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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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VIII. Der Mann ohne Haar.

Den ganzen Tag über drangen sie immer weiter in die Waldeinsamkeit hinein. Sie gingen einer hinter dem anderen, voran Amos Green, dann der Seemann, dann die Dame und zuletzt als Nachhut Catinat. Der junge Waldläufer schritt mit großer Vorsicht vorwärts; er hörte und sah eben vieles, das seinen Begleitern entging, und stand häufig stille, um die Zeichen der Blätter, des Mooses und der Zweige zu prüfen. Ihr Weg führte sie größtenteils durch offene Lichtungen zwischen gewaltigen Tannenwäldern hin; auf dem lichtgrünen Rasen zu ihren Füßen blühten weiße Wolfsmilch, Goldruten und purpurfarbige Astern. Zuweilen jedoch schlossen sich die mächtigen Stämme dicht zusammen, und sie mußten ihren Weg durch das düstere Dämmerlicht tastend finden, oder sie bahnten sich einen Pfad durch verschlungenes Unterholz von grünem Sassafras oder feuerroten Essigbäumen. Und dann wieder verschwand der Wald plötzlich vor ihnen, und sie mußten weite, mit wildem Reis bewachsene, hin und wieder mit dunklem Erlengebüsch geschmückte Sümpfe umschreiten, oder sie kamen an stillen, klaren Waldseeen vorüber, auf deren Oberfläche die Baumschatten spielten, und das feurige, weinrote oder goldbraune Laub glänzte aus dem tiefblauen Wasserspiegel ringsher wieder. Auch Bäche gab es da, einige mit klarem, lustigem Geriesel, spielenden Forellen und weißleuchtenden Haubentauchern, andere mit schwarzen, stagnierenden Gewässern, die aus giftigen Sümpfen kamen und durch welche die Männer, knietief watend, Adèle tragen mußten. So reisten sie einen ganzen Tag lang in der großen Baumwüste, ohne eine Spur oder ein Lebenszeichen von der Nähe ihrer Mitmenschen anzutreffen.

Aber, wenn auch menschenleer – an Leben fehlte es dort keineswegs. Es summte, zirpte und schnatterte überall aus Moor und Strom und Busch. Bald war es das dunkelbraune Fell eines Rehes, welches zwischen den entfernteren Stämmen sichtbar ward, bald ein Dachs, der bei ihrer Annäherung sich hastig in seinem Bau verkroch. Einmal lag die Fährte des langen Bärenfußes in die weiche Erde gedrückt vor ihnen, und ein ander Mal hob Amos zwischen den Gebüschen ein großes Gehörn auf, das ein Elenntier letzthin abgeworfen hatte. Kleine rote Eichkätzchen sprangen und kletterten über ihren Häuptern von Stamm zu Stamm, und aus dem Laube jeden Eichbaums piepte ein Chor von Hunderten kleiner Stimmchen. Wo sie an einem See vorüber kamen, schlug der große, graue Storch langsam mit den schweren Fittigen, um dann leicht und majestätisch dahinzuschweben, und ein Zug wilder Enten schwirrte erschrocken in Form eines langen V zum blauen Himmel empor, oder man hörte den zitternden Schrei der Lomme aus dem Röhricht.

In der früh hereinbrechenden Nacht schliefen sie im Walde. Amos Green zündete das Reisigfeuer an einer dicht umbuschten Stelle an, wo man es zehn Schritt weiter nicht mehr sehen konnte. Ein paar Regentropfen waren gefallen, und mit dem behenden Geschick des geübten Walfängers errichtete er zwei kleine Schuppen von Ulmen- und Lindenborke, einen für die beiden Réfugiés und einen für sich und Ephraim. Kurz zuvor hatte er eine Wildgans geschossen, die mit dem Rest des Schiffszwiebacks ihnen zum Abendbrot und Frühstück diente.

Am folgenden Tage gegen Mittag kamen sie an einer kleinen Lichtung vorüber, in deren Mitte sich die verkohlten Reste eines Feuers befanden, und Amos brachte eine halbe Stunde damit zu, um alles zu lesen, was Holz und Erde ihm zu sagen hatten. Als sie dann endlich ihren Weg wieder fortsetzten, teilte er seinen Gefährten mit, daß das Feuer vor drei Wochen hier gebrannt und daß ein Weißer und zwei Indianer darum gelagert hätten, daß diese von Westen nach Osten gereist wären, und daß von den beiden Rothäuten die eine ein Weib gewesen sei. Weiter entdeckten sie keine menschliche Spur, bis gegen Abend Amos plötzlich mitten im dichtesten Gehölz stehen blieb und die Hand ans Ohr legte.

»Horch!« rief er.

»Ich höre nichts,« sagte Ephraim.

»Ich auch nicht,« fügte Catinat hinzu.

»Ei, aber ich höre es!« rief Adèle fröhlich. »Es ist eine Glocke – und gerade um diese Tageszeit läuten auch alle Glocken in Paris!«

»Sie haben recht. Es ist das sogenannte Angelusglöcklein,« bestätigte Amos.

»Ja, ja, jetzt höre ich es auch!« rief Catinat. »Es wurde anfangs übertönt durch das Vogelgezwitscher. Aber wo kommt tief im kanadischen Wald eine Glocke her?«

»Wir sind den Niederlassungen am Richelieu ganz nahe. Es muß die Kapellenglocke im Fort sein.«

»Fort St. Louis! Ei, dann sind wir nicht mehr weit von meines Freundes Seigneurie!«

»Dann können wir heute nacht bei ihm schlafen,« versetzte Amos, »vorausgesetzt, daß Sie glauben, ihm sei in der That zu trauen,«

»Allerdings. Er ist ein wunderlicher Mensch und hat ein ganz originelles Wesen, aber mein Leben vertraue ich ihm an.«

»Sehr wohl. Wir wollen uns also vom Fort südlich halten und sein Haus aufsuchen. Aber seht doch, wie aufgeregt die Vögel da drüben sind! – Ich höre Tritte! – Duckt euch hier unter den Essigbaum, damit wir sehen, wer so keck durch die Wälder schreitet.«

Sie verbargen sich alle vier im Gebüsch und guckten vorsichtig zwischen den Baumstämmen nach der kleinen Waldwiese, auf die Amos hinschaute. Lange Zeit hindurch blieb der Ton, den das feine Ohr des Waldläufers vernommen hatte, den übrigen unhörbar, endlich aber hörten auch sie das kurze Knacken dürrer Äste, als ob jemand sich einen Weg durch das Unterholz bahne. Im nächsten Augenblick drängte sich ein Mann ins Freie, dessen Erscheinung so seltsam war, daß auch Amos ihn verblüfft anstarrte.

Es war ein sehr kleiner Mann mit so dunkelfarbigem, verwittertem Antlitz, daß er für einen Indianer hätte gelten können, wäre nicht sein Gang und sein Anzug derart gewesen, wie man es nie an einem Indianer gesehen hat. Seinen Kopf bedeckte ein breitrandiger, abgegriffener Hut von so unbestimmter Farbe, daß man schwerlich hätte feststellen können, welche er ursprünglich gehabt hatte. Sein Anzug bestand aus roh zugeschnittenen Fellen, die lose um seinen Leib schlotterten, dazu trug er hohe Dragonerstiefel, die ebenso zerlumpt und schmutzig waren, wie seine übrige Kleidung. Auf dem Rücken schleppte er ein mächtiges Bündel groben Segeltuchs, aus dem zwei lange Stöcke hervorragten, und unter jedem Arm trug er etwas, das aussah, wie ein großes, viereckiges Gemälde.

»Das ist kein Injun,« flüsterte Amos, »und ein Waldläufer ist es auch nicht. Gott erbarme sich – hat man je so was gesehen!«

»Er ist weder voyageur, noch Soldat, noch coureur de bois,« sagte Catinat.

»Kommt mir vor, als hätt' er sich 'nen Notmast auf 'n Rücken gesetzt und das Vorder- und Hauptsegel je unter einen Arm,« meinte Kapitän Ephraim.

»Na, er scheint ja keine Helfershelfer zu haben,« sagte Amos, »da können wir ihn unbesorgt anrufen.«

Sie verließen also ihren Hinterhalt, und als sie das thaten, erblickte sie auch der Fremde. Anstatt irgend welche Unruhe zu zeigen, wie das bei jedem, der sich in einem solchen Lande plötzlich und unerwartet Fremden gegenüber befindet, nur natürlich gewesen wäre, änderte er sofort seine Richtung und kam auf sie zu. Als er dabei die offene Wiese durchschritt, trafen die fernen Glockentöne sein Ohr; augenblicklich zog er den Hut und neigte das Haupt zum Gebet. Ein Schrei des Entsetzens ertönte – nicht nur Adèle stieß ihn aus, sondern auch die anderen bei dem, was ihre Augen da erblickten.

Der Mann hatte keine Kopfhaut mehr. Nicht eine Spur von Haaren oder weißer Haut war übrig; statt dessen war die Oberfläche eine grauenhaft mißfarbne, runzelige Masse, während eine scharf geschnittene, rote Linie sich um die Stirn und hinter die Ohren weg zog.

»Beim ewigen Gott,« rief Amos, »der Mann hat seinen Skalp verloren!«

»Mein Gott!« sagte Catinat, »seht seine Hände an!«

Er hatte sie zum Gebet erhoben. Zwei bis drei kurze Stumpfen, die hervorragten, zeigten, wo die Finger gewesen waren.

»Ich hab' in meinem Leben doch schon so manches gruselige Gallionsbild gesehen, aber so 'was doch noch nie!« sagte Kapitän Ephraim.

In der That war es ein ganz außerordentliches Gesicht, das sich ihnen beim Näherkommen zuwandte. Der Mann, dem es eignete, mochte jedem beliebigen Alter und Volke angehören, denn seine Züge waren so verstümmelt, daß man nichts aus ihnen schließen konnte. Ein Augenlid hing flach und zuckend herab – es bedeckte keinen Augapfel mehr. Aus dem anderen aber strahlte ein so klarer, lustiger und freundlicher Blick, wie er nur je aus dem Auge eines auserwählten Günstlings des Glückes gekommen sein mochte. Sein Gesicht war über und über mit wunderlichen braunen Flecken bedeckt, die ganz scheußlich aussahen, und seine Nase war – durch einen entsetzlichen Schlag augenscheinlich – gespalten und zerschmettert. Und dennoch, trotz dieses gräßlichen Aussehens war etwas so Edles in der ganzen Haltung des Mannes, in der Art, wie er das Haupt trug und in dem Ausdruck, der noch immer wie der Duft einer zerdrückten Blume um seine entstellten Züge schwebte, daß sogar der harte puritanische Seemann Ehrfurcht davor empfand.

»Guten Abend, meine Kinder,« sagte der Fremdling, indem er seine Bilder wieder aufhob und ihnen entgegenschritt. »Ich nehme an, ihr kommt aus dem Fort, möchte mir aber erlauben zu bemerken, daß die Wälder für Damen jetzt nicht besonders sicher sind.«

»Wir sind auf dem Wege nach Sainte Marie, dem Gute des Herrn de la Roue,« sagte Catinat, »und hoffen also bald in Sicherheit zu sein. Es bekümmert mich aber zu sehen, mein Herr, wie schändlich Sie mißhandelt worden sind!«

»Sie haben meine kleinen Verletzungen also bemerkt! Die armen Seelen wissen es nicht besser! Sie sind eigentlich nichts weiter als mutwillige Kinder – sie wollen nur Spaß machen – aber etwas mutwillig sind sie! Ei, ei, es ist wirklich zum Lachen, daß der schnöde Leib einem so den Geist fesseln kann, und doch – hier bin ich fest entschlossen, vorwärts zu eilen und muß mich statt dessen ein Weilchen auf diesen Block niederlassen, um auszuruhen, denn die Schelme haben mir die Waden abgesprengt.«

»Mein Gott! Abgesprengt! Die Teufel!«

»Ach, wir dürfen ihnen daraus keinen Vorwurf machen! Nein, nein, es wäre lieblos, sie zu tadeln. Sie sind ja so unwissend, die armen Menschen, und der Fürst der Finsternis sitzt hinter ihnen und treibt sie zum Bösen. Sie bohrten kleine Pulverpatronen in meine Beine und ließen sie explodieren, und dadurch bin ich jetzt ein noch langsamerer Fußgänger geworden als sonst, obgleich ich wohl nie sehr rasch ging. In der Schule zu Tours hatten mich meine Mitschüler ›die Schnecke‹ genannt, und auch später im Seminar blieb ich immer die Schnecke.«

»Wer sind Sie denn, mein Herr, und wer hat Sie so schrecklich mißhandelt ?« fragte Catinat.

»O ich bin nichts Besonderes. Ich heiße Ignatius Morat und gehöre der Gesellschaft Jesu an. Und was die Leute betrifft, die mich ein wenig rauh behandelt haben – ei nun, wenn man auf die Irokesenmission gesandt wird, weiß man natürlich, was man zu erwarten hat. Ich habe mich über nichts zu beklagen. Ei, sie haben mich immer noch besser behandelt, als den Pater Jogues, als Pater Breboeuf und noch manche andere, die ich nennen könnte. Allerdings, manches Mal hoffte ich fast mit Sicherheit auf die Märtyrerkrone, besonders damals, als sie meinten, meine Tonsur sei zu klein, wie sie sich scherzhaft ausdrückten. Aber ich denke mir, ich bin doch nicht würdig gewesen, ja, ja, ich weiß es auch – so war das Ende vom Liede nur ein bißchen rauhe Behandlung.«

»Wo gehen Sie denn jetzt hin?« fragte Amos, der den Worten des Mannes ganz verblüfft zugehört hatte.

»Ich gehe nach Quebec. Sehen Sie, ich bin ein so unnützer Mensch, daß, ehe ich den Bischof gesprochen habe, ich wirklich nichts Gutes thun kann.«

»Sie meinen, Sie wollen den Bischof veranlassen, Sie abzurufen?« fragte Catinat.

»Ach nein! Das würde ich vielleicht thun, wenn ich mir selbst überlassen wäre, denn ich bin unglaublich feige. Sie würden es gewiß nicht für möglich halten, daß ein Priester Gottes so furchtsam sein könnte, wie ich es manchmal bin. Der bloße Anblick eines Feuers läßt mich erbeben und zurückschrecken, seitdem ich die Feuerprobe der Kiensplitter durchgemacht habe, die diese häßlichen Narben auf meinem Gesicht zurückließen. Aber ich muß doch natürlich an die Interessen des Ordens denken, und Mitglieder des Ordens verlassen ihren Posten nicht um kleinlicher Ursachen willen. Es ist nur gegen die Regel der heiligen Kirche, daß ein verstümmelter Mann die gottesdienstlichen Handlungen ausübt, und ehe ich deshalb den Bischof gesehen und seinen Dispens empfangen habe, bin ich unnützer denn je.«

»Und was werden Sie demnächst thun?«

»O, ich werde natürlich zu meiner Herde zurückkehren.«

»Zu den Irokesen?«

»Da ist meine Station.«

»Amos,« flüsterte Catinat, »ich habe unter tapferen Männern gelebt, aber ich meine, dies ist der tapferste Mann, den ich je angetroffen!«

»Auf mein Wort,« versetzte Amos, »und ich habe auch fromme Männer gesehen, aber nie einen, den ich für frömmer hielte, als diesen! Sie sind erschöpft, Vater. Essen Sie etwas von dieser Gans, in meiner Flasche ist noch ein Tropfen Kognak.«

»Nicht doch, mein Sohn, wenn ich etwas anderes, als die allereinfachste Kost genieße, so macht mich das so faul, daß ich wirklich zur Schnecke werde.«

»Aber Sie haben kein Gewehr und keine Nahrungsmittel. Wovon leben Sie denn?«

»Ei, der liebe Gott hat in diesen Wäldern reichliche Nahrungsmittel aufgespeichert für einen Reisenden, der nicht sehr viel zu essen braucht. Ich habe wilde Pflaumen und wilde Weintrauben, Nüsse und Moosbeeren gehabt und aus einem Felsen ein nettes Gericht tripe-de-mère

Der Waldgänger zog ein saures Gesicht bei Erwähnung dieses Leckerbissens.

»Ebenso gern möchte ich einen Topf voll Leim ausessen,« sagte er. »Aber was tragen Sie da auf dem Rücken?«

»Meine Kirche. Ich habe hier alles bei einander: Zelt, Altar, Meßgewand, alles. Ich darf zwar selbst nicht wagen, ohne den bischöflichen Dispens das heilige Meßopfer zu feiern, aber dieser ehrwürdige Mann hier hat wohl auch die Weihen und könnte die höchst gebenedeiete Handlung vollziehen?«

Mit schalkhaftem Augenzwinkern übersetzte Amos diesen Vorschlag dem Kapitän, der seine mächtigen roten Fäuste ballte und etwas von dem salzlosen »Gebräu des Papsttums« murmelte. Catinat dagegen antwortete kurz, sie seien sämtlich Laien, und wenn sie ihren Bestimmungsort vor Nacht erreichen wollten, müßten sie jetzt notwendig weiter ziehen.

»Sie haben recht, mein Sohn,« versetzte der Jesuit. »Jene armen Leute da drüben haben bereits ihre Wohnstätten verlassen, und in wenig Tagen werden die Wälder von ihnen wimmeln, obgleich ich nicht glaube, daß etliche der ihren den Richelieu schon überschritten haben. Um eines aber hätte ich Sie gern gebeten.«

»Und was wäre das?« entgegnete Catinat bereitwillig.

»Möchten Sie sich gelegentlich daran erinnern, daß ich beim Pater Lamberville in Onoudaga das Wörterbuch zurückgelassen, das ich von der französischen und irokesischen Sprache entworfen habe? Er hat auch meinen Bericht über die Kupferminen an den großen Seen, die ich vor zwei Jahren besuchte, ferner ein Planetarium, das ich machte, um zu zeigen, wie man den nördlichen Himmel mit den Sternen jeden Monats von diesem Meridian aus sieht. Wenn dem Pater Lamberville oder mir etwas Menschliches zustoßen sollte, – und man lebt gewöhnlich nicht lange in der Irokesenmission – wäre es mir doch erwünscht, daß meine Arbeit andern zu gute käme.«

»Ich will meinen Freund noch heute abend davon benachrichtigen,« erwiderte Catinat. »Aber was bedeuten diese großen Bilder, mein Vater, und weshalb tragen Sie dieselben durch den Wald?« Er drehte sie bei diesen Worten um, und die ganze Gesellschaft starrte sie mit verständnislosem Erstaunen an.

Es waren ganz rohe Klexereien in schreiend bunten Farben. Auf dem ersten ruhte ein roter Mann heiter und lächelnd auf etwas, das einem Gebirgskamme glich, in der Hand ein Musikinstrument, auf dem Haupte eine Krone. Auf dem zweiten brüllte ein ähnlicher Mann aus Leibeskräften, während ein halbes Dutzend schwarzer Geschöpfe ihn mit Stangen prügelten und mit Lanzen stachen.

»Dies ist eine verdammte, und jenes eine erlöste Seele,« sagte Pater Ignaz Morat und betrachtete die Bilder mit großer Genugthuung. »Dies hier sind Wolken, auf denen der selige Geist ruhet und die Wonnen des Paradieses genießt. Das Bild ist gut gemacht, aber es hat keine gute Wirkung gehabt, weil keine Biber darauf sind und keine Tabakspfeife hineingemalt ist. Sehen Sie, die armen Menschen haben wenig Vernunft, da müssen wir sie denn, so gut wir können, durch ihre thörichten Sinne zu unterrichten suchen. Dies andere Bild ist besser. Es hat schon mehrere Weiber bekehrt und auch einige Indianer. Wenn ich im Frühling wiederkomme, werde ich die erlöste Seele nicht wieder mitbringen, aber dafür fünf verdammte Seelen, eine für jede der Nationen. Sehen Sie, wir müssen eben den Satan mit solchen Waffen bekämpfen, wie wir sie gerade haben. Doch, meine Kinder, wenn ihr gehen müßt, so laßt mich euch vorher segnen.«

Und nun begab sich etwas Merkwürdiges, denn die schöne Seele dieses Mannes leuchtete durch all die elenden Wolken von Sektentum und Bekenntnisunterschieden hindurch, – und als er seine Hand erhob, um sie zu segnen, da sanken die Protestanten auf die Kniee, sogar der alte Ephraim lauschte mit erweichtem Herzen und gebeugtem Haupte den halbverstandenen Worten dieses verkrüppelten, halbblinden, kleinen Fremden.

»So lebt denn wohl,« fuhr er fort, als sie sich erhoben hatten. »Möge Sankt Eulalies Sonnenlicht euch geleiten und möge Sankt Anna von Beaupré euch schützen im Augenblick der Gefahr!«

Damit verließen sie ihn, und die groteske und doch so heldenhafte Gestalt schleppte sich weiter durch die Wälder mit seinem Zelt, seinen Bildern und seiner Verstümmelung.

Wenn die römische Kirche jemals untergehen sollte, so wird die Schuld an den Schwächen und Sünden ihrer Oberen liegen, oder es wird geschehen, weil sie das, was weitherzig gedacht ist, engherzig erklären will, aber es wird sicherlich nie geschehen durch die Schuld der niederen geistlichen Streiter, denn niemals haben sich Männer und Frauen verschwenderischer und selbstverleugnender hingeopfert, als in ihrem Dienste.

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