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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
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XVII. Vereint.

Die Irokesen hatten Catinat nicht rauh behandelt, als sie ihn aus dem Wasser in ihr Kanoe zogen. Es war ihnen so unbegreiflich, wie ein Mensch einen sichern Ort verlassen und sich ihnen freiwillig ausliefern konnte, daß sie es nur für Wahnsinn zu halten vermochten. Einen Geisteskranken aber betrachten die Indianer stets mit Ehrfurcht und Hochachtung. Sie fesselten nicht einmal seine Handgelenke, denn warum sollte er entfliehen wollen, da er doch aus freiem Antriebe gekommen war? Zwei Krieger befühlten ihn, um sich zu vergewissern, daß er keine Waffen habe, und dann wurde er zwischen die beiden Frauen ins Kanoe hinabgedrückt, während dasselbe nach dem Ufer zuflog, um den andern mitzuteilen, daß die Besatzung von St. Louis den Strom heraufkäme. Dann steuerte es wieder der Mitte zu und rauschte rasch stromauf.

Adèle war totenbleich, und ihre Hand, als ihr Gatte die seine darauf legte, kalt wie Marmor.

»Mein Liebling,« flüsterte er, »sage mir, ob es dir gut geht – ob du unverletzt bist?«

»Ach, Amory, warum bist du gekommen? Warum bist du gekommen, Amory? O, ich würde, glaub' ich, alles haben ertragen können, aber wenn sie dir etwas thun, das ertrüge ich nicht!«

»Wie konnte ich zurückbleiben und dich in ihren Händen wissen? Ich wäre verrückt geworden!«

»Ach, es war mein einziger Trost, dich in Sicherheit zu wissen.«

»Nein, nein, wir haben so viel zusammen durchgemacht, daß wir uns jetzt nicht noch einmal trennen wollen. Und was ist am Ende der Tod, Adèle? Warum sollten wir uns vor ihm fürchten?«

»Ich fürchte mich nicht.«

»Und ich fürchte mich auch nicht. Wir stehen in Gottes Hand, sein Wille geschehe an uns, und sein Wille ist und muß schließlich der beste sein. Bleiben wir am Leben, so haben wir diese Erinnerung gemeinsam. Sterben wir, so gehen wir Hand in Hand zu einem besseren Leben ein. Mut, mein Herzblatt, es muß und wird uns alles zum besten dienen.«

»Sagen Sie mir, mein Herr,« sagte Onega, »lebt mein Gemahl noch?«

»Ja, er lebt und ist wohl,« antwortete Catinat.

»Es ist gut,« sagte Onega. »Er ist ein großer Häuptling, und es hat mich nie gereut, nein auch jetzt nicht, daß ich mich einem Manne vermählte, der meinem Volke nicht angehörte. Ach, aber mein Sohn! Wer wird ihn mir wiedergeben? Er war wie die junge Eiche, so gerade, so stark! Wer konnte ihn einholen im Lauf, wer konnte springen und schwimmen wie er? Ehe diese Sonne noch einmal aufgeht, werden wir alle tot sein, und mein Herz freut sich, denn ich werde meinen Knaben wiedersehen!«

Die Irokesen arbeiteten mit ihren Rudern, bis reichliche zehn Meilen zwischen ihnen und Sainte Marie lagen. Dann trieben sie das Kanoe in eine verborgene Bucht am linken Flußufer, das ihr Gebiet begrenzte, sprangen hinaus und schleppten ihre Gefangenen hinter sich her. Das Kanoe wurde auf den Schultern von acht Männern eine Strecke weit in den Wald hineingetragen; dann versteckten sie es zwischen zwei gefallenen Baumstämmen und häuften Blätter und trockene Zweige darüber hin, um es den Blicken der Vorübergehenden zu entziehen. Nach einer kurzen Beratung traten sie dann ihren Marsch durch den Wald an, nach indianischer Weise einer hinter dem andern, die Gefangenen in ihrer Mitte. Im ganzen waren es fünfzehn Krieger, acht vor ihnen, sieben hinter ihnen, alle schnellfüßig wie der Hirsch und mit Flinten bewaffnet, so daß an ein Entrinnen nicht zu denken war. Sie konnten nur folgen und geduldig auf das warten, was weiter mit ihnen geschehen würde.

Den ganzen Tag lang setzten sie ihren trübseligen Marsch fort über weite Moore hin oder an blauen Waldseen vorüber, wo der graue Storch bei ihrer Annäherung die mächtigen Schwingen bewegte und sich langsam aus dem Schilf erhob. Dann wieder versenkten sie sich in die finsteren Waldgürtel, wo ewiges Zwielicht herrscht und wo die einzigen Laute, welche das Schweigen unterbrachen, das Herabfallen der wilden Kastanien war und das Geschwätz der Eichhörnchen hundert Fuß über ihnen in den Riesenkronen der Bäume.

Onega besaß die Ausdauer ihrer Landsleute, aber Adèle war trotz ihrer früheren Wanderungen lange vor Abend erschöpft und fußwund. Catinat fühlte sich deshalb erleichtert, als plötzlich die rote Glut eines mächtigen Feuers zwischen den Stämmen hervorleuchtete und sie ein indianisches Lager erblickten, in dem der größere Teil der Bande, die von Sainte Marie vertrieben war, sich versammelt hatte. Hier befanden sich auch eine Anzahl Squaws, die von den Dörfern der Mohawks und Cajugas herübergekommen waren, um den Kriegern näher zu sein. In weitem Kreise waren Wigwams errichtet, und vor einem jeden brannte ein Feuer. Darüber hing an einem Dreieck von Stöcken je ein Kessel, in dem die Abendmahlzeit brodelte. In der Mitte des Lagers befand sich, kreisförmig zusammengehäuft, ein hellflackerndes Reisigfeuer, das einen etwa zwölf Schuh breiten Raum um einen Pfahl her frei ließ. Daran war ein verkohltes, schwärzlich und rötlich aussehendes Etwas festgebunden. Catinat stellte sich rasch vor Adèle, damit sie das Fürchterliche nicht sehen sollte, aber es war zu spät. Sie schauderte, holte tief Atem, ihre Lippen waren schneeweiß, aber kein Laut entfloh ihnen.

»Sie haben also schon angefangen,« sagte Onega gefaßt. »Nun, wir werden zunächst daran kommen und ihnen zeigen, daß wir zu sterben verstehen.«

»Sie haben uns noch nicht mißhandelt,« sagte Catinat. »Vielleicht bewahren sie uns als Geißeln oder zur Auswechselung,«

Die Indianerin schüttelte den Kopf. »Täuscht euch nicht mit solcher Hoffnung,« sagte sie, »Wenn sie so sanft mit ihren Gefangenen umgehen, bedeutet das stets, daß sie sie für die Folter aufbewahren. Ihre Frau wird an einen Häuptling verheiratet werden, aber Sie und ich, wir müssen sterben, denn Sie sind ein Krieger, und ich bin für eine Squaw zu alt.«

An einen Irokesen verheiratet! Das schreckliche Wort war den Herzen der beiden Liebenden ein Dolchstoß, der sie traf, wie es der Gedanke an einen qualvollen Tod nicht vermocht hätte. Catinats Haupt sank auf die Brust, er wankte und würde gefallen sein, hätte Adèle ihn nicht am Arm ergriffen.

»Fürchte das nicht, teurer Amory,« flüsterte sie, »anderes mag uns treffen, aber nicht das, denn ich schwöre dir, daß ich dich nicht überleben will. Nein, mag es Sünde sein oder nicht, aber wenn der Tod nicht zu mir kommt, gehe ich zu ihm.«

Catinat blickte in das sanfte, weiche Antlitz, das jetzt den Stempel eines festen, unabänderlichen Entschlusses trug. Er wußte, daß es geschehen würde, wie sie sagte, und daß, komme, was da wolle, diese empörendste Schmach ihnen erspart bleiben würde. Hätte er je geglaubt, daß einmal eine Zeit kommen könnte, wo der Gedanke, daß seine Frau sterben würde, ihn freudig durchzucken könnte?

Als sie das Irokesendorf betraten, stürzten ihnen die Krieger und die Weiber entgegen, und sie mußten zwischen einem Spalier von scheußlichen Gesichtern hindurch gehen, die sie dabei verhöhnten, verspotteten und anheulten. Ihre Begleiter führten sie durch diese Rotte hindurch nach einer etwas abgesondert stehenden Hütte. Sie war leer bis auf einige Fischnetze aus Weidenruten, die an den Wänden hingen, und einen Haufen Kürbisse in einem Winkel.

»Die Häuptlinge werden gleich kommen und beraten, was mit uns geschehen soll,« sagte Onega. »Da kommen sie schon, und ihr werdet bald sehen, daß ich recht habe, denn ich kenne mein Volk.«

Im nächsten Augenblick schlenderte ein alter Kriegshäuptling nach der Hütte, begleitet von zwei jüngeren Kriegern und dem bärtigen, halbholländischen Irokesen, der den Angriff auf Sainte Marie geleitet hatte. Sie stellten sich in die Thüröffnung, sahen die Gefangenen an und redeten zu einander in den tiefen Kehllauten ihrer Sprache in kurzen, abgebrochenen Sätzen. Die Totems des Falken, des Wolfes, des Bären und der Schlange zeigten, daß jeder eine der großen Familien der Nation repräsentierte. Der Bastard rauchte eine steinerne Pfeife, und doch war er es, der am meisten redete, und zwar augenscheinlich, um den einen der jüngeren Wilden zu überzeugen, der denn endlich auch seiner Meinung beizustimmen schien. Zum Schluß sprach der alte Häuptling ein paar kurze strenge Worte, und die Sache schien erledigt zu sein. »Und du, Hexe,« sagte der Bastard auf Französisch zu der gefangenen Irokesin, »du sollst heute abend noch erfahren, was es heißt, wenn man es mit den Feinden seines eignen Volkes hält.«

»Du halbblütiger Mischling,« entgegnete die furchtlose, alte Frau, »du solltest den Hut abziehen, wenn du mit einer sprichst, in deren Adern das beste Blut der Onondaga rinnt. Du willst ein Krieger sein? Du, der mit tausend Mann nicht mal ein Haus erobern konnte, das nur von ein paar lumpigen Bauern verteidigt wurde! Kein Wunder, daß deines Vaters Volk dich verstoßen hat! Geh hin, mache Perlenarbeit und spiele mit Pflaumensteinen, denn in den Wäldern könnte dir ein Mann begegnen, und so würde Schande kommen über die Nation, die dich aufgenommen hat.«

Das boshafte Gesicht des Bastard entfärbte sich bei den höhnischen Worten, die ihm die Gefangene zuzischte. Mit einem Schritt war er neben ihr und steckte ihren Zeigefinger in seine brennende Pfeife. Sie machte keine Bewegung, um sie wegzureißen, sondern blieb ein paar Minuten mit vollkommen unbeweglichem Gesicht sitzen, die Augen durch die offne Thür auf die untergehende Sonne und auf die Gruppen schwatzender Indianer gerichtet. Er beobachtete sie scharf, in der Hoffnung, einen Schrei zu hören oder wenigstens ein schmerzliches Zucken ihrer Züge zu sehen, endlich aber warf er ihre Hand mit einem Fluch von sich und verließ die Hütte.

Sie steckte den verkohlten Finger in ihren Busen und lachte.

»Er ist ein dummer Kerl!« rief sie. »Er versteht nicht einmal zu foltern! Ich wollte ihm schon einen Schrei entrungen haben! Das weiß ich! Aber Sie – mein Herr, Sie sind sehr blaß!«

»Das machte der Anblick einer so höllischen That. Ah, wenn wir uns nur Auge in Auge gegenüberständen, ich mit dem Degen, er mit welcher Waffe ihm beliebte, bei Gott, er sollte sie mir mit seinem Herzblut bezahlen!«

Die Indianerin schien überrascht.

»Es kommt mir seltsam vor,« sagte sie, »daß Sie an mich denken, und an das, was mir geschieht, da Sie doch selbst denselben Leiden entgegengehen. Unser Schicksal wird sein, wie ich es Ihnen voraus sagte.«

»Ah!«

»Sie und ich sollen am Marterpfahl sterben. Ihre Frau erhält der Hund, der uns soeben verließ.«

»Adèle! Adèle! Was soll ich thun!« Er zerraufte sein Haar in hilfloser Verzweiflung.

»Nein, nein, Amory, habe keine Furcht, mir wird der Mut nicht fehlen. Was ist der Schmerz des Todes, wenn er uns vereint?«

»Der jüngere Häuptling redete für Sie, Herr von Catinat,« fuhr Onega fort. »Er sagte, der große Geist habe Sie mit Irrsinn geschlagen, wie man deutlich daraus zu erkennen vermöge, daß Sie dem Kanoe nachgeschwommen seien, und daß sein Zorn die Nation treffen würde, wenn man Sie foltere. Aber der Bastard sagte, die Liebe käme oft wie eine Art Wahnsinn über die Blaßgesichter, und die allein habe Sie getrieben. Dann wurde beschlossen, daß Sie sterben sollten und Ihr Weib in seinen Wigwam kommen, da er der Anführer des Kriegszuges gewesen sei. Was mich betrifft, so sind ihre Herzen bitter gegen mich, und auch ich soll durch die Kiensplitter sterben.«

Catinat sandte ein Stoßgebet empor um Kraft, seinem Geschick zu begegnen, wie es einem Soldaten und Edelmann geziemt.

»Wann soll es sein?« fragte er.

»Jetzt! Sogleich! Sie treffen schon die Vorbereitungen. Aber ihr habt noch Zeit. Ich komme zuerst daran.«

»Amory, Amory, könnten wir nicht jetzt zusammen sterben?« rief Adèle und schlang die Arme um ihren Gatten. »Wenn es Sünde ist, so wird sie uns sicherlich vergeben. Laß uns sterben, Liebster. Laß uns diesen fürchterlichen Menschen entgehen, diese grausame Welt verlassen und uns dem ewigen Frieden zuwenden!«

In den Augen der Indianerin leuchtete beistimmende Befriedigung.

»Sie haben recht gesprochen, weiße Lilie,« sagte sie. »Warum sollen Sie warten, bis es jenen gefällt, Sie zu brechen? Seht, schon lodert der Schein ihrer Feuer über die Stämme, und ihr könnt das Geheul derer hören, die nach eurem Blute dürsten. Wenn ihr euch selbst das Leben nehmt, werden sie ihres Schauspieles und der Häuptling seiner Braut beraubt sein. Schließlich seid ihr dann die Sieger und sie die Besiegten. Sie haben recht gesagt, weiße Lilie! Das ist der beste Ausweg für euch beide.«

»Wie sollen wir es aber machen?« fragte Amory.

Onega warf einen forschenden Blick nach den beiden Kriegern hinüber, die als Wächter vor der Hüttenthür standen. Sie hatten sich abgewandt und ihre ganze Aufmerksamkeit auf die grauenvollen Vorbereitungen zu dem gräßlichen Schauspiel gerichtet. Dann suchte sie in ihrem Gewande und brachte ein doppelläufiges Taschenpistol mit doppelten Hähnen in Gestalt von geflügelten Drachen hervor. Es sah aus, wie ein Spielzeug, geschnitzt, verschnörkelt und mit der auserlesensten Graveurarbeit eines Pariser Büchsenschmiedes verziert. Der Seigneur hatte es bei seinem letzten Besuch in Quebec nur um seiner Schönheit willen gekauft, es war aber vollkommen brauchbar, und beide Läufe geladen.

»Ich gedachte es für mich zu gebrauchen,« sagte sie, als sie es in Catinats Hand gleiten ließ. »Aber ich habe mich anders besonnen. Ich will ihnen zeigen, daß ich sterben kann, wie eine Onondaga sterben soll, und daß nicht umsonst das Blut ihrer Häuptlinge durch meine Adern rollt. Nehmen Sie es, denn ich schwöre, daß ich für mich das Ding nicht brauchen werde, höchstens würde ich beide Kugeln dem Bastard durchs Herz jagen.«

Ein Freudenrausch durchglühte Catinat, als seine Finger das Pistol umschlossen. Hier hielt er den Schlüssel, der ihnen die Thore des Friedens aufthat. Adèle legte mit glückseligem Lachen ihre Wange an seine Schulter.

»Du vergibst mir, mein Lieb,« flüsterte er.

»Vergeben soll ich dir! Ich segne dich und liebe dich von ganzer Seele, von Herzensgrund. Halte mich fest, mein Liebster, und sprich ein Gebet, ehe du es thust.«

Sie waren nebeneinander in die Knie gesunken, als die Krieger die Hütte betraten und ein paar kurze Worte zu ihrer Landsmännin sagten. Sie erhob sich lächelnd.

»Sie warten auf mich,« sagte sie. »Sie sollen sehen, weiße Lilie, und auch Sie, mein Herr, wie gut ich weiß, was meiner Stellung gebührt. Lebt wohl und denket an Onega.«

Sie lächelte wieder und verließ die Hütte zwischen den Kriegern, mit dem raschen sichern Tritt einer Königin, die ihren Thron besteigt.

»Jetzt, Amory!« flüsterte Adèle, schloß die Augen und lehnte sich fester an ihn.

Er erhob das Pistol, hielt aber plötzlich den Atem an und ließ die Waffe sinken. Noch knieend, die Augen weit aufgerissen, stierte er nach einem Baum, welcher der Hüttenthür gegenüber stand.

Es war eine außerordentlich knorrige, alte Buche, deren Borke teilweise abgeblättert herabhing und deren Stamm über und über bemoost und halb vermodert war. Etwa zehn Fuß über dem Boden teilte sich der Hauptstamm in zwei Arme, und in der so entstandenen Gabelung erschien plötzlich eine Hand, eine große rote Hand, die wie toll hin und her geschwenkt wurde, wie in leidenschaftlicher Abmahnung. Im nächsten Augenblick, während die beiden Gefangenen noch in starrem Erstaunen verharrten, verschwand die Hand wieder hinter dem Baum, und an ihrer Stelle erschien ein Kopf, der noch viel energischer schüttelte als sein Vorläufer, Es war unmöglich diese holzbraune, runzlige Haut, die gewaltig gesträubten Augenbrauen über den funkelnden, kleinen Augen zu verkennen. Es war Kapitän Ephraim Savage aus Boston!

Noch hatten sie sich von ihrer wortlosen Verwunderung nicht erholt, da ertönte ein gellender Pfiff aus der Waldestiefe, und im Augenblick spie jeder Busch und jedes Dickicht, jedes kleine Gesträuch Feuer und Rauch. Das Geknatter des Musketenfeuers lief um die ganze Lichtung her, und ein Kugelregen pfiff und hagelte unter die aufheulenden Wilden.

Die irokesischen Wachtposten hatte ihr blutdürstiges Verlangen, die Gefangenen sterben zu sehen, ins Lager gelockt. Nun waren die Kanadier über ihnen und umschlossen sie mit einem feurigen Ring. Sie stürzten bald hierhin, bald dorthin, um überall demselben tödlichen Verderben zu begegnen, bis sie endlich eine Lücke im Angriff entdeckten, und nun wie Schafe durch einen zerbrochenen Zaun wie wahnsinnig in den Wald hinein rasten, während ihnen die Kugeln der Verfolger um die Ohren sausten, bis die Pfeife von neuem ertönte, welche die Jäger von der Hatz zurück rief.

Einer aber war unter den Wilden, der noch Zeit fand, sein Werk zu vollenden, ehe er floh. Der flämische Bastard hatte die Rache der Rettung vorgezogen. Er stürzte auf Onega zu und zerschmetterte ihren Schädel mit seinem Tomahawk. Mit gellendem Kriegsruf schwang er die blutige Waffe über seinem Haupt und eilte nach der Hütte, wo die beiden Gefangenen noch knieten. Catinat sah ihn kommen, und seine Augen leuchteten triumphierend auf. Er erhob sich, trat ihm entgegen und als der Bastard herein stürzte, schoß ihm Catinat beide Kugeln aus seiner Doppelpistole ins Gesicht. Im nächsten Augenblick sprangen die Kanadier über die zuckenden Leiber der Verwundeten, die Gefangenen fühlten ihre Hände mit warmem Druck ergriffen und blickten in die wohlbekannten Gesichter von Amos Green, Ephraim Savage und du Lhut. Da wußten sie, daß sie endlich geborgen waren.

Damit gelangten die Réfugiés ans Ende aller Drangsale ihrer Reise. Den Winter verlebten sie in Frieden im Fort St. Louis, und da die Irokesen im Frühling den Kriegsschauplatz nach dem oberen Lauf des St. Lorenz verlegten, waren die Reisenden im stande, nach den englischen Provinzen aufzubrechen. Sie folgten dem Laufe des Hudson bis Newyork, wo ihnen ein warmer Willkommen in Amos Greens Familie zu teil ward. Die Freundschaft der beiden Männer Catinat und Amos war durch gemeinsame Erinnerungen und gemeinsam bestandene Gefahr so fest gegründet, daß sie sich nicht mehr trennten. Sie legten zusammen einen Pelzhandel an, und der Name des Franzosen war bald ebenso bekannt in den Bergen von Maine und an den Felshängen der Alleghanies, wie einstmals in den Sälen und Galerien von Versailles.

Im Laufe der Zeit erbaute sich Catinat ein Haus auf Staten-Island, wo viele andere Réfugiés sich niedergelassen hatten, und ein großer Teil dessen, was ihm sein Pelzhandel einbrachte, diente dem Bemühen, seinen hugenottischen Brüdern im Kampf ums Dasein beizustehen.

Amos Green heiratete eine junge Holländerin aus Shenectady, und da Adèle und sie unzertrennliche Freundinnen wurden, diente seine Vermählung nur dazu, die Bande treuer Liebe, welche die beiden Familien umschlangen, fester zu knüpfen.

Kapitän Ephraim Savage kehrte wohlbehalten in sein geliebtes Boston zurück. Seine ehrgeizigsten Wünsche gingen in Erfüllung, denn er baute sich ein schmuckes Haus aus Ziegelstein auf dem Hügel im Norden der Stadt, von wo aus er die Schiffahrt auf dem Fluß und in der Bucht beobachten konnte. Dort lebte er, hochgeachtet von seinen Mitbürgern, die ihn zum Stadtverordneten und Ratsherren wählten und ihm den Oberbefehl über ein gutes Schiff gaben, als Sir William Phips seinen Angriff auf Quebec unternahm, aber doch fand, daß der alte Löwe Frontenac nicht aus seiner Höhle zu vertreiben war. Von aller Welt geachtet, erlebte der alte Seemann noch einen großen Teil des nächsten Jahrhunderts, so daß seine altersmüden Augen schon etwas von der wachsenden Größe seines Vaterlandes schauen durften.

Der Herrensitz von Sainte Marie war bald in seinem vorigen blühenden Zustande wiederhergestellt, aber der Seigneur war von dem Tage, da er seine Frau und seinen Sohn verloren hatte, ein anderer Mann. Er wurde hagerer, wilder, unmenschlicher, unternahm beständig Streifzüge in die Irokesenwälder, bei denen er die Indianer womöglich an Grausamkeit übertraf. Ein Tag kam endlich, wo weder er, noch ein einziger seiner Leute von einem solchen Ausflug heimkehrten.

Die stillen Wälder bewahren manch ein grauenhaftes Geheimnis, und darunter auch das Schicksal von Charles de la Roue, Seigneur de Sainte Marie.

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