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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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V. Belialskinder.

Der König war nach der Abfertigung des hugenottischen Bittstellers mit seinem Gefolge weiter geschritten. Niedergeschlagen schaute ihm der alte Mann nach. Auf seinem Gesicht stritten Zweifel, Kummer und Zorn um die Oberherrschaft. Er war ein sehr großer, hagerer Mann, knochig und dürr, mit breiter Stirn, großer, fleischiger Nase und mächtigem Kinn. Er trug weder Perücke noch Puder, aber die Natur hatte ihm Silber in die einst dunklen Locken gestreut, und die tausend Fältchen um die Augenränder und Mundwinkel verliehen seinem Antlitz Ernst und Würde. Ungeachtet seines vorgerückten Alters zeigten das rasche, zornige Emporschnellen, als der König seine Klage zurückwies, und der feurig scharfe Blick, mit dem er die Höflinge maß, als sie mit höhnischem Lächeln und spöttischem Gestichel an ihm vorüberschritten, daß er sich noch ein gut Stück Jugendkraft und Jugendmut bewahrt hatte. Er war, seinem Stande gemäß, einfach und doch fein gekleidet. Er trug einen dunkelbraunen Rock aus starkem Wollenzeuge mit versilberten Knöpfen, eben solche Kniehosen und weißwollene Strümpfe. Seine Füße steckten in breiten, schwarzen, von einer großen Stahlschnalle zusammengehaltenen Lederschuhen. In einer Hand hielt er seinen niedrigen Filzhut mit goldener Borte und in der andern einen kleinen Papiercylinder, welcher eine Aufzählung der an ihm verübten Gewaltthaten enthielt, und den er gehofft hatte, in den Händen des königlichen Sekretärs zurücklassen zu können.

Seine Zweifel über das, was er nun weiter thun solle, wurden kurzer Hand für ihn gelöst. Wenn der Protestantismus damals in Frankreich auch noch nicht geradezu verboten war, so galten seine Anhänger doch mindestens für nur geduldet, und ein Hugenotte stand nicht, wie seine katholischen Landsleute, unter dem Schutz der Gesetze. Seit zwanzig Jahren hatten die Verfolgungen stetig zugenommen, bis der Fanatismus außer direkter Landesverweisung keine Waffe mehr hatte, die nicht gegen die Protestanten angewandt worden wäre. In ihren Geschäften wurden sie auf alle Weise behindert, aus öffentlichen Stellungen verdrängt, in ihre Häuser wurden Soldaten gelegt; ihre Kinder zur Auflehnung gegen sie aufgemuntert, und für Beleidigungen und Angriffe wurde ihnen jede Genugthuung versagt. Jeder Schuft, der seinen persönlichen Groll an ihnen auslassen oder sich bei seinen bigotten Vorgesetzten einschmeicheln wollte, durfte einem Hugenotten ohne Furcht vor dem Gesetz das Ärgste anthun. Und doch trotz alledem hingen diese Menschen an dem Lande, das sie verleugnete, und voll Liebe zum heimatlichen Boden, die so tief im Herzen des Franzosen wurzelt, zogen sie Schimpf und Schmach daheim der Zufluchtsstätte vor, die sie jenseits des Meeres gefunden haben würden. Aber schon dämmerte der Morgen des Tages herauf, an dem ihnen keine Wahl mehr bleiben sollte.

Zwei Königsgardisten in blauen Röcken, die am Palaste Wache standen, waren Zeugen der erfolglosen Bitte Catinats gewesen. Sobald der König außer Hörweite war, schritten sie auf ihn zu und unterbrachen roh den Gang seiner trüben Gedanken.

»Na, du Mucker,« fuhr ihn der eine an, »scher dich an deine Arbeit!«

»Du bist nicht gerade ein Schmuck für den königlichen Park,« schrie der andere mit einem gräßlichen Fluche. »Wie kannst du dich unterstehen, über die Religion des Königs die Nase zu rümpfen, du verfluchter Kerl?«

Der alte Hugenotte warf ihm einen zornigen und verächtlichen Blick zu und wandte sich zum Gehen, als der eine ihm den Kolben seiner Hellebarde in die Rippen stieß.

»Da, nimm das, du Hund!« schrie er. »Wagst du's, des Königs Wachtposten so anzusehen?«

»Belialskinder!« rief der alte Mann, die Hand in die Seite pressend, »wäre ich zwanzig Jahre jünger, ihr würdet nicht gewagt haben, mich so zu behandeln!«

»Ho! ho! willst du noch mehr Gift ausspeien? Es ist genug, André! Er hat des Königs Leibgarde bedroht! Greif ihn, wir wollen ihn auf die Wache bringen!« Die beiden Soldaten warfen ihre Hellebarden von sich und stürzten sich auf den alten Mann. Aber so groß und stark sie auch waren, fanden sie doch, daß es keine leichte Sache war, ihn dingfest zu machen. Mit seinen langen, sehnigen Armen und seiner nervigen Gestalt schüttelte er sie wieder und wieder von sich ab, und erst als ihm der Atem auszugehen drohte, waren die beiden, ebenfalls atemlos, im stande, seine Handgelenke zu umspannen und ihn festzuhalten. Sie hatten indessen kaum ihren erbärmlichen Sieg gewonnen, als eine strenge, befehlende Stimme und ein vor ihren Augen gezücktes Schwert sie zwang, ihren Gefangenen noch einmal loszulassen.

Es war Hauptmann von Catinat, welcher nach Beendigung seines Morgendienstes auf der Terrasse umhergeschlendert war, und nun gerade zu dieser Gewaltthat herbei kam. Als er den alten Mann erblickte, fuhr er heftig zusammen, dann zog er sein Schwert und stürzte so wütend vor, daß die beiden Gardisten nicht nur ihr Opfer losließen, sondern im Schreck vor der drohenden Schwertspitze zurückprallten. Der eine von ihnen glitt aus und riß den andern mit sich zu Boden, wo sich beide, eine wirre Masse von blauen Röcken und weißen Beinkleidern, übereinander wälzten.

»Schurken!« brüllte Catinat. »Was soll das heißen?«

Den Soldaten war es gelungen, sich stolpernd wieder auf die Füße zu stellen; ganz verblüfft und verwirrt starrten sie den vorgesetzten Offizier an.

»Zu Befehl, Herr Hauptmann,« sagte der eine, militärisch grüßend, »dies ist ein Hugenotte, der die königliche Garde beleidigt hat.«

»Seine Petition wurde vom König zurückgewiesen, Herr Hauptmann, und doch ging er nicht fort,« fügte der andere hinzu.

Catinat war kreidebleich vor Wut. »So, also wenn ein französischer Bürger herkommt, um mit dem großen Gebieter seines Landes zu sprechen, muß er sich von ein paar Schweizer Hunden, wie ihr seid, mißhandeln lassen?« rief er. »Bei meiner Ehre, das sollt ihr büßen!«

Er zog eine kleine silberne Pfeife aus der Tasche, und auf den schrillen Ton derselben kamen ein alter Sergeant und ein halbes Dutzend Soldaten aus der Wachtstube herbeigelaufen.

»Dein Name?« fragte der Hauptmann streng.

»André Meunier.«

»Und deiner?«

»Nikolaus Klopper.«

»Sergeant, verhaften Sie diese Leute, Meunier und Klopper.«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann,« sagte der Sergeant, ein gebräunter, unter Condé und Turenne ergrauter Soldat.

»Lassen Sie sie noch heute vor Gericht stellen.«

»Und was liegt gegen sie vor, Herr Hauptmann?«

»Sie haben einen alten geachteten Bürger mißhandelt, der ein Anliegen an den König hatte.«

»Es ist ein Hugenotte, er hat es selbst gestanden!« riefen die beiden Übelthäter gleichzeitig.

»Hm, hm!« Der Sergeant zupfte verlegen an seinem langen Schnurrbart. »Sollen wir die Anklage so formulieren, Herr Hauptmann? Ganz wie der Herr Hauptmann befehlen!«

Er zuckte leicht mit den Schultern, wie um sein Bedenken, ob wohl etwas dabei herauskommen würde, auszudrücken.

»Nein,« sagte Catinat, dem ein glücklicher Einfall kam. »Ich klage sie an, daß sie während ihres Nachtdienstes die Hellebarden hingeworfen und ihre Uniformen beschmutzt und verdorben haben.«

»So ist es besser,« antwortete der Sergeant mit dem Freimut eines bevorzugten Veteranen. »Heiliges Donnerwetter! Ihr habt des Königs Rock geschändet! Eine oder zwei Stunden auf dem hölzernen Esel, eine Muskete an jeden Fuß gebunden, sollen euch lehren, daß Hellebarden für die Hände der Soldaten da sind und nicht für des Königs Rasenplatz! Greift sie! Achtung! Rechtsum kehrt! Marsch!« und die Soldaten, der Sergeant hinter ihnen, marschierten ab.

Der Hugenotte war ernst und gefaßt in einiger Entfernung stehen geblieben, ohne seine Genugthuung über diesen plötzlichen Schicksalswechsel merken zu lassen; als aber die Soldaten fort waren, wendeten er und der junge Offizier sich mit warmem Gruße einander zu. »Amory, dich hatte ich nicht gehofft zu sehen!«

»Noch ich dich, Onkel! Was um Gotteswillen führt dich nach Versailles?«

»Mir ist Gewalt geschehen, Amory! Die Hand der Gottlosen liegt schwer auf uns, und an wen können wir uns um Abhilfe wenden, als an den König?«

Der junge Offizier schüttelte den Kopf. »Der König ist im Grunde ein guter Mensch,« sagte er. »Aber er sieht die Welt durch die Brille, die man ihm aufgesetzt hat. Von ihm hast du nichts zu hoffen.«

»Ich weiß es. Er hat mich verächtlich von sich gewiesen.«

»Hat er dich nach deinem Namen gefragt?«

»Jawohl, und ich nannte ihn.«

Der junge Gardeoffizier pfiff leise vor sich hin. »Laß uns nach dem Thor gehen,« sagte er. »Meiner Treu, wenn meine Blutsverwandten anfangen, sich mit dem König auf einen Wortwechsel einzulassen, wird es mutmaßlich nicht lange dauern, und meine Compagnie ist ohne ihren Hauptmann.«

»Der König wird uns wohl nicht für zusammengehörig halten. Aber wahrhaftig, Neffe, mir kommt es seltsam vor, wie du in diesem Hause Baals leben kannst, ohne dich vor den falschen Götzen zu beugen!«

»Ich halte meinen Glauben in meinem Herzen verborgen.«

Der alte Mann schüttelte bedenklich den Kopf. »Dein Weg führt dich auf einem sehr schmalen Pfade,« sagte er, »den Gefahr und Versuchung rings umgeben. Es muß dir schwer werden, Amory, vor dem Herrn zu wandeln, und doch mit den Verfolgern seines Volkes Hand in Hand zu gehen.«

»Ei was, Onkel!« sagte der junge Mann ungeduldig. »Ich bin ein Soldat des Königs, und meinethalben mögen der schwarze Talar und das weiße Chorhemd diese Dinge unter sich abmachen. Ich will für meine Ehre leben und für meine Pflicht sterben und bin's zufrieden, wenn ich alles übrige droben erfahre.«

»Bist's auch zufrieden, wenn du in Palästen wohnst und von seinem Linnen speisest,« sagte der alte Mann bitter, »derweil die Hände der Gottlosen schwer auf deinen Blutsfreunden lasten, und die Schalen des Zornes und der Trübsal geleert werden, und Weinen und Heulen durchs ganze Land ertönet.«

»Was ist denn schlimmes geschehen?« fragte der junge Soldat, den die biblische Ausdrucksweise, die unter den damaligen französischen Calvinisten gang und gäbe war, ganz verwirrte.

»Zwanzig Mann von den Kindern Moabs sind bei mir einquartiert worden mit samt ihrem Hauptmann, einem gewissen Dalbert, der lange schon für Israel eine Zuchtrute gewesen ist.«

»Hauptmann Claude Dalbert von den Languedoc-Dragonern? Mit dem habe ich so wie so ein Hühnchen zu pflücken.«

»Jawohl, und das zerstreute Häuflein der Übriggebliebenen hat auch noch etwas auf dem Kerbholz gegen diesen Mordhund und selbstsüchtigen Siphiter.«Die Siphiter verrieten David an Saul, vergl, 1. Sam. 23, 14. 19. 26.

»Was hat er denn gethan?«

»Seine Leute haben sich in meinem Hause eingenistet, wie Motten in einem Tuchballen. Kein Raum ist vor ihnen sicher. Er selbst sitzt in dem Zimmer, das mein Zimmer sein sollte, hat seine Schmierstiefeln auf meinen Saffianstühlen ausgestreckt, die Pfeife im Munde, den Weinkrug neben, sich und seine Reden atmen Schmach und Greuel. Den alten wackern Hausdiener Pierre hat er durchgeprügelt.«

»Ha!«

»Und mich hat er in den Keller gestoßen –«

»Ha!«

»Weil ich ihn zurückriß, als er in trunkener Lüsternheit deine Base Adèle zu umarmen versuchte.«

»Hoho!« Dem jungen Manne war das Blut bei jeder neuen Anklage heißer ins Gesicht gestiegen, und seine Brauen hatten sich finsterer zusammengezogen; aber bei dieser letzten kochte sein Zorn über. Wutbebend stürmte er vorwärts und schleppte seinen Oheim am Arme mit sich fort. So eilten sie auf einem jener gewundenen, von hohen Hecken eingefaßten Wege dahin, welche hin und wieder an dünneren Stellen einen lüsternen Faun oder eine schlummernde Marmornymphe zwischen dem Blattwerk durchschimmern ließen. Erstaunt blickten die Höflinge, denen sie begegneten, das ungleiche Paar an. Aber der junge Soldat war von seinen eignen Plänen zu voll, als daß er einen Gedanken an sie verschwendet hätte. Ungestüm vorwärts hastend, verfolgte er den ansteigenden Pfad, welcher an einer Gruppe Tritonen vorbeiführte, über welche wasserspeiende Delphine ihre feuchtschimmernden Strahlen ergossen. Dann ging es durch eine Allee riesiger Bäume, welche aussahen, als hätten sie seit Jahrhunderten dort gestanden, und die doch erst seit kurzem mit unglaublicher Mühe von St. Germain und Fontainebleau hierher verpflanzt worden waren. Am Ende dieser Allee führte ein kleines Gatter aus den Anlagen; durch dieses schritten die beiden Männer, der ältere keuchend und nach Luft schnappend.

»Wie bist du hergekommen, Onkel?«

»In einer Kalesche.«

»Wo ist sie?«

»Da steht sie hinter der Herberge.«

»Laß uns schnell einsteigen.«

»Willst du denn mitkommen, Amory?«

»Bei meiner Ehre – nach dem, was du mir erzählt hast, scheint mir's hohe Zeit, daß ich komme! Ein Mann mit einem Schwert an der Seite wird in deiner Wohnung wohl am Platze sein.«

»Was willst du aber machen?«

»Ich will ein Wörtchen mit diesem Hauptmann Dalbert reden!«

»Dann hab' ich dir unrecht gethan, Neffe, wenn ich eben sagte, du seiest nicht mit ganzem Herzen auf Seiten Israels.«

»Ich weiß nichts von Israel!« rief Catinat ungeduldig. »Ich weiß nur, daß, wenn meine Adèle sich's in den Kopf gesetzt hätte, den Donner anzubeten, wie ein Abenakiweib, oder ihr unschuldiges Gebet an den Mitsche Manitu zu richten, so wollte ich den Mann sehen, der es wagen sollte, sie anzurühren. Ha, da kommt unsre Kalesche! Brauch die Peitsche, Kutscher, und du sollst fünf Livres haben, wenn du in einer Stunde am Invalidenthor bist.«

Es war keine leichte Sache, im Zeitalter der ungefederten Wagen und tief ausgefahrenen Straßen schnell zu fahren, aber der Fuhrmann peitschte seine beiden ruppigen, ungestriegelten Gäule nach Kräften, und die Kalesche rasselte und stob ihres Weges dahin. Die Bäume des Wegrandes flogen an den schmalen Fenstern vorbei, der weiße Staub wirbelte hinter ihnen auf, und der junge Gardeoffizier trommelte mit den Fingern auf den Knieen vor Ungeduld, rutschte auf seinem Sitz hin und her und warf gelegentlich eine Frage nach seinem mürrischen Gefährten hinüber.

»Wann geschah denn dies alles?«

»Gestern abend.«

»Und wo ist jetzt Adèle?«

»Zu Hause.«

»Und dieser Dalbert?«

»Der ist auch dort.«

»Wie, du hast sie in seiner Gewalt gelassen, als du nach Versailles heraus kamst?«

»Sie ist in ihrem Zimmer eingeschlossen.«

»Pah! was hilft ein Schloß?« Bei dem Gedanken an seine Ohnmacht fuchtelte der junge Mann mit den Händen in der Luft herum.

»Und Pierre ist da.«

»Pierre ist kein Schutz.«

»Und Amos Green.«

»Ah, das ist besser. Er ist ein Mann. Wenigstens sieht er so aus.«

»Seine Mutter war von unserm Volk und Glauben aus Staten-Island bei Manhattan. Sie war eines jener zerstreuten Lämmer, die schon früh den Wölfen entflohen, als es sich fühlbar zu machen anfing, daß des Königs Hand schwer auf Israel lastete. Er spricht französisch, doch sieht er nicht wie ein Franzose aus, noch gleicht er uns in seinem Wesen.«

»Er hat die Zeit für seinen Besuch übel gewählt.«

»Darin mag eine weise Fügung verborgen liegen.«

»Du hast ihn also im Hause gelassen?«

»Ja; er hatte sich zu Dalbert gesetzt, rauchte mit ihm und erzählte ihm Räubergeschichten.«

»Aber schließlich, was kann er für ein Schutz sein? Er, ein Fremder in einem fremden Lande. Du hast nicht recht gethan, Adèle so zurückzulassen, Onkel!«

»Sie ist in Gottes Händen, Amory!«

»Das hoffe ich. O mir brennt der Boden unter den Füßen! Wäre ich nur erst da!«

Er bog den Kopf zum Fenster hinaus und versuchte durch die von den Rädern aufgewirbelte Staubwolke nach dem breit dahin fließenden Strom und nach der aus einem Dunstschleier auftauchenden Stadt auszuschauen. Endlich unterschied er den gewaltigen Doppelturm von Notre Dame, die hohen Turmspitzen von St. Jacques und einen Wald von anderen stumpfen und spitzen Türmen, den himmelaufstrebenden Denkmälern einer achthundertjährigen Frömmigkeit. Bald darauf, als die Straße sich zum Flußufer hinabschlängelte, rückte die Stadtmauer immer näher, bis sie das Südthor passiert hatten und nun über den Steindamm hinrasselten, rechts das große Palais Luxembourg, und Colberts letztes Werk, den Invalidendom, zur Linken. Eine scharfe Wendung brachte sie an die Flußquais, und über den Pont Neuf an dem stattlichen Louvre vorüber, worauf sie in das Labyrinth enger, belebter Straßen einbogen, welche sich nach Norden hin erstreckten. Noch immer lehnte der junge Offizier aus dem Fenster, aber die Aussicht wurde ihm benommen durch eine gewaltige vergoldete Kutsche, welche schwerfällig vor ihnen her rumpelte. Endlich gelangten sie in eine breitere Straße; die Kutsche vor ihnen bog seitwärts ab, und nun war er im stande, einen Ausblick auf das Haus zu gewinnen, dem sie zustrebten.

Es war auf allen Seiten von einer zahlreichen Volksmenge umgeben.

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