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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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29. Rowson bei Roberts – Die Truthühnerjagd – Ellen und Marion

Das Mittagessen war beendet, das Geschirr abgewaschen und fortgestellt, und vor dem Eingang des kleinen Hauses saßen die Freunde und plauderten von diesem und jenem. Rowson hatte seinen Stuhl neben den von Marion gerückt und hielt die Hand der Braut in der seinen, während Harper an Ellens und Bahrens an des alten Roberts Seite Platz genommen.

Nach welchen verschiedenen Richtungen das Gespräch aber auch immer gehen mochte, auf den Ehestand kam es stets wieder zurück, und Harper war nun schon zum drittenmal gefragt worden, warum er sich nicht nach einer Frau umsehe, die ihm seine alten Tage verschönen könne.

»Davor bin ich sicher – ich wüßte nicht, wie ich eine bekommen sollte. Die einzige Art wäre, daß ich es wie mein Bruder machen müßte, der sich in die Lotterie gesetzt und ausgespielt hat.«

»In die Lotterie gesetzt, Mr. Harper? Sich selbst?«

»Nun, die Sache war sehr einfach; er machte sechshundert Lose, jedes zu zehn Dollar, für Mädchen und Witwen unter dreißig Jahren – bei der Untersuchungskommission hätten Sie sein sollen – und setzte sich selbst mit den also gewonnenen sechstausend Dollar ein.«

»Aber, Mr. Harper!«

»Nun wurde er jedoch bloß fünfhundert und einige dreißig los, behielt also einige sechzig und hatte die starke Hoffnung, sich selber wieder zu gewinnen – ja prosit. Ein junges Mädchen, die drei Zeugen gebracht, daß sie erst achtundzwanzig Jahre alt sei, bekam ihn, und er ist jetzt glücklicher Familienvater. Hier in Arkansas möchte es aber schwer werden, sechshundert Lose anzubringen.«

»Nicht, wenn Sie im Einsatz ständen«, meinte Marion lächelnd. »Ich bin fest überzeugt, die Kandidatinnen kämen von allen Seiten.«

»Und würden Sie auch ein Los nehmen?«

»Warum nicht«, antwortete Marion heiter, »man gewinnt ja manchmal etwas, was man nicht gebrauchen kann. Ich könnte Sie ja an eine gute Freundin verschenken; an Ellen zum Beispiel.«

»Ei warum nicht«, sagte Harper, »ich würde kaum etwas dagegen einzuwenden haben.«

Rowson hatte indessen dem Gespräch zugehört und sich nur selten eingemischt, hielt aber in seiner Hand einen ausgespannten Truthahnflügel als Fächer und scheuchte damit seiner Braut die sie hier und da umschwärmenden Fliegen und Moskitos fort.

Mrs. Roberts nahm ebenfalls einen Fächer, denn die Hitze wurde wirklich drückend.

»Wir werden ein Gewitter bekommen«, meinte Roberts und zog seinen Rock aus, »die Luft ist so sonderbar schwül – ich muß doch einmal nach dem Thermometer sehen – apropos Rowson«, fuhr er fort, indem er aufstand, »wißt Ihr, wer die Leute waren, deren Wagen wir, sahen, als Ihr oben bei der Salzlecke zu mir kamt? Tennesseer, frühere Nachbarn von mir, Stevensons, prächtige Leute. Ich habe mich recht gefreut, sie wiederzusehen; und, Marion, die Mädchen sind herangewachsen, die würdest du gar nicht wiedererkennen.«

»Oh, warum sind sie denn nicht bei uns eingekehrt?« fragte Mrs. Roberts, »man sieht doch so selten alte Freunde. Kennen Sie Stevenson auch, Mr. Rowson?«

»Nicht daß ich wüßte«, erwiderte dieser, »und ich habe sonst ein ziemlich gutes Gedächtnis. Stevenson – der Namen jedenfalls ist mir von Tennessee her bekannt, die Familie selbst aber schwerlich.«

»Er ist drüben am Arkansas gewesen, als der letzte Mord geschah«, sagte Roberts, jetzt mit dem Thermometer in der Hand zurückkommend. »Und er hat den Mörder gesehen – dreißig Grad, es ist erstaunlich...«

»Das ist doch nicht möglich!« rief Rowson entsetzt.

»O doch – sehen Sie, über dreißig Grad!« entgegnete Roberts und hielt ihm das Thermometer entgegen.

»In der Tat«, erwiderte Rowson, schnell gefaßt. »Wie aber konnte er das?«

»Konnte was?«

»Wie konnte Mr. Stevenson den Mörder gesehen haben? Es wurde ja behauptet, der Mann habe sich selbst erschossen, eben weil man keine Spur entdeckt hatte.«

»Unsinn«, sagte Roberts, den Kopf schüttelnd. »Stevenson stand hinter einem Baum, an dem die beiden Männer, kaum fünf Minuten, bevor der Schuß fiel, vorbeigekommen sein sollen. Er hat mir versichert, er würde den Burschen unter Tausenden wiedererkennen. – Er ist ein prächtiger alter Mann; er würde Ihnen ungemein gefallen.«

»Ich zweifle gar nicht daran«, erwiderte Rowson, »aber...«

»Nun sagt mir einmal, Roberts«, unterbrach ihn Bahrens, »wie ist denn das Ding da, das Ihr in der Hand habt und ein Thermometer nennt, eigentlich eingerichtet, daß Ihr an dem sehen könnt, ob es warm oder kalt sei?«

»Nun, das Quecksilber steigt bei Wärme«, erwiderte der Gefragte, »und fällt, je kälter es wird!«

»Und danach richtet sich das Wetter?«

»Nein, das Thermometer richtet sich nach dem Wetter!«

»Ihr habt mir aber doch einmal erzählt, in den grünen Gebirgen wäre es 1829 nur deshalb so unmenschlich kalt geworden, weil sie kein solches Ding oben gehabt hätten.«

»Ih bewahre«, sagte Roberts lachend.

»Damals war aber eine Kälte!« rief Harper. »In dem Winter lebte ich am Eriesee in Cleveland, und das Quecksilber fiel Gott weiß wie tief unter Null. Ein alter Pennsylvanier, bei dem ich wohnte, behauptete auch, es wäre noch tiefer gefallen, wenn das Thermometer nur länger gewesen wäre.«

»Wird sich Mr. Stevenson noch einige Tage in dieser Nachbarschaft aufhalten?« fragte Rowson, der bis jetzt in tiefen Gedanken vor sich niedergeschaut hatte.

»Nein – bewahre! Er sagte ja – ja so. Sie kamen erst nachher zu mir – nein, er geht direkt in die Gegend, in der er sich niederlassen will, an den Fuß der Gebirge. Wie er mir aber versicherte, gefällt ihm unser Land hier am Fourche la fave ungemein, und er schien gar nicht übel Lust zu haben, gleich hierzubleiben. Seine Frau jedoch und seine Töchter fürchteten sich sehr von den Pferdedieben, denn da diese, wie sie am Arkansas gehört hatten...«

»Nun, deswegen brauchten sich die Frauen doch nicht zu fürchten«, unterbrach ihn Bahrens, »mit der Gesellschaft werden wir schon fertig.«

»Allerdings , meinte Rowson, »die Leute machen die ganze Sache auch gefährlicher, als sie wirklich ist. Der Fourche la fave hat einen viel schlimmeren Namen, als er verdient und...«

»Hallo – was haben die Hunde da?« rief Roberts aufspringend, »Poppy hat schon in einem fort gewindet, und jetzt geht's durchs Feld, als ob der Böse hinter ihm her hetzte.«

»Es sind Truthühner, Vater«, antwortete Marion. »Ellen und ich gingen vor Tisch dort unten herum und sahen, gleich am Bach, ein ganzes Volk.«

»Ei, warum habt Ihr denn das nicht längst gesagt?« rief Roberts, aufspringend, »ich habe seit acht Tagen keinen Truthahn geschossen. Geht Ihr mit, Bahrens?«

»Gewiß«, sagte dieser und holte sogleich seine Büchse, die er stets bei sich führte, aus dem Haus. »Und wenn ich nicht irre, so haben die Hunde sie auch schon in den Bäumen.«

»Jawohl, ich erkenne Poppys Stimme. Doch jetzt müssen wir eilen, sonst ziehen sie hinunter in die Niederung, und da kann man schlecht nachkommen.«

Bahrens bedurfte keiner weiteren Aufmunterung, und schnell liefen die beiden Männer an der Fenz des Maisfeldes hinab, wo die Hunde wild unter den Bäumen umherrannten und nicht mehr zu wissen schienen, auf welchem die geflüchteten Tiere saßen. Aber auch die Jäger blickten sich vergebens um, denn das Laub war sehr dicht, und die schlauen Truthühner hatten sich so fest an die Äste gedrückt, daß sie nicht zu erkennen waren.

»Es wird ein alter Truthahn gewesen sein«, sagte Bahrens, »und der ist doch um diese Zeit nicht besonders schmackhaft.«

»Nein«, meinte Roberts, »aber ich habe erst gestern vier Hennen gesehen, die dieses Jahr auf keinen Fall brüten können. Einen fetteren Braten gibt's auf der Welt nicht als eine solche Henne in dieser Jahreszeit.«

»Nun, dann müssen wir abwarten«, entgegnete Bahrens, »ruft die Hunde. Bleibt Ihr hier, und ich will dahinüber auf die kleine Anhöhe gehen. Können wir die Hunde ruhig halten, so wird es nicht lange mehr dauern, bis sich die Hennen wieder melden – lange schweigen sie nicht gern.«

Roberts, der völlig mit diesen Vorsichtsmaßregeln einverstanden war, rief seine Hunde, die sich dicht neben ihm niederlegen mußten, und wohl eine Viertelstunde rührte sich keiner der Männer. Endlich ahmte Bahrens leise, aber täuschend den Ruf der Hennen nach, und es dauerte auch nicht lange, so antwortete eine gerade aus dem Baum über Roberts.

Die Hunde sahen erst zu ihrem Herrn empor, dann wieder in die Bäume und fingen an ungeduldig zu werden. Roberts wollte aber warten, bis Bahrens ebenfalls einen Vogel zum Schuß hatte, und erst als mehrere Truthennen von verschiedenen Baumkronen her antworteten und jener die Büchse hob, richtete er sich empor und legte auf sein Wild an.

Die Truthenne war indessen von dem Aste, an welchem sie dicht angeschmiegt gesessen, aufgestanden und schaute eben, den Hals nach allen Richtungen drehend, umher, ob die Gefahr verschwunden sei. Da krachte Bahrens' Büchse, fast in demselben Augenblicke war aber auch Roberts schußfertig geworden, und beide Vögel stürzten mit schwerem Fall von ihrer Höhe hernieder, wo sie von den Hunden augenblicklich in Empfang genommen wurden.

Mrs. Roberts und Harper hatten indessen, während die beiden Männer dem Wild nachgegangen waren, ein Gespräch mit dem Prediger anzuknüpfen versucht und bald von diesem, bald von jenem begonnen. Rowson schien aber heute wenig zu ausführlichen Antworten geneigt und überhaupt entsetzlich zerstreut zu sein.

Besser unterhielten sich währenddessen die Mädchen, die Arm in Arm vor dem Haus umhergingen. Aber beide vermieden seltsamerweise jede Berührung ihrer Zukunftspläne, vielmehr sprachen sie von ihren Kinder- und Jugenderlebnissen.

»Ach, liebe Ellen«, sagte Marion seufzend, »das waren doch recht schöne Zeiten, und wir wußten damals noch nicht, was Sorge und Kummer ist. Der Übergang aus diesem glücklichen Alter in das reifere Leben ist auch so unmerklich, kommt so allmählich, daß man es nicht eher bemerkt, als bis man alle jene schönen Tage weit, weit hinter sich hat und nun wie vor einem Abgrund...«, sie hielt plötzlich inne, als ob sie sich scheue, den Satz zu vollenden, und wandte den Kopf ab, daß Ellen die Tränen nicht bemerken konnte, die ihr in die Augen traten.

»Warum bist du so traurig, Marion?« fragte die Freundin teilnehmend, »du stehst doch am Ziel deiner Wünsche, und ich sollte denken, die Verbindung mit dem Manne, den wir lieben, dürfte uns nicht so traurig und wehmütig stimmen. Daß man sich mit einem gewissen Bangen zu einem solchen Schritt entschließt, finde ich eher begreiflich. Oder hast du einen Kummer?«

»Nein, Ellen«, flüsterte Marion, »nein – ich bin nur töricht und sollte eigentlich recht freudig und mit froher Zuversicht in die Zukunft schauen. – Aber horch, da fielen eben zwei Schüsse – sie scheinen die Truthühner gefunden zu haben. Nun gibt's für uns beide noch etwas zu tun heut abend«, fuhr sie dann, sich lächelnd zu Ellen wendend, fort. Aber auch in deren Gesicht bemerkte sie Spuren von heimlich vergossenen Tränen und fragte ängstlich:

»Ach, Ellen, liebe Ellen, was fehlt denn dir? Sieh, ich bin ein so verzogenes und nur immer mit mir selbst beschäftigtes Wesen und habe kaum bemerkt, wenigstens nicht beachtet, daß auch du seit einiger Zeit niedergeschlagen und still bist. Willst du mir nicht den Grund sagen?«

»Ja!« erwiderte Ellen, nun wieder lächelnd. »Du sollst alles wissen – doch nicht heute – in einigen Tagen erst, wenn du selbst ruhiger und mit dir im reinen bist. Dann sollst du alles erfahren; aber«, fuhr sie schmeichelnd fort, »habe ich dich erst einmal zu meiner Vertrauten gemacht, dann mußt du mir auch helfen, ja? Ich werde dir auch helfen.«

»Wenn du das könntest, Ellen!«

»Also fehlt dir doch etwas?«

»Mutter rief mich, wenn ich nicht irre, ich bin gleich wieder bei dir«, sagte Marion ausweichend und floh in das Haus. Aber die Mutter hatte nicht gerufen, das Mädchen wollte nur aus der Nähe der Freundin fort und das Gefühl bekämpfen, das sie mit kaum widerstehlicher Gewalt zwang, ihr alles, was sie peinigte und quälte, anzuvertrauen.

Die Männer kehrten jetzt, mit ihrer Beute beladen, von der Jagd zurück, und das Gespräch wandte sich wieder allgemeinen Dingen zu. Die Mädchen hatten jedoch vollauf zu tun, die Truthühner, ehe sie erkälteten, zu rupfen. Beide behaupteten, seit langer Zeit kein so fettes Wild in den Händen gehabt zu haben.

Rowson aber hatte das, was ihn beunruhigt oder gestört, indessen ebenfalls abgeschüttelt und seine sonstige Ruhe wiedererlangt. Er schien sogar an diesem Abend einmal das ernste, strenge Wesen des Predigers beiseite legen zu wollen, zeigte sich lebhaft, ja sogar heiter und war mehr als je, selbst in Marions Augen, zu seinem Vorteil verändert. Mrs. Roberts war entzückt, und der alte Roberts nahm Bahrens zweimal beiseite und gab ihm im Vertrauen zu verstehen, er glaube, der Prediger sei ein anderer Mensch geworden. Erstlich wäre er schon nahezu sechs Stunden im Hause, ohne ein einziges Mal zu predigen, und dann habe er eine so gewisse Ungezwungenheit und Keckheit in Ton und Wesen, wie man sie früher noch nie an ihm bemerkt hätte.

»Er ist heut abend eine ganz andere Person«, rief er nach einer Weile wieder, sich die Hände reibend, »verdammt, wenn's nicht wahr ist – und merkwürdig hat er sich verändert, aber sehr zu seinem Vorteil, Bahrens, sehr zu seinem Vorteil.«

Dem Gebet sollte Roberts aber dennoch nicht entgehen, denn vor dem Schlafengehen hielt Rowson erst noch eine sehr lange, salbungsvolle Predigt, der sich die Männer in Geduld fügen mußten.

Am nächsten Morgen wurde nun beim Frühstück der Plan zu dem heutigen Sonn- und Festtag entworfen, und Mrs. Roberts war dafür, sogleich gemeinsam aufzubrechen, um die Wohnung ihres künftigen Schwiegersohnes hübsch einzurichten, dort Mittag zu essen und dann am Nachmittag zu dem von dort kaum eine Meile entfernten Haus des Richters hinüberzureiten. Hierin stimmte ihr auch Mr. Rowson bei, bat jedoch die Gesellschaft, nur noch etwa eine Stunde seiner zu harren, da er vorher eine Kleinigkeit zu erledigen habe, jedoch in kurzer Zeit zurück sein würde.

»Aber nicht wahr, Mr. Harper und Bahrens, Sie bleiben heute unsere Gäste?« fragte Mrs. Roberts. »Wir müssen diesen Tag zusammen feiern, und ich wünschte nur, Mr. Brown wäre auch hier. Das läßt sich freilich jetzt nicht mehr ändern. Regeln Sie also Ihre Geschäfte recht schnell, Mr. Rowson, und Sie sollen uns, wenn Sie zurückkommen, fertig gerüstet und bereit finden.«

Rowson bestieg das ihm von dem Negerknaben vorgeführte Pferd, winkte noch einen Gruß zurück und trabte, schneller, als es sonst seine Art war, wenn er Roberts' oder irgendein anderes Haus der Ansiedlung verließ, die schmale Countystraße entlang.

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