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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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XII. Der Tod klopft an.

Der Tag begann eben zu dämmern, als die vier Genossen durch das Thor der Palissadenschanze traten; aber so früh es auch war, fanden sie doch schon sämtliche Zinsbauern und ihre Familien auf den Beinen, um nach dem mächtigen Feuer auszuschauen, das nach Süden zu wütete. Catinat drängte sich durch die Menge und stürzte nach oben zu Adèle, die ihm hinunter entgegenflog. Auf der Treppe trafen sie einander und fielen sich mit solchen fast unartikulierten Wonnelauten in die Arme, wie sie nur die wahre, ungeschriebene Sprache der Liebenden kennt. Einander umschlungen haltend, stiegen sie vollends die große Steintreppe empor und betraten die große Halle, von deren Fenstern der alte de la Roue mit seinem Sohne das düster-prächtige Schauspiel betrachtete.

»Ei, Herr von Catinat,« sagte der alte Edelmann mit hofmäßiger Verbeugung, »es freut mich ganz außerordentlich, Sie wieder sicher unter meinem Dache zu sehen, nicht allein um Ihrer selbst, sondern noch viel mehr um der schönen Augen Ihrer Gemahlin willen, die – wenn sie einem alten Manne gestatten will, das zu sagen – zu schade sind, um durch solch unablässiges Hinausspähen nach einem gewissen Jemand, der vom Walde her kommen sollte, überangestrengt zu werden. Sie haben vierzig Meilen zurückgelegt, Herr von Catinat, und sind ohne Zweifel hungrig und müde. Sobald Sie sich wieder erholt haben, bitte ich mir meine Revanche im Piquet aus, denn neulich abend fielen meine Karten gar zu ungünstig!«

Du Lhut war Catinat auf den Fersen gefolgt und übernahm die Erwiderung.

»Sie werden ein anderes Spiel spielen müssen, Herr von Sainte Marie,« sagte er. »Sechshundert Irokesen liegen im Walde und rüsten sich zum Sturm auf Ihr Schloß.«

»Sachte, sachte, eine Hand voll Wilder braucht uns doch in unsern häuslichen Gewohnheiten nicht zu stören,« meinte der Schloßherr. »Ich muß Sie bitten, es zu entschuldigen, mein lieber Catinat, daß Sie wahrend Ihres Aufenthaltes auf meinen Gütern von diesen Strolchen beunruhigt werden. Um wieder auf das Piquet zurückzukommen, so muß ich Ihnen doch gestehen, daß ich Ihre Art, den Buben und den König auszuspielen, für sehr glänzend, aber nicht für sicher halte. Als ich letzthin ein Spielchen mit de Launes von Poitou machte –«

»De Launes von Poitou ist nebst all seinen Leuten massakriert,« unterbrach ihn du Lhut. »Das Blockhaus ist ein qualmender Trümmerhaufen.«

Der Seigneur zog die Augenbrauen in die Höhe, nahm eine Prise und klopfte auf den Deckel seiner runden, goldnen Dose. »Ich habe ihm oft gesagt, sein Fort würde genommen werden, wenn er nicht die Ahornbäume wegnähme, die bis dicht an die Mauern standen. Alle tot, sagten Sie?«

»Mann für Mann.«

»Und das Fort niedergebrannt?«

»Nicht ein Pfahl ist stehen geblieben.«

»Haben Sie die Hallunken gesehen?«

»Wir sahen zuerst die Spuren von hundertundfünfzig, dann setzten hundert in Kanoes über, und schließlich kam ein Zug von vierhundert Kriegern unter dem flämischen Bastard an uns vorüber. Ihr Lager befindet sich fünf Meilen stromab am Fluß, es können nicht weniger als sechshundert sein.«

»Sie haben Glück gehabt, daß Sie ihnen entkommen sind.«

»Sie aber hatten nicht das Glück, uns zu entkommen. Wir haben den braunen Elennhirsch und seinen Sohn erschlagen, dann steckten wir den Wald in Brand und vertrieben sie aus ihrem Lager.«

»Vorzüglich, ganz vorzüglich!« rief der alte Herr und klopfte in die wohlgepflegten Hände. »Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht, du Lhut! – Sie sind jetzt wohl sehr erschöpft?«

»Ich bin nicht so leicht erschöpft. Ich bin ganz bereit, denselben Weg noch einmal zu machen.«

»Dann suchen Sie sich wohl ein paar Leute aus und sehen noch mal im Walde nach, was die Schufte jetzt treiben.«

»In fünf Minuten bin ich bereit.«

»Vielleicht würdest du gern mitgehen, Achille?«

Die dunklen Augen in dem Indianergesicht seines Sohnes funkelten in wilder Freude. »Ja, ich gehe mit,« erwiderte er.

»Sehr gut. Wir andern wollen in eurer Abwesenheit die nötigen Vorbereitungen treffen. Gnädige Frau, Sie werden diese kleinen Belästigungen verzeihen, die das Vergnügen Ihres Aufenthaltes bei uns beeinträchtigen. Wenn Sie mir ein andermal die Ehre Ihres Besuches schenken, wird hoffentlich mein Besitztum von diesem Otterngezücht gesäubert sein. Wir haben hier gewisse Vorteile. Der Richelieu ist ein besserer Fischteich und der Urwald ein ergiebigeres Jagdgehäge, als es der König sich rühmen kann zu besitzen. Anderseits haben wir ja auch so unsre kleinen Nöte, wie Sie sehen. Jetzt muß ich mich bei Ihnen beurlauben, da verschiedene Anordnungen meine Aufmerksamkeit erfordern. Sie sind ja ein erfahrener Soldat, Catinat, Ihr Rat wird mir willkommen sein. Onega, reiche mir mein Spitzentaschentuch und meinen Bernsteinstock und sorge für die gnädige Frau, bis ihr Gemahl und ich zurückkommen.«

Mittlerweile war es heller Tag geworden, der viereckige umpfählte Hof war voll geängstigter Leute, die soeben die Schreckenskunde erfahren hatten. Die meisten Zinsbauern waren ehemalige Soldaten und Trapper, die mehr als einen Indianerkrieg mitgemacht hatten und deren gebräunte Gesichter und kühne Mienen von einem Leben in Kampf und Gefahr Zeugnis gaben. Sie waren Söhne eines Geschlechtes, das mit wechselndem Erfolge mehr Pulver verschossen hat, als irgend ein anderes Volk der Erde. Wie sie so da standen, in Gruppen verteilt, die Lage besprachen und ihre Waffen untersuchten, hätte kein Kriegsherr der Welt sich furchtlosere und kriegstüchtigere Mannen wünschen können. Die Weiber dagegen liefen blaß und atemlos hin und her zwischen dem Hof und den freiliegenden Häusern. Auf dem Rücken schleppten sie ihre beste bewegliche Habe, die Kinder zerrten sie hinter sich drein. All diese Eile und Verwirrung, das Kindergeschrei, das Abwerfen der Bündel und Zurückstürzen nach weiteren Besitzstücken bildeten einen schroffen Gegensatz zu der friedlichen Ruhe und Schönheit des Waldes rund umher, der im hellsten Sonnenlicht strahlte. Die feenhafte Pracht des bunten Laubwerks berührte eigentümlich, wenn man sich klar machte, daß Mordlust und Blutdurst ungefesselt hinter dieser wunderlieblichen Außenseite ihr Wesen trieben.

Die Kundschafter unter du Lhuts und Achille de la Roues Führung waren schon fort, und auf Befehl des Schloßherrn wurden jetzt die beiden Thore mit ungeheuren eichenen Balken und eisernen Riegeln verwahrt. Die Kinder wurden unter der Aufsicht einiger Frauen im Vorratskeller untergebracht, die übrigen Weiber teils zum Handhaben der Feuereimer, teils zum Laden der Musketen angestellt. Die Männer – zweiundfünfzig im ganzen – passierten zuerst eine Musterung und wurden dann auf ihre Posten an den Palissaden verteilt. Auf einer Seite reichte die Verschanzung bis dicht an den Fluß; ein großer Vorteil für die Besatzung, die nicht nur diese Front nicht zu verteidigen hatte, sondern auch mittels eines Strickes und Eimers stets frisches Wasser haben konnte. Sämtliche Boote und Kanoes von Sainte Marie lagen am Ufer dicht unter der Mauer und waren unschätzbar als letzte Zuflucht, wenn alles übrige mißlänge. Das nächste Fort Saint Louis lag nur wenige Meilen stromab, und de la Roue hatte schon einen schnellen Boten dorthin geschickt, um seine gefährdete Lage zu melden. Kam es zum Äußersten, so konnten sie sich immer dorthin zurückziehen.

Daß es sehr leicht zu diesem Äußersten kommen konnte, entging einem so erfahrenen Waldläufer, wie Amos Green, nicht. Er hatte Ephraim in tiefem Schlafe schnarchend verlassen und machte nun, seine Pfeife rauchend, die Runde um die Verteidigungsanstalten. Er untersuchte mit kritischen Blicken jede darauf bezügliche Einzelheit. Die Palissaden waren sehr stark, neun Fuß hoch, und bestanden aus dicken, für Flintenkugeln undurchdringlichen Eichenpfählen. Auf halber Höhe waren Schießscharten – lange schmale Ritzen – für die Verteidiger angebracht. Anderseits aber waren die Bäume, welche dem Angriff eine Deckung boten, kaum hundert Meter entfernt; auch war die Garnison so schwach, daß nur zwanzig Mann auf jede Front kamen. Amos kannte die Tollkühnheit und den Wagemut der indianischen Krieger, ihre Listen und Erfindungskünste, und sein Antlitz umdüsterte sich, wenn er an die zarte, junge Frau dachte, die unter ihrem Schutze bis hierher gelangt war, und an all die anderen Weiber und Kinder, die er sich in das Fort hatte drängen sehen.

»Wäre es nicht besser, sie den Fluß hinabzusenden?« schlug er dem Seigneur vor.

»Ich thäte es nur zu gern, Herr Green. Vielleicht, wenn wir dann noch leben, thue ich es heute abend, falls der Himmel bedeckt sein sollte. Augenblicklich kann ich aber die nötige Eskorte nicht missen, und ohne Schutz darf ich sie dem Strom nicht anvertrauen, da wir ja wissen, daß irokesische Kanoes ihn unsicher machen und irokesische Kundschafter an den Ufern entlang streifen.«

»Sie haben recht. Es wäre Wahnsinn.«

»Ich habe Sie nebst Ihren Freunden und fünfzehn Mann für die Ostseite bestimmt. Herr von Catinat, wollen Sie das Kommando übernehmen?«

»Sehr gern.«

»Ich übernehme die Südfront, da sie mir am gefährdetsten zu sein scheint. Du Lhut mag die Nordseite befehligen, und fünf Mann müssen zur Beobachtung des Flusses ausreichen.«

»Sind wir mit Pulver und Proviant versehen?«

»Mehl und Spickaal ist genug da, um diese Belagerung durchzuhalten. Grobe Kost allerdings, mein Herr, aber bei Ihren Feldzügen in Holland werden Sie es erfahren haben, mein werter Freund, daß ein Schluck Grabenwasser nach einem Gefecht besser schmeckt, als daheim der blaugesiegelte Frontignac, den Sie mir neulich leeren halfen. Was Pulver anbetrifft, so lagern hier große Vorräte für den Handel, die wir verbrauchen können.«

»Haben wir noch Zeit, ein paar von jenen Bäumen zu fällen?« fragte Catinat.

»Unmöglich! Sie würden, umgehauen, den Feinden nur eine noch bessere Deckung gewähren,«

»Wenigstens könnte ich doch das Buschwerk ausroden lassen, dort um die kleine Birke da, halbwegs zwischen der Ostfront und dem Waldessaum. Das bietet ihren Plänklern eine vorzügliche Deckung.«

»Ja, das muß unverzüglich niedergebrannt werden.«

»Nicht doch, damit läßt sich noch etwas Besseres anfangen,« meinte Amos. »Wir könnten ihnen dort eine Falle stellen. Wo ist das Pulver, davon Sie sprachen?«

»Theuriet, der Hausmeister, teilt eben im Hauptmagazin Pulver aus.«

»Sehr gut.«

Amos verschwand nach oben und kehrte binnen kurzem mit einem Leinewandsack zurück. Diesen füllte er mit Pulver, warf ihn über die Schulter und trug ihn nach dem vorerwähnten Gebüsch, legte ihn dicht an das Birkenstämmchen und schnitt genau oberhalb der Stelle ein Stückchen Rinde aus. Dann ordnete er welkes Laub und grüne Zweige so sorgfältig über dem Sack, daß er wie ein harmloser, kleiner Erdhügel aussah. Nachdem er so alles zu seiner eignen Zufriedenheit vorbereitet hatte, kletterte er über die Palissade und sprang auf der anderen Seite hinunter.

»Jetzt ist, denke ich, alles zu ihrem Empfange bereit,« sagte der Seigneur. »Zwar hätte ich gewünscht, die Frauen und Kinder wären an einem sichereren Orte; wenn aber alles gut geht, können wir sie ja immer noch heute abend zu Wasser fortschicken. Hat niemand etwas von du Lhut gehört?«

»Jean hat das feinste Gehör von uns allen, Ew. Gnaden,« meldete ein Mann neben der Messingkanone an der Ecke, »und er meint, er hätte vor einigen Minuten schießen gehört.«

»Dann ist er auf sie gestoßen. Etienne, nimm zehn Mann und geh bis zur dürren Eiche, um ihren Rückzug zu decken, aber unter keiner Bedingung auch nur einen Schritt weiter. Ich bin so schon zu knapp daran. Lieber Catinat, möchten Sie nicht vielleicht erst ausschlafen?«

»Nein, es wäre mir unmöglich, zu schlafen.«

»Hier unten ist augenblicklich nichts mehr für uns zu thun. Was meinen Sie zu einer Partie Piquet? Ein Spielchen wird uns die Zeit vertreiben.«

Sie gingen in die obere Halle. Adèle setzte sich neben ihren Gemahl, während die braune Onega in der Fensterbrüstung kauerte und scharf nach dem Walde ausspähte. Catinats Gedanken waren nicht bei den Karten, sie beschäftigten sich mit der drohenden Gefahr und mit der Frau, deren Hand auf der seinigen ruhte. Der alte Edelmann dagegen war ganz beim Spiel, fluchte halblaut, oder schmunzelte und kicherte, je nachdem das Glück hin und her schwankte. Plötzlich mitten in das Spiel hinein ertönten draußen zwei kurze, dumpfe Schläge.

»Es klopft jemand!« rief Adèle.

»Der Tod klopft an,« sagte die Indianerin am Fenster.

»Ja, ja, es waren zwei matte Kugeln, die gegen das Holz schlugen. Der Wind steht nach dem Walde, darum hörten wir den Knall nicht. Die Karten sind gemischt. Ich hebe ab, Sie sind am Geben. Ich hatte Capot.«

»Da kommen Männer aus dem Walde gelaufen!« rief Onega.

»Die Sache wird ernsthaft!« sagte der Schloßherr. »Wir wollen unser Spiel später beenden. Vergessen Sie nicht, daß Sie am Geben waren. Kommen Sie, wir wollen sehen, was es gibt.«

Catinat war bereits ans Fenster gestürzt. Du Lhut, der junge Achille de la Roue und acht Mann von den zu ihrer Deckung ausgesandten Leuten stürzten mit gesenkten Köpfen auf die Palissaden zu, deren offenes Thor sie erwartete. Hinter den Bäumen stiegen ab und zu kleine Rauchwölkchen auf. Ein Flüchtling, der weiße Hosen trug, fing plötzlich an zu hinken, und ein roter Fleck zeigte sich auf dem weißen Zeuge. Zwei Kameraden faßten ihn unter die Arme, und die drei eilten zusammen durch die Pforte, die hinter ihnen zuschlug. Im nächsten Augenblick blitzte und donnerte die große Messingkanone von der Ecke her; der ganze Waldessaum hüllte sich in Pulverdampf, und ein Kugelregen klapperte gegen die hölzerne Mauer, wie Hagel gegen eine Fensterscheibe.

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