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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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XI. Die Bluthunde.

Der Schlag kam so unerwartet, daß selbst du Lhut, der doch von Kindesbeinen an durch alle nur denkbaren Schrecknisse und Gefahren abgehärtet war, erschüttert und bestürzt einen Augenblick stehen blieb. Dann eilte er mit einem Fluch auf die Reihe der stillen Gestalten zu, und seine Gefährten folgten ihm auf den Fersen.

Als sie näher kamen, erkannten sie durch das dämmerige Dunkel, daß es doch keine vollständige Reihe war. Ein schweigsamer und regungsloser Offizier stand etwa zwanzig Schritt vor seinen stillen und regungslosen Mannschaften. Ferner bemerkten sie, daß er eine sehr hohe, eigentümliche Kopfbedeckung trug. Atemlos und voll böser Ahnungen stürzten sie vorwärts, da begann zu ihrem Entsetzen dieser Kopfputz sich zu recken und auszubreiten – ein großer Vogel erhob sich mit schwerfälligem Flügelschlage und ließ sich auf dem nächsten Baume nieder. Sie sahen ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt – es war die Garnison von Poitou, welche vor ihnen stand.

Einige zwanzig Männer waren mit Weidenzweigen an niedrige Pfähle festgeschnürt und die nackten Leichname in die ungeheuerlichsten Formen verdreht und zusammengekrampft, die nur ein gemarterter Körper annehmen kann. Vornan, wo der Raubvogel gehockt, stand der greise Kommandant, zwei verglimmte Kohlen in den Augenhöhlen. Das Fleisch hing ihm vom Leibe, wie die Lumpen eines Bettlerkittels. Dahinter standen seine Leute in Reih und Glied, mit bis zum Knie verkohlten Beinen und so zerfleischten, versengten und zerbrochenen Leibern, daß die Weidenruten allein sie zusammenhielten. Eine Sekunde lang stierten die vier Genossen in wortlosem Entsetzen auf die fürchterliche Gruppe. Dann folgte jeder seinem besonderen Impulse.

Catinat schwankte bis zu einem Baum und stützte, von Grausen geschüttelt, den Kopf auf den Arm. Du Lhut fiel auf die Knie, schüttelte wild die geballten Fäuste und rief abgebrochene Worte zum klaren Nachthimmel empor. Ephraim Savage untersuchte die Ladung seiner Flinte mit zusammengekniffenem Munde und blitzendem Auge, während Amos Green sich lautlos im Kreise zu bewegen begann, um die Fährte zu suchen.

Im nächsten Augenblick sprang aber du Lhut wieder auf, lief hin und her wie ein Schweißhund und entdeckte hundert Kleinigkeiten, die selbst Amos übersehen hatte. Wieder und wieder umkreiste er die Leichname. Nun lief er eine Strecke am Waldsaume entlang, dann wieder zurück zu den verkohlten Ruinen des Blockhauses, von wo noch immer ein leichter Rauch aufstieg.

»Von den Frauen und Kindern ist nichts zu sehen,« sagte er.

»Mein Gott! Waren auch Frauen und Kinder da?« rief Catinat.

»Die Kinder heben sie auf,« erklärte du Lhut, »um sie nachher mit Muße in den Dörfern zu verbrennen. Die Frauen martern sie entweder auch, oder nehmen sie in ihre Wigwams, wenn sie ihnen gefallen. Aber was will nur der alte Mann?«

»Ich möchte ihn fragen, Amos,« sagte der Seemann, »warum wir hier herumkreuzen, während wir doch alle Segel beisetzen müßten, um sie einzuholen.«

Du Lhut lächelte kopfschüttelnd »Ihr Freund ist ein tapferer Mann, da er meint, man könne, nur vier Mann hoch, an die hundertfünfzig verfolgen.«

»Sage ihm, Amos, des Herrn Hand wird mit uns sein wider die Söhne Jerobeams, wir werden sie niedermachen, und sie werden ausgerottet werden. Was heißt auf Französisch ›rotte sie aus und schone ihrer nicht?‹ – Man könnte ebenso gut mit verbundenem Maul herumlaufen, als unter Leuten leben, die eine deutliche Sprache nicht verstehen!«

Aber du Lhut antwortete nicht weiter auf des Alten Vorschläge. »Jetzt gilt's Vorsicht,« sagte er, »sonst büßen wir nicht nur den eignen Skalp ein, sondern haben auch noch sämtliche Insassen von Sainte Marie auf dem Gewissen.«

»Sainte Marie!« rief Catinat. »Ist denn Sainte Marie bedroht?«

»Freilich; sie sind jetzt im Wolfsrachen. Dies hier geschah vergangene Nacht. Eine Kriegerschar von hundertundfünfzig Mann erstürmte das Blockhaus. Heute früh zogen sie ab und zwar zu Fuß gen Norden. Den ganzen Tag hielten sie sich in den Wäldern zwischen Poitou und Sainte Marie versteckt.«

»Dann sind wir ja mitten durch sie hindurchgezogen!«

»Allerdings! Sie haben sich tags über im Lager aufgehalten und Kundschafter ausgeschickt. Der braune Elennhirsch und sein Sohn gehörten dazu, und fanden unsre Fährte. Heute nacht –«

»Heute nacht werden sie Sainte Marie angreifen!« rief Catinat entsetzt.

»Möglich! Dennoch scheint es mir kaum glaublich, daß sie es mit einer so kleinen Bande wagen sollten. Wir müssen so schnell als möglich zurück und unsre Freunde vor dem Anschlag warnen, der ihnen droht.«

So traten sie denn ihren mühseligen Rückmarsch an. Ihre Herzen waren zu voll, um auch nur einen Gedanken übrig zu haben für die zurückgelegten, oder die noch vor ihnen liegenden Meilen. Der alte Ephraim, der weniger ans Gehen gewöhnt war, als seine jüngeren Kameraden, hinkte schon auf wundgelaufenen Füßen, war aber trotz seiner Jahre von unermüdlicher Ausdauer und Zähigkeit. Du Lhut übernahm wieder die Führung, und sie wandten ihre Angesichter gen Norden.

Der Mond stand leuchtend am Himmel, half aber unsern Reisenden wenig unter dem dichten Blätterdach. Wo es bei Tage schattig gewesen, herrschte jetzt so dichte Finsternis, daß Catinat nicht einmal die Baumstämme sah, an denen er vorüberstrich. Hin und wieder kamen sie wohl an eine offne, vom Mondlicht übergossene Stelle, oder es zitterte ein feiner Silberstrahl zwischen den Zweigen hindurch und malte einen weißen Fleck auf den Rasen, aber du Lhut vermied diese freieren Stellen und umging die Lichtungen. Der Wind hatte sich erhoben, und das Rauschen und Säuseln des Laubes erfüllte die Luft. Nur dies eintönige, unaufhörliche Geräusch, nur hin und wieder der Schrei einer Eule hoch in den Baumwipfeln, oder ein Nachtfalter, der über ihren Köpfen schwirrte, unterbrach die Stille der Nacht.

Trotz der Finsternis schritt du Lhut ebenso schnell und sicher voran, wie vorhin im Sonnenschein, ohne auch nur einmal nach dem Pfade zu suchen. Doch merkten seine Begleiter bald, daß er sie einen andern Weg führte, als am Morgen, denn zweimal sahen sie den großen Strom links durch die Bäume schimmern, während sie zuvor nur seinen Nebenflüssen begegnet waren. Beim zweiten Male zeigte er ihnen eine Stelle weiter abwärts, wo dunkle Schatten über das Wasser glitten.

»Irokesen-Kanoes,« flüsterte er. »Zehn Stück, und in jedem acht Mann. Sie gehören zu einem andern Haufen und werden auch nordwärts gehen.«

»Woher wissen Sie, daß dies ein anderer Haufe ist?« fragte Catinat.

»Weil wir die Spur des ersten vor kurzem kreuzten.«

Catinat entsetzte sich fast vor diesem wunderbaren Manne, der im Schlaf hören konnte und eine Fährte entdeckte, wo gewöhnlichen Augen nicht einmal die Baumstämme sichtbar blieben. Nach einem kurzem Halt, um die Boote zu beobachten, kehrte du Lhut dem Fluß den Rücken und tauchte wieder in die Wälder. Sie mochten etwa zwei Meilen gegangen sein, als er plötzlich stehen blieb und in die Luft hinaus witterte, wie ein Jagdhund.

»Ich rieche brennendes Holz,« sagte er, »dort hinaus, keine Meile von uns brennt ein Feuer.«

»Ich kann es auch riechen,« meinte Amos, »wollen wir nicht hinschleichen und das Lager besehen?«

»Seid aber vorsichtig,« flüsterte du Lhut, »denn euer Leben hängt vielleicht an einem knickenden Ast.«

Sehr langsam und behutsam gingen sie weiter, bis plötzlich die rote Glut eines hellflackernden Holzfeuers zwischen den fernen Stämmen aufleuchtete. Leise wandten sie sich durch das Unterholz bis zu einem Punkte, von dem aus sie, ohne Gefahr gesehen zu werden, ihre Beobachtungen machen konnten.

Inmitten einer offenen Stelle schlug knisternd und funkensprühend eine gewaltige Lohe aus einem Haufen trockener Scheite. Die rote Flamme leckte brausend empor, und der Rauch schwebte und kräuselte sich darüber, daß es fast aussah, wie ein seltsamer Baum mit grauer Krone und feurigem Stamm. Aber kein lebendes Wesen war weit und breit zu sehen. Das ungeheure Feuer brüllte und züngelte in tiefster Einsamkeit mitten im schweigenden Urwalde. Sie krochen näher und näher, aber nichts regte sich, als die Flammen, nichts war zu hören, als das Krachen der Scheite.

»Sollen wir herangehen?« flüsterte Catinat.

Der vorsichtige alte Pionier schüttelte den Kopf.

»Es könnte eine Falle sein,« warnte er.

»Vielleicht ein verlassenes Lager?«

»Nein; es ist erst vor einer Stunde angezündet worden.«

»Außerdem ist es viel zu groß für ein Lagerfeuer,« sagte Amos.

»Wofür halten Sie es?« fragte du Lhut.

»Für ein Signal.«

»Ich glaube, Sie werden recht haben. Diese Helligkeit ist kein sicherer Nachbar, deshalb wollen wir uns seitwärts schlagen und dann in gerader Linie auf Sainte Marie zu!«

In kurzem waren die Flammen hinter ihnen zum bloßen glühenden Punkt geworden, der endlich auch zwischen den Bäumen verschwand. Du Lhut eilte rasch vorwärts, bis sie an den Rand einer mondhellen Lichtung kamen. Er wollte sie eben, wie gewöhnlich umgehen, doch plötzlich packte er Catinat bei der Schulter und zog ihn hinter einem Gebüsch zu Boden. Amos that mit Ephraim Savage das Gleiche.

Auf der gegenüberliegenden Seite des freien Platzes trat ein Mann aus dem Dunkel des Waldes. Er glitt schräg über denselben hin in der Richtung des Flusses. Sein Körper war vornübergeneigt und zusammengeduckt, wie der einer Katze, die zum Sprunge ansetzt, aber als er den Schatten der Bäume verließ, konnten die Freunde von ihrem Versteck aus erkennen, daß es ein indianischer Krieger in voller Kriegsbemalung mit Moccassins, Schurz und Flinte war. Dicht auf der Ferse folgte ihm ein zweiter, ein dritter und ein vierter und immer noch einer, bis es schien, als ob der Wald voller Männer wäre und die Reihe nie ein Ende nehmen würde. Wie Schatten glitten sie im Mondlicht vorüber, lautlos, verstohlen und rasch. Zu allerletzt kam ein Mann im gefransten Jagdrock und einer Mütze mit Federstutz auf dem Kopf. Er ging über den Platz, wie die anderen und, lautlos wie sie erschienen waren, verschwanden sie im Dunkel. Du Lhut wartete volle fünf Minuten, ehe er es für ratsam hielt, aus ihrem Versteck aufzustehen.

»Heilige Anna!« flüsterte er. »Habt ihr sie gezählt?«

»Dreihundertsechsundneunzig,« sagte Amos.

»Ich zählte vierhundertundzwei,« berichtete du Lhut.

»Und Sie glaubten, es seien nur hundertundfünfzig!« rief Catinat.

»Sie haben mich mißverstanden. Dies ist eine neue Bande. Die andern, die das Blockhaus stürmten, müssen dort drüben sein, denn ihre Fährte liegt zwischen uns und dem Flusse.«

»Es konnten gar nicht dieselben sein,« fügte Amos hinzu, »denn es war ja kein einziger, frischer Skalp an ihnen zu sehen.«

Du Lhut warf dem jungen Jäger einen beifälligen Blick zu.

»Auf mein Wort,« sagte er, »ich dachte nicht, daß es bei Ihnen so tüchtige Waldläufer gäbe. Sie haben scharfe Augen, Herr Green, und vielleicht freut Sie einst die Erinnerung daran, daß Greysolon du Lhut Ihnen das gesagt hat.«

Amos fühlte, wie er vor Freude rot wurde beim Lobspruche dieses Mannes, dessen Name rühmlichst bekannt war, so weit Händler und Jäger ihre Pfeife an Lagerfeuern rauchten. Er wollte eben etwas antworten, als plötzlich ein fürchterlicher Schrei durch die Wälder gellte. Ein entsetzliches, durchdringendes Angstgekreisch, das nur dem wahnsinnigsten Schmerz, der grausigsten Verzweiflung eines Menschen entstammen konnte! Das Blut erstarrte in ihren Adern, während sie in der dichten Finsternis dem grauenvollen Todesschrei lauschten, der wieder und wieder die Nachtstille durchbrechend, schauerlich durch die Wildnis verhallte.

»Sie martern die Weiber,« sagte du Lhut. »Dort drüben ist das Lager.«

»Können wir denn nichts zu ihrer Befreiung thun?« rief Amos.

»Selbstverständlich, mein Junge,« sagte der Kapitän auf englisch. »Wir können doch nicht ruhig an Notsignalen vorüberfahren, ohne unsern Kurs zu ändern. Wir wollen umlegen und dorthin steuern.«

»In jenem Lager,« sagte du Lhut langsam, »sind jetzt beinahe sechshundert Krieger. Wir sind vier. Was Sie sagen, hat weder Sinn noch Verstand. Warnen wir die Bewohner von Sainte Marie nicht, so stellen ihnen diese Teufel auch eine Falle. Ihre Banden versammeln sich zu Land und zu Wasser; vor Tagesanbruch sind ihrer vielleicht schon tausend beisammen. Unsre Pflicht ist es, weiter zu eilen, um zu warnen.«

»Er spricht die Wahrheit,« wandte sich Amos zu Ephraim, der schon im Begriff war, in den Wald zu stürzen, »und Sie können doch nicht allein gehen!« Damit packte er den Arm des kühnen, alten Seemanns und hinderte ihn gewaltsam an seinem unüberlegten Unternehmen.

»Etwas können wir aber doch thun, um ihnen den nächtlichen Spaß ein wenig zu versalzen,« sagte du Lhut. »Der Wald ist so trocken wie Zunder. Seit drei Wochen ist auch nicht ein Tropfen Regen gefallen.«

»Nun?«

»Der Wind steht gerade nach ihrem Lager, und auf der andern Seite ist der Fluß.«

»Sollten wir den Wald anzünden?« rief Amos.

»Wir können nichts Besseres thun.«

Im Handumdrehen hatte du Lhut ein Bündelchen trockenes Reisig aufgelesen und dasselbe um eine verdorrte Buche aufgeschichtet, die knochentrocken war. Ein einziger Schlag von Stahl und Feuerstein genügte, um eine kleine, züngelnde Flamme zu erwecken, die schnell genug die grauweiße, losehängende Rinde in Brand steckte.

Eine Viertelmeile weiter wiederholte du Lhut dies Manöver und dann noch einmal, so daß der Wald von drei verschiedenen Punkten aus hell aufloderte. Im Weitereilen hörten sie das dumpfe Brausen der Flammen hinter sich, und als sie sich dicht bei Sainte Marie umschauten, gewahrten sie, wie die breite Feuerwoge schon nach Westen flutend, sich dem Richelieu näherte und wie sie gewaltige Feuergarben emporschoß, wenn sie ein Tannendickicht verzehrte, als wären es Kienspäne. Du Lhut kicherte in seiner unhörbaren Weise, als er nach der gelben Glut am Himmel zurückschallte.

»Ein gut Teil von ihnen wird ums Leben schwimmen müssen,« meinte er. »Sie haben lange nicht Kanoes genug für alle. Ach, hätte ich doch nur zweihundert meiner Waldläufer bei mir – dann sollte keiner von ihnen die andere Seite des Flusses erreichen.«

»Sie hatten einen bei sich, der wie ein Weißer gekleidet war,« bemerkte Amos.

»Ganz recht, und der gefährlichste dieser Bluthunde ist er obendrein. Sein Vater war ein holländischer Pelzhändler, seine Mutter eine Irokesin; er wird deshalb der flämische Bastard genannt. Ich kenne ihn genau, und kann euch sagen, daß, wenn je die Hölle einen König brauchte, sie einen fix und fertig in seinem Wigwam fände. Bei der heiligen Anna! Ich habe noch besonders mit ihm abzurechnen – vielleicht werden wir bei dieser Gelegenheit quitt. Seht, da unten tauchen die Lichter von Sainte Marie auf! Ich verstehe Ihr erleichtertes Aufseufzen, Herr von Catinat; denn meiner Treu, nach dem, was wir in Poitou sahen, war auch ich auf das schlimmste gefaßt!«

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