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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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VIII. Die aufgehende Sonne.

Die Räume, welche die Frau bewohnte, die bereits eine hervorragende Stellung am französischen Hofe einnahm, waren so bescheiden, wie ihre Verhältnisse gewesen waren zu der Zeit, als sie ihr angewiesen wurden. Mit dem feinen Takt und der Selbstbeschränkung, welche die Hauptzüge ihres bedeutenden Charakters bildeten, hatte sie ihre Lebensweise nicht verändert, als ihre Lebensstellung immer ansehnlicher wurde. Sie vermied es, ihren Reichtum und ihre Macht irgendwie zur Schau zu tragen, um nicht dadurch den Neid und die Eifersucht ihrer Umgebung zu reizen.

Die wenigen kleinen Gemächer, auf welche zunächst die Aufmerksamkeit des Hofes, dann die Frankreichs, schließlich die der Welt sich lenkten, lagen in einem Seitenflügel des Schlosses, der nur durch lange Korridore und viele Treppen zu erreichen war. Dort wohnte die mittellose Witwe des Dichters Scarron, seitdem Frau von Montespan sie als Erzieherin der königlichen Kinder an den Hof gebracht hatte. Dort wohnte sie auch jetzt noch, obgleich des Königs Gunst ihrem Mädchennamen Françoise d'Aubigny den Titel einer Marquise von Maintenon hinzugefügt und ihr eine bedeutende Jahresrente und einen großen Besitz verliehen hatte. Dort verlebte der König täglich seine Mußestunden, dort ließ er sich von der Unterhaltung einer klugen und tugendhaften Frau bezaubern und fand darin einen Genuß, den keiner der berühmten Schöngeister seines glänzenden Hofes ihn je hatte kosten lassen. Von dort strömten auch – das begriffen allmählich die scharfsichtigeren Höflinge – wie früher von den prachtvollen Salons der Montespan jene Anregungen und Richtungen, die von allen, welche nach der Gunst des Königs strebten, so eifrig studiert und so genau befolgt wurden.

Das Glaubensbekenntnis des Hofes war höchst einfach. War der König fromm, dann wandte sich alles den Rosenkränzen und Meßbüchern zu. War er liederlich, dann that es ihm sein ergebenstes Gefolge noch zuvor. Wehe aber demjenigen, der liederlich war, wenn er hätte beten sollen, oder der ein langes Gesicht schnitt, wenn der König lachte. Deshalb waren scharfe Augen unablässig auf ihn und auf jeden Einfluß, der ihm nahe kam, gerichtet, damit der schlaue Höfling beim ersten, fast unmerklichen Zeichen einer bevorstehenden Veränderung schwenken und sein Verhalten so einrichten konnte, daß er eher zu führen, als zu folgen schien.

Der junge Gardeoffizier hatte bisher noch kaum ein Wort mit dieser mächtigen Dame gewechselt. Sie lebte sehr zurückgezogen und zeigte sich dem Hofe nur in der Kapelle. Er war deshalb etwas aufgeregt und neugierig zu gleicher Zeit, als er mit seiner Führerin durch die von Künstlerhand verschwenderisch geschmückten prachtvollen Korridore schritt. Vor der Thür des Gemaches blieb die junge Dame stehen und sagte zu ihrem Begleiter:

»Die gnädige Frau wünscht mit Ihnen über die Vorkommnisse von heute morgen zu reden. Ich möchte Ihnen raten, Ihrer Konfession gegen sie nicht zu erwähnen. Das ist das einzige, worin ihr gütiges Herz keine Nachsicht kennt.«

Sie hob drohend den Finger, um ihrer Warnung Nachdruck zu geben. Dann klopfte sie und öffnete gleichzeitig mit den Worten:

»Hier ist der Hauptmann von Catinat, gnädige Frau.«

»Bitte den Herrn Hauptmann einzutreten.«

Die Stimme klang energisch und doch wohllautend.

Dem Befehl gehorsam, stand Catinat jetzt in einem Zimmer, das nicht größer und nur wenig besser möbliert war, als das ihm selbst angewiesene Gemach. Trotz dieser Einfachheit verriet die Sauberkeit und Zierlichkeit des Zimmers den harmonischen Geschmack einer feingebildeten Frau. Die gepreßten Lederbezüge der Möbel, der La Savonière-Teppich, die von Meisterhand geschaffenen religiösen Gemälde, die geschmackvollen Vorhänge, das alles zusammen atmete das wohlthuende Walten eines echt weiblichen, und dabei frommen Sinnes. Das gedämpfte Licht, die hohe, weiße Statue der Jungfrau Maria unter dem Baldachin in der Nische, die wohlriechende rote Lampe, die davor brannte, der hölzerne Betschemel und das Buch mit rotem Schnitt darauf gaben dem Gemach eher das Gepräge einer Privatkapelle, als das des Boudoirs einer schönen Frau.

An jeder Seite des Kamins stand ein kleiner, grünbezogener Armstuhl. Den einen benutzte Frau von Maintenon, der andere war zum ausschließlichen Gebrauch des Königs bestimmt. Auf einem kleinen, dreibeinigen Sessel dazwischen stand ihr Arbeitskörbchen mit ihrer Stickerei. Sie saß mit dem Rücken gegen das Licht gekehrt, als der junge Offizier eintrat, eine Stellung, die sie bevorzugte, obgleich es wenige Frauen in ihren Jahren gab, die so wenig Grund hatten, das Tageslicht zu scheuen; denn ein gesundes und thätiges Leben hatte ihr Teint und Farben so klar und zart erhalten, daß jede junge Schönheit bei Hofe sie hätte darum beneiden können. Ihre Gestalt war von königlicher Anmut, ihre Bewegungen und Haltung voll natürlicher Würde und ihre Stimme, wie schon erwähnt, höchst angenehm und melodisch. Ihr Gesicht war nicht regelmäßig schön, aber edel und von klassischem Schnitt, die weiße Stirn sehr breit, der Mund energisch und doch Zartgefühl verratend, die großen, klaren, grauen Augen, die in der Ruhe so ernst und sanft aussahen, spiegelten doch ihr ganzes Seelenleben wieder, vom fröhlichen Aufleuchten des Humors bis zum blendenden Blitzstrahl gerechten Zornes. Erhabener Seelenfriede war indessen der vorherrschende Ausdruck ihrer Züge: darin bot sie den denkbar stärksten Gegensatz zu ihrer Nebenbuhlerin dar, über deren schönes Gesicht jede augenblickliche Erregung mit wechselndem Licht und Schatten dahinfuhr wie der Wind über ein Kornfeld. An Witz und Schlagfertigkeit war ihr die Montespan allerdings überlegen, doch der gesunde Menschenverstand und das tiefere Gefühl der älteren Frau mochten sich auf die Dauer doch als die besseren Waffen erweisen. Catinat hatte keine Zeit, solche Einzelheiten zu beobachten, sondern fühlte nur, daß er vor einer sehr schönen Frau stand, und daß ihre großen nachdenklichen Augen ihn forschend anblickten und seine innersten Gedanken zu lesen schienen.

»Mir ist, als hätte ich Sie schon gesehen, Herr Hauptmann,« sagte sie.

»Jawohl, gnädige Frau. Ich hatte einigemale die Ehre, Sie zu sehen, aber niemals das Glück, Sie anreden zu dürfen.«

»Ich lebe so still und zurückgezogen,« erwiderte sie, »daß manche der besten und würdigsten Persönlichkeiten des Hofes mir leider fremd bleiben. Das ist der Fluch der Höfe, daß das Böse sich breit macht und dem Beschauer aufdrängt, während das Gute sich in bescheidene Verborgenheit hüllt, so daß man fast an seinem Vorhandensein zweifeln könnte. – Sie haben im Felde gedient, Herr Hauptmann?«

»Ja, gnädige Frau. In den Niederlanden, am Rhein und in Canada.«

»In Canada! Welch ein Arbeitsfeld für eine Frau! Gibt es wohl einen edleren Ehrgeiz für uns, als ein Glied jener lieblichen Schwesterschaft zu sein, welche die heilige Marie de l'Incarnation und die verklärte Jeanne le Ber in Montreal gestiftet haben? Erst neulich erzählte mir Pater Godet des Marais von ihnen. Wer doch auch zu solchem Orden gehörte! Welche Freude, das selige Werk der Heidenbekehrung zu fördern und die noch köstlichere Aufgabe zu erfüllen, durch treue Pflege den Streitern Gottes Gesundheit und Kraft wiederzugeben, wenn sie im Kampfe mit dem Satan beides eingebüßt haben,«

Catinat kannte das entbehrungsreiche und angstvolle Leben, welches eben diese Schwestern führten; Elend, Hunger und das Skalpiermesser drohten ihnen unausgesetzt. Um so eigentümlicher berührte es ihn, diese vornehme Dame, der alle Herrlichkeit der Welt zu Füßen lag, so sprechen zu hören, als beneide sie ihr Los.

»Es sind sehr fromme Frauen,« sagte er kurz, denn ihm fiel Fräulein Nanons Warnung ein, und er fürchtete sich, das gefährliche Thema zu berühren.

»Sie hatten gewiß auch den Vorzug, den heiligen Bischof Laval zu sehen?«

»Ja, gnädige Frau, ich habe Bischof Laval gesehen.«

»Ich hoffe, die Sulpitianer behaupten immer noch ihre Stellung gegen die Jesuiten?«

»Ich hörte, gnädige Frau, die Jesuiten seien mächtiger in Quebec, und die andern in Montreal.«

»Wer ist denn Ihr Gewissensrat, Herr Hauptmann?«

Catinat fühlte, daß das Unvermeidliche gekommen war. »Ich habe keinen, gnädige Frau.«

»Leider leben nur zu viele ohne einen Gewissensrat dahin. Ich wüßte meine Schritte nicht vor dem Straucheln auf den unebenen Pfaden dieser Welt zu bewahren, wenn ich der Leitung des meinigen entbehren sollte. Wer ist denn aber Ihr Beichtiger?«

»Ich habe keinen. Ich gehöre der reformierten Kirche an, gnädige Frau.«

Frau von Maintenon fuhr entsetzt zurück, und ein harter Zug legte sich ihr um Mund und Augen.

»Und das am Hofe sogar, und in des Königs nächster Umgebung!« rief sie aus.

Nun war Catinat freilich lax genug in Glaubenssachen und hielt mehr aus Familientradition, als aus bewußter Überzeugung an seinem Bekenntnis fest, aber es verletzte seine Selbstachtung, daß sie ihn so behandelte, als habe er sich zu einer ehrlosen Schandthat bekannt. »Sie erinnern sich wohl, gnädige Frau,« sagte er ernst, »daß Genossen meines Glaubens nicht nur um den Thron Frankreichs gestanden, sondern sogar darauf gesessen haben.«

»Gott hat das nach seinem unerforschlichen Ratschluß zugelassen. Niemand sollte das besser wissen als ich, denn mein Großvater, Théodore d'Aubigny, bot alles auf, um die Krone auf das Haupt des großen Heinrich zu setzen. Aber Heinrichs Augen wurden vor seinem Ende geöffnet, und ich bete – ach von Herzen bete ich darum – daß auch die Ihrigen möchten geöffnet werden.«

Sie stand auf, kniete auf dem Betschemel nieder und verbarg einige Sekunden ihr Gesicht in den Händen. Während dessen stand der Gegenstand ihrer Gebete in einiger Verlegenheit mitten im Zimmer und wußte nicht recht, ob er diese Aufmerksamkeit als eine Gunst oder als eine Beleidigung auffassen sollte. Ein Klopfen an der Thür rief die Dame wieder in diese Welt zurück, und ihrer Aufforderung folgend, trat die treue Zofe ein.

»Der König ist im Siegessaale, gnädige Frau,« sagte sie, »er wird in fünf Minuten hier sein.«

»Ganz recht, bleibe draußen und melde es, wenn er kommt. – Nun, Herr Hauptmann,« wendete sie sich wieder zu Catinat. »Sie haben heute früh dem Könige mein Billet übergeben?«

»Jawohl, gnädige Frau.«

»Wenn ich recht verstanden habe, so wurde Frau von Montespan der Zutritt zum großen Lever untersagt?«

»Das geschah, gnädige Frau.«

»Aber sie wartete in der Galerie auf den König?«

»Allerdings.«

»Und sie entrang ihm das Versprechen, sie heute noch zu besuchen?«

»Ganz recht, gnädige Frau.«

»Ich möchte Sie nicht zu einer Pflichtverletzung verleiten. Aber ich kämpfe um einen hohen Einsatz mit einem furchtbaren Feinde. Verstehen Sie mich?«

Catinat verbeugte sich.

»Nun, was meine ich also?«

»Ich denke, gnädige Frau meinen, daß Sie mit der bewußten Dame um des Königs Gunst kämpfen.«

»So wahr Gott mein Richter ist, ich denke nicht an mich. Ich ringe mit dem Teufel um des Königs Seele.«

»Das ist genau dasselbe, gnädige Frau.«

Die schöne Frau lächelte.

»Wenn des Königs Leib in Gefahr wäre, so könnte ich auf den Beistand seiner getreuen Garden rechnen, und sicher nicht minder jetzt, wo soviel Höheres auf dem Spiel steht. Sagen Sie mir daher, um wieviel Uhr der König die Marquise in ihren Gemächern besuchen wollte?«

»Um vier Uhr, gnädige Frau.«

»Ich danke Ihnen. Sie haben mir einen Dienst geleistet, den ich nicht vergessen werde.«

Fräulein Nanon steckte wieder ihren Kopf hinein. »Der König kommt, gnädige Frau!«

»Dann müssen Sie gehen, Herr Hauptmann. Bitte, durch das Nebenzimmer auf den äußeren Korridor. Nehmen Sie dies mit, es ist Bossuets Darlegung des katholischen Glaubens und hat schon manches Herz erweicht; vielleicht bekehrt es auch das Ihre. Nun gehen Sie mit Gott!«

Catinat entfernte sich auf dem bezeichneten Wege. Beim Hinausgehen sah er noch einmal zurück. Frau von Maintenon kehrte ihm den Rücken zu und hob die Hand zum Kaminsimse. Gerade als er sich umsah, bewegte sie etwas den Kopf, und er konnte sehen, was sie that. Sie stellte den langen Zeiger der Uhr zurück.

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