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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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XIV. Die Ankunft des Mönches.

Die Lage der Besatzung blieb eine sehr bedrängte. Wären die verlorenen Kanonen noch zu benutzen gewesen, und hätten sie auf die Thür gerichtet werden können, dann wäre aller weitere Widerstand umsonst gewesen. Aus dieser Gefahr hatte du Lhuts Geistesgegenwart sie gerettet. Die beiden Kanonen nach der Flußseite und die Kanoes waren gesichert, da sie sich dicht unter den Fenstern des Hauses befanden. Die Zahl der Verteidiger aber war furchtbar zusammengeschmolzen, und die Übriggebliebenen waren müde, verwundet und erschöpft. Neunzehn hatten das Haus erreicht, einer davon aber war durch den Leib geschossen und lag stöhnend im Hausflur, und einem zweiten hatte ein Tomahawk die Schulter zerschmettert, so daß er die Flinte nicht mehr aufheben konnte. Du Lhut, de la Roue und Catinat waren unverletzt, aber Ephraim Savage hatte einen Streifschuß im linken Unterarm, und Amos blutete aus einer Wunde im Gesicht. Von den anderen war kaum einer ohne Verletzung, und doch hatten sie nicht Zeit, an ihre Schmerzen zu denken, denn die Gefahr drängte, und sie waren verloren, wenn sie nicht handelten. Ein paar Schüsse aus den verbarrikadierten Fenstern genügten, um die Einfriedigung zu säubern, die natürlich dem Feuer ausgesetzt war, aber anderseits hatten die Indianer jetzt den Schutz der Palissaden, und unterhielten ein heftiges Feuer nach den Fenstern. Ein halbes Dutzend Zinsbauern erwiderten die Salven, während die Führer ratschlagten, was zu thun sei.

»Wir haben fünfundzwanzig Frauen und vierzehn Kinder,« sagte der Seigneur. »Sie werden mit mir übereinstimmen, meine Herren, daß es unsre erste Pflicht ist, für sie zu sorgen. Einige von Ihnen haben heute, wie ich, Söhne oder Brüder verloren. Wir wollen wenigstens unsre Weiber und Schwestern retten.«

»Kein Irokesenkanoe ist bis jetzt stromab gegangen,« sagte einer der Kanadier. »Wenn die Frauen im Dunklen abfahren, können sie nach dem Fort entkommen.«

»Bei der heiligen Anna von Beaupré,« rief du Lhut, »meiner Ansicht nach würden Sie gut thun, auch Ihre Leute herauszuschaffen, denn mir scheint es fraglich, ob das Haus bis morgen zu halten sein wird.«

Ein beistimmendes Gemurmel erhob sich unter den Kanadiern, aber der alte Edelmann schüttelte entschlossen den Kopf.

»Thorheit!« rief er. »Sollen wir das Wohnhaus von Sainte Marie der ersten Horde Wilder überliefern, die sich's einfallen läßt, es anzugreifen? Nein, nein, meine Herren, wir sind noch beinahe zwanzig, und wenn die Garnison von St. Louis erfährt, daß wir so bedrängt sind, was spätestens morgen früh geschehen wird, so kommt uns sicherlich von dort Hilfe.

Du Lhut schüttelte düster den Kopf.

»Wenn Sie den Platz halten wollen, will ich Sie nicht verlassen,« sagte er, »und doch ist's schade, wackere Männer um nichts und wieder nichts zu opfern.«

»Die Kanoes werden aber ohnehin nur knapp für die Frauen und Kinder ausreichen,« rief Theuriet. »Es sind nur zwei große und vier kleine da.«

»Das entscheidet natürlich,« sagte Catinat. »Aber wer soll die Frauen rudern?«

»Es sind den Strom hinab nur ein paar Meilen, und alle unsre Weiber verstehen, das Ruder zu handhaben.«

Die Irokesen verhielten sich jetzt ganz ruhig, nur ein gelegentlicher Schuß von den Bäumen oder hinter den Palissaden hervor bewies, daß sie noch da waren. Sie hatten schwere Verluste gehabt und waren nun wohl damit beschäftigt, ihre Toten zu begraben und über ihr weiteres Verfahren zu beraten.

Inzwischen war die Sonne hinter den Baumwipfeln jenseit des Flusses hinabgesunken und die Dämmerung hereingebrochen. Die Führer postierten einen Wächter an jedes Fenster und gingen nach der Rückseite des Hauses, wo die Kanoes am Ufer lagen. Nach Norden zu schien keine Spur eines Feindes auf dem Flusse vorhanden zu sein.

»Es ist ein Glück,« sagte Amos, »daß der Himmel sich bezieht. Es wird bald dunkel sein.«

»Es ist allerdings ein glücklicher Zufall, denn vor drei Tagen hatten wir Vollmond,« antwortete du Lhut. »Mich wundert's doch, daß die Irokesen uns nicht auch zu Wasser abgeschnitten haben; es kann aber sein, daß ihre Kanoes nach Süden gerudert sind, um mehr Krieger herbei zu holen. Sie können aber bald zurückkommen, wir sollten keinen Augenblick verlieren.«

»In einer Stunde wird es dunkel genug sein zur Abfahrt,« meinte Amos.

»Ich glaube, die Wolken bringen Regen, der wird es noch dunkler machen,« sagte Ephraim.

Die Weiber und Kinder wurden versammelt und jedem sein Platz in den Booten angewiesen. Die Frauen der Zinsbauern, wetterhart und rauh, wie sie waren, da ihr Leben unter dem Schatten einer fortwährenden Gefahr stand, betrugen sich gefaßt und ruhig, obgleich ein paar der jüngeren leise wimmerten. Ein Weib ist stets mutiger, wenn sie ein Kind neben sich hat und in der Sorge darum sich selbst vergessen muß; deshalb wurde jeder verheirateten Frau eins in besondere Obhut gegeben, bis sie das Fort erreicht haben würden. Der Befehl über die Weiberflottille wurde Onega, der indianischen Gattin des Freiherrn, anvertraut, die so vorsichtig und vielerfahren war, wie ein Kriegshäuptling ihres Volkes.

»Es ist nicht weit, Adèle,« sagte Catinat, als seine Frau sich an seinem Arm festklammerte. »Erinnerst du dich an das Angelusläuten, als wir durch den Wald hierher kamen? Das war Fort St. Louis, und es ist nur ein paar Meilen entfernt.«

»Aber ich möchte dich nicht verlassen, Amory. Wir sind in aller Not bisher zusammen geblieben. O Amory, warum sollen wir uns jetzt trennen?«

»Mein süßer Liebling, ihr werdet im Fort berichten, daß wir in Not sind, und die dortige Besatzung wird uns zu Hilfe kommen.«

»Laß das die andern thun, ich will hier bleiben. Ich werde nicht unnütz sein, Amory. Onega hat mich gelehrt, eine Büchse zu laden. Ich werde nicht furchtsam sein, wirklich, wirklich nicht, wenn du mir nur erlaubst, hier zu bleiben.«

»Du mußt mich nicht darum bitten, Adèle. Es ist unmöglich, Kind. Ich darf dich nicht hier behalten.«

»Aber ich fühle ganz deutlich, es würde besser sein.«

Der gröbere Verstand des Mannes hat es noch immer nicht gelernt, die feinen Instinkte zu würdigen, die das Weib leiten. Catinat redete ihr vernünftig zu und ermahnte sie, bis sie schwieg, obgleich sie nicht überzeugt war.

»Thu's um meinetwillen, Geliebte! Du weißt nicht, was für eine Last mir vom Herzen fallen wird, wenn ich weiß, daß du in Sicherheit bist. Um mich brauchst du dich nicht zu sorgen. Wir können den Platz mit Leichtigkeit bis morgen halten. Dann wird der Entsatz vom Fort kommen, denn, wie ich höre, sind sie dort reichlich mit Kanoes versehen. Und dann sehen wir uns wieder!«

Adèle schwieg, drückte aber ihre Hände fester auf seinen Arm. Ihr Gemahl bemühte sich noch, sie zu beruhigen, als der dem Fluß zugewendete Wachtposten laut aufstöhnte.

»Ein Kanoe auf dem Strom – von Norden her!« meldete er.

Die Belagerten blickten einander trübe an. Also hatten die Irokesen ihnen doch den Rückzug abgeschnitten.

»Wie viel Krieger sind darin?« fragte der Seigneur.

»Ich kann's nicht sehen. Es ist finster, und das Boot fährt im Schatten des Ufers.«

»Welche Richtung nimmt es?«

»Auf uns zu. Aha, jetzt schießt es ins Helle heraus, und ich kann es deutlich sehen. Gott der Herr sei gelobt! Wenn ich bis nächsten Sommer lebe, sollen zwölf Kerzen im Dom zu Quebec brennen!«

»Was gibt's denn?« rief de la Roue ungeduldig.

»Es ist kein Irokesenkanoe! Es ist nur ein Mann darin! Es ist ein Kanadier!«

»Ein Kanadier!« rief du Lhut und eilte ans Fenster. »Wer anders als ein Tollhäusler würde sich allein in dies Hornissennest wagen? Ja, ich sehe ihn. Er hält sich dem Ufer fern, um ihre Kugeln zu vermeiden. Jetzt ist er mitten im Strom und hält auf uns zu. Meiner Treu, der gute Pater hat nicht zum erstenmale ein Ruder gehandhabt!«

»Es ist ein Jesuit!« sagte ein Zinsbauer und reckte den Hals, um besser zu sehen. »Die sind immer da, wo die Gefahr am größten ist.«

»Nein, nein, ich kann seine Kaputze sehen,« rief ein anderer. »Es ist ein Franziskaner!«

Gleich darauf knirschte das Kanoe beim Anfahren auf den Uferkieseln, das Thor wurde aufgeriegelt, und ein Mann in dem langen, braunen Gewande der Brüder des heiligen Franz von Assisi trat rasch herein. Er warf einen hastigen Blick umher, trat dann zu Catinat und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»So sind Sie mir also doch nicht entwischt!« sagte er. »Wir haben den Schlangensamen aufgefangen, ehe er noch Wurzel schlagen konnte.«

»Was meinen Sie, Vater?« fragte der Seigneur. »Sie sind im Irrtum. Dies hier ist mein guter Freund, Amory von Catinat, von altem französischem Adel.«

»Es ist Amory von Catinat, der Ketzer und Hugenott,« rief der Mönch. »Ich bin ihm den St. Lorenz hinauf gefolgt, ich bin ihm an den Richelieu gefolgt, und ich würde ihm bis ans Ende der Welt gefolgt sein, um ihn zurückzuholen.«

»Ihr Eifer führt Sie zu weit, Vater,« sagte der Seigneur. »Was wollen Sie denn mit meinem Freunde machen?«

»Er soll mit samt seinem Weib nach Frankreich zurückgebracht werden. In Kanada ist kein Raum für Ketzer!«

Du Lhut lachte. »Bei der heiligen Anna, Vater,« sagte er, »wenn Sie uns jetzt alle auf einmal nach Frankreich versetzen könnten, würden wir Ihnen höchlichst verpflichtet sein.«

»Erinnern Sie sich überdies,« fügte de la Roue streng hinzu, »daß Sie unter meinem Dache sind, und daß Sie von meinem Gast sprechen.«

Der Mönch ließ sich indessen von dem Stirnrunzeln des alten Edelmannes nicht einschüchtern.

»Sehen Sie hier,« sagte er und zog ein Blatt Papier aus seiner Kutte. »Es ist vom Gouverneur unterzeichnet und befiehlt Ihnen im Namen des Königs, diesen Mann nach Quebec zurückzubringen. Ach, mein Herr, als Sie mich an jenem Morgen auf der Insel zurückließen, da dachten Sie wohl kaum, daß ich nach Quebec zurückkehren, mir dies verschaffen und Sie hundert Meilen den Fluß hinauf verfolgen würde? Aber ich habe Sie jetzt, und werde Sie nicht verlassen, bis ich Sie an Bord des Schiffes sehe, das Sie und Ihre Frau nach Frankreich zurückbringt.«

Trotz all der bitteren Rachgier, die aus den Augen des Mönches funkelte, konnte Catinat nicht umhin, die Zähigkeit und Energie des Mannes zu bewundern.

»Mir scheint, Vater, daß Sie als Soldat mehr geglänzt haben würden, denn als Jünger Christi,« sagte er; »da Sie uns nun aber einmal bis hierher gefolgt sind, und wir nicht fort können, so wollen wir diese Frage einstweilen auf später vertagen.«

Aber die beiden Amerikaner waren weniger geneigt, die Sache so friedlich aufzufassen. Ephraim Savages Bart sträubte sich zornig, und er flüsterte Amos etwas ins Ohr.

»Der Kapitän und ich, wir wollten ihn schon los werden,« sagte der junge Waldläufer, Catinat beiseite ziehend. »Wenn er durchaus unsern Pfad kreuzen will, soll er auch dafür bezahlen.«

»Nein, nein, nicht um die Welt, Amos! Laß ihn in Ruhe! Er thut nach seinen Begriffen seine Pflicht. Freilich, ich meine auch, sein Glaube ist größer als seine Nächstenliebe. Aber es fängt an zu regnen, und jetzt ist's doch gewiß dunkel genug, daß die Boote auslaufen können.«

Ein großes, finsteres Gewölk bedeckte das ganze Himmelsrund, und es war so plötzlich Nacht geworden, daß sie kaum den Fluß vor sich schimmern sehen konnten. Die Wilden im Walde und hinter den Palissaden waren ruhig. Sie feuerten nur von Zeit zu Zeit einen Schuß ab. Aber aus den Bauernhütten drang ein gellendes Geheul herüber, ein Zeichen, daß die Sieger beim Plündern waren. Plötzlich begann ein düsterroter Schein über einem der Dächer emporzuleuchten.

»Sie haben es angesteckt!« rief du Lhut. »Die Kanoes müssen fort, denn der Fluß wird bald tageshell sein. Kein Augenblick ist zu verlieren!«

Zum Abschiednehmen blieb keine Zeit. Ein heißer Kuß, und Adèle wurde hinweggerissen und in das kleinste Kanoe gehoben, das sie mit Onega, zwei Kindern und einem jungen Mädchen teilte. Die andern stürzten an ihre Plätze, in wenigen Sekunden waren sie abgestoßen und bald darauf im sturmgepeitschten Regen und in der Dunkelheit verschwunden. Die große Wolke hatte sich gesenkt, der Regen strömte klatschend auf das Dach und schlug den Zurückgebliebenen ins Gesicht, während sie eifrig den fliehenden Booten nachschauten.

»Gott sei gedankt für dieses Unwetter!« murmelte du Lhut, »es wird verhindern, daß die Hütten zu rasch aufflammen!«

Aber er hatte vergessen, daß, obgleich die Dächer naß wurden, das Innere trocken war wie Zunder. Die Worte waren auch kaum seinen Lippen entflohen, als eine riesige gelbe Flammenzunge aus einem der Fenster herausleckte, und noch eine, und wieder eine, bis plötzlich das halbe Dach einstürzte und die Hütte lichterloh brannte, wie eine Theertonne. Der Regen zischte und sprudelte auf den Flammen, aber diese empfingen von unten immer neue Nahrung. Wilder und höher stiegen sie empor, röteten die Bäume und verwandelten die nassen Stämme in poliertes Kupfer. Die Einfriedigung und das Herrenhaus waren taghell beleuchtet, und ebenso deutlich sah man die ganze Ausdehnung des Stromes. Ein entsetzliches Geheul vom Walde her verkündete, daß die Wilden die Kanoes entdeckt hatten, die auch von den Fenstern in kaum einer Viertelmeile Entfernung deutlich sichtbar waren.

»Sie rennen durch den Wald – sie stürzen nach dem Ufer!« rief Catinat.

»Sie haben dort ihre Kanoes,« sagte du Lhut.

»Aber sie müssen bei uns vorbei!« rief der Seigneur von Sainte Marie. »An die Kanonen – und bohrt sie in den Grund!«

Kaum hatten sie die Kanonen erreicht, als zwei mit Kriegern bemannte große Kanoes aus dem Schilf oberhalb des Forts hervorschossen. Sie hielten auf die Strömung inmitten des Flusses zu und begannen dann wie toll hinter den Flüchtlingen drein zu rudern.

»Jean, du bist unser bester Schütze,« rief de la Roue. »Ziele auf sie, wenn sie an der großen Tanne vorüber kommen. Lambert, du an die andere Kanone. Das Leben von allem, was ihr liebt, hängt vielleicht von diesem Schusse ab!«

Die beiden graubärtigen Artilleristen richteten ihre Geschütze und warteten, daß die Kanoes ihnen schußgerecht kamen. Das Feuer flammte höher und höher, und der breite Fluß lag wie eine mattglänzende Metallfläche da, inmitten welcher zwei dunkle Streifen die Kanoes bezeichneten, die rasch hinabflogen. Das eine war dem andern um fünfzig Meter voraus, aber in jedem bogen sich die Indianer über ihre Riemen und holten mit wütender Kraft aus, während ihre Genossen von dem bewaldeten Ufer her sie mit gellendem Geheul zu immer neuer Anstrengung anfeuerten. Die Flüchtlinge aber waren jetzt um eine Biegung des Flusses verschwunden.

Als das erste Kanoe in die Schußlinie der einen Kanone kam, schlug der Kanadier ein Kreuz über das Zündloch und gab Feuer. Ein Freudenschrei entrang sich den Zuschauern, dem aber gleich darauf ein Stöhnen folgte. Die Ladung war dicht neben dem Ziel aufgeschlagen und hatte das Boot mit solch einem Wasserschwall überschüttet, daß es einen Augenblick den Anschein gewann, als sänke es. Gleich darauf jedoch, als sich die Wogen glätteten, schoß das Kanoe unverletzt davon, bis auf einen, der Ruderer, der seinen Riemen hatte fahren lassen und mit dem Kopf auf die Schulter seines Vordermannes gesunken war. Der zweite Kanonier richtete sein Geschütz auf das näher kommende Kanoe, aber im selben Augenblick, wo er feuern wollte, pfiff eine Kugel von den Palissaden herüber, und er fiel, ohne einen Laut, tot zu Boden.

»Von dieser Arbeit hier versteh' ich was, Kinder,« sagte der alte Ephraim Savage und sprang plötzlich vor. »Aber wenn ich ein Geschütz abfeure, so mag ich's gern selbst richten. Helft mir mit der Hebestange – geradeaus nach dem Inselchen dort! So! Noch ein bißchen tiefer für den geraden Kiel! Nun kriegen wir sie!« Er schlug auf den Zünder und feuerte.

Es war ein meisterhafter Schuß. Das Kanoe bekam die volle Ladung ungefähr sechs Fuß hinter dem Bug und zerkrachte wie eine Eierschale. Ehe der Rauch verflog, war es gesunken, und das inzwischen herangekommene zweite Kanoe hielt an, um einige der Verwundeten aufzunehmen. Die übrigen, im Wasser ebenso zu Hause wie in den Wäldern, schwammen schon der Küste zu.

»Rasch, rasch!« rief der Seigneur. »Ladet die Kanone noch einmal! Vielleicht kriegen wir auch noch das zweite!«

Aber es sollte nicht sein. Lange, ehe sie damit zu stande kamen, hatten die Irokesen ihre wunden Krieger aufgefischt und ruderten in wilder Eile den Strom hinab. Zugleich erlosch jetzt plötzlich das Feuer in den brennenden Hütten; Regen und Finsternis umgaben sie von neuem.

»Mein Gott!« rief Catinat außer sich, »sie werden sie einholen! Können wir nicht ein Boot nehmen und ihnen folgen? Kommt! Kommt! Wir dürfen keinen Augenblick verlieren.«

»Mein Herr, Sie gehen in Ihrer sehr begreiflichen Sorge zu weit,« sagte der Freiherr kalt. »Ich bin nicht willens, meinen Posten so leicht zu verlassen.«

»Ach, was ist Holz und Stein! Das kann wieder aufgebaut werden! Aber denkt an die Frauen in den Händen dieser Teufel! O ich werde rasend! Kommt, kommt, um Christi willen, kommt!«

Sein Antlitz war totenblaß; wie ein Wahnsinniger streckte er seine geballten Fäuste zum Himmel empor.

»Ich glaube nicht, daß sie eingeholt werden,« sagte du Lhut und legte beschwichtigend die Hand auf seine Schulter. »Fürchten Sie nichts. Sie hatten einen guten Vorsprung, und unsre Weiber können ebenso gut rudern, wie die Männer. Zudem war das Irokesenkanoe gleich von Anfang an etwas überfüllt und hat nun auch noch die Verwundeten bei sich. Außerdem sind die Eichenkanoes der Irokesen nicht so flink, wie die Barken aus Birkenrinde, die wir gebrauchen. Jedenfalls ist es uns unmöglich zu folgen, denn wir haben kein Boot.«

»Da liegt noch eins.«

»Das hat nur Raum für einen Mann. Es ist das, in dem der Mönch kam.«

»Dann nehme ich das! Mein Platz ist bei Adèle!«

Er stieß die Thür auf und wollte eben das schwanke Fahrzeug vom Lande stoßen, als jemand an ihm vorbei sprang und mit einem Beilhieb den Bug zerschmetterte.

»Es ist mein Boot,« sagte der Mönch, warf die Axt zu Boden und kreuzte die Arme. »Ich kann damit thun, was mir gefällt.«

»Du Teufel! Du bringst uns ins Verderben!«

»Ich habe dich gefunden, und du sollst mir nicht wieder entkommen!«

Das Blut stieg Catinat heiß zu Kopfe. Er raffte die Axt auf und trat einen Schritt vorwärts. Das Licht aus der offenen Hausthür fiel auf das ernste, harte Gesicht des Mönches. Keine Muskel zuckte, kein Zug veränderte sich, als er sah, wie die Hand des Wütenden die Axt emporschwang. Er bekreuzte sich nur und murmelte leise ein lateinisches Gebet. Diese Ruhe rettete ihm das Leben. Catinat ließ mit einem bitteren Fluch die Axt fallen und wandte sich von dem zertrümmerten Boote hinweg, als im selben Augenblick die große Thür des Herrenhauses aus ihren Angeln gehoben nach innen stürzte und eine Flut heulender Wilder in das Haus einbrach.

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