Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Conan Doyle >

Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
Schließen

Navigation:

IX. Le roi s´amuse.

Kaum war Catinat durch die eine Thür verschwunden, als Fräulein Nanon die andere öffnete, und der König das Gemach betrat, Frau von Maintenon erhob sich lächelnd und verbeugte sich tief. Aber ihres Besuchers Gesicht blieb unbewegt, und mit verdrießlicher Miene warf er sich in den leeren Armstuhl am Kamin.

»Ei, das ist aber nicht sehr schmeichelhaft!« rief sie mit der Heiterkeit aus, die sie annehmen konnte, sobald es nötig war, den König aus einer trüben Stimmung herauszureißen, »Mein armes, düsteres Zimmer wirft einen Schatten über Ew. Majestät, sobald Sie eintreten.«

»Nein, nein, das ist es nicht. Etwas anderes hat mich erregt. Pater La Chaise und der Bischof von Meaux sind den ganzen Tag hinter mir hergewesen, wie zwei Hunde hinter einem Hirsch, und haben auf mich eingeredet von meinen Pflichten und meiner Stellung und meinen Sünden. Und das Ende von allen ihren Ermahnungen war immer das jüngste Gericht und das höllische Feuer.«

»Und was wollen die Herren denn, daß Ew. Majestät thun soll?«

»Ich soll die Zusage brechen, welche ich bei meiner Thronbesteigung gab, wie einst mein Großvater vor mir. Ich soll das Edikt von Nantes aufheben und die Hugenotten aus dem Reiche treiben.«

»O, Ew. Majestät muß sich dadurch nicht beunruhigen lassen.«

»Also Sie, gnädige Frau, würden nicht wünschen, daß ich es thäte?«

»Nicht, wenn es Ew. Majestät schwer wird.«

»Haben Sie vielleicht doch noch eine Vorliebe für die Religion Ihrer Jugend?«

»Nein, Sire, ich empfinde nichts als Haß gegen die Ketzerei.«

»Und doch möchten Sie die Hugenotten nicht verstoßen?«

»Bedenken Sie, Sire, daß der allmächtige Gott ihre Herzen für die Wahrheit gewinnen kann, wenn er will, wie er es ja auch mit mir gethan hat. Möchten Sie es ihm nicht anheimstellen?«

»Auf mein Wort,« sagte Ludwig, und sein Gesicht erhellte sich, »das ist gut gesagt! Ich werde sehen, ob Vater La Chaise darauf eine Antwort finden kann. Es ist wirklich hart, mit dem ewigen Feuer bedroht zu werden, weil man sein Reich nicht zu Grunde richten will. Ewige Qualen! Ich sah einmal einen Mann, der fünfzehn Jahre in der Bastille gesessen hatte. Sein Gesicht glich einem grauenvollen Buche, in welchem jede dort verlebte Stunde durch eine Narbe oder eine Runzel verzeichnet stand. Und nun gar die Ewigkeit!«

Er schauderte in sich zusammen, und seine Gestalt erbebte bei diesem fürchterlichen Gedanken. Die höheren Beweggründe hatten nur geringe Macht über seine Seele, wie seine Umgebung längst erkannt hatte, aber das Bild der zukünftigen Qualen verfehlte nie seines Eindruckes auf ihn.

»Warum plagen Sie sich mit solchen Gedanken, Sire?« sagte Frau von Maintenon mit ihrer besänftigenden Stimme. »Was haben Sie zu fürchten, der Sie stets der erste Sohn der Kirche waren?«

»Sie glauben also wirklich, daß ich nicht verloren gehen kann?«

»Unzweifelhaft, Sire.«

»Aber ich habe gefehlt und schwer gefehlt. Sie haben das doch selbst gesagt?«

»Aber das ist ja alles vorüber, Sire. Wer ist ganz ohne Flecken? Sie haben doch der Versuchung widerstanden. Gewiß haben Sie sich Ihre Vergebung verdient.«

»Ich wünschte wohl, die Königin möchte noch einmal ins Leben zurückkehren. Sie würde finden, daß ich ein besserer Mensch geworden bin.«

»Ich wünschte das auch, Sire.«

»Und sie sollte es wissen, daß sie Ihnen diese Wandlung verdankt. O, Françoise, Sie sind wahrhaftig mein Schutzengel, der Menschengestalt angenommen hat! Wie kann ich Ihnen für alles danken, was Sie für mich gethan haben!«

Der König beugte sich vor und ergriff ihre Hand, aber bei der Berührung derselben erglomm ein plötzliches Feuer in seinen Augen, und er würde den Arm um sie geschlungen haben, wenn sie nicht hastig aufgestanden wäre.

»Sire!« sagte sie mit strengem Blick und zürnend erhobenem Finger.

»Sie haben recht, Sie haben recht, Françoise. Setzen Sie sich wieder, und ich will mich zusammen nehmen. – Sind Sie denn noch immer bei derselben Stickerei? Meine Gobelinarbeiter werden um ihre Lorbeeren kommen!«

Dabei hob er das eine Ende der glänzenden Rolle auf, während sie sich – nicht ohne einen schnellen, fragenden Blick auf ihn geworfen zu haben – wieder setzte und das andere Ende auf ihren Schoß nahm, um ihre Arbeit fortzusetzen.

»Ja, Sire. Es ist eine Jagdscene aus Ihren Wäldern zu Fontainebleau. Ein Hirsch, ein Zehnender, wie Sie sehen, die Meute laut bellend, und eine stattliche Schar von Kavalieren und Damen. – Sind Ew. Majestät heute ausgeritten?«

»Nein! – Wie ist es möglich, Françoise, ein so eiskaltes Herz zu haben?«

»Ich wollte, ich hätte es, Sire. Vielleicht sind Sie auf der Falkenjagd gewesen?«

»Nein! – Gewiß hat keines Mannes Liebe Sie je gerührt! Und doch sind Sie verheiratet gewesen – die Gattin eines Mannes.«

»Seine Krankenpflegerin, Sire, seine Gattin nie! Sehen Sie doch die Dame dort im Park! Es ist sicher Mademoiselle! Ich wußte nicht, daß sie von Choisy herüber gekommen sei.«

Aber der König ließ sich nicht von seinem Gegenstande abbringen.

»Sie liebten diesen Scarron nicht?« fuhr er beharrlich fort. »Wie ich hörte, war er alt und so lahm wie seine Verse.«

»Bitte, sprechen Sie nicht verächtlich von ihm, Sire. Ich war ihm dankbar, ich achtete ihn, ich war ihm gut.«

»Aber Sie liebten ihn nicht?«

»Weshalb wollen Sie mit Gewalt in die Geheimnisse eines Frauenherzens eindringen?«

»Sie haben ihn nicht geliebt, Françoise?«

»Wenigstens habe ich meine Pflicht gegen ihn erfüllt.«

»So ist dies nonnenhafte Herz noch niemals von Liebe ergriffen worden?«

»Sire, bitte, fragen Sie mich nicht!«

»Hat es niemals –«

»Schonen Sie mich, Sire, ich bitte Sie!«

»Aber ich muß Sie fragen – denn mein eigener Herzensfriede hängt von Ihrer Antwort ab.«

»Ihre Worte schmerzen mich in tiefster Seele.«

»Françoise! Haben Sie niemals in Ihrem Herzen einen kleinen Funken der Liebe empfunden, die in dem meinen glüht?«

Er stand auf und streckte die Hände bittend aus, ein flehender Monarch, aber sie wandte sich bebend von ihm ab.

»Eins ist gewiß, Sire,« sagte sie, »daß, wenn ich Sie so liebte, wie nie eine Frau einen Mann geliebt, ich doch eher aus jenem Fenster auf die Steinterrassen hinunterspringen würde, als dies jemals durch Wort oder Zeichen eingestehen!«

»Und warum das, Françoise?«

»Weil es auf Erden meine höchste Hoffnung ist, daß ich auserwählt worden bin, um Ihren Geist zu erhabeneren Zielen emporzulenken – diesen Geist, dessen Größe und Edelsinn niemand besser kennt als ich.«

»Und ist denn meine Liebe etwas so Niedriges?«

»Sie haben schon zu viel von Ihrem Leben und Ihren Gedanken an Frauenliebe verschwendet, Sire! Und nun sehen Sie, Sire, die Jahre vergehen unmerklich, und der Tag, an welchem auch Sie von Ihren Handlungen und von den innersten Gedanken Ihres Herzens Rechenschaft geben müssen, rückt immer näher. Ich möchte es erleben, daß Sie die Ihnen übrig gebliebene Zeit dazu verwendeten, die heilige Kirche zu erbauen, Ihren Unterthanen ein edles Vorbild zu sein, und so das Übel wieder gut zu machen, das Ihr Beispiel in der Vergangenheit verursacht haben mag.«

Der König sank ächzend in seinen Stuhl zurück.

»Immer und immer dasselbe,« sagte er. »Wahrhaftig, Sie sind ja ärger als Vater La Chaise und Bossuet!«

»Nein, nein!« sagte sie fröhlich mit dem schnellen Takt, der ihr immer zu Gebote stand. »Ich habe Sie gelangweilt, als Sie sich herabließen, mein kleines Gemach mit Ihrer Gegenwart zu beehren. Das ist wirklich Undankbarkeit, und es wäre eine gerechte Strafe, wenn Sie mich morgen meiner Einsamkeit überließen und mir so das Licht meiner Tage verhüllten. – Aber sagen Sie mir, Sire, wie es mit den Arbeiten in Marly steht? Ich bin höchst begierig zu erfahren, ob die große Fontaine springen wird.«

»Die Fontaine springt prächtig, aber Mansard hat den rechten Flügel des Schlosses zu weit zurück angelegt. Ich habe einen guten Architekten aus ihm gemacht, aber er hat noch viel zu lernen. Ich zeigte ihm heute morgen seinen Fehler auf dem Grundriß, und er versprach, ihn zu verbessern.«

»Und was wird die Änderung kosten, Sire?«

»Ein paar Millionen Livres, aber dann wird auch die Aussicht von der Südseite um so schöner sein. Ich habe noch eine Meile Ackerlandes in jener Richtung hinzugezogen; es wohnten in jener Gegend eine ganze Anzahl armer Leute, und ihre elenden Hütten waren eben kein schöner Anblick.«

»Warum sind denn Majestät heute nicht ausgeritten?«

»Pah! Es macht mir kein Vergnügen. In früheren Jahren wallte mein Blut beim Schmettern der Jagdhörner und dem Stampfen der Rosse, aber jetzt ist mir das alles langweilig.«

»Auch die Falkenjagd?«

»Auch ihrer bin ich überdrüssig.«

»Aber Majestät müssen doch etwas Zerstreuung haben.«

»Was gibt es Öderes als Zerstreuungen, die nicht mehr zerstreuen! Es ist unbegreiflich. Aber als ich noch ein Knabe war und mit meiner Mutter von Ort zu Ort flüchten mußte, weil die Fronde gegen uns kämpfte und Paris sich empörte, als unser Thron, ja unser Leben gefährdet waren, da schien mir das ganze Leben so neu, so licht, so voll tausendfältigen Interesses. Heute, wo alle Schatten geschwunden sind, wo meine Stimme die Stimme Frankreichs, und Frankreichs Stimme die von Europa ist, erscheint mir alles schal und fade. Was nützt es mir, wenn alle Lust der Welt mir zu Gebote steht und doch zu Galle wird, sobald ich davon koste?«

»Die wahre Lust freilich werden Majestät nur im inneren Leben finden, im Frieden der Seele, in der Ruhe des Gewissens. Ist es zudem nicht natürlich, daß mit unsern zunehmenden Jahren auch unsre Neigungen ernster werden? Wäre dem nicht so, so müßten wir uns Vorwürfe machen, denn es wäre der Beweis, daß wir die Lektion unsres Lebens noch nicht gelernt hätten.«

»Mag sein, dennoch bleibt es traurig und langweilig, wenn einen nichts mehr unterhält. Aber wer kommt da?«

»Meine Gesellschafterin klopft. Was gibt es, Fräulein Nanon?«

»Herr Corneille wünscht dem König vorzulesen,« sagte die junge Dame.

»Ach ja, Majestät; ich wußte wohl, daß eine bloße Damenunterhaltung nicht tief genug ist, darum sorgte ich für eine klügere, um Ew. Majestät zu fesseln. Eigentlich sollte Herr Racine kommen, aber wie ich höre, ist er mit dem Pferde gestürzt und sendet seinen Freund an seiner Stelle. Soll ich ihn vorlassen?«

»O, ganz wie Sie wollen, gnädige Frau, ganz wie Sie wollen,« erwiderte der König gleichgültig.

Auf einen Wink Fräulein Nanons trat ein kleiner kränklicher Mann mit verschmitztem, etwas anmaßendem Gesicht und lang über die Schultern fallendem grauem Haar in das Zimmer. Er machte drei tiefe Verbeugungen und setzte sich dann ängstlich auf die äußerste Kante des Schemels, von welchem Frau von Maintenon ihre Arbeit entfernt hatte. Sie lächelte und nickte dem Dichter Mut zu, während der Monarch sich ergeben wie ein Schlachtopfer in seinen Stuhl zurücklehnte.

»Soll ich ein Schauspiel, ein Trauerspiel oder ein burleskes Schäferspiel vorlesen?« fragte Corneille schüchtern.

»Ja nicht das burleske Schäferspiel,« entschied der König. »Solche Sachen sind mehr für das Auge als für das Ohr bestimmt, können daher wohl aufgeführt, aber nicht vorgelesen werden.«

Der Dichter verbeugte sich zustimmend.

»Auch nicht das Trauerspiel, Herr Corneille,« meinte Frau von Maintenon, von ihrer Stickerei aufblickend, »der König muß sich mit so viel ernsten Dingen in seiner Regierungsarbeit abgeben, daß Sie Ihr Talent brauchen sollten, um ihn zu amüsieren.«

»Ja, ja, lassen Sie uns eine Komödie hören,« stimmte Ludwig zu; »seit der gute Molière nicht mehr ist, habe ich noch nicht wieder so recht von Herzen gelacht.«

»Ah, Ew. Majestät haben einen feingebildeten Geschmack,« versicherte der Hofdichter. »Hätten Sie sich je herabgelassen, Höchst selbst Ihre Aufmerksamkeit der Poesie zuzuwenden, was hätten wir dann noch zu bedeuten?«

Ludwig lächelte. Keine Schmeichelei war so grob, daß sie ihm nicht gefallen hätte.

»Gerade so wie Majestät unsern Feldherrn den Krieg und unsern Baumeistern die Kunst gelehrt haben, so würden Sie die Harfe von uns armen Sängern zu höheren Weisen gestimmt haben. Aber Mars würde kaum geruhen, die niederen Lorbeeren Apollos zu teilen.«

»Ich habe mir wirklich zuweilen einige Begabung dafür zugetraut,« erwiderte der König wohlgefällig; »aber, wie Sie richtig bemerken, inmitten meiner Arbeiten und Staatsbürden ist mir wenig Zeit für die holderen Künste übrig geblieben.«

»Aber Sie haben andere ermutigt zu thun, was Sie selbst so meisterhaft hätten thun können, Sire. Sie haben Dichter gezeitigt, wie die Sonne Blumen zeitigt. Wie viel große Geister haben wir nicht gesehen – Molière, Boileau, Racine – einer immer größer als der andere. Und auch die weniger bedeutenden – Scarron, possenhaft zwar, aber doch wie witzig – O heilige Jungfrau! was habe ich gesagt?«

Frau von Maintenon hatte ihre Stickerei niedergelegt und blickte mit starrer Entrüstung auf den Dichter, der unter dem strengen, vorwurfsvollen Ausdruck dieser kalten grauen Augen sich auf seinem Sessel wand wie ein Wurm.

»Herr Corneille, ich denke, Sie fangen lieber an zu lesen,« sagte der König trocken.

»Wie Sie befehlen, Sire. Soll ich mein Stück ›Darius‹ lesen?«

»Wer war Darius?« fragte der König, dessen Erziehung dank der verschlagenen Staatskunst des Kardinals Mazarin so vernachlässigt worden war, daß er nur wußte, was er sich durch seine eigene, persönliche Beobachtung angeeignet hatte.

»Darius war ein König von Persien, Sire.«

»Und wo war Persien?«

»Es ist ein asiatisches Königreich.«

»Ist Darius noch König in jenem Lande?«

»Nein, Sire. Er focht gegen Alexander den Großen.«

»Ja, ja, von Alexander habe ich gehört. Es war ein berühmter König und Feldherr, nicht wahr?«

»Gleich Ew. Majestät regierte er weise und führte seine Heere zum Siege.«

»Und war König von Persien.«

»Nein, Sire; von Macedonien. Darius war König von Persien.«

Der König warf ihm einen finsteren Blick zu, denn die geringfügigste Verbesserung war ihm widerwärtig.

»Ihnen scheint die Sache nicht ganz klar zu sein, und ich muß gestehen, daß sie mich nicht besonders interessiert,« sagte er. »Bitte, nehmen Sie ein anderes Stück vor.«

»Befehlen, Ew. Majestät meinen ›Pseudo-Astrologen‹?«

»Ja, nehmen wir den.«

Corneille fing an, seine Komödie vorzulesen, während Frau von Maintenons zarte, weiße Finger in den vielfarbigen Seiden, welche sie zu ihrer Stickerei brauchte, herumsuchten. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick hinüber, zuerst nach der Standuhr und dann nach dem Könige, der sich, das Spitzentaschentuch über dem Gesicht, in den Sessel zurücklehnte. Es war jetzt zwanzig Minuten vor vier Uhr, aber sie wußte, daß sie die Uhr eine halbe Stunde zurückgestellt hatte, und daß es in Wirklichkeit zehn Minuten über vier war.

»Sieh! sieh!« unterbrach der König plötzlich den Dichter. »Da muß ein Fehler sein. Die vorletzte Zeile hinkt, ganz gewiß.«

Es gehörte zu Ludwigs Schwächen, sich als Kritiker aufzuspielen, und ein kluger Dichter stimmte seinen Korrekturen stets bei, so unvernünftig sie auch sein mochten.

»Welche Zeile, Sire? Es ist mir in der That ein Gewinn, meine Fehler kennen zu lernen.«

»Lesen Sie die Stelle noch einmal.«

»Et si, quand je lui dis le secret de mon âme,
Avec moins de rigueur elle eût traité ma flamme
Dans ma façon de vivre et suivant mon humeur,
Une autre eût eu bientôt le présent de mon coeur.«

»Ja ganz richtig! Die dritte Zeile hat einen Fuß zu viel. Meinen Sie nicht auch, gnädige Frau?«

»Nein; aber ich verstehe nicht viel von der Metrik.«

»Majestät haben vollkommen recht,« sagte Corneille mit dreister Stirn. »Ich werde die Stelle anmerken und nachher verbessern.«

»Ich dachte wohl,« erwiderte der König sehr befriedigt, »daß der Vers falsch war. Ich dichte ja nicht selbst, aber wenigstens habe ich ein sehr feines Ohr. Ein falsches Versmaß berührt es widerwärtig. Es geht mir ebenso in der Musik. Obgleich ich wenig davon verstehe, höre ich einen Mißklang heraus, wo er Lully selbst entgangen ist. Ich habe ihm oft solche Fehler in seinen Opern nachgewiesen und ihn stets überzeugt, daß ich recht hatte.«

»Das kann ich mir leicht vorstellen, Sire.«

Corneille hatte sein Buch wieder aufgenommen und war im Begriff, seine Vorlesung fortzusetzen, als laut und hart an die Thür geklopft wurde.

»Es ist seine Excellenz der Minister Herr von Louvois,« meldete Fräulein Nanon.

»Er soll eintreten,« befahl der König. »Herr Corneille, ich bin Ihnen sehr verbunden für das, was Sie mir vorgelesen haben, und es thut mir leid, daß eine Staatsangelegenheit jetzt Ihr Lustspiel unterbrechen muß. Vielleicht werde ich bald das Vergnügen haben, die Fortsetzung zu hören.«

Ludwig lächelte in der anmutigen Weise, die jeden, der ihm persönlich näher trat, seine Fehler vergessen und in ihm die Verkörperung königlicher Würde und Leutseligkeit bewundern ließ.

Der Dichter, mit seinem Buche unter dem Arm, schlüpfte hinaus, während der berühmte Minister, eine hohe, gebietende Erscheinung mit gewaltiger Perücke und Adlernase, unter tiefen Verbeugungen das kleine Zimmer betrat. Äußerlich benahm er sich mit übertriebener Höflichkeit, aber sein stolzes Gesicht verriet nur zu deutlich, wie tief er dies Gemach und die Dame, die es bewohnte, verachtete. Sie bemerkte das sehr wohl, aber ihrer vollendeten Selbstbeherrschung gelang es, diese Abneigung nie, weder mit Wort noch mit Blick zu erwidern.

»Meine Gemächer werden in der That heute hoch geehrt,« sagte sie, indem sie sich erhob und dem Minister die Hand entgegenstreckte. »Können Excellenz sich zu diesem Schemel herablassen? Leider habe ich Ihnen in diesem Puppenhäuschen keinen würdigeren Sitz anzubieten! Aber vielleicht bin ich auch im Wege, wenn Sie mit dem Könige von Staatsangelegenheiten zu sprechen wünschen. Ich kann mich ja in mein Boudoir zurückziehen.«

»Nicht doch, nicht doch, gnädige Frau,« erwiderte Ludwig. »Im Gegenteil, ich wünsche, daß Sie hier bleiben. Was gibt es, Louvois?«

»Ein Courier ist soeben mit Depeschen aus England angekommen, Ew. Majestät,« antwortete der Minister, dessen wuchtige Gestalt auf dem dreibeinigen Sessel hin und her schwankte. »Die Stimmung ist dort sehr bedenklich, und man fürchtet einen Aufstand. In seinem Schreiben fragt Lord Sunderland bei mir an, ob sein König auf Frankreichs Hilfe rechnen dürfe, falls die Holländer sich auf die Seite der Unzufriedenen stellten. Natürlich antwortete ich ohne Zaudern, er könne darauf rechnen; waren mir doch Ew. Majestät Intentionen bekannt.«

»Was thaten Sie!«

»Ich antwortete, Sire, er könne auf Frankreichs Hilfe rechnen.«

König Ludwig, purpurrot vor Zorn, ergriff die Feuerzange vom Kamin mit einer Bewegung, als wollte er seinen Minister damit niederschlagen. Frau von Maintenon sprang auf und legte ihre Hand mit besänftigender Gebärde auf seinen Arm. Er warf die Zange wieder hin, aber seine Augen funkelten noch vor Wut, als er sie auf Louvois richtete.

»Wie konnten Sie sich unterstehen!« schrie er.

»Aber, Sire –«

»Wie konnten Sie das wagen! Was! Sie vermessen sich, eine solche Botschaft zu beantworten, ohne mich zu fragen! Wie oft muß ich Ihnen denn sagen, daß ich der Staat bin – ich allein; daß alles von mir kommen muß, und daß ich nur Gott allein verantwortlich bin! Was sind Sie? Mein Werkzeug, mein Geschöpf! Und Sie, Sie erkühnen sich, ohne meine Autorität zu handeln!«

»Ich dachte, Ihre Intentionen zu kennen, Sire,« stammelte Louvois, dessen hochfahrendes Wesen ihn ganz verlassen hatte, und dessen Gesicht weiß war, wie der Busenstreif seines Hemdes.

»Sie haben überhaupt gar nichts über meine Intentionen zu denken, Herr Minister. Sie haben sich danach zu erkundigen und dann ihnen zu gehorchen. Wozu habe ich mich denn von meinem alten Adel abgewendet – wozu habe ich die Angelegenheiten meines Reiches Männern anvertraut, deren Namen in der Geschichte Frankreichs ganz unbekannt waren, wie Colbert und Sie selbst? Man hat mich deshalb scharf getadelt. So sagte noch neulich der Herzog von St. Simon, das sei eine rein bürgerliche Regierung. Das ist sie auch. Ich habe es so gewollt, weil ich wußte, daß der Adel die Gewohnheit hat, selbständig zu denken, und ich keine Gedanken außer meinen eignen in der Regierung Frankreichs zu dulden beabsichtigte. Wenn aber auch meine bürgerlichen Werkzeuge anfangen, Botschaften zu empfangen und den Gesandten Antworten zu geben, so bin ich in der That beklagenswert. Ich habe Sie mir schon längere Zeit aufs Korn genommen, Louvois. Sie sind über Ihre Stellung hinaus gewachsen. Sie nehmen sich zuviel heraus. Hüten Sie sich, daß ich mich nicht noch einmal über Sie zu beklagen habe!«

Der ausgescholtene Minister saß ganz zusammengebrochen da, mit tief gesenktem Kopfe. Noch einige Minuten lang murrte und grollte der König, aber die Wolke wich allmählich von seinem Gesicht, denn seine Zornausbrüche waren gewöhnlich eben so kurz wie heftig und jäh.

»Sie werden den Courier noch zurückhalten, Louvois,« sagte er endlich mit ruhiger Stimme.

»Jawohl, Sire.«

»Und morgen in der Sitzung des Staatsrats wollen wir über eine passende Antwort an Lord Sunderland beraten. Es möchte sich vielleicht empfehlen, nicht gar zu freigebig mit Versprechungen in dieser Sache zu sein. Diese Engländer sind uns immer ein Pfahl im Fleisch gewesen. Wenn wir sie mit Streitigkeiten, die ihnen auf mehrere Jahre hinaus zu schaffen machen, ihrem angestammten Nebeldunst überlassen konnten, dann wäre es in der That ein Leichtes, diesen holländischen Fürsten nach Belieben zu zermalmen. Ihr letzter Bürgerkrieg dauerte zehn Jahre, und ihr nächster wird vielleicht nicht kürzer sein. Lange bevor er zu Ende ist, hätten wir unsre Grenze bis zum Rhein ausgedehnt. Wie, Louvois?«

»Ihre Heere stehen bereit, Sire, sobald Sie es befehlen.«

»Aber der Krieg ist ein kostspieliges Ding. Ich möchte nicht noch einmal unser ganzes Tafelsilber verkaufen müssen wie letzthin. Wie steht es denn um die Staatseinkünfte?«

»Wir sind nicht sehr reich, Sire. Aber es gibt ein Mittel, um leicht Geld zu gewinnen. Es wurde heute früh allerhand über die Hugenotten gesprochen, und ob sie noch länger in dem katholischen Lande Frankreich wohnen dürften. Nun, wenn sie vertrieben und ihr Eigentum vom Staate eingezogen würde, dann wären Ew. Majestät mit einem Schlage der reichste Monarch der Christenheit.«

»Aber Sie waren doch heute früh entschieden dagegen?«

»Ich hatte keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, Sire.«

»Sie meinen, daß Vater La Chaise und der Bischof von Meaux noch keine Zeit gehabt hatten, Sie zu bearbeiten,« entgegnete Ludwig mit scharfer Betonung. »Ach, Louvois, ich habe nicht alle diese Jahre inmitten meines Hofes gelebt, um nicht zu wissen, wie man es macht. Dem wird ein Wort zugeraunt, und dann jenem und dann einem dritten und so auch dem Könige. Wenn meine guten Väter der Kirche sich etwas in den Kopf gesetzt haben, so finde ich ihre Spuren auf Schritt und Tritt, wie man den Weg des Maulwurfs erkennt an den Erdhaufen, die er aufgewühlt hat. Aber ich will mich nicht gegen meine bessere Vernunft dazu bewegen lassen, Leuten Unrecht zu thun, die, wie sehr sie auch im Irrtum sein mögen, doch die mir von Gott anvertrauten Unterthanen sind.«

»Dazu will ich Sie auch wahrhaftig nicht veranlassen, Sire,« beteuerte Louvois ganz bestürzt. Des Königs Beschuldigung war so richtig gewesen, daß er im Augenblick unfähig war, zu widersprechen.

»Ich kenne nur eine Person,« fuhr Ludwig mit einem Blick auf Frau von Maintenon fort, »die keinen Ehrgeiz hat, die weder Reichtum noch eine hohe Stellung begehrt, und die deshalb nie bestochen werden kann, meine Interessen zu opfern. Darum schätze ich die Ansichten jener Person so hoch.«

Er lächelte der Dame bei diesen Worten zu, wahrend der Minister ihr einen Blick zuwarf, in welchem sich die an seiner Seele nagende Eifersucht offenbarte.

»Es war meine Pflicht, Ihnen diesen Ausweg zu zeigen, Sire, nicht als einen Ratschlag, sondern als eine Möglichkeit,« sagte er, indem er sich erhob. »Ich fürchte, daß ich schon zuviel von Ew. Majestät Zeit in Anspruch genommen habe, und werde jetzt mit Ew. Majestät Erlaubnis mich empfehlen.«

Indem er vor Frau von Maintenon eine leichte und vor dem Monarchen eine tiefe Verbeugung machte, schritt er aus dem Zimmer.

»Louvois wird ganz unerträglich,« sagte der König. »Ich weiß nicht, was es mit seiner Anmaßung für ein Ende nehmen wird. Wäre er nicht doch ein vorzüglicher Diener, ich würde ihn längst weggejagt haben. Er hat über alles und jedes seine eigne Meinung. Erst neulich behauptete er, ich hätte Unrecht, als ich sagte, eins der Fenster in Trianon sei kleiner als alle andern. Es wäre genau ebenso groß, meinte er. Ich rief Le Nôtre mit seinen Maßen herbei, und natürlich war das Fenster, wie ich gesagt, zu klein. Aber ich sehe auf Ihrer Uhr, daß es vier Uhr ist. Ich muß gehen.«

»Meine Uhr, Sire, geht eine halbe Stunde nach.«

»Eine halbe Stunde!« Der König sah einen Augenblick lang bestürzt aus, dann fing er an zu lachen. »Nun, wenn es so ist, bleibe ich am besten, wo ich bin, denn es ist zu spät hinzugehen, und ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß es die Schuld der Uhr, und nicht die meinige war.«

»Hoffentlich war die Sache von keiner sehr großen Wichtigkeit, Sire,« sagte Frau von Maintenon mit einem Blicke stillen Triumphes in ihren Augen.

»O durchaus nicht.«

»Keine Staatsangelegenheit?«

»Nein, nein; ich wollte nur um diese Stunde das Benehmen einer anmaßenden Person rügen. Aber vielleicht ist es besser so. Meine Abwesenheit wird an sich schon meine Botschaft ausrichten und zwar so, daß ich hoffen darf, das Antlitz dieser Person niemals wieder an meinem Hofe zu sehen. Ah – was ist das!«

Die Thür flog auf, und Frau von Montespan, schön und wutbebend, stand vor ihnen.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.