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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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19. Harpers Blockhaus – Cooks Bericht über die Verfolgung der Pferdediebe – Harpers und Bahrens' wunderbare Erzählungen

Dort sah es freilich noch immer nicht so freundlich und wohnlich wieder aus wie damals, als Harper noch kräftig und stets in guter Laune die kleine Junggesellenwirtschaft führte. Zwar hatte er sich in der letzten Woche wieder ziemlich von seiner Krankheit erholt, die Schwäche aber, die stets eine unvermeidliche Folge des Fiebers bleibt, war noch aus allen seinen Bewegungen leicht zu erkennen, ja sogar das sonst so lebensfrohe, gesund-kräftige und rote Gesicht hatte eine Aschfarbe angenommen, und die Backenknochen ragten daraus hervor, als ob sie sich, über solche Veränderungen verwundert, im übrigen Gesicht umschauen wollten.

Die Nachbarn verließen ihn aber in der Zeit der Not nicht; jeder mochte den alten Farmer gut leiden, und abwechselnd waren sie mit Brown an seinem Bett, solange er noch liegen mußte, und versuchten ihn zu zerstreuen und aufzuheitern.

Vor allem Bahrens hatte eine Zuneigung zu ihm gefaßt und war ein häufiger und gerngesehener Gast in der Hütte der beiden Männer geworden.

Auf seiner mit spanischem Moos gestopften Matratze lag Harper, und seine Augen, wenn auch noch immer etwas matt, glänzten beim Anblick der lieben Gäste fast in gewohnter Fröhlichkeit. Herzlich grüßend, streckte er den Eintretenden, besonders Roberts und Bahrens, die etwas abgemagerte Hand entgegen.

»Willkommen, ihr alle! Willkommen, Roberts – Ihr seid mir ein schöner Patron; also wilde Bestien sind nötig, um Euch einmal zu mir zu bringen; wahrlich nicht übel. Doch Gott segne mich, wie seht Ihr denn aus, Ihr seid ja wie aus dem Wasser gezogen. He, Bill, gib doch Roberts andere Kleider, der kann sich ja den Tod holen.«

»Danke, danke«, sagte dieser, als der junge Mann ihm einen warmen, trockenen Anzug brachte und ihm beim Aus- und Ankleiden behilflich war, »danke schön; – aber, Brown, mit Euch habe ich ein besonderes Hühnchen zu rupfen; meine Alte ist schön bös auf Euch, daß Ihr Euch gar nicht mehr sehen laßt. Noch von der Panthergeschichte her, als Marion mit Euch war, wo Ihr auf so eine Bestie schosset, die auch ziemlich gut getroffen sein mußte, denn wie ich höre, hat sie Cooks ältester Junge zwei Tage darauf gefunden, das Gerippe wenigstens, und einen Teil der Haut, sonst waren die Aasgeier...«

»Hallo, jetzt geht die Reise wieder fort, gerade wie die Post – so – da setzt Euch zum Feuer, und Ihr, Harper, kommt ebenfalls lieber näher zum Kamin, denn wenn wir auch die Spalten ziemlich verstopft haben, so ist doch noch immer Luft genug, und Ihr könntet Euch wieder erkälten. Der verdammte Wind pfeift hindurch.«

»Habt, Ihr wohl ein Waschbecken hier?« fragte Roberts; »beim Herausklettern aus dem Fluß bin ich mit den Händen so schändlich tief in den Schlamm gefahren...«

»Ach, Cook, seid so gut und gebt ihm einmal das eiserne Aufwaschgeschirr dort – das ohne Griff – Ihr wißt ja schon!«

»Ob ich's weiß!« erwiderte der junge Farmer lachend, indem er mit einem langstieligen Flaschenkürbis das Wasser aus dem vor der Tür stehenden Eimer in das verlangte Gefäß schüttete, »natürlich kenn' ich Euer Geschirr hier vielleicht besser jetzt als Ihr selbst. Man bedarf auch keiner langen Zeit, um damit bekannt zu werden.«

»Kein Handtuch?« fragte Roberts.

»Nun, Ihr werdet doch wohl ein Taschentuch haben?« entgegnete Cook.

»Ja – aber es ist alles naß geworden.«,

»Ach so, na, dann nehmt meins hier.«

»Von der Jagd müßt Ihr mir erzählen!« rief Harper, »das ist ein merkwürdig großes Pantherfell – wollt Ihr's nicht aufspannen, Cook? Dort vor der Tür liegen ja wohl noch Schilfstäbe. Hängt's nur an den kleinen Ahornbaum hier rechts – aber hoch – die verdammten Hunde haben mir das letzte Hirschfell, das ich so sauer verdienen mußte, auch heruntergerissen und gefressen – die Bestien!«

Roberts mußte jetzt erzählen, wie es ihm ergangen, und Cook spannte indessen das Fell auf und brachte es in Sicherheit, hatte aber dabei vollauf zu tun, den Erzähler an allen möglichen Absprüngen und mehrmaligem Durchgehen zu verhindern.

»Sagt einmal, Roberts«, rief er endlich, als dieser geendet hatte, »habt Ihr denn das damals auch so gemacht, als Ihr um Eure Frau freitet? – Hol mich dieser und jener, wenn ich da an ihrer Stelle nicht die Geduld verloren hätte.«

»Lassen wir das jetzt, Cook«, entgegnete Roberts, »es ist heute das erstemal, daß ich Euch oder überhaupt einen von denen wiedersehe, die vor vierzehn Tagen auf den falschen Fährten hinter den Pferdedieben herhetzten, wie war denn die Sache eigentlich?«

»Ja, das hat er mir auch noch nicht erzählt«, rief Harper, »und ist doch alle Tage ein paar Stunden hier.«

»Ihr waret krank«, erwiderte Cook, »was sollt' ich Euch da mit der langweiligen Geschichte quälen; nun, die Sache ist sehr einfach. Wir fanden die Spuren, die durch den Fluß gingen, und folgten ihnen, weil wir sie natürlich für die rechten hielten und nirgends andere gekreuzt hatten. Husfield behauptete auch noch außerdem, ehe wir in den Fluß hinunterritten, daß er darauf schwören wolle, es seien seine eigenen Pferde. Er muß sich aber doch wohl geirrt haben. Am anderen Ufer suchten wir nicht lange, warfen die Fackeln fort und sprengten nun, was unsere freilich schon etwas müden Klepper rennen konnten, hinter den vermeintlichen Dieben her.

In der Nacht hielten wir nur einmal an, um unsere Pferde rasten zu lassen und selber etwas zu genießen, hörten auch hier, daß ein Mann mit Pferden vorbeigekommen und ziemlich scharf geritten sei. Der Farmer hatte natürlich bloß das Klappern der Hufeisen vernommen und die Tiere selbst nicht gesehen, versicherte uns aber, wir würden ihn bald einholen, falls das unsere Absicht sei, denn er wäre vor kaum einer halben Stunde dort vorbeipassiert. ›Meine armen Pferde‹, stöhnte damals Husfield, ›wie sie der Hund nun abhetzen wird – aber gnade ihm Gott, wenn ich ihn erreiche – hier an dem Strick‹ – er trug den Strick bei sich – ›soll er seine schwarze Seele ausstrampeln!‹ Er hatte gut Rache schwören; bei Tagesanbruch kamen wir, als wir mit verhängten Zügeln auf den breiten Spuren einen kleinen Abhang hinabgaloppierten, plötzlich an den Mann mit den Pferden, der ruhig unter einem Baum saß und, als er unsere Annäherung bemerkte, keineswegs die geringste Bewegung zur Flucht machte. Ich sah Husfield verwundert an, der aber starrte mit aufgerissenen Augen nach den Pferden hinüber und schrie endlich, indem er sein eigenes Tier an dem Zügel riß, ›Höll' und Teufel, das sind nicht die meinigen!‹ Er hatte ganz recht, es waren ein paar Schimmel dabei, die niemand von uns kannte, und der Fremde ritt sein eigenes Pferd und war kein anderer als der Bursche Johnson, der sich seit einiger Zeit am Fourche la fave herumtreibt und, soviel ich weiß, von der Jagd lebt.

Husfield war wütend, noch dazu da er, wie er mir später gestand, einen besonderen Grimm auf den liederlichen Gesellen hatte und ihm das Schlimmste zutraute. Es ließ sich aber in dieser Sache gar nichts tun. Wir ritten zu den Pferden hin, Johnson gab uns jedoch sehr kurze Antworten und erwiderte auf die Frage, was er mit den Pferden vorhabe, er könne doch hoffentlich mit seinen eigenen Tieren tun, was er wolle.

Husfield knirschte vor Wut mit den Zähnen, und ob ich gleich versuchte, ihn im guten wieder zurückzubringen, so war er doch zu aufgeregt, und es dauerte nicht lange, so standen sich die beiden Männer im feindlichen Wortwechsel gegenüber. Johnson blieb dabei sehr kaltblütig und ruhig, hielt jedoch die rechte Hand fortwährend unter der Weste verborgen, wo er natürlich seine Pistolen und Messer stecken hatte.

Husfield schwor zuletzt die fürchterlichsten Eide, er wolle ihn lynchen, sobald er ihn einmal auf seinem eigenen Lande fände, und Johnson lachte dazu und erwiderte, er würde sich nächstens einmal das Vergnügen machen und ihn besuchen. Endlich bracht' ich sie auseinander. Vergebens war es aber jetzt, irgendeine weitere Spur zu finden, der nächtliche Regen hatte alles verwaschen, und wir mußten die Verfolgung aufgeben. Husfield behauptete nun steif und fest, die Tiere seien noch in der Ansiedlung, und wir suchten jeden Winkel der Niederung an, in den nur ein Pferd möglicherweise eindringen konnte, doch umsonst. Sie sind fort, obgleich mir ein Rätsel ist, wie das geschehen konnte.«

»Auch wohl, wohin die Tiere gebracht worden sind?« fragte Bahrens.

»Nun, das weniger, wahrscheinlich doch nach Texas. Ich muß nur selbst einmal nach Texas gehen, um das Volk dort kennenzulernen. Wenn man auch keine bekannten Menschen da finden sollte, bekannte Pferde trifft man sicherlich.«

»Es war ja auch an jenem Abend, an welchem die Indianerin ermordet wurde, nicht wahr? Habt Ihr denn gar nichts davon gehört?« fragte Roberts, »Ihr müßt dicht an der Stelle vorbeigekommen sein.«

»Ich glaube – ja, mir ist es wenigstens so, als ob jemand erwähnt hätte, er höre einen Schrei. Das war gerade, als wir an die Furt kamen, und es wird wahrscheinlich das arme Weib gewesen sein; die Entfernung zwischen der Hütte und der Straße ist gar nicht so bedeutend. Wißt Ihr denn nicht, wo der Indianer jetzt ist, Brown?«

»Nein«, erwiderte dieser, »vier Tage nach dem Begräbnis seiner Squaw, in welcher Zeit er ein kleines Feuer am Grabe unterhalten und fortwährend frische Speisen danebengestellt hatte, verließ er die Gegend; er hat sich wenigstens nicht wieder bei uns sehen. lassen. Doch erwarte ich ihn mit jedem Tage zurück, denn daß er das Land verlassen habe vor der Erfüllung seines Racheschwures, glaub' ich nun und nimmermehr.«

»Wo mag er sich aber nur herumtreiben?«

»Sorgt Euch um den nicht«, sagte Bahrens, »der kriecht umher und kundschaftet, wer weiß, wie bald er wieder da ist und irgendwo ein Nest aufgefunden hat. Ihr Regulatoren könnt Euch kein besseres Mitglied wünschen als eben den Indianer.«

»Ist es wahr, Brown, daß sie Euch zum Anführer an Heathcotts Stelle gewählt haben?« fragte Roberts.

»Husfield und mich«, erwiderte der junge Mann, »ihn am Petite-Jeanne, mich am Fourche la fave; doch werde ich meine Stelle niederlegen, sobald mein Schwur erfüllt ist und die Mörder des jungen Heathcott und der Indianerin entdeckt und bestraft sind. Wie ich aber höre, soll Mr. Rowson sehr eifrig gegen die Verbindung der Regulatoren als etwas nicht nur Ungesetzliches, sondern auch Unchristliches predigen.«

»Er ist seit acht Tagen verreist«, sagte Roberts, »wie ich hörte, an den Mississippi und nach Memphis, um dort verschiedene Einkäufe zu machen, muß aber in dieser Woche wieder eintreffen. Soviel ich weiß; will er Atkins' Land kaufen, was ganz guter Boden ist, wenn er nicht so viel Sumpfland...«

»Atkins will verkaufen?« unterbrach ihn Mullins, »davon weiß ich ja noch gar nichts. Also er hat schon einen Käufer?«

»Rowson schien das Land zu gefallen«, antwortete Roberts, »und ich habe nichts dagegen, dann kommt Marion wenigstens nicht so weit fort. Und da wir das neue Bethaus am Wege zur Flußgabelung bauen wollen, denn die Stämme sind schon seit Weihnachten dazu gehauen...«

»Gentlemen, rückt eure Sitze her zum Tisch und nehmt fürlieb mit dem, was wir haben«, rief Brown jetzt dazwischen, der indessen mit Cooks Hilfe das einfache Mahl bereitet hatte.

»Wie wär's, wenn wir ein Stück Pantherfleisch kosteten?« meinte Roberts lächelnd.

»Danke schön«, lehnte Bahrens ab, »danke, das hab' ich einmal versucht, und der Ekel hat mich nachher sterbenskrank gemacht.«

»Wo denn?« rief Harper, der eben seine Tasse Tee zum Munde führen wollte und nun erwartungsvoll innehielt.

»Wo? Nun im Walde draußen, wo denn anders?« erwiderte Bahrens, »es war am Washita, und wir hatten den ganzen Tag gejagt, bis abends spät, wo ich ohne eine Klaue an dem verabredeten...«

»Ihr hattet Euch wohl den Fuß vertreten?« fragte Roberts, indem er Harper von der Seite zublinzelte.

»Oh, geht zum Teufel!« schimpfte Bahrens ärgerlich, fuhr dann aber in seiner Erzählung fort, »... zu dem verabredeten Lagerplatz zurückkam. Da ging's hoch her. Eine Menge Knochen lagen am Feuer, und dicht daneben über dem kurz abgehauenen Zweig eines niederen wilden Pflaumenbäumchens hing ein abgestreiftes und, wie die anderen sagten, junges Hirschkalb, das delikat schmecken sollte; die Läufe, der Kopf und eine der Keulen fehlten übrigens, und als ich danach fragte, sagten sie, sie hätten die Keule gegessen und das übrige den Hunden gegeben. Ich also nicht faul, machte mich über das Wildbret her, schnitt mir ein tüchtiges Stück herunter und briet und verzehrte es ganz allein, da die Schufte satt zu sein behaupteten.

Wie ich im besten Essen war, kommt mein Hund, der, ebenfalls hungrig, überall herumgeschnüffelt hatte, und bringt etwas im Maule angeschleppt bis dicht zu mir hin, als ob er sagen wollte: ›Du, sieh einmal nach, was sie hier geschossen haben‹, und was war es? Der Kopf eines jungen Panthers. Der Bissen blieb mir im Halse stecken, und ich schaute erschrocken zu den grinsenden Schuften auf, die um mich herum saßen. Wie die aber jetzt nicht mehr an sich halten konnten und in ein schallendes Gelächter ausbrachen, da wurd' ich falsch und beschloß nun, sie glauben zu machen, daß Pantherfleisch ein Lieblingsgericht von mir wäre. Ich würgte an dem Bissen, den ich gerade im Munde hatte, schnitt mir ein anderes Stück ab und fragte sie mit der unbefangensten Miene von der Welt, warum sie mir nicht gleich gesagt hätten, das wäre Pantherfleisch, da hätt' es mir noch einmal so gut geschmeckt. In Tennessee hätt' ich einmal einen ganzen Monat von nichts anderem als Pantherfleisch gelebt und nur manchmal sonntags eine wilde Katze gegessen.

Die Mäuler blieben ihnen indessen vor Verwunderung offenstehen, und einer, ein junger Bursche von siebzehn Jahren, der mir gerade gegenübersaß und zusah, schnitt, da es ihn wahrscheinlich ekeln machte, die schauderhaftesten Gesichter und kaute in Gedanken immer mit. Der Bissen aber, den ich im Munde hatte, wollte nicht hinunter; je mehr ich ihn mit den Zähnen bearbeitete, desto mehr schwoll er an; ich bezwang mich noch eine Weile, endlich konnt' ich's jedoch nicht länger aushalten, sprang auf und – na das andere braucht Ihr jetzt nicht zu wissen. – Hört, Brown, der Truthahn ist delikat, habt Ihr viele dieses Frühjahr geschossen?«

»Es geht an«, erwiderte der junge Mann, noch immer über das eben Gehörte lächelnd, »sie sind dieses Jahr übrigens sehr feist und schmecken ausgezeichnet.«

»Habt Ihr schon einmal Klapperschlangen gegessen?« fragte Mullins.

»Nein, danke«, sagte Harper, den der Tee etwas aufgeregt hatte und der sich heute, seit langer Zeit zum erstenmal wieder, wohl und leicht fühlte, »danke schön – gut aussehendes Fleisch haben die Bestien, so zart wie Hühnerfleisch, aber sie riechen so fatal.«

»Nur der Körper«, warf Mullins ein, »der Schwanz ist eine Delikatesse.«

»Schadet denn das Gift nicht?« fragte Bahrens erstaunt.

»Nicht, wenn Ihr's verschluckt«, sagte Brown; »überdies sitzt doch auch im Fleisch kein Gift, der Geruch ist nur scheußlich, sonst ist es unschädlich, und ich kenne einen, der von der gehörnten Schlange, die doch, wie Ihr wißt, die giftigste sein soll, ein tüchtiges Stück gegessen hat, ohne daß es ihm das mindeste geschadet hätte.«

»Ob die giftig ist!« rief Harper, »ich sah einst so eine Hornschlange an einer großen Eiche auf und ab spielen und wollte sie eben schießen. Da fuhr sie herum und biß in voller Wut in einen der kleinen Schößlinge, die im Frühjahr hier und da am Stamm unten auswachsen; gleich darauf hielt sie sich einen Augenblick ruhig, und ich schnitt ihr mit der Kugel den Kopf weg. Die Eiche starb aber noch in demselben Monat ab; der kleine Ast, wo sie hineingebissen hatte, wurde ganz schwarz, und sogar die Schlingpflanzen, die daran hinaufrankten, welkten und fielen ab.«

»Das ist noch gar nichts«, sagte Bahrens, sich zu Harper herumwendend, »Ihr wißt, was für eine Gegend Poinsett County ist, und das ganz besonders in Hinsicht auf giftige Schlangen; es können in den Mississippi-Niederungen kaum mehr sein. Unter denen findet sich auch manchmal, wenngleich glücklicherweise nur selten, die Hornschlange. Vor zwei Jahren war dorthin ein Deutscher mit seiner Familie gezogen (jetzt ist er freilich wieder fort, das heißt, er starb, und seine Familie konnte das Klima nicht vertragen), und damals, als er gerade ankam, lebte ein Verwandter oder Bekannter oder was weiß ich, bei ihm, der die gröbste Arbeit im Hause verrichten sollte. In der Woche hatte der aber immer das Fieber, und sehr merkwürdig sah er aus, wenn er sonntags so recht ordentlich herausgeputzt ins Freie kam. Dann trug er eine hellgelbe rotgestreifte Weste, einen fürchterlichen Filzhut, kurze schwarze und ganz eng anliegende Beinkleider (seinen Beinen wären etwas weitere keineswegs schädlich gewesen) und einen blauen Tuchrock bis auf die...«

»Aber was geht uns denn sein Rock an?« unterbrach ihn Harper ungeduldig.

»Mehr als Ihr denkt«, nickte Bahrens bedeutsam mit dem Kopf und fuhr dann, ohne sich weiter irre machen zu lassen, fort, »... bis auf die Knöchel herunter, mit sehr schmalem Kragen und sehr großen, weißleinenen Rocktaschen, die immer offenstanden und in die ihm die liebe Jugend häufig zerquetschte Pfirsiche und Stückchen von Wassermelonen und dergleichen hineinschob. Eine besondere Zierde daran waren noch die sehr großen Messingknöpfe...«

»Aber was gehen uns die Knöpfe an?« rief Harper wieder.

»Viel – sehr viel!« erwiderte Bahrens. »Doch hört: Dieser junge Mann also geht eines Sonntags, eine große schwarz eingebundene Bibel unter dem Arm, zu einem Nachbarn hinüber, wo eine dieser unausweichbaren Betversammlungen sein sollte, als er dicht neben dem schmalen Fußpfad, dem er folgte, einen kleinen grünen Papageien findet, der eben erst vom Zweig gefallen zu sein schien. Er bückt sich und will ihn aufheben, hat aber unglücklicherweise die ›Hornschlange‹ nicht gesehen, deren Beute er sich so unbesonnen zueignen wollte und die jetzt unter dem gelben Laub, wo sie verborgen gelegen hatte, vorschoß und den Unglücklichen gerade unter dem Ellbogen, durch den Rock hindurch, in dem Arm biß.

Natürlich starb er schon nach wenigen Minuten, und sein Verwandter, der mit seiner Frau hinterherkam, fand ihn tot auf dem Wege. Zwar holte er gleich Hilfe, es war aber zu spät.

Sie trugen ihn auf einer schnell gemachten Trage zum Haus, zogen ihm dort den Rock aus und fanden die kleine, aber schon schwarz gewordene Wunde. Tote lassen sich nicht mehr erwecken, also wurde der arme Teufel noch an demselben Abend, denn es war sehr warm, in einem schnell zusammengezimmerten Sarg beigesetzt, und der blaue Rock blieb neben der Tür an einem Nagel hängen.

Was geschah aber mit dem von der Schlange gebissenen Rock? Als die Deutschen am nächsten Morgen aufstanden, hatte der Ärmel, in dem das Gift saß, lauter helle Streifen bekommen, gegen Mittag wurden die Nähte ganz hellblau, und einzelne Teile trennten sich auf, der rechte Ärmel dagegen bekam eine schöne schwarze Farbe mit einem etwas rötlichen Schein; nachmittags gingen ihm die Knöpfe aus und fielen nacheinander auf die Erde, die Knopflöcher rissen aus, die Taschen und das Unterfutter schwollen an, und gegen Abend riß der Aufhänger, der Rock fiel herunter und – fing an zu riechen.«

»Aber Bahrens!« schrie Harper entsetzt.

»Fing an zu riechen, sage ich – sie mußten ihn hinausschaffen und einscharren«, fuhr Bahrens, ohne sich irre machen zu lassen, fort.

»Nee, nu hört aber alles auf«, rief Harper, die Tasse niedersetzend, »der Rock...«

»... krepierte förmlich«, bestätigte der alte Jäger in höchster Gemütsruhe, indem er ein Stück Tabak aus der Tasche nahm und mit dem Tischmesser ein großes Stück davon herunterschnitt, das er dann bedächtig in dem Mund schob.

Schallendes Gelächter folgte diesem Schluß, und Bahrens tat ordentlich beleidigt, daß man seinen Worten nicht besseren Glauben schenkte. Steif und ernsthaft blieb er auf seinem abgesägten Baumblock, der die Stelle eines Stuhles vertrat, sitzen.

»Kinder, wir müssen wirklich nach Hause«, mahnte Roberts, als der Jubel ein wenig nachgelassen hatte. »Ich wenigstens«, fuhr er fort, als er sah, daß sich nur Mullins bereit zeigte, ihn zu begleiten, »meine Alte brummt sonst. Überdies soll Rowson heut abend dort eintreffen, und noch mehreres, seine baldige Heirat betreffend, in Richtigkeit gebracht werden. Ihr tätet mir wohl nicht den Gefallen mitzureiten, Brown? Es wird manches dabei zu schreiben geben, und wenn ich auch in meiner Jugend – wo wir die Woche fünfmal Schreibestunde hatten – wofür der Lehrer...«

»Es ist mir heute wirklich nicht möglich, bester Mr. Roberts«, sagte Brown etwas verlegen, »ohnedem wollen sich die Regulatoren vom Fourche la fave morgen bei Bowitt versammeln.«

»Ich glaubte, die Versammlungen wären bei Smith?«

»Den hat Mr. Rowson so lange überredet, daß eine solche Gesellschaft sündhaft sei«, erwiderte Brown lächelnd, »bis er ausgetreten ist. Das schadet aber nichts, Bowitt wohnt nicht weit von ihm, an einer Stelle, zu der wir es alle fast gleich weit haben, und ist dabei selbst ein eifriger Verfechter unserer Sache.«

»Über Heathcotts Mörder hat man also noch gar nichts Näheres erfahren können?«

»Nicht das mindeste – Sie wissen, daß gleich nach der Tat auf mir der fast alleinige Verdacht ruhte. Ich sollte sogar einige Tage nach Alapahas Ermordung verhaftet werden, doch unterblieb es, da Beweise fehlten. Die Spuren rührten außerdem von Stiefeln her, und ich konnte durch Hoswells beweisen, daß ich an jenem Morgen Mokassins getragen habe. Damit hörte aber auch aller Verdacht auf, denn der einzige, der ähnliches Schuhwerk in der ganzen Nachbarschaft trägt, ist Mr. Rowson, und niemand hätte wohl den anzuklagen gewagt.«

Roberts sah bestürzt zu ihm auf. »Doch«, sagte er dann halblaut vor sich hin, »der Tote hätte das unternommen – er konnte den Prediger nie leiden.«

»Unglücklicherweise hat es dieses ganze Frühjahr fast jeden Morgen etwas geregnet«, fuhr Brown fort, »und da wurden auch jene Spuren verwaschen. Das kleine Messer, was wir bei der Leiche fanden, kannte ebenfalls niemand.«

»Ein Federmesser!« murmelte Roberts vor sich hin.

»Übrigens haben wir noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Wir sind, obgleich wir untätig schienen, fleißig genug gewesen, und es wirft sich jetzt Verdacht hier und da auf Leute, von denen ich es wenigstens früher nie vermutet hätte.«

»Was ist denn aus dem Mann geworden, auf dessen Fährte die Verfolger kamen?«

»Johnson?« sagte Cook; »der soll wieder hier gesehen worden sein, ob aber zum Aufenthalt oder zur Durchreise, weiß ich nicht.«

»Hört, Brown, Ihr könnt mir wenigstens einen Gefallen tun, wenn Ihr in die Ansiedlung hinaufreitet«, sagte Roberts, »wann brecht Ihr auf?«

»In einer halben Stunde etwa; ich hatte vor, bei Wilson zu übernachten.«

»O schön! Dann kommt Ihr überdies morgen früh an Atkins' Wohnung vorüber, und da wär' es mir lieb, wenn Ihr ihn bätet, den nächsten Montag zu Hause zu bleiben, weil ich dann mit Rowson hinüberreiten und die Farm in Augenschein nehmen will. – Kann ich mich darauf verlassen?«

Brown gab ihm sein Wort, es nicht zu vergessen. Roberts zog dann seine inzwischen getrockneten Kleider wieder an und verließ bald darauf mit Mullins die Hütte, um heimzureiten.

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