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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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VI. Eine Dragonade.

Das Haus des hugenottischen Kaufmanns war ein hohes, schmales Gebäude, das die Ecke der Rue St. Martin und der Rue de Biron bildete. Es war vier Stockwerke hoch, düster und ernsthaft, wie sein Eigentümer, mit steilem, spitzem Dach, rautenförmigen Scheiben in den hohen Fenstern, die Fassade mit schwarzem geschnitztem Holzwerk bekleidet, dessen Zwischenräume mit grauem Gipsmörtel ausgefüllt waren. Fünf Steinstufen führten zu der schmalen, düsteren Thür hinauf. Das oberste Geschoß war nur ein Speicher, worin der Handelsherr seine Vorräte aufbewahrte; von dem zweiten und dritten ragten Balkone heraus, die mit starken, hölzernen Brüstungen versehen waren.

Onkel und Neffe sprangen aus dem Wagen, welcher vor dem draußen auf- und abwogenden Menschenknäuel hielt. Den emporgerichteten Augen der Menge folgend, begegnete dem jungen Manne ein Anblick, der ihm momentan jede Empfindung außer der eines starren Erstaunens raubte.

Vom obersten Balkon hing ein Mann in dem hellblauen Rock und den weißen Hosen der Königsdragoner kopfüber herab. Hut und Perücke waren ihm abgefallen, und sein dicht geschorner Kopf schaukelte langsam vorwärts und rückwärts, gut fünfzig Fuß über dem Straßenpflaster. Sein der Straße zugewandtes Gesicht war totenbleich und seine Augen fest zugekniffen, als wage er vor Grauen und Schwindel nicht in die Tiefe vor ihm zu blicken, seine Stimme jedoch hallte von den Häusern drüben wieder, und sein Geschrei um Erbarmen erfüllte rings die Luft.

An der Balkonecke stand ein junger Mann über die Balustrade gebeugt, der den schwebenden Dragoner an beiden Beinen festhielt. Sein Antlitz war aber nicht seinem Opfer, sondern über seine Schulter weg einem Haufen Soldaten zugewandt, welche sich an der breiten, nach dem Balkon geöffneten Glasthür zusammendrängten. In der Haltung seines Kopfes lag ein stolzer, herausfordernder Ausdruck, während er die hin und her sich bewegenden Leute, welche schwankten, ob sie vorstürzen oder sich zurückziehen sollten, fest ins Auge faßte.

Plötzlich ertönte aus der Menge ein lauter Angstschrei. Der junge Mann hatte das eine Bein losgelassen, und der Dragoner hing nun an einem einzigen, während das andere hilflos in der Luft umherfuhr. Er haschte ziellos mit den Händen nach der Wand und nach dem Holzwerk hinter ihm, und dabei schrie er aus Leibeskräften.

»Zieh mich 'rauf, du Höllensohn, zieh mich 'rauf!« kreischte er. »Willst du mich denn morden? Helft, ihr guten Leute, helft!«

»Wollen Sie denn wirklich heraufkommen, Herr Hauptmann?« sagte die kräftige, klare Stimme des jungen Mannes über ihm in vorzüglichem Französisch, aber mit einem Accent, der die Ohren der Menge unten fremdartig berührte.

»Ja, beim heiligen Namen Gottes, ja!«

»Dann lassen Sie Ihre Leute zurücktreten.«

»Fort mit euch, ihr Tölpel, ihr Dummköpfe! Wollt ihr mich zerschmettern lassen? Fort! sag ich! Weg mit euch!«

»So ist's recht!« sagte der Fremde, als die Soldaten vom Fenster verschwunden waren. Dann zog er das Bein des Hauptmanns so stark in die Höhe, daß dieser hinaufschnellte, sich umdrehen und den unteren Rand des Balkons packen konnte. »Wie ist Ihnen jetzt?« fragte er.

»Halten Sie mich fest, um Gotteswillen halten Sie mich!«

»Ich habe Sie ganz sicher.«

»Dann ziehen Sie mich hinauf!«

»Nicht so schnell, Hauptmann. Sie können da, wo Sie sind, ganz gut reden.«

»Lassen Sie mich hinauf, Herr, lassen Sie mich hinauf!«

»Alles zu seiner Zeit. Ich fürchte, es ist Ihnen unbequem zu reden mit den Beinen in der Luft, nicht wahr?«

»O, Sie wollen mich morden!«

»Im Gegenteil, ich will Sie heraufziehen.«

»Gott segne Sie!«

»Aber nur unter gewissen Bedingungen.«

»Sie sind bewilligt! Lassen Sie mich nur nicht fallen!«

»Sie werden dies Haus verlassen – Sie und Ihre Leute. Sie werden den alten Mann und das junge Mädchen nicht weiter belästigen. Versprechen Sie's?«

»Ja, ja! wir werden gehen.«

»Auf Ehrenwort?«

»Gewiß. Ziehen Sie mich nur hinauf!«

»Nicht so rasch. Es ist doch wohl leichter, auf diese Weise mit Ihnen zu verhandeln. Ich kenne die Gesetze hier zu Lande nicht. Möglicherweise ist so etwas hier nicht erlaubt. Versprechen Sie mir, daß ich keinerlei Unannehmlichkeiten davon haben werde?«

»Keine, gar keine. Ziehen Sie mich nur hinauf!«

»Sehr gut! Vorwärts!«

Er zog an des Dragoners Bein, während derselbe sich mit den Händen an der Balustrade aufwärts half, bis er, unter dem glückwünschenden Stimmengeschwirr der Menge unten, über das Geländer auf den Balkon hintaumelte. Dort lag er ein paar Sekunden, wie er gefallen war. Dann aber raffte er sich auf und stürzte, ohne seinen Gegner eines Blickes zu würdigen, mit einem Wutgebrüll durch das offene Fenster ins Zimmer.

Während sich dieses kleine Drama oben abspielte, hatte der junge Gardeoffizier die erste lähmende Wirkung des Geschehenen abgeschüttelt und sich so kräftig eine Gasse durch das Volk gebahnt, daß er und sein Gefährte rasch die unteren Stufen der Treppe erreichten. Die Uniform der königlichen Leibwache war an sich überall ein Passierschein, und des alten Catinat Gesicht war in dem ganzen Stadtviertel bekannt, so daß jedermann den beiden Platz machte. Die Thür flog vor ihnen auf; ein alter Diener stand händeringend in dem dunklen Gange.

»O Herr! O Herr!« rief er. »Ach, die Schurken, ach, was sie jetzt machen! Sie werden ihn ermorden!«

»Wen denn?«

»Den tapfern Herrn aus Amerika. Ach, mein Gott, hören Sie doch nur jetzt!«

Indem er noch sprach, endete ein lautes Getöse und ein wildes Schreien, das von oben herunterschallte, urplötzlich mit einem fürchterlichen Krach. Zugleich hörte man wahre Salven von Flüchen und ein fortgesetztes Stoßen und Schmettern, welches das alte Haus bis in seine Grundfesten erschütterte.

Onkel und Neffe stürmten die erste Treppenflucht empor und wollten eben die zweite ersteigen, von welcher der Lärm zu kommen schien, als eine große Wanduhr ihnen entgegen heruntergepoltert kam. Sie nahm immer vier Stufen auf einmal, machte zuletzt einen Satz über das Treppengeländer und fuhr mit einem Krach gegen die Wand, wo sie als ein Trümmerhaufen von Metallrädern und Holzsplittern liegen blieb. Einen Augenblick später wälzten sich vier wie ein Bündel ineinander geschlungene Männer die Stufen hinab, inmitten der Bruchstücke des zersplitterten Geländers. Auf dem Treppenflur wanden sie sich und rangen miteinander, bald sich emporraffend, bald niederstürzend. Sie waren so ineinander verschränkt und verschlungen, daß es schwer hielt, einen vom andern zu unterscheiden; nur soviel bemerkte man, daß der mittelste in schwarzes Tuch gekleidet war, während die drei, die ihn umklammerten, königliche Soldaten waren. Doch der Mann, den sie zu halten versuchten, hatte solche Riesenkräfte, daß, so oft es ihm gelang, auf den Füßen zu stehen, er seine Angreifer von einem Ende des Flurs bis zum andern schleppte, wie ein Eber die Meute, die sich in seine Schenkel festgebissen hat. Ein Offizier, der dicht hinter den Raufenden herabgestürzt kam, streckte die Hand aus, um ihn bei der Kehle zu packen, aber mit einem wilden Fluch riß er sie sofort zurück, als des Mannes starke weiße Zähne sich in seinen linken Daumen gruben. Den verwundeten Finger in den Mund steckend, riß er sein Schwert aus der Scheide und wollte es eben seinem unbewaffneten Gegner durch den Leib rennen, als Catinat vorsprang und ihn beim Handgelenk ergriff.

»Dalbert, Sie Schurke!« rief er.

Die plötzliche Erscheinung eines Offiziers von des Königs Leibwache übte eine zauberhafte Wirkung auf die Raufenden. Den Daumen noch im Munde, das Schwert gesenkt, sprang Dalbert zurück und blickte dem unwillkommenen Eindringling finster dräuend entgegen. Sein langes, fahles Gesicht war vom Zorn verzerrt, und in seinen kleinen schwarzen Augen loderte das Höllenfeuer unbefriedigter Rachgier. Seine Leute hatten ihr Opfer losgelassen und standen schweratmend in einer Reihe. Der junge Fremde lehnte sich erschöpft an die Wand, klopfte den Staub von seinem schwarzen Rock und ließ die Blicke von seinem Befreier zu seinen Widersachern schweifen.

»Ich hatte schon von früher her eine kleine Abrechnung mit Ihnen zu halten, Dalbert,« sagte Catinat und zog den Degen.

»Ich bin hier im Auftrag des Königs,« stieß der Angeredete hervor.

»Das bezweifle ich nicht. Decken Sie sich, Kapitän!«

»Ich bin hier auf Befehl, sag' ich Ihnen.«

»Sehr wohl. Ziehn Sie vom Leder!«

»Ich habe keinen Anlaß zum Streit mit Ihnen.«

»Nicht?« Catinat that einen Schritt vorwärts und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. »Mir däucht, jetzt hätten Sie einen,« sagte er.

»Hölle und Teufel!« schrie der Hauptmann. »Zu den Waffen, Leute! Holla, ihr da von oben! Haut den Kerl hier nieder und ergreift den Gefangenen! Vorwärts! Im Namen des Königs!«

Auf seinen Ruf kam ein Dutzend Dragoner die Stufen hinabgepoltert, während die drei auf dem Treppenflur auf ihren früheren Gegner losgingen. Er entschlüpfte ihnen jedoch und riß dem alten Handelsherrn seinen dicken eichenen Knotenstock aus der Hand.

»Ich stehe zu Ihnen, Herr Hauptmann,« sagte er und stellte sich neben den Gardeoffizier.

»Senden Sie Ihre Halunken da weg und stehen Sie Ihren Mann, wie's einem Edelmanne geziemt!« rief Catinat.

»Edelmann! Hört doch den bürgerlichen Hugenotten, dessen Familie mit Tuch hausiert!«

»Du Feigling! Mit meiner Schwertspitze will ich dir den Lügner an die Stirn schreiben!«

Er sprang vor, und sein Schwertstoß hätte wohl den Weg zu Dalberts Herzen gefunden, wäre nicht der schwere Säbel eines Dragoners dazwischen gefahren, der die leichtere Waffe dicht am Gefäß abschnitt.

Mit einem Triumphgeschrei und kurzgefaßtem Degen sprang sein Feind auf ihn ein, aber ein wuchtiger Schlag von dem Knüttel des jungen Fremden fegte die Waffe klirrend zu Boden. Ein Dragoner jedoch, der noch auf der Treppe stand, hatte ein Pistol herausgezogen. Die Mündung dicht an Catinats Schläfe haltend, hätte er das Gefecht im nächsten Augenblick ein für allemal beendet, wenn nicht etwas ganz Unerwartetes dazwischen gekommen wäre.

Ein kleiner, alter Herr, der unbemerkt von draußen heraufgekommen und ein belustigter und aufmerksamer Zuschauer der ganzen blitzähnlichen Reihenfolge von Ereignissen gewesen war, trat nämlich plötzlich mit raschem Schritt vor und befahl allen Parteien, sofort die Waffen zu strecken. Das geschah mit einer so entschiedenen, so strengen und an Gehorsam gewöhnten Stimme, daß alle Säbelspitzen zugleich auf den parkettierten Fußboden niederrasselten, als sei das ein Teil ihres täglichen Drilles.

»Ruhe, meine Herren, Ruhe!« sagte er, mit strenger Miene von einem zum andern blickend. Er war ein sehr kleiner, beweglicher Herr, dünn wie ein Hering, mit vorstehenden Zähnen und einer mächtigen, vielgelockten, lang herabhängenden Perücke, welche seinen fleischlosen dürren Hals und seine schmalen Schultern zum Teil verdeckte. Sein Anzug bestand aus einem langen Überrock von mausgrauem, goldverbrämtem Sammet. Hohe Lederstiefeln und ein kleiner, dreieckiger, goldbetreßter Hut gaben seiner Erscheinung einen militärischen Anstrich. In Gang und Haltung und in dem zurückgeworfenen Kopf lag etwas vornehm Stolzes, das im Verein mit seinen durchdringenden schwarzen Augen, seinen hageren, aber feinen Zügen und seinem sichern Wesen sofort den Eindruck machte, er sei ein ans Befehlen gewöhnter Mann. Und wahrlich, sowohl in als außerhalb Frankreichs gab es wenige, denen dieses Mannes Name nicht vertraut gewesen wäre, denn in ganz Frankreich war die einzige Gestalt, die der des Königs an Hoheit gleichkam, die dieses sehr kleinen Herrn, der jetzt, die goldene Schnupftabaksdose in der einen Hand, das Spitzentaschentuch in der andern, auf dem Treppenflur in des Hugenotten Hause stand. Denn wer hätte nicht den letzten der großen französischen Edlen, den kühnsten ihrer Feldhauptleute, den geliebten Prinzen von Condé, den Sieger von Rocroy, den Helden der Fronde gekannt? Beim Anblick seines verkniffenen Gesichtes waren die Dragoner sowohl wie ihr Hauptmann starr stehen geblieben, während Catinat den Degenstumpf zum Gruß erhob.

»Ei, ei!« rief der alte Kriegsmann und blickte ihn forschend an. »Sie waren mit mir am Rhein – he? Ich kenne Ihr Gesicht, Hauptmann. Aber die königliche Garde stand doch unter Turenne?«

»Ich stand damals beim Regiment Pikardie, Hoheit. Hauptmann von Catinat.«

»Jawohl, jawohl. Aber Sie, mein Herr, wer zum Teufel sind Sie?«

»Hauptmann Dalbert, Hoheit, von den blauen Languedoc-Dragonern.«

»So! Ich fuhr hier vorüber und sah Sie in der Luft auf dem Kopfe stehen. Jener junge Mann zog Sie unter gewissen Bedingungen empor, wenn ich recht verstand.«

»Er hat bei seinem Ehrenwort versichert, daß er das Haus verlassen wollte,« rief der Amerikaner, »Als ich ihn aber heraufgezogen hatte, hetzte er seine Leute auf mich, und da fielen wir zusammen die Treppe hinunter.«

»Meiner Treu, Ihr scheint noch so manches dabei mitgenommen zu haben,« sagte Condé lächelnd mit einem Blick auf die Scherben und Splitter, mit denen der Boden ringsum bedeckt war. »Also Sie haben Ihr Ehrenwort gebrochen, Hauptmann Dalbert?«

»Ich konnte doch mit einem Hugenotten und Feinde des Königs keinen Vertrag schließen,« sagte der Dragoner verdrießlich.

»Mir scheint, Sie haben einen Vertrag geschlossen, aber ihn nicht gehalten. Und warum ließen Sie ihn los, mein Herr, wo Sie doch so im Vorteil gegen ihn waren?«

»Ich glaubte seinem Versprechen.«

»Sie müssen sehr vertrauensselig sein.«

»Ich bin daran gewöhnt, mit Indianern zu verkehren.«

»So! Und Sie finden, daß das Wort eines Indianers zuverlässiger ist, als das eines Offiziers von des Königs Dragonern?«

»Vor einer Stunde habe ich das nicht geglaubt.«

»Hm!« Condé nahm eine große Prise Schnupftabak und stäubte einige verstreute Körnchen mit seinem Spitzentaschentuch von seinem Sammetrock.

»Sie sind ein starker Mann, mein Herr,« sagte er dann und überflog mit scharfem Blick die breiten Schultern und die gewölbte Brust des jungen Fremden. »Vermutlich aus Canada, nicht wahr?«

»Ich bin dort gewesen, mein Herr. Aber ich bin aus New York.«

Condé schüttelte den Kopf. »Eine Insel?«

»Nein, mein Herr; eine Stadt.«

»In welcher Provinz?«

»In der Provinz New York.«

»Die Hauptstadt also?«

»Nein, Albany ist die Hauptstadt.«

»Und wie kommt es, daß Sie französisch sprechen?«

»Meine Mutter ist eine geborne Französin.«

»Und wie lange sind Sie schon in Paris?«

»Einen Tag.«

»Ei, ei! Und Sie fangen damit an, Ihrer Mutter Landsleute aus dem Fenster zu werfen.«

»Er belästigte eine junge Dame, mein Herr, und als ich verlangte, daß er von ihr ablassen sollte, zog er vom Leder und würde mich durchbohrt haben, hatte ich nicht mit ihm gerungen, worauf er seine Leute zu Hilfe rief. Um sie mir vom Leibe zu halten, schwur ich, ihn über die Brüstung fallen zu lassen, wenn sie einen Schritt näher kämen. Als ich ihn dann losließ, fielen sie wieder über mich her, und ich weiß nicht, wie die Sache geendet hätte, wäre mir nicht jener Herr zu Hilfe geeilt.«

»Hm. Was Sie thaten, war ganz in der Ordnung, Sie sind jung, aber Sie wissen sich zu helfen.«

»Ich bin in den Wäldern aufgewachsen.«

»Wenn es dort viele Ihres Schlages gibt, so werden Sie meinem Freunde Frontenac zu schaffen machen, ehe er das Reich gründet, von dem er träumt. Aber wie nun, Hauptmann Dalbert? Was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung zu sagen?«

»Des Königs Befehl, Ew. Hoheit.«

»He! Hat er Ihnen befohlen, das Mädchen zu belästigen? Ich habe noch nie gehört, daß Seine Majestät je in den Fehler verfallen wäre, eine Dame zu rauh anzugreifen.« Dabei kicherte er trocken in sich hinein und nahm noch eine Prise.

»Ew. Hoheit, der Befehl lautet: jedes Mittel zu gebrauchen, um diese Leute in den Schoß der wahren Kirche zurückzutreiben.«

»Auf mein Wort, Sie sehen mir wie ein schöner Apostel aus, und wie ein netter Vorkämpfer der heiligen Sache,« sagte Condé, und ein sardonisches Aufleuchten aus seinen blinzelnden schwarzen Augen fuhr über das brutale Gesicht des Dragoneroffiziers.

»Führen Sie Ihre Leute sofort hinweg, mein Herr, und wagen Sie es nicht wieder, den Fuß über diese Schwelle zu setzen!«

»Aber der Befehl des Königs, Ew. Hoheit!«

»Wenn ich den König sehe, werde ich ihm sagen, daß ich Soldaten zu finden meinte, und Räuber angetroffen habe. Kein Wort mehr, Herr! Fort! Ihre Schande nehmen Sie mit, Ihre Ehre lassen Sie zurück!«

In einem Augenblick hatte sich der gezierte alte Geck in den kühnen Soldaten mit strengem Antlitz und flammenden Augen verwandelt. Dalbert konnte den unheilkündenden Blick nicht ertragen; er gab seinen Leuten einen halblauten Befehl, und sie gingen mit klirrenden Sporen und rasselnden Säbeln die Treppe herunter.

»Ew. Hoheit,« sagte der alte Hugenotte vortretend und eine Thür öffnend, »sind heute wahrlich ein Heiland Israels gewesen und ein Stein des Anstoßes für die halsstarrigen Leute. Wollen Sie nicht geruhen, unter meinem Dache zu rasten und einen Becher Wein zu trinken, ehe Sie weiter ziehen?«

Condé zog die Augenbrauen in die Höhe bei der biblischen Sprechweise des Kaufherrn, aber er verbeugte sich höflich bei der Einladung und betrat das Zimmer, dessen Pracht ihn sichtlich überraschte und ihm Bewunderung abnötigte. Mit seiner dunkelglänzenden Täfelung, seinem polierten Fußboden, dem stattlichen Marmorkamin und der schön gearbeiteten Decke war es in der That ein Gemach, das einem Palast zur Zierde gereicht haben würde.

»Mein Wagen wartet unten,« sagte er, »und ich darf mich nicht lange aufhalten. Ich verlasse Schloß Chantilly nicht oft, um nach Paris zu kommen, und es war ein glücklicher Zufall, der mich hier vorbeiführte, gerade zu rechter Zeit, um einem Ehrenmann einen Dienst zu leisten. Wenn ein Haus ein solches Schild aushängt, wie einen Dragoneroffizier mit den Beinen in der Luft, dann hält es schwer, ohne eine Frage vorbei zu fahren. Aber ich fürchte, so lange Sie ein Hugenotte sind, wird in Frankreich für Sie kein Friede sein, mein Herr.«

»Das Gesetz lastet in der That schwer auf uns!«

»Und wird bald noch schwerer lasten, wenn es richtig ist, was ich aus des Königs Umgebung höre. Ich wundere mich, daß Sie nicht außer Landes gehen?«

»Mein Geschäft und meine Pflicht halten mich hier zurück.«

»Nun jeder weiß am besten, was er zu thun hat. Würde es aber nicht weise sein, sich vor dem Sturm zu beugen?«

Der Hugenotte machte eine Bewegung des Abscheus.

»Nun, nun, ich habe es nicht schlimm gemeint. Und wo ist die schöne Jungfrau, die den Anlaß zu der ganzen Rauferei gegeben hat?«

»Wo ist Adèle, Pierre?« fragte der Kaufherr den alten Diener, der eben ein silbernes Theebrett mit einer kleinen Kristallflasche und farbigen, venetianischen Gläsern hereintrug.

»Ich hatte sie in meinem Zimmer eingeschlossen.«

»Und wo ist sie jetzt?«

»Hier bin ich, Vater,« Das junge Mädchen flog ins Zimmer und schlang ihre Arme um des alten Mannes Nacken. »Ach, diese bösen Männer haben dir doch nichts gethan, herzlieber Vater?«

»Nein, mein liebes Kind; niemand von uns ist verletzt worden, Dank Sr. Hoheit dem Prinzen von Condé hier.«

Adèle erhob die Augen, senkte sie aber rasch wieder vor dem durchdringend prüfenden Blicke des alten Kriegsmannes. »Gott lohne Ew. Hoheit!« stammelte sie. In ihrer Verwirrung stieg ihr das Blut heiß ins Gesicht, das in seinen Zügen wie im Ausdruck vollendet schön war. Selbst Condé, der doch alle Schönheiten dreier Höfe sechzig Jahre lang an sich hatte vorüberziehen sehen, stand voll staunender Bewunderung vor dem Liebreiz des hugenottischen Mädchens mit den zart umrissenen Linien, den großen grauen Augen und der weichen, lockigen Fülle glänzenden Haares, von dessen tiefem Schatten sich die zierlichen Ohrmuscheln und der alabasterweiße Hals und Nacken leuchtend abhoben.

»Ei! Auf mein Wort, mein Fräulein, Sie erregen in mir den Wunsch, vierzig Jahre aus meiner Lebensrechnung tilgen zu können.«

Er verbeugte sich und seufzte, wie es Mode gewesen war, als der Herzog von Buckingham sich um Anna von Österreich bewarb, und die Dynastie der Kardinäle ihren Höhepunkt erreicht hatte.

»Frankreich könnte jene vierzig Jahre übel entbehren, Ew. Hoheit.«

»Ei, ei! Auch so gewandt mit der Zunge? Ihre Tochter hat einen höfischen Witz, mein Herr.«

»Das verhüte Gott, Hoheit! Sie ist so rein und gut –«

»Nun, das ist kein sonderliches Kompliment für den Hof! Aber nicht wahr, mein Fräulein, Sie würden doch lieber in die große Welt treten, um süße Musik zu hören, alles Liebliche und Schöne zu sehen, und die köstlichsten Gewänder zu tragen, als immer nur auf die Rue St. Martin hinausschauen und in diesem düsteren Hause sitzen zu müssen, bis die Rosen auf Ihren Wangen verblühen?«

»Wo mein Vater bleibt, da bleibe ich auch, und ich bin glücklich an seiner Seite,« sagte sie und legte beide Hände auf seinen Arm. »Mich verlangt nach nichts anderm, als was mir geworden ist.«

»Und jetzt geh wieder in dein Zimmer,« sagte der alte Kaufherr kurz, denn der Prinz hatte trotz seines Alters einen üblen Ruf bei den Frauen. Während er sprach, war er dicht an sie herangetreten und hatte sogar eine seiner gelben Hände auf ihren zurückbebenden Arm gelegt, während seine kleinen dunklen Augen in vieldeutigem Lichte funkelten.

»Na! na!« sagte er, als sie sich anschickte zu gehorchen. »Sie haben für Ihr Täubchen nichts zu fürchten. Dieser Falk wenigstens ist nicht mehr des Stoßes fähig, wie verführerisch das Wild auch sein mag. Aber ich habe mich doch überzeugt, daß sie so gut ist, wie sie schön ist, und mehr als das könnte man nicht sagen, und wenn sie geradeswegs vom Himmel käme. Mein Wagen wartet, meine Herren, und ich wünsche Ihnen allen einen guten Morgen.«

Damit neigte der Prinz das gepuderte Haupt und stolzierte in seiner zierlich geckenhaften Weise hinaus. Vom Fenster aus sah ihn Amory in dieselbe vergoldete Kutsche steigen, welche vor ihnen hergefahren war, als sie von Versailles kamen.

»Meiner Treu,« sagte er zu dem jungen Amerikaner, »wir sind zwar dem Prinzen sehr zu Dank verpflichtet, aber mehr noch Ihnen, mein Herr, wie mir scheint. Sie haben Ihr Leben für meine Base gewagt, und ohne Ihren Knotenstock würde Dalbert mir seine Klinge durch den Leib gerannt haben, als er mich wehrlos sah. Ihre Hand, mein Herr! So etwas vergißt man nicht!«

»Ja, danke ihm nur, Amory,« fiel der alte Hugenotte ein, der eben zurückkehrte, nachdem er seinen erlauchten Gast an den Wagen geleitet hatte. »Gott hat in ihm einen Vorkämpfer erweckt für die Betrübten und einen Helfer für die, so in Not sind. Eines alten Mannes Segen komme über dich, Amos Green, denn mein eigner Sohn hätte nicht mehr für mich thun können, als du – ein Fremder!«

Der Amerikaner schien indessen mehr in Verlegenheit gesetzt durch diese Dankesäußerungen, als er es durch irgend eines seiner früheren Abenteuer gewesen war. Das Blut stieg ihm in das wettergebräunte, kühngeschnittene Gesicht, welches, obwohl glatt, wie das eines Knaben, doch in seinen festgeschlossenen Lippen und klugen, blauen Augen von einer kraftvollen, auf sich gestellten Persönlichkeit zeugte.

»Ich habe jenseits des Wassers eine Mutter und zwei Schwestern,« sagte er befangen.

»Und um ihretwillen ehren Sie die Frauen?«

»Wir alle ehren die Frauen dort drüben. Vielleicht weil so wenige da sind. Hier in diesen alten Ländern weiß man gar nicht, was es heißt, sie entbehren zu müssen. Ich bin fortgewesen, die Seen hinauf nach Pelzen, habe monatelang das Leben der Wilden geteilt in den Wigwams der Sacs und der Füchse, das so scheußlich ist, wie ihre Rede, und die wie die Kröten immerfort um ihre Feuer hocken. Wenn ich dann nach Albany zurückkam, wo die Meinigen damals wohnten, und meine Schwestern singen und auf dem Spinett spielen hörte, und wenn dann meine Mutter uns von Frankreich und ihrer Jugendzeit und ihrer Kindheit erzählte und vor allem, was sie für ihren Glauben gelitten, dann bin ich mir bewußt geworden, was eine gute Frau bedeutet, und wie sie gleich dem Sonnenschein alles was in unsrer Seele rein und gut ist, an den Tag bringt.«

»Wahrhaftig, die Damen sollten Ihnen sehr verpflichtet sein, Herr Green, Sie sind ebenso beredt wie tapfer.«

Amos hatte sich einen Augenblick vergessen und frei und energisch herausgesprochen. Beim Anblick des Mädchens errötete er aber und schlug die Augen nieder.

»Ich habe den größten Teil meines Lebens in den Wäldern zugebracht,« sagte er »und da spricht man so wenig, daß man es allmählich ganz verlernt. Deshalb eben wünschte mein Vater, daß ich einige Zeit in Frankreich zubringen möchte, denn er wollte nicht, daß ich als ein bloßer Pelztierfänger und Händler aufwüchse.«

»Und wie lange bleiben Sie in Paris?« fragte der Gardeoffizier.

»Bis Ephraim Savage mich abholen kommt.«

»Wer ist das?«

»Der Kapitän vom ›Goldnen Reis‹.«

»Das ist wohl Ihr Schiff?«

»Meines Vaters Schiff. Es war zuerst nach Bristol gefahren, jetzt liegt es vor Rouen und muß wieder nach Bristol zurück. Wenn es dann noch einmal nach Rouen kommt, will Ephraim mich hier abholen, und ich muß mit ihm zurückkehren.«

»Und wie gefällt Ihnen Paris?«

Der junge Mann lächelte. »Ich hörte, ehe ich herkam, es sei ein sehr lebhafter Ort, und wahrlich, nach dem wenigen, was ich heute morgen gesehen habe, muß ich schließen, daß es der lebhafteste Ort ist, der mir je zu Gesicht kam.«

»Meiner Treu,« erwiderte Amory. »Sie sind diese Treppen allerdings in sehr lebhafter Weise, selbviert sogar, mit einer holländischen Wanduhr als Vorläufer, und einem ganzen Gefolge von Holzwerk herabgekommen. Und die Stadt haben Sie noch nicht gesehen?«

»Nur im Fluge, als ich gestern abend auf meinem Wege hierher durch die Straßen ritt. Es ist ein wunderbarer Ort, aber ich lechzte nach Luft, so eingepfercht kam ich mir dabei vor. New York ist eine große Stadt. Es sollen dort dreitausend Menschen wohnen, ja es heißt, daß sie vierhundert kampffähige Männer ausschicken könnte, obgleich ich es kaum glauben mag. Und von allen Teilen der Stadt kann man etwas von Gottes Werken sehen – die Bäume, die grünen Wiesen und den Sonnenschein auf dem Meerbusen und den Flüssen. Aber hier ist alles Stein und Holz und Holz und Stein, wohin man auch sehen mag. Wahrhaftig, ihr müßt sehr kräftige Menschen sein, daß ihr in solchem Orte gesund bleibt.«

»Und uns kommen Sie wieder so kräftig vor bei Ihrem Leben in den Wäldern und auf den Flüssen,« rief das junge Mädchen. »Und dann, wie wunderbar ist es, daß Sie Ihren Pfad durch jene große Wildnis finden, wo es nichts gibt, Sie zu leiten!«

»Im Gegenteil! Ich bin erstaunt, daß Sie den Weg durch diese tausende von Häusern finden können. Was mich angeht, so hoffe ich, daß wir heute abend eine klare Nacht haben werden.«

»Warum das?«

»Damit ich die Sterne sehen kann.«

»Aber Sie werden sie unverändert finden.«

»Gerade deshalb. Wenn ich nur die Sterne sehen kann, so wird es mir leicht werden, meinen Weg zu diesem Hause zurückzufinden. Bei Tage habe ich mein Jagdmesser und kann die Hausthüren im Vorübergehen ankerben, ohne das würde es schwer sein, die Spur wieder aufzufinden, wo so viele Menschen immer drüber laufen.«

Amory brach in ein helles Gelächter aus. »Meiner Treu,« sagte er, »Sie werden Paris noch lebhafter als bisher finden, wenn Sie Ihren Weg so auf den Thürpfosten einkerben, wie auf den Waldbäumen. Aber zunächst wäre es doch wohl gut, wenn Sie einen Führer hätten; deshalb, wenn du, lieber Onkel, uns aus deinem Stalle zwei Pferde zur Verfügung stellen möchtest, so könnten unser Freund und ich heute nach Versailles zurückreiten, denn in wenigen Stunden habe ich wieder Dienst. Er könnte auch ein paar Tage bei mir bleiben, wenn er ein Soldatenquartier nicht verschmäht, und dabei mehr sehen, als die Straße St. Martin ihm zu bieten hat. Wie würde Ihnen das gefallen, Herr Green?«

»Ich würde Sie herzlich gern begleiten, wenn wir hier alles in Sicherheit zurücklassen.«

»O da ist nichts zu fürchten,« erwiderte der Tuchhändler. »Der Befehl des Prinzen Condé wird uns noch manchen Tag als Schild und Wehr dienen. Pierre soll sogleich die Pferde satteln.«

»Und ich,« sagte der Gardeoffizier, »muß die kurze Zeit ausnützen.« Damit wandte er sich dem Fenster zu, in dessen Vertiefung Adèle auf ihn wartete.

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