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Die Regulatoren in Arkansas

Friedrich Gerstäcker: Die Regulatoren in Arkansas - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Regulatoren in Arkansas
authorFriedrich Gerstäcker
year1986
publisherVerlag Neues Leben
addressBerlin
isbn3-355-00206-2
titleDie Regulatoren in Arkansas
pages3
created20010902
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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18. Roberts' Abenteuer auf der Pantherjagd

Zwei volle Wochen waren verflossen, alle Nachforschungen aber, die Verbrecher aufzuspüren, fruchtlos geblieben, und vergebens hatte Brown, dessen Onkel inzwischen ziemlich wiederhergestellt war, mit unermüdlichem Eifer geforscht und gearbeitet, um eine Spur der Mörder zu finden.

Assowaum selbst konnte mehrere Tage nach der Beerdigung seines Weibes durch nichts bewogen werden, ihr Grab zu verlassen. Dann aber war er plötzlich verschwunden, und auch Brown wußte nicht, wohin er sich gewendet.

Die Ansiedler wurden aber durch diese erfolglosen Anstrengungen keineswegs entmutigt und sahen darin nur einen Grund mehr, daß sie sich selbst zum Schutz ihrer Rechte verbinden mußten, da auch in diesem Falle die Gerichte nicht das mindeste hatten ergründen können und der Mörder, für jetzt wenigstens, sicher und unentdeckt zu bleiben schien. Dadurch von der Notwendigkeit eines ernsten Schrittes überzeugt, war der größte Teil der Farmer jener Verbindung, die sich »die Regulatoren« nannte, beigetreten, und eine Hauptversammlung, die sehr zahlreich besucht zu werden versprach, festgesetzt worden. Dort sollten ernstere Schritte verabredet werden, um besonders Verdächtige, die sich in ihrer Nachbarschaft aufhielten, denen aber kein Verbrechen bewiesen werden konnte, vor ihr Gericht zu fordern. Möglicherweise wollten sie hieran den Faden knüpfen, der sie auf die Spur der Schuldigen, wenn auch vorerst nur auf die Pferdediebe, brächte, und unter denen hofften sie dann, und nicht mit Unrecht, die Mörder zu entdecken.

Freundlich lag der warme Sonnenschein auf dem grünen Laubdach des Waldes. Stiller Friede herrschte in der ganzen Natur, kein Lüftchen regte sich, aber tief unten im finstern Dickicht, da, wo der Fourche la fave seine Flut durch unwegsam Rohrbrüche drängte, tobte die Jagd und schallte das bald dumpfe Bellen, bald helle Kläffen der Rüden hervor.

»Joho – joho – ihr Hunde – Hu – pi!« schrie Roberts, als er auf schäumendem Roß über einen breiten sumpfigen Fleck dahinbrauste und das vor fröhlichem Jagdeifer schon überdies erhitzte Tier immer noch mehr durch lauten Ruf und kräftigen Hackenstoß anfeuerte, daß es wild hinten aushieb und in ein Gewirr dicht verwachsener Weinreben sprang. Die Meute war voraus, und die Jäger hetzten einzeln, wie ihre Pferde sie gerade getragen, hintendrein, jeder mit gellendem Jagdgeschrei die Hunde ermutigend.

»Hu – pi!« schrie Roberts noch einmal, indem er, mit der Büchse in der Linken, die Rechte mit dem schweren Jagdmesser bewaffnet, eine gewaltige umgestürzte Zypresse überflog und mit kräftigem Schlag eine seilartig verwachsene Gründornliane zerhieb. Dadurch hatte er aber eine andere, nicht minder zähe Weinrebe übersehen, und ehe er noch zu neuem Schlage ausholen oder das wild dahinstürmende Pony zügeln konnte, schlüpfte dieses dicht darunter hin, und im nächsten Augenblick lag Roberts mit Büchse und Messer neben dem Stamm, den er eben erst mit so kühnem Satz übersprungen.

»Pest!« murmelte er, als er sich aus dem zähen Schlamm, in den er gerade mit den Schultern gefallen war, herausarbeiten mußte, »Pony, hier! – kob – Pony! – der Teufel hole die Bestie, ich glaube, die will auf eigene Hand jagen!« Er hatte nicht unrecht; das kluge Tier, das Roberts auf allen Jagden geritten, nahm viel zu großen Anteil an der Hetze selbst, als daß es jetzt hätte auf seinen Herrn warten und dadurch die schöne Zeit versäumen sollen. Wie ein losgelassener Sturmwind folgte es daher, des schweren Reiters ledig, der Meute und war in wenigen Minuten weder zu hören noch zu sehen. »'s ist wahrhaftig fort!« sagte der alte Jäger brummend, nachdem er eine Weile aufmerksam umhergeschaut und gehorcht hatte, »jetzt sitz' ich schön auf dem trockenen. So wollte ich denn doch, daß die..., aber halt, die Jagd dreht sich nach den Hügeln herum; da wär' es gar nicht unmöglich, daß sich der Panther, wenn er nicht dem Petite-Jeanne zu flieht, noch einmal hierherunter in die Niederung wendet, und dann ist sein Lieblingsplatz der Rohrbruch da drüben über dem Fluß. Wart, mein Bursche, vielleicht bin ich dennoch, trotz meiner alten Knochen, bei der Ernte. Nur Geduld – ich habe mich schon in schlimmeren Lagen befunden.« Roberts' Gedanken führten ihn jetzt augenscheinlich wieder zu dem Revolutionskrieg zurück, denn er lächelte sehr selbstzufrieden in sich hinein und schritt, da er während des vorigen Selbstgesprächs seine Büchse von dem Schlamm gereinigt, frisches Pulver aufgeschüttet und sein Messer wieder in die Scheide gesteckt hatte, dem nahen Flusse zu.

Hier jedoch bot sich ihm eine neue Schwierigkeit: das Hinüberkommen nämlich. Vergebens suchte er nach einer seichten Stelle; da sah er dicht am steilen Ufer einen angefaulten Baumstamm, an dem ein Bär ganz frisch gearbeitet und mehrere Stücke heruntergerissen zu haben schien. Roberts wälzte den Stamm dem steilen Uferrand zu, rollte ihn hinab und stieg dann selbst, sich an Rohrwurzeln und Schilf haltend, zum Wasser nieder, legte seine Büchse auf das Holz und wollte eben seinen Übergang beginnen, als er ganz nahe das Gebell und Gekläff der Hunde hörte. Diese brachen plötzlich in ein solch wildes, rasendes Geheul aus, daß Roberts nichts anderes glauben konnte, als der Panther sei aufgebäumt und dadurch für den Augenblick den Zähnen seiner Verfolger entgangen.

Jetzt war aber auch keine Zeit mehr zu verlieren. Schnell stieß er das Holz in den Strom und hatte eben das tiefere Wasser und etwa die Mitte des Flusses erreicht, als am gegenüberliegenden Ufer die Büsche raschelten, das dürre Rohr brach und fast zu gleicher Zeit eine dunkle Gestalt am äußersten Rande der Uferbank erschien und sich mit Gedankenschnelle hineinwarf in die über ihr zusammenschlagende Flut.

Es war der Panther, und so dicht neben dem Jäger sank er nieder, daß dieser durch das aufspritzende Wasser überschüttet wurde. Die kleinen erregten Wellen schaukelten sein rohes Floß, während der Kopf des Raubtieres wieder emportauchte, das dem andern Ufer zustrebte. Jetzt hatte aber auch Roberts seine ganze Ruhe und Geistesgegenwart wiedergewonnen, die ihn im ersten Augenblick durch die unvorhergesehene Überraschung verlassen. Das Schloß seiner Büchse war glücklicherweise trocken geblieben, schnell zog er den Hahn auf, und mit dem linken Arm auf dem Holze ruhend, zielte er in seiner keineswegs bequemen Lage auf den Panther, der jetzt eben triefend dem Wasser entstieg. Dieser zuckte, von der Kugel getroffen, hoch auf und glitt in den Strom zurück, und Roberts wollte schon ein Triumphgeschrei ausstoßen, verlor aber das Gleichgewicht ein wenig und verschwand mit Büchse und Pulverhorn im selben Augenblick in der trüben Flut, als sich das verwundete Tier wieder aufraffte und mit flüchtigen Sätzen den steilen Hang hinanfloh.

Als Roberts gleich darauf sprudelnd und plätschernd wieder an die Oberfläche kam, erreichten die Hunde, die vorher auf der verlorenen Fährte geheult hatten, gerade den Platz, von welchem der Panther abgesprungen. Sowenig sie aber sonst geneigt gewesen wären, das Wasser schnell anzunehmen, so bereitwillig folgten sie jetzt ihrem gewandten Vorläufer, als sie die dunkle Gestalt in dem Fluß bemerkten, die sie im Augenblick für den verfolgten Feind hielten. Roberts' Lage gehörte in diesem Augenblick keineswegs zu den beneidenswerten, denn hätten ihn die vor Eifer winselnden Rüden, die mit aller Gewalt dem vermeintlichen Feinde zustrebten, noch im Wasser erreicht, so würde sich die Masse auf ihn gedrängt und ihn erstickt haben, ehe er imstande gewesen wäre, sie von ihrem Irrtum zu überzeugen. So aber bemerkte er noch glücklicherweise die Gefahr, in der er schwebte, zeitig genug, schwamm, in der Linken immer noch fest und sicher die schwere Büchse haltend, dem Ufer zu und hatte kaum eine Stelle erreicht, auf der er Grund fühlen konnte, als die Hunde ihn auch umgaben und Poppy selbst ihn ansprang. Er aber erhob sich schnell, stieß die nächsten Tiere mit dem Kolben von sich und schrie sie mit wilder Stimme an:

»Zurück, ihr Bestien – ihr verdammten Köter – zurück Poppy, du nichtsnutzige Kanaille – willst du deinen eigenen Herrn beißen? Zurück da, ihr Schlingel – nehmt die rechte Fährte und geht zum Teufel – du, Poppy!« Der letzte Ausruf galt aber wieder, obgleich unschuldigerweise, dem eigenen Hund, der seinen Herrn jetzt erkannte und freudig zu ihm hinanschwimmen wollte. Roberts jedoch, der dem Frieden nicht so recht traute, tat abwehrend einen Schritt zurück, trat in ein etwas tieferes Loch und verschwand noch einmal und zwar in demselben Augenblicke unter Wasser, als Bahrens am Ufer erschien. Schnell riß er dabei die Büchse hinauf, dem Panther eins aufzubrennen, denn auch er glaubte nicht anders, als daß er es mit dem verfolgten Raubtiere zu tun habe. Diesmal waren es jedoch die Hunde, die den Jäger vor der Kugel des Gefährten schützten, denn um nicht etwa einen von diesen zu treffen, hielt jener noch sein Blei zurück und erkannte bald darauf zu seinem nicht geringen Erstaunen den Freund. Dieser aber hatte die neue Gefahr nicht einmal geahnt, sprudelte nur, sobald er wieder festen Boden erreichte, das verschluckte Wasser aus und brachte dann die Hunde fluchend auf die Fährte des Angeschossenen. Die Meute witterte indessen kaum das frische Blut, als sie mit wildem Toben dem Feind nachstürmte und ihn nicht lange darauf und noch im Talland stellte.

»Hallo, Roberts!« schrie Bahrens jetzt vom Ufer aus, »was, zum Henker, macht Ihr denn da im Fourche la fave?«

»Ich krebse!« rief dieser, noch ärgerlich über seine nichts weniger als behagliche Lage, indem er dem Wasser entstieg und an der schlüpfrigen Uferbank hinaufkletterte. Sein Spott sollte aber zur Wahrheit werden, denn zweimal noch, ehe er die sichere Höhe erreichen konnte, glitt er aus und kam viel schneller, als er sich hinaufgearbeitet hatte, wieder zurück, jedesmal zum Ergötzen seines sich vor Lachen die Seiten haltenden Freundes. Endlich siegte jedoch seine Beharrlichkeit, er ergriff, oben angelangt, einen jungen Stamm, schwang sich hinauf und verschwand, ohne Bahrens weiter eines Blickes zu würdigen, im Dickicht.

Dieser eilte dann ebenfalls zu seinem Pferd, das er, als er die Hunde im Wasser hörte, zurückgelassen hatte, bestieg es wieder und galoppierte nach der weiter oben befindlichen Furt. Er kam jedoch zu spät auf dem Kampfplatz an, denn noch im Schilfbruch hörte er den scharfen Knall der Büchse und gleich darauf das Winseln der unter dem Baum sehnsüchtig harrenden Hunde. Der Panther hockte oben auf einer Eiche, die Krallen tief in einen Ast eingeschlagen, und klammerte sich mit letzter Kraft an das schützende Holz; bald aber bewies ein Zucken den Todeskampf des Schwergetroffenen. Seine Tatzen öffneten sich, und zwischen die wild aufjauchzende Meute hinein stürzte er gerade auf einen der jungen Bracken, dessen Rückgrat er im Fall brach und der dann winselnd und heulend vorzukriechen suchte unter dem schweren Körper.

Anfangs war es übrigens kaum möglich, das arme Tier zwischen den wütend den verendeten Panther zausenden Hunden vorzuziehen. Endlich aber gelang es den vereinten Kräften der Männer und Cook, dem der Hund gehörte und der wohl einsah, daß es für das Tier doch keine Rettung mehr gab, hielt ihm die Mündung seiner Büchse vor die Stirn und machte mit der Kugel dem Leiden desselben ein Ende.

»Das ist nun schon der siebente Hund, den ich auf solche Art umkommen sehe«, sagte Bahrens ärgerlich, »das dumme Viehzeug ist aber nicht fortzubringen, wenn so eine Bestie oben sitzt. Ehe sie sich's versehen, kommt sie dann herunter und schlägt mit den schweren Knochen ein paar zuschanden.«

»Ein Bär, den ich im vorigen Jahre schoß«, sagte Roberts, vor Frost mit den Zähnen klappernd, »schlug auf diese Art zwei tot und brach einem dritten den linken Hinterlauf.«

»Hallo, Roberts«, rief Bahrens nun lachend, »Ihr seht fein aus, wir wollen lieber ein Feuer anmachen. Doch, Cook, wo kommt Ihr denn her? Ich habe Euch ja seit vierzehn Tagen, wo Ihr damals die nutzlose Hetze hinter den falschen Pferden her machtet, nicht wieder gesehen. Habt Ihr die Bestie geschossen?«

»Ja«, erwiderte Cook, der eben seine Büchse wieder auswischte und lud, »ich war bei Harper drüben und hörte die Hunde so in der Nähe, daß es mir nicht möglich war, ruhig im Hause sitzen zu bleiben.«

»Wir sind wohl ganz in der Nähe von Harpers Haus?« fragte Roberts, »die Gegend hier kommt mir wenigstens bekannt vor. Nicht wahr, es liegt gleich da drüben, hinter jenen Zypressen?«

»Kaum fünfhundert Schritt von hier«, erwiderte Cook; »wir gehen am besten gleich zum Hause, dort kann sich Mr. Roberts trocknen, und da ist's auch noch immer Zeit, das Fell abzustreifen.«

»Ich wollte, ich wüßte, wo mein Pferd ist«, meinte Roberts besorgt, »wenn das nur nicht irgendwo mit dem Zügel im Busch hängenbleibt. Ich habe zwar einen Knoten hineingemacht, und er kann nicht sehr weit herunterhängen, es ist aber doch möglich.«

»Habt keine Sorge«, sagte Bahrens, »da kommt Mullins und bringt es mit sich. – Wo war das Pferd, Mullins?«

»Es stand dort, wo der Panther wahrscheinlich zum erstenmal durch den Fluß setzte, und weidete, der Uferhang mochte ihm zu steil gewesen sein«, rief Mullins, der in diesem Augenblick mit dem vermißten Tier herbeikam; »aber hallo, das ist ein starker Bursche.«

Es war auch ein außerordentlich starker Panther, dem sie von Tagesanbruch an nachgehetzt waren. Er sollte nun auf Cooks Pferd gehoben werden; obgleich Cook versicherte, daß dies schon mehr als zehn Bären, und ohne das mindeste Zeichen von Furcht zu verraten, getragen habe, so war es doch unter keiner Bedingung zu bewegen, den toten Panther auch nur auf fünf Schritt an sich heran zu lassen. Vergebens wischten sie ihm den Schweiß des erlegten Tieres an das Maul – es war nicht der Schweiß, vor dem es sich scheute, es war die scharfe, ihm fürchterliche Witterung, und die Männer mußten sich zuletzt dazu verstehen, den Panther an Ort und Stelle abzustreifen und nur die Haut mitzunehmen. Aber selbst diese brachten sie nur mit Mühe auf den Rücken eines der Pferde, das fortwährend scheu den Kopf zurückwarf und durch alle nur erdenklichen Seitensprünge sich der ihm unangenehmen Last zu entledigen suchte.

Bald erreichten sie jedoch Harpers Haus, befestigten dort ihre Tiere an den Büschen und traten ein.

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