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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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XV. Der Speisesaal von Sainte Marie.

Es ist leicht erklärt, wie es zu dieser Überrumpelung der Besatzung hatte kommen können. Die an den Vorderfenstern postierten Wachen hatten gefunden, daß es gar nicht menschenmöglich sei, dort auszuhalten, während das Geschick ihrer Frauen und Kinder sich auf der anderen Seite entschied. Zudem war an den Palissaden alles ruhig, und die Indianer schienen die Vorgänge auf dem Flusse mit demselben Interesse zu verfolgen, wie die Kanadier. Einer nach dem andern waren die Wachen deshalb fortgeschlichen und hatten sich auf der Rückseite des Hauses versammelt, wo sie dem Schuß des Seemanns zujauchzten und dann stöhnten und jammerten, als das zweite Kanoe wie ein Bluthund auf der Fährte der Flüchtlinge dahinschoß. Die Wilden aber hatten einen Anführer, der ebenso listig und erfindungsreich war, wie du Lhut selbst. Der flämische Bastard hatte hinter den Palissaden hervor das Haus belauert wie ein Hund ein Rattenloch. Es war ihm deshalb auch nicht verborgen geblieben, daß die Verteidiger ihre Posten verlassen hatten. Er und noch etwa zwanzig Krieger hoben einen großen Baumstamm, der am Waldessaume lag, auf ihre Schultern. Unbehelligt trugen sie ihn quer über den freien Platz und rannten dann mit solcher Gewalt gegen das Thor, daß der dicke Holzriegel zersplitterte und die Angeln aus dem Holz losrissen. Das Krachen des Thores und der Todesschrei von zweien der pflichtvergessenen Wächter, die im Flur überrascht und skalpiert wurden, verkündete den Überlebenden den Angriff. Das ganze Erdgeschoß war in den Händen der Indianer, Catinat und sein Feind, der Pater, sahen sich vom Fuß der Treppe abgeschnitten.

Glücklicherweise waren aber die Herrenhäuser Kanadas sämtlich auf das zweckmäßigste erbaut, um einem Angriff der Indianer zu begegnen. Selbst jetzt war daher die Lage der Verteidiger keineswegs hoffnungslos. Eine hölzerne Leiter, die im Notfalle leicht in die Höhe gezogen werden konnte, führte aus dem Oberstockwerke nach dem Flußufer hinab. Catinat stürzte darauf zu, der Mönch hinter ihm her. Er tastete im Dunkeln nach der Leiter. Sie war verschwunden.

Da wollte ihm der Mut sinken. Wohin konnte er fliehen? Das Boot war zerstört. Die Palissadenverschanzung zwischen ihm und dem Walde war in den Händen der Irokesen. Ihr Geheul gellte in seinen Ohren. Noch hatten sie ihn nicht entdeckt, aber es konnte in der nächsten Minute geschehen. Plötzlich vernahm er in der Finsternis über sich eine Stimme, welche sagte:

»Gib mir mal deine Flinte, Junge. Ich sehe da unten ein paar Heiden, die sich an die Wand drücken.«

»Ich bin's. Ich bin's, Amos!« rief Catinat. »Nieder mit der Leiter, sonst ist's um mich geschehen!«

»Nehmt euch in acht, es ist vielleicht eine List,« warnte du Lhuts Stimme.

»Nein, nein, dafür stehe ich!« rief Amos, und unmittelbar darauf senkte sich die Leiter herab.

Catinat und der Franziskaner stürzten darauf los und hatten kaum den Fuß auf den Sprossen, als sich schon ein Schwarm Irokesen aus der Thür und am Flußufer entlang ergoß. Zwei Schüsse blitzten oben auf, ein schwerer Körper klatschte ins Wasser wie ein Lachs, im nächsten Augenblick waren die beiden Versprengten wieder unter ihren Gefährten, und die Leiter war nach oben gezogen.

Es war aber ein sehr kleines Häuflein, das jetzt noch diesen letzten Zufluchtsort hielt. Nur neun Mann waren übrig geblieben – der Seigneur selbst, du Lhut, die zwei Amerikaner, der Mönch, Catinat, der Hausmeister Theuriet und zwei von den Zinsbauern. Verwundet, halbverschmachtet, pulvergeschwärzt, erfüllte sie doch die Tollkühnheit verzweifelter Männer, die genau wissen, daß der Tod ihnen in keiner scheußlicheren Gestalt nahen konnte, als durch die Übergabe. Die steinerne Treppe führte von der Küche geradeswegs zum Speisesaal herauf. Die Thür, deren untere Hälfte mit zwei Matratzen verbarrikadiert war, beherrschte den ganzen Ausgang. Ein heiseres Geflüster und das Knacken der Hähne belehrte sie, daß die Indianer einen Sturm vorbereiteten.

»Hängt die Laterne neben die Thür,« befahl du Lhut, »daß man die Treppe sehen kann. Drei können nur gleichzeitig feuern, aber alle können laden und die Büchsen zureichen. Herr Green, knien Sie mit mir nieder, und du auch, Jean Duval. Wird einer von uns getroffen, so tritt sofort ein anderer an seine Stelle! Fertig. Sie kommen!«

Ein Pfiff schrillte unten, während er noch sprach, und im Augenblick erfüllten anspringende rote Gestalten mit blitzend geschwungenen Waffen die Stufen. Piff, paff, puff! knallten die drei Gewehre, und noch einmal piff, paff, puff! Das niedrige Zimmer war so voll Rauch, daß die Zureichenden die Hände kaum sehen konnten, die hastig nach den Flinten griffen. Aber kein Irokese hatte die Barrikade erreicht. Kein Fußtritt ließ sich mehr auf der Treppe vernehmen. Nur ein zorniges Geknurr und hin und wieder ein Stöhnen scholl von unten empor. Die drei Männer waren unversehrt, schossen aber nicht noch einmal, sondern warteten, bis der Pulverdampf sich verzogen haben würde.

Als er gewichen war, erkannten sie, wie mörderisch ihr Feuer auf die kurze Entfernung gewirkt hatte. Nur neun Schüsse waren abgegeben worden, und sieben Indianer lagen auf den steilen Stufen hin und her verstreut. Fünf davon regten sich nicht mehr, doch zweie machten einen Versuch, zu den Ihrigen zurückzukriechen. Du Lhut und der Lehnsmann hoben die Gewehre, und die beiden Verwundeten lagen still. »Bei der heiligen Anna,« sagte du Lhut und lud von neuem. »Wenn sie unsre Skalps kriegen, so haben wir sie wenigstens teuer verkauft! Hundert Squaws werden in ihren Dörfern das Klagegeheul anstimmen, wenn sie Nachricht von dem bekommen, was heute hier geschehen ist.«

»Freilich! Sie werden den Willkommen, den sie in Sainte Marie fanden, nicht sobald vergessen,« bekräftigte der alte Edelmann. »Ich muß wiederholt mein Bedauern ausdrücken, mein lieber Catinat, über die Unannehmlichkeiten, welche Sie und Ihre Frau Gemahlin hier haben erfahren müssen, als Sie die Gnade hatten, mich zu besuchen. Doch hoffe ich, daß die Dame Ihres Herzens jetzt mit den andern glücklich das Fort erreicht hat.«

»Das gebe Gott! Ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben, ehe ich sie nicht wiedersehe.«

»Wenn sie sicher angelangt sind, kommt uns bestimmt Entsatz, und zwar noch diesen Morgen, falls wir uns so lange halten können. Chambly, der Kommandant von St. Louis, ist nicht der Mann, einen Kameraden im Stiche zu lassen.«

Die Karten lagen noch an einem Ende des Tisches, die Tricks übereinander, wie sie sie am frühen Morgen liegen gelassen hatten. Aber etwas anderes nahm ihr Interesse mehr in Anspruch. Das Frühstück war nicht weggeräumt worden, und sie hatten den ganzen Tag gekämpft, fast ohne etwas genossen zu haben. Die Natur verlangt auch angesichts des Todes ihr Recht; so fielen die Männer heißhungrig über Brot, Schinken und die wilden Enten her. Eine kleine Batterie Weinflaschen stand auf dem Büffet. Schnell wurden die Hälse abgeschlagen und der Inhalt die ausgetrockneten Kehlen hinabgegossen. Um indessen nicht noch einmal überrascht zu werden, bewachten drei Männer abwechselnd die Barrikade. Das Geheul und Gekreisch der Wilden hallte durch das Haus, als wären alle Wölfe des Waldes im Erdgeschoß eingesperrt, aber die Treppe blieb leer – nur die sieben Toten lagen regungslos da.

»Sie werden den Sturm nicht noch einmal versuchen,« sagte du Lhut zuversichtlich, »Wir haben ihnen eine zu gründliche Lektion gegeben.«

»Sie werden das Haus anzünden,« meinte einer der Zinsbauern.

»Das dürfte ihnen schwer werden,« entgegnete der Hausmeister. »Mauern und Treppen sind durchweg aus festem Stein und nur hie und da ein Balken; das ist ein anderer Bau, als eure Hütten.«

»Still!« rief Amos Green und erhob warnend die Hand. Das Geheul war verstummt, und sie vernahmen dumpfe Hammerschläge, die schwer auf Holz fielen.

»Was kann das sein?«

»Eins neue Teufelei jedenfalls!«

»Es thut mir leid, es sagen zu müssen, meine Herren,« bemerkte der Seigneur in seiner gewohnten höflich-feierlichen Weise, »aber mir scheint, als hätten sie etwas von unserm jungen Freunde hier gelernt. Sie schlagen den Pulverfässern im Magazin den Boden aus.«

Du Lhut schüttelte den Kopf zu dieser Vermutung.

»Eine Rothaut vergeudet kein Pulver,« sagte er. »Das ist für sie zu kostbare Ware. Aha, hören Sie das?«

Das Getobe begann von neuem dämonischer und wilder denn zuvor, dazwischen erscholl abgebrochener Gesang und Gelächter.

»Aha! sie haben die Branntweinfässer geöffnet,« rief du Lhut, »Sie waren ohnedies schlimm genug, aber jetzt werden sie zu rechten Höllenteufeln werden!«

Während er noch sprach, brach ein neues Geheul los, und dazwischen hindurch erklang eine jammernde Stimme, die um Erbarmen schrie. Mit entsetzten Blicken sahen die Kampfgenossen einander an. Ein dicker brenzliger Bratengeruch stieg von der Küche zu ihnen empor, und immer weiter flehte, klagte und kreischte die gequälte Stimme. Dann starb sie langsam zitternd dahin und verstummte auf immer.

»Wer war das?« fragte Catinat, dem das Blut in den Adern gerann.

»Jean Corbeil, glaube ich.«

»Gott sei seiner Seele gnädig! Seine Leiden sind vorüber! Wären wir doch auch erst im Frieden, wie er! Ah, schießt! Schießt ihn tot!«

Ein Mann sprang soeben auf die unterste Treppenstufe und schwang etwas in seinen Händen, als wolle er es werfen. Es war der flämische Bastard. Amos Greens Büchse knallte, doch der Wilde war so blitzschnell verschwunden, wie er gekommen war. Ein schwerer Gegenstand fiel zwischen ihnen zu Boden und kollerte in das Lampenlicht.

»Duckt euch! rasch! Es ist eine Bombe!« rief Catinat.

Das unbekannte Etwas lag zu du Lhuts Füßen, und er sah es deutlich. Er nahm ein Tuch vom Tisch und bedeckte es.

»Es ist keine Bombe,« sagte er ruhig, »es war Jean Corbeil, der soeben starb.«

Vier Stunden lang dauerte das Gelage dort unten. Sie tobten und tanzten, und der Branntweingeruch aus den offenen Fässern erfüllte die ganze Luft. Mehr als einmal zankten und kämpften die Wilden untereinander; fast schien es, als ob sie ihre Feinde oben vergessen hätten. Indessen merkten die Belagerten bald zu ihrem Schaden, daß dem nicht so war. Der Hausmeister Theuriet wurde, als er zwischen einer Schießscharte und dem Licht vorüberging, auf der Stelle erschossen, und sowohl Amos wie den alten Seigneur hätte bei einem Haar das gleiche Schicksal getroffen. So verstopften sie denn alle Fenster bis auf das eine, das auf den Fluß hinaus ging. Von dorther drohte keine Gefahr, und sobald der Tag wieder anfing zu dämmern, war einer oder der andere stets auf Posten, nach der ersehnten Hilfe auszuschauen.

Langsam wurde es am östlichen Himmelsrande hell. Erst ein perlmutterfarbig schillernder Streifen, der sich in ein rosiges Band wandelte, das immer breiter, immer höher wurde, bis das warm glühende Licht über den ganzen Himmelsbogen feine Strahlen emporschoß und die Ränder der schnellsegelnden Wolken mit Rosenglut malte. Über der weiten Waldlandschaft lag ein zarter, weißlich grauer Dunst wie ein wallendes Meer, aus dem die Wipfel der hochgewaltigen Eichen wie kleine ferne Eilande emporragten. In dem Maße, als es heller wurde, teilte sich der Nebel in kleine Wolkenfetzen, die immer dünner werdend, endlich davon zogen, bis plötzlich die Sonne ihre Feuerkrone über den östlichen Wäldern erhob. Sie übergoß mit warmem Glanze das rote, gelbe und purpurfarbne Laubwerk und entlockte den tausend tanzenden Wellchen des breiten, blauen Stroms ein freudiges Gefunkel. Catinat stand am Fenster und atmete den kräftigen Harzgeruch der Bäume, vermischt mit dem feuchten, frischen Erddunst, in tiefen Zügen ein, da gewahrten seine Augen plötzlich einen dunklen Punkt auf dem Flusse nach Norden zu.

»Da kommt ein Kanoe,« rief er.

Alle stürzten gleichzeitig ans Fenster, aber du Lhut riß sie heftig nach der Thür zurück.

»Wollt ihr denn durchaus vor der Zeit sterben?« rief er.

»Richtig!« sagte Kapitän Ephraim, der die Gebärde verstand, wenn auch nicht die Rede. »Wir müssen eine Wache auf Deck lassen. Amos, Junge, wir wollen uns hier hinlegen und aufpassen, damit wir bereit sind, wenn sie in Sicht kommen.«

Die beiden Amerikaner und der alte coureur-de-bois hielten also an der Barrikade Wache, während die Augen der übrigen sich dem nahenden Boote zuwandten. Da stieß der letzte überlebende Zinsbauer ein schmerzliches Stöhnen aus.

»Es ist ein Irokesenkanoe!«

»Unmöglich!« rief der Seigneur.

»Ach leider doch, Ew. Gnaden, es ist dasselbe, welches gestern abend vorüberfuhr.«

»Dann sind ihnen also die Frauen entkommen!« jubelte Catinat.

»Hoffentlich! Aber ach, Herr, ich fürchte, es sind ihrer mehr im Kanoe als gestern abend.«

Die kleine Gruppe der Überlebenden verharrte in atemloser Angst, während das Kanoe rasch stromauf rauschte, auf jeder Seite begleitet von einer weißen Schaumlinie, einen langgegabelten Wasserwirbel hinter sich drein ziehend. Zwar gewahrten sie bald, daß es gedrängt voll war, trösteten sich aber mit dem Gedanken an die Verwundeten aus dem anderen Boot, die doch auch mit dabei sein mußten. Es kam naher und näher, bis es endlich gegenüber dem Hause wandte, und die Mannschaft mit gellendem Hohngelächter die Ruder in die Luft hob. Der Stern des Fahrzeugs war ihnen jetzt zugekehrt, – zwei Frauen saßen darin. Selbst in dieser Entfernung waren sie unverkennbar: das holde, bleiche Gesicht und das dunkle, majestätische daneben! Die eine war Onega, und die andere war Adèle.

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