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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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III. Die Verteidigung der Thür.

Während Ludwig seinem Hofe das höchste irdische Vergnügen – wie er es einmal selbst bezeichnete – nämlich den Anblick des königlichen Antlitzes gewährte, hatte der junge Offizier draußen reichliche Beschäftigung: er mußte die Namen und Titel der zahlreichen Personen, welche den Zutritt erbaten, weiter melden. Gewöhnlich tauschte er dabei ein Lächeln oder ein kurzes Wort des Grußes mit ihnen aus, denn sein offenes, hübsches Gesicht war bei Hofe allen wohlbekannt. Mit seinen fröhlichen Augen und seinem frischen Wesen machte er den Eindruck eines Mannes, der sich mit Fortuna gut steht. Sie hatte ihm in der That ihre Gunst zugewandt. Noch vor drei Jahren war er Unterlieutenant gewesen, der sich mit Algonkins und Irokesen in den Wildnissen von Canada herumschlug. Eine Versetzung hatte ihn zwar nach Frankreich zurück und ins Regiment Picardie geführt, aber nur ein glücklicher Zufall hatte vollbracht, was zehn Feldzüge kaum vermocht hätten! An einem Wintertage war er nämlich des Königs Pferd in den Zügel gefallen, als das sich hochaufbäumende Tier bereits hart am Rande einer tiefen Kiesgrube war, und hatte sich dadurch Ludwigs Gunst erworben. Heute in der Vertrauensstellung als Hauptmann der königlichen Leibwache, jung, tapfer und beliebt, war sein Los in der That beneidenswert.

Und doch – wie es der seltsame Widerspruchsgeist der menschlichen Natur mit sich bringt – war er bereits übersättigt von der bei aller Pracht so eintönigen Routine des königlichen Haushaltes und warf sehnsüchtige Blicke zurück nach den rauheren, aber freieren Tagen seiner ersten Dienstzeit. Selbst hier an der königlichen Thür schweiften seine Gedanken hinaus aus der freskogeschmückten Galerie mit ihren Höflingen zu den wilden Schluchten und schäumenden Strömen des Westens. Da fielen seine Blicke plötzlich auf ein Gesicht, welches er in eben jenen Gegenden zum letztenmal gesehen.

»Ah, Herr von Frontenac!« rief er. »Sie können mich nicht vergessen haben!«

»Was! Catinat! Wahrhaftig, das ist eine Freude, ein Gesicht von jenseits des Wassers zu sehen! Aber es ist ein weiter Schritt vom Unterlieutenant im Regiment Carignan bis zum Hauptmann in der Leibwache. Sie sind schnell avanciert.«

»Ja, und doch bin ich darum wohl nicht glücklicher. Es gibt Zeiten, wo ich alles drangeben würde, um in einem Birkenkanoe die reißenden Stromschnellen des Lachine hinabzusausen, oder wenn die Blätter fallen, sie noch einmal rot und gelb auf den Berghängen schimmern zu sehen!«

»Ach ja!« seufzte Frontenac. »Sie wissen, mein Stern sank, als der Ihre aufging. Ich bin abberufen worden, und La Barre nimmt meine Stelle ein. Gegen diesen Mann wird sich aber dort ein Sturm erheben, dem er nicht stand halten kann. Wenn die Irokesen ihren Skalptanz tanzen und Dongan in New-York sie aus dem Hinterhalte hetzt, wird man mich brauchen, und man soll mich bereit finden, wenn man nach mir schickt! Jetzt will ich den König sprechen, und will versuchen, ob ich ihn nicht dazu bringen kann, dort sowohl wie hier, den großen Monarchen zu spielen. Hätte ich nur seine Macht in meinen Händen, so würde ich die Weltgeschichte umgestalten!«

»Still! Keinen Hochverrat vor dem Hauptmann der Leibwache,« lachte Catinat, als der trutzige alte Soldat an ihm vorbei zur Audienz schritt.

Während dieser kurzen Unterhaltung war ein kostbar in schwarz und silber gekleideter Kavalier herbeigekommen, und ging, sobald sich die Thür öffnete, mit der Sicherheit eines Mannes darauf zu, dessen Recht außer jedem Zweifel steht. Catinat indessen trat ihm in den Weg und versperrte ihm die Thür.

»Es thut mir sehr leid, Herr von Vivonne,« sagte er, »der Zutritt ist Ihnen nicht gestattet.«

»Nicht gestattet! Mir! Sie sind toll!« Mit fahlem Gesicht und stieren Augen trat er zurück, eine zitternde Hand wie zum Protest halb erhebend.

»Ich versichere Sie, es ist sein Befehl.«

»Aber es ist unglaublich, es ist ein Irrtum!«

»Sehr möglich.«

»Sie werden mich also passieren lassen?«

»Meine Befehle lassen mir keine Wahl.«

»Wenn ich nur ein Wort mit dem Könige sprechen konnte!«

»Unglücklicherweise ist das unmöglich, Herr von Vivonne.«

»Nur ein Wort.«

»Es hängt wirklich nicht von meinem Willen ab, mein Herr.«

Der erzürnte Edelmann stampfte mit dem Fuße und starrte nach der Thür, als beabsichtige er, den Einlaß zu erzwingen. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und eilte den Korridor entlang, wie jemand, der seinen Entschluß gefaßt hat.

»Da haben wir's!« brummte Catinat in seinen Bart, »der wird uns eine schöne Suppe einbrocken! Gleich werde ich seine Schwester auf den Hals bekommen, und dann steht mir eine nette kleine Wahl bevor. Entweder übertrete ich meine Ordre, oder ich mache sie mir auf Lebenszeit zur Feindin. Lieber will ich Fort Richelieu gegen die Irokesen halten, als des Königs Thür gegen eine zornige Frau. Meiner Treu, da ist schon eine Dame, ich sagte es ja. Ach, Gott sei Dank, gut Freund und kein Feind. Guten Morgen, Fräulein Nanon.«

»Guten Morgen, Herr von Catinat.«

Die Dame war eine schlanke, anmutige Brünette. Ihr einfacher Anzug brachte ihre frischen Farben und ihre glänzenden, schwarzen Augen nur noch mehr zur Geltung.

»Ich bin auf Wache, wie Sie sehen, meine Gnädigste. Ich kann mich nicht mit Ihnen unterhalten.«

»Soviel ich mich erinnere, habe ich den Herrn Hauptmann gar nicht gebeten, sich mit mir zu unterhalten.«

»Sie dürfen nicht so niedlich schmollen, denn dann muß ich mich mit Ihnen unterhalten!« flüsterte der Hauptmann. »Was haben Sie denn da in der Hand?«

»Ein Billet von Frau von Maintenon an den König. Sie werden es ihm einhändigen, nicht wahr?«

»Ganz gewiß, Fräulein Nanon. Und wie geht es Ihrer gnädigen Gebieterin?«

»O, ihr Beichtvater war den ganzen Morgen bei ihr, und seine Unterhaltung ist sehr, sehr fromm; aber auch ein bißchen sehr trübselig. Wir sind nie sehr munter, wenn Herr Godet uns besucht hat. Aber ich vergesse, daß der Herr Hauptmann Hugenot ist und nichts von Beichtvätern versteht.«

»Ich kümmere mich nicht um solche Unterschiede. Ich überlasse sie der Sorbonne und Genf, die mögen es miteinander ausfechten. Aber wissen Sie, ein Mann muß zu seiner Familie stehen.«

»Ach, wenn der Herr Hauptmann ein wenig mit Frau von Maintenon reden könnte! Sie würde ihn bekehren!«

»Ich möchte lieber mit Fräulein Nanon reden, aber wenn –«

»O!« – Ein Ausruf, ein Flattern dunkler Röcke, und die Zofe war in einem Seitengange verschwunden.

Die breite helle Galerie entlang schwebte eine sehr schöne, stattliche Dame daher: schlank, anmutig und außerordentlich hochmütig. Sie war prächtig gekleidet. Ein Leibchen aus Goldstoff saß über einem grauseidenen, mit Gold- und Silbertressen besetzten Rock. Eine kostbare Nadel hielt das feine Spitzentuch zusammen, das ihren schönen Hals mehr zeigte als verhüllte, und durch ihr volles, üppiges Haar wand sich eine Schnur echter Perlen, von denen eine jede das Jahreseinkommen eines Bürgers repräsentierte. Die Dame war freilich über die erste Jugend hinaus, aber die herrlichen Linien ihrer königlichen Gestalt, die Reinheit ihrer Gesichtsfarbe, der Glanz ihrer langbewimperten blauen Augen und der regelmäßige Schnitt ihrer Züge gaben ihr immer noch das Recht auf den Anspruch, für die schönste sowohl als die scharfzüngigste Frau am französischen Hofe zu gelten. So edel und anmutsvoll waren Gang und Anstand, so leicht trug sie den zierlichen Kopf auf dem stolzen weißen Nacken, daß der junge Offizier, von Bewunderung überwältigt, aller Furcht vergaß und es schwer fand, die vorgeschriebene dienstliche Miene zu bewahren, als er die Hand zum Gruße erhob.

»Ah, da ist ja der Hauptmann von Catinat,« sagte Frau von Montespan mit einem Lächeln, das ihn mehr in Verlegenheit setzte, als es ihr Stirnrunzeln vermocht hätte.

»Ihr unterthänigster Diener, Marquise.«

»Es ist mir lieb, einen Freund hier zu finden, denn heute morgen ist hier ein lächerliches Versehen vorgekommen.«

»Es thut mir leid, das zu hören.«

»Es handelte sich um meinen Bruder, Herrn von Vivonne. Die Sache ist eigentlich zu lächerlich, um ein Aufhebens davon zu machen – aber man hat ihm thatsächlich den Zutritt zum Lever verweigert.«

»Ich hatte das Mißgeschick, ihm denselben verwehren zu müssen, gnädige Frau.«

»Sie, Hauptmann von Catinat? Und mit welchem Recht?« Sie hatte ihre herrliche Gestalt hoch aufgerichtet, und aus ihren großen blauen Augen sprühten Empörung und Erstaunen.

»Des Königs Befehl, gnädige Frau.«

»Des Königs? Ist es denkbar, daß der König meiner Familie einen öffentlichen Schimpf anthun wird? Von wem hatten Sie denn diesen abgeschmackten Befehl?«

»Direkt vom Könige durch Bontems.«

»Unsinn! Meinen Sie, der König würde es wagen, einen Mortemart durch den Mund eines Lakaien auszuschließen? Sie haben geträumt, Herr Hauptmann.«

»Ich wünschte nichts mehr, als daß dem so wäre, gnädigste Frau.«

»Solche Träume bringen dem Träumer aber kein Glück. Gehen Sie, melden Sie dem Könige, ich sei hier und habe ein Wort mit ihm zu reden.«

»Unmöglich, gnädige Frau!«

»Warum denn?«

»Mir ist verboten, irgend eine Bestellung zu überbringen.«

»Keine Bestellung zu überbringen?«

»Keine von Ihnen, gnädige Frau,«

»Wahrhaftig, Herr Hauptmann, das wird ja immer schöner. Diese Beleidigung fehlte gerade noch, um das Maß voll zu machen. Von der ersten besten Abenteurerin, von irgend einer abgelebten Gouvernante dürfen Sie dem Könige Bestellungen machen –« sie lachte gellend auf bei dieser Beschreibung ihrer Nebenbuhlerin – »nur nicht von Françoise de Mortemart, Marquise von Montespan!«

»So lauten meine Befehle, Frau Marquise, ich bin tief bekümmert, sie ausführen zu müssen.«

»Sparen Sie ihre Beteuerungen, Hauptmann! Vielleicht erfahren Sie noch einmal, daß Sie allen Grund haben, tief bekümmert zu sein. Zum letztenmale – weigern Sie sich, dem König meine Bestellung zu überbringen?«

»Ich muß, gnädigste Frau.«

»Dann werde ich es selbst thun.«

Sie sprang auf die Thür zu, aber er kam ihr mit ausgebreiteten Armen zuvor.

»Um Gottes willen, besinnen Sie sich, gnädige Frau!« bat er. »Noch andere Augen beobachten Sie.«

»Pah! Canaille!« Sie blickte nach dem Trupp Schweizer, die der Sergeant einige Schritte zurückbeordert hatte, und die nun mit aufgesperrten Augen und Ohren die Scene anstierten. »Ich sage Ihnen, daß ich den König sehen will.«

»Keine Dame hat jemals dem Morgenlever beigewohnt.«

»Dann werde ich die erste sein.«

»Sie stürzen mich ins Verderben, wenn Sie hineingehen!«

»Nichtsdestoweniger werde ich es thun.«

Die Sache sah bedenklich aus. Catinat war nicht leicht zu verblüffen, aber diesmal ging ihm der Witz aus. Frau von Montespans Entschlossenheit, wie es in ihrer Gegenwart, oder Frechheit, wie es hinter ihrem Rücken hieß, war sprichwörtlich. Versuchte sie wirklich den Eintritt zu erzwingen, durfte er dann Gewalt brauchen gegen eine Frau, die gestern noch die Geschicke des ganzen Hofes in der hohlen Hand hielt, und die durch ihre Schönheit, ihren Witz und ihre Energie morgen ihre Stellung zurückerobert haben konnte? Wenn er sie durchließ, so war es ein für allemal aus mit seiner Gunst beim Könige, denn Ludwig duldete nicht die kleinste Abweichung von seinen Befehlen. Wenn er sie dagegen zurückstieß, so würde sie ihm das niemals verziehen haben, und er wäre ihrer tödlichen Rache verfallen, sobald sie wieder zur Macht gelangte. Es war ein unangenehmes Dilemma. Da fuhr ihm ein glücklicher Gedanke durch den Sinn, gerade als sie mit geballten Fäusten und flammenden Augen versuchen wollte, an ihm vorbei zu kommen.

»Wenn die Frau Marquise sich nur herbeilassen möchten zu warten,« sagte er beschwichtigend, »der König wird gleich nach der Kapelle gehen.«

»Dazu ist es noch zu früh.«

»Ich denke, die Stunde hat eben geschlagen.«

»Und ich soll warten, wie ein Lakai?«

»Es ist ja nur ein Augenblick, gnädige Frau.«

»Nein, ich werde nicht warten.« Damit that sie einen Schritt auf die Thür zu.

Doch das feine Ohr des Gardeoffiziers hatte plötzlich Fußtritte drinnen vernommen. Nun war er Herr der Situation. »Ich will die Bestellung der Frau Marquise übernehmen,« sagte er.

»Aha, Sie sind zur Besinnung gekommen! Gehen Sie und sagen Sie dem König, daß ich ihn zu sprechen wünsche.«

Er mußte noch ein wenig Zeit gewinnen. »Soll ich es durch den dienstthuenden Kammerherrn ausrichten?«

»Nein, Sie selbst sollen es thun.«

»Öffentlich?«

»Nein, nein, nur ihm allein!«

»Soll ich einen Grund für Ihr Gesuch angeben?«

»Sie machen mich wahnsinnig! Bestellen Sie, was ich Ihnen gesagt habe, und zwar auf der Stelle.«

Doch schon war der Knoten gelöst. Im selben Augenblick wurden die Flügelthüren geöffnet, und Ludwig erschien in ihrem Rahmen. In seinen hohen Stöckelschuhen stolzierte er voran; sein Stock klopfte auf, seine breiten Rockschöße klappten zurück, und seine Höflinge strömten hinter ihm her. Im Heraustreten hielt er einen Augenblick inne und wendete sich zu dem wachthabenden Hauptmann.

»Sie haben ein Billet für mich?«

»Ja, Sire.«

Der Monarch ließ es in die Tasche seiner scharlachroten Unterweste gleiten und schritt weiter. Da erblickte er Frau von Montespan, die sehr steif und hoch aufgerichtet mitten im Gange stand. Dunkle Zornesröte stieg ihm in die Stirn; ohne ein Wort ging er an ihr vorüber, doch sie wandte sich und hielt die Galerie hinunter mit ihm Schritt.

»Ich hatte diese Ehre nicht erwartet, gnädige Frau,« sagte er.

»Noch ich diese Beschimpfung, Sire.«

»Eine Beschimpfung? Sie vergessen sich, meine Gnädige.«

»Nein, Sie haben mich vergessen, Sire.«

»Sie drängen sich mir auf.«

»Ich wollte mein Schicksal von Ihren eignen Lippen hören,« flüsterte sie, »ich kann es ertragen, selbst geschlagen zu werden, Sire, sogar von dem, der mein Herz besitzt. Aber es ist doch hart, wenn man hören muß, der eigne Bruder wird durch den Mund von Bedienten und hugenottischen Söldnern verletzt und ohne jede Schuld seinerseits, nur weil seine Schwester zu zärtlich geliebt hat.«

»Hier ist nicht der Ort, um von solchen Dingen zu reden.«

»Wo kann ich Sie sehen, Sire?«

»Auf Ihrem Zimmer.«

»Um wieviel Uhr?«

»Um vier.«

»Dann werde ich Ew. Majestät nicht weiter stören.«

Sie machte ihm eine ihrer berühmten anmutigen Verbeugungen und wandte sich einem Seitengange zu. Der Triumph des Sieges leuchtete aus ihren Augen. Ihre Schönheit und ihr Geist hatten sie noch nie im Stich gelassen, und nun ihr Ludwig eine Zusammenkunft versprochen, zweifelte sie nicht, daß sie, wie schon früher, das Herz des Mannes zurückerobern würde, wie laut auch das Gewissen des Königs dawider spräche.

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