machen.«

»Ist das der Junge, den ich zum Weiterschaffen der Tiere hierbehalten soll?«

»Den Jungen? Ja so, – ja – er weiß um alles.«

»Kennt er auch den Weg nach dem Mississippi?«

»Wir kommen eben...« versprach sich der alte Mann, bemerkte aber noch glücklicherweise zeitig genug seinen Fehler und fuhr nach kurzem Husten fort, »von Westen zwar, der Junge ist aber auch schon oft in der Gegend gewesen. Doch macht fort, es fangen schon an große Tropfen zu fallen.«

»Gut – dann wartet nur einen Augenblick, ich will denen da drinnen sagen, Ihr sähet selbst nach Eurem Pferde oder sonst irgendwas – hallo – wer ist das?«

Ein Mann näherte sich der Fenz, gab sich aber gleich darauf als Weston zu erkennen.

»Ach – Ihr kommt mir gelegen, Weston«, rief Atkins, »geht mit ihm hinten herum und bringt die Tiere in Sicherheit, nachher kommt herein. Ich kann die beiden Regulatoren nicht gut allein lassen!«

»Regulatoren habt Ihr da drinnen?« fragte der Alte scheinbar erschrocken.

»Es sind Gäste, die bloß hier übernachten«, beruhigte ihn Atkins, »aber Ihr müßt wahrhaftig warten, bis das Wetter vorüber ist, es wird augenblicklich losprasseln. Wenn die Pferde im Bach stehen, schadet's auch nichts; da hinterlassen sie keine Spuren.«

»Im Bach?« fragte der Fremde, »sie stehen aber nicht im Bach. Ich habe sie oben an der Feldecke.«

»Ei, so hol Euch der Henker; warum brachtet Ihr sie denn nicht auf den alten Platz?«

»Es ist das erstemal, daß ich hier hin.«

»Ja, dann nehmen wir sie doch lieber gleich herein«, rief Atkins ärgerlich, »da oben an der Fenzecke möchte ich nicht gern morgen früh Hufspuren haben – der Indianer ist noch in der Nähe. Führt Ihr ihn also bis an die hintere Tür, Weston, ich will erst einen Augenblick ins Haus gehen und komme gleich nach.«

Entschuldigt, Gentlemen«, sagte er dann zu den beiden Regulatoren, als er wieder ins Zimmer kam und die Tür hinter sich geschlossen hatte; »es ist ein Fremder gekommen, der sehr eigen zu sein scheint und sein Pferd selbst unter Dach und Fach bringen will. Er wird gleich hereinkommen. Aber hallo – da bricht das Wetter los – nun wahrhaftig, das tobt nicht übel.«

»Sonderbar, wie hell es wird«, sagte Curtis, durch ein kleines, in die Holzwand gehauenes Fenster schauend, »bei einem solchen Blitz kann man die ganzen Felder mit einem Blick übersehen.«

»Wollen Sie sich nicht an den Kamin setzen, Gentlemen?« bemerkte Atkins etwas unruhig, »es zieht dort, und hier ist's behaglicher.«

»Warum nicht«, rief Cook, den Stuhl heranschiebend, »kommt, Curtis – laßt das Wetter draußen toben und dankt Gott, daß Ihr Eure eigene Haut trocken wißt.«

»Dafür bin ich auch dankbar«, erwiderte Curtis, indem er eine Flasche aus der Satteltasche nahm, »und damit Ihr seht, wie ich es zu würdigen weiß, so wollen wir gleich einmal auf den Schock trinken. – Wo wollt Ihr denn hin, Atkins?«

»Ich muß auf einen Augenblick hinüber zu meiner Frau, die Weiber fürchten sich am Ende, wenn sie so allein sind. Ich bin gleich wieder hier.«

Er schlüpfte schnell aus der Tür, und einige Minuten blieben die beiden Regulatoren noch lautlos auf ihren Stühlen sitzen. Dann aber sprang Cook in die Höhe und flüsterte leise:

»Curtis, mir fängt das Herz merkwürdig an zu klopfen. Was das für eine Nacht ist – die Blitze riechen ordentlich nach Schwefel. Nun, die im Schilfbruch draußen werden gehörig eingeweicht.«

»Das läßt sich nicht ändern«, erwiderte Curtis, im Zimmer umherblickend«, also da liegen zwei Büchsen – über jeder Tür eine, das ist vorsichtig. Das beste wird sein, wir machen sie unschädlich. Wir werden sie nicht gebrauchen, und Atkins könnte am Ende doch Schaden damit anrichten.«

Dabei stieg er auf einen Stuhl und nahm erst die eine und dann auch die zweite herunter. »Wahrhaftig, beide geladen; puh – hier auf der liegt Staub. Nun, ich denke, wir blasen ihm das Pulver ein wenig von der Pfanne. Zum Aufschütten bekommt er doch keine Zeit. Sonst noch Waffen?«

»Ich sehe weiter keine«, sagte Cook, überall im Zimmer umhersuchend, »er müßte sie denn versteckt haben.«

»Untersucht einmal das Bett, ist da nichts?«

»Nein, ich fühle nichts – aber – ja hier – wahrhaftig – zwei Pistolen. Oh, nicht übel, recht hübsch bei der Hand, wenn Not am Mann ist. Nun warte, Schelm, dir wollen wir den Spaß verderben, so – ihr seid auch besorgt. Jetzt möchte ich sehen, welches von den vier Schießeisen am ersten losgeht.«

»Seht Euch lieber mit den Pistolen vor – sie feuern manchmal doch, und ein einzelner Funke...«

»Ich habe ein wenig Tabaksaft hineingespritzt – tut das bei den Büchsen lieber auch.«

»Mich sollte es gar nicht wundern, wenn der Sturm das Dach vom Haus risse – hörtet Ihr eben den Baum stürzen? Alle Wetter, mir fängt es an unheimlich zu werden; ich wollte doch, wir hätten eine ruhigere Zeit abgepaßt.«

»Das Herz klopft mir wie ein Schmiedehammer«, erwiderte Cook, hastig im Zimmer auf und ab gehend, »wir werden den Pfiff durch das Toben draußen gar nicht hören.«

»Das bleibt sich ziemlich gleich: unsern Posten dürfen wir doch nicht verlassen – aber – ich wollte, ich könnte etwas sehen. Es kommt mir gerade so vor, als ob man nachts im Walde lagert, hört etwas rauschen und weiß nicht, wo und was es ist.«

»Oder in einer weiten Höhle mit der Kienfackel, und man hört den Bären winseln und kann nicht herausbekommen, auf welcher Seite er steckt. Ich – das muß eingeschlagen haben, Blitz und Donner waren ja fast zusammen!«

»Hörtet Ihr nichts?«

»Nein – was soll man denn bei dem Toben draußen hören! Der arme Stevenson dauert mich nur, und sein Junge – na, die werden an Arkansas denken!«

»Ist denn der Kanadier mit bei denen im Schilfbruch, oder haben sie ihn in den Wald postiert?«

»Ei bewahre – der ist mit bei den Angreifern, und ein tüchtiger Bursche dazu. – Was war das?«

»Ich habe nichts gehört. Was nur die Frauen drüben dazu sagen werden?«

»Mich dauert's, daß das Kind gerade krank sein muß.«

»Das läßt sich nicht ändern, warum – bei Gott, das war der Pfiff – jetzt, Cook, aufgepaßt – der Tanz beginnt!«

 

»Kommt schnell«, flüsterte Atkins den draußen an der Fenz wartenden Männern zu, »haben wir es erst einmal hinter uns, ist's so viel besser, denn das Wetter vernichtet jede Spur – aber straf' mich Gott, wenn es nicht zu arg ist, in solchem Regen draußen zu sein. Jones sagte mir doch, Ihr würdet erst in acht Tagen kommen.«

»O zum Donnerwetter, spart Euer Geschwätz, bis wir im Trocknen sind«, brummte, sich mürrisch stellend, der Alte, »ist das ein Wetter zur Unterhaltung? Ich habe weiter nichts dabei zu tun als die Tiere abzuliefern und wollte bei Gott, ich hätte es einem andern überlassen. Solchem Regensturm den Rücken hinzuhalten, könnte einem den Tod geben.«

»Wo stehen die Pferde?«

»Da oben an der Ecke irgendwo – mein Junge ist bei ihnen, das heißt, wenn's den armen Burschen nicht heruntergewaschen hat.« Er schob bei diesen Worten den Finger zwischen die Zähne und pfiff leise, aber scharf.

»Was, zum Teufel, macht Ihr?« fragte Atkins erschrocken.

»Hört Ihr? Da drüben antwortete er«, sagte der Alte, »er lebt wahrhaftig noch. Wo habt Ihr den Eingang?«

»Gleich da oben, Ihr seid nicht weit davon entfernt. Wenn Ihr aber wiederkommt, so reitet etwa hundert Schritt weiter aufwärts in den Bach hinein. Seht Ihr dort!«

»Sehen? Um Gottes willen, bei solchem Wetter sehen! Keine Hand vor Augen kann man sehen, ausgenommen, wenn's blitzt. Doch da ist der Junge – he, Ned – kommt hierher; lebst du noch?«

»Ja, Vater«, flüsterte der junge Mann, »es ist aber ein entsetzliches Wetter. Mir graust's.«

»Unsinn – werden schon wieder trocken werden, komm, folge uns. Haben die Tiere ruhig gestanden?«

»So ziemlich – nur der Rappe scheute bei den Blitzen.«

»Natürlich, welches Vieh soll denn dabei auch ruhig stehen. – Aber was macht Ihr? Legt Ihr die Fenz nieder?«

»Ja«, sagte Atkins, »ich habe absichtlich hier oben keine Tür, sondern Futtertröge in der Ecke angebracht. Es sind zuviel Spione in der Nachbarschaft, und das geringste erregt gleich Verdacht. – So, kommt hier herein. – Nehmt Euch in acht, dort liegen noch abgehauene Stämme. Ah – der Blitz kam wie gerufen!«

»Ist denn der Platz, wo Ihr die Pferde laßt, weit von hier?«

»Keine hundert Schritt mehr – Pest, das war ein Schlag! – Laßt die Fenz nur liegen, bis wir wieder zurückkommen: jetzt läuft keins von den Tieren fort, sie stehen alle unter dem Schuppen. So, mir nach – dies ist die Stelle.«

In demselben Augenblick erhellte wiederum ein greller Blitz den ganzen sie umgebenden Platz, und Stevenson sah, daß sie an einer Fenz standen, über die von der andern Seite Schilf herüberhing.

»Wartet einen Augenblick«, sagte Atkins jetzt schnell, »ich schiebe nur die Fenzriegel und die unteren Stämme weg. So, nun hinein mit den Tieren, dort sucht sie keiner, und dann ins Haus zurück – ein warmer Schluck – Höll' und Teufel, was macht Ihr? Verrat! –«

Er hatte aber wohl Ursache, überrascht zu sein, denn kaum war der Eingang zu dem geheimen Versteck geöffnet, als Stevenson einen lauten schrillen Pfiff ertönen ließ. Im nächsten Augenblick erleuchtete ein greller Strahl den Platz mit Tageshelle. Atkins, von dem Schein halb geblendet, sah eine Menge dunkler Gestalten herbeistürmen, und während der Donner in mächtigen Schlägen schmetternd und krachend am Himmel dröhnte, fühlte er, wie der kräftige Tennesseer die Hand nach ihm ausstreckte und ihn am Kragen fassen wollte.

Hier jedoch kam die Dunkelheit dem mit Grund und Boden genau Vertrauten sehr zustatten, denn wie eine Schlange glitt er unter der drohenden Faust hinweg. Stevenson erfaßte statt seiner den Sohn, der ebenfalls herbeigesprungen war, den Verbrecher zu halten; ein zweiter Blitz verriet ihnen aber die fliehende Gestalt des Hehlers, und auch Weston, den die erste Überraschung fast gelähmt hatte, floh der Stelle zu, an der sie eben die Umzäunung betreten.

Der Platz war übrigens besetzt, und fast wäre er zwei anderen Männern in die Hände gesprungen, denen er gerade entgegenlief, als ein neuer Blitz ihm die neue Gefahr verriet. Schnell wandte er sich und suchte über die Fenz zu entkommen. Da hörte er auch hier Verfolger und sah nun, daß dies keine plötzliche, zufällige Entdeckung, sondern ein verabredeter Überfall sei, sah jeden Rettungsweg abgeschnitten und hoffte nur noch, durch das Haus oder am Haus vorbei den schmalen, fast stets von den Hunden eingenommenen Raum offen zu finden. Dort konnte er möglicherweise den Wald und mit diesem wenigstens augenblickliche Sicherheit gewinnen.

Eben aber, als er in den Durchgang sprang und zwischen den Gebäuden hindurch wollte, hörte er in der Stube zu seiner Rechten wildes Ringen und Fluchen, vor sich die lauten Stimmen der sich sammelnden Feinde, im Rücken die Verfolger, und stürzte nun in Angst und Verzweiflung in das Gemach der Frauen, die mit einem Schrei des Entsetzens von ihren Sitzen in die Höhe fuhren.

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