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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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VI. Die Stimme an der Stückpforte

In der Nacht fand das Begräbnis des alten Théophile Catinat vom Schiffsrand aus statt. Die beiden, in deren Adern das Blut seines Geschlechtes rann, waren die einzigen Leidtragenden. Den folgenden Tag blieb Amory an Deck, mitten in der lärmenden Geschäftigkeit des Ausladens immer bemüht, Adèle durch leichtes Geplauder zu unterhalten, das freilich aus schwerem Herzen kam. Er zeigte ihr all die Orte, die ihm so wohlbekannt waren, – die Citadelle, in welcher er im Quartier gelegen, das Jesuitenkollegium, den Dom des Bischofs Lavalle, das durch die große Feuersbrunst arg beschädigte Magazin der Handelsgesellschaft und das Haus Aubert de la Chesnayes, das einzige Privatgebäude, das in der unteren Stadt verschont geblieben war.

Von ihrem Ankerplatze aus konnten sie nicht allein die interessanten Orte, sondern auch etwas von der bunten Bevölkerung sehen, die dieser Stadt, sowie ihrer jüngeren Schwester Montreal ein ganz eigenartiges Gepräge verlieh. Auf dem steil abschüssigen, mit einem Stachelzaun eingefaßten Felsenwege auf und ab steigend, bewegte sich das ganze mannigfaltige Panorama des kanadischen Lebens vor ihren Augen: Soldaten mit ihren ins Gesicht gedrückten Hüten, ihren Federn und Bandelieren, Ansiedler von den Flußniederungen in der groben, wenig veränderten Bauerntracht ihrer Ahnen aus der Bretagne und Normandie, junge Gecken aus Frankreich oder von den Herrensitzen Canadas, die ihre Hüte aufkrempten und sich nach der ihrer Meinung nach »echten« Versailler Mode gebärdeten.

Da sah man ferner kleine Gruppen aus dem Urwalde, »courours de bois« oder »voyageurs«, wie sie sich nannten, in ledernen Jagdröcken, ausgefransten Gamaschen und Pelzmützen mit Adlerfedern, die einmal jährlich nach den Städten kamen und inzwischen ihre indianischen Frauen und Kinder in einem abgelegenen Wigwam zurückließen. Auch Rothäute waren da, lederbraune Algonquinfischer und Jäger, wilde Micmacs aus dem Osten und blutdürstige Abemakis vom Süden. Überall aber bewegten sich zwischen ihnen die grauen Kutten der Franziskaner und die schwarzen Röcke und Schaufelhüte der Rekollektaner und Jesuiten, gleichsam wie die Triebfeder und Seele des Ganzen.

Das war die Bevölkerung, welche in den Straßen der Hauptstadt auf und ab wogte, ein merkwürdiger, tausend Meilen weit vom Mutterlande an den Ufern des großen Stromes eingesenkter Schößling des Franzosentums. Es war eine seltsame Kolonie – vielleicht die sonderbarste, die je gegründet worden ist. Hundert Meilen lang erstreckte sie sich von Tadousac im Osten an bis zu den Handelsstationen an den großen Seen. Die angebauten Ländereien waren meist schmale Streifen an den Flußläufen, von wilden Wäldern und unwegsamen Gebirgen umschlossen, die immer aufs neue den Bauer von Hacke und Pflug zu dem freieren Leben mit Ruder und Flinte fortlockten. Dünn gesäete Rodungen mit kleinen Gruppen verpalissadierter Blockhäuser deuteten die Richtung an, in welcher die Kultur sich in dem ungeheuren Weltteil Bahn brach und sich kaum des rauhen Klimas und der unmenschlichen Grausamkeit erbarmungsloser Feinde erwehren konnte. Die gesamte weiße Bevölkerung des umfangreichen Distriktes, Soldaten, Priester, Waldläufer, Frauen und Kinder mit inbegriffen, erreichte noch längst nicht zwanzigtausend Seelen, aber Dank ihrer Energie, sowie dem Vorteil, den ihnen die Centralisation des Regierungssystems, unter dem sie lebten, gewährte, drückten sie dem ganzen Kontinent ihren Stempel auf.

Während die wohlhäbigen englischen Kolonisten zufrieden auf ihrer Scholle saßen, während jenseit der Alleghanies noch kein Axthieb erscholl, drangen die kühnen Pioniere der Franzosen in der Kutte des Missionars oder im Jagdrock des Waldläufers bis an die äußersten Enden des Festlandes vor. Sie waren es, welche die großen Seen ausgemessen und in ihre Karten gezeichnet hatten, und die mit den kriegerischen Sioux auf den großen Steppen Tauschhandel trieben, wo das Ti-pi, ein Zelt aus Fellen, an Stelle des hölzernen Wigwam trat. Der Franzose Marquette hatte den Illinois bis zum Mississippi verfolgt und war dem Laufe des großen Stromes nachgegangen, bis er – der erste Weiße – die wilden Fluten des reißenden Missouri erblickt hatte. Noch weiter hatte sich La Salle gewagt; er hatte den Ohio überschritten, war bis zum Golf von Mexiko gelangt und hatte dort die französische Standarte aufgepflanzt, wo später New-Orleans stehen sollte. Andere waren bis zum Felsengebirge und der ungeheuren Wildnis des Nordwestens vorgedrungen. Sie predigten und handelten, betrogen und tauften, von den verschiedensten Impulsen geleitet; eins war ihnen aber allen gemeinsam und verband sie mit einander: ein niemals wankender Mut und eine Geistesgegenwart und Findigkeit, die ihnen durch alle Gefahren hindurch half. Franzosen waren im Norden der britischen Kolonien, Franzosen waren im Westen, Franzosen waren im Süden, und wenn heute nicht der ganze Weltteil französisch ist, so ist das sicher nicht die Schuld des eisernen Geschlechts jener alten Kanadier.

Das alles erklärte Catinat seiner jungen Frau an diesem heitern Herbsttage, um so ihre Gedanken von der trüben Vergangenheit und der langen, mühseligen Reise, die vor ihnen lag, abzulenken. Adèle hingegen, die nichts anderes bisher gekannt, als das etwas einförmige Treiben der Pariser Straßen und die gefahrlos heitern Landschaften der Seine, staunte den Strom, den Urwald und das Gebirge an, und packte erschrocken ihres Mannes Arm, als ein Kanoe voll wilder, rot und weiß bemalter, in Felle gekleideter Algonquinindianer so rasch vorüber schoß, daß der Schaum von ihren Rudern aufspritzte. Und wieder wandelte sich das Blau des Stromes in Rosenrot, wieder erglühte die alte Citadelle im Abendlicht, und wieder stiegen die beiden Fremdlinge in ihre Kajüte hinab, jeder bemüht, trotz des eignen schweren Herzens den anderen durch heitere Worte zu ermutigen.

Catinats Lager befand sich dicht neben einer Stückpforte, die er stets offen ließ, da die Kochkabüse mit seinem Schlafraum Wand an Wand lag, was die Luft unerträglich heiß und dunstig machte. Er konnte heute nicht einschlafen, warf sich ruhelos umher und zermarterte sein Hirn, um ein Mittel zu finden, das sie aus diesem verwünschten Schiffe hätte befreien können. Aber gesetzt, es glückte ihnen wirklich, was dann? Ganz Kanada war ihnen verschlossen. Die südlichen Wälder steckten voll blutdürstiger Indianer. Die englischen Ansiedlungen würden ihnen zwar Religionsfreiheit bieten, aber was sollten seine Frau und er dort beginnen, freundlos und fremd unter Leuten, die eine andere Sprache redeten? Wäre ihnen Amos Green treu geblieben, dann hatte noch alles gut werden können. Aber er hatte sie verlassen. Warum sollte er auch nicht? Er war ihnen nicht blutsverwandt und hatte ihnen schon so manchen Dienst geleistet. Seine Verwandten und ein Leben nach seinem Geschmack erwarteten ihn daheim. Weshalb sollte er noch länger hier zaudern um fremder Menschen willen, die er erst seit wenigen Monaten kannte. Das war ja gar nicht zu verlangen gewesen und doch, und doch – Catinat konnte es nicht begreifen und verstehen.

Aber was war das? Durch das sanfte Rauschen des Flusses hindurch hörte er plötzlich ein durchdringendes, deutliches »Pst«. – Vielleicht war es ein vorbeirudernder Schiffer oder Indianer! – Da ertönte er wieder, der kurze dringend mahnende Ruf.

Er richtete sich auf und starrte mit großen Augen vor sich hin. Es kam zweifellos von der Stückpforte her. Er guckte hinaus, erblickte aber nur das breite Wasserbecken mit den dämmernden Schiffen und dem fernen Schimmer der Lichter auf Point Levi. Sein Kopf sank eben in die Kissen zurück, da fiel ihm etwas auf die Brust. Es schlug leicht auf, glitt ab und rollte auf die Planken. Im Nu war er aus dem Bette, riß eine Laterne vom Haken und leuchtete auf den Boden. Da lag das Wurfgeschoß, das ihn getroffen hatte – eine kleine, goldne Busennadel. Als er sie aufhob und ansah, durchzuckte es ihn. Die Nadel war einst sein Eigentum gewesen, und er hatte sie Amos Green am zweiten Tage ihrer Bekanntschaft geschenkt, als sie zusammen nach Versailles aufbrachen.

Sie war also ein Zeichen – und Amos Green hatte ihn doch nicht verlassen!

Zitternd vor Aufregung kleidete er sich an und ging auf Deck. Es war stockfinster, und er konnte niemand sehen, nur bewiesen regelmäßige Fußtritte auf dem Vorderdeck, daß die Wachen da waren.

Der junge Mann lehnte sich über das Bollwerk und schaute hinab in die Finsternis, Er gewahrte den Umriß eines Bootes.

»Wer ist da?« flüsterte er.

»Sind Sie's, Catinat?« tönte es zurück.

»Ja.«

»Wir kommen Sie holen.«

»Gott lohn' es Ihnen, Amos.«

»Haben Sie Ihre Frau da?«

»Nein, ich werde sie wecken.«

»Gut! Aber zuerst fangen Sie dies Tau auf! So. Nun ziehen Sie die Leiter nach oben.«

Catinat fing die ihm zugeworfene Leine auf und zog daran eine mit eisernen Haken versehene Strickleiter empor. Er befestigte sie am Bollwerk und ging dann leise nach der Damenkajüte im Mittelschiff, wo seiner Frau eine Koje angewiesen war. Da sich außer ihr keine Dame weiter an Bord befand, konnte er, ohne Gefahr gehört zu werden, an ihre Thür klopfen und ihr in zwei Worten Eile und Vorsicht anempfehlen. Zehn Minuten später schlüpfte Adèle, fertig angekleidet, ein kleines Bündel Wertsachen in der Hand, aus der Kajüte. Zusammen stiegen sie an Deck und schlichen nun im Schatten des Bollwerks eins hinter dem andern dem Hinterdeck zu. Fast hatten sie es erreicht, als Catinat plötzlich stehen blieb und einen halblauten Fluch ausstieß. Zwischen ihnen und der Strickleiter erhob sich im schwachen Schein eines trüben Lichtes die finstre Gestalt eines Franziskaners. Die schwere Kapuze beschattete sein Gesicht. Er spähte in das Dunkel hinein und kam dann langsam näher, als ob er die beiden Flüchtlinge gesehen hätte. Im Tauwerk des Besansegels, gerade über ihm, hing eine Laterne. Er löste sie vom Haken und leuchtete damit nach ihnen hin.

Aber mit Catinat war nicht zu spaßen. Sein Lebenlang war er schnell von Entschluß und rasch in der Ausführung gewesen. Sollte dieser rachsüchtige Mönch sich im letzten Augenblick zwischen ihn und die Freiheit stellen? Das sollte ihm schlecht bekommen! Entschlossen zog der Bedrohte Adèle in den Schatten des großen Mastes, stürzte sich auf den herankommenden Mönch und packte ihn bei der Kehle. Aber indem er das that, verschob sich die Kapuze, und im Laternenschein sah Catinat mit freudigem Staunen anstatt der düstern Züge des Priesters die klugen, grauen Augen und das strenge, ernste Gesicht Ephraim Savages. Gleichzeitig erschien eine zweite Gestalt über dem Geländer, und der warmherzige Franzose fiel Amos Green um den Hals.

»Wir haben ihn!« sagte der junge Amerikaner und machte sich etwas verlegen aus Catinats Umarmung los. »Er liegt im Boot, und wir haben ihm mit einem Büffelhandschuh das Maul gestopft.«

»Wem denn?«

»Dem Mann, dessen Mantel Kapitän Ephraim umgenommen hat. Er überraschte uns, während Sie unten Ihre Frau Gemahlin weckten. Aber wir haben ihn unschädlich gemacht. Ist die Dame hier?«

»Jawohl!«

»Dann fort, so schnell wie möglich. Es könnte noch jemand kommen!«

Adèle wurde über die Brüstung gehoben, und bald saß sie im Stern des leichten Kanoes aus Birkenrinde. Die drei Männer hakten die Leiter los und schwangen sich an einem Seil hinab. Zwei Indianer, die die Ruder führten, stießen leise vom Schiff ab und schossen schnell stromauf. Wenige Minuten später waren ein unbestimmter Schattenriß und zwei gelbe Lichter alles, was noch von dem »St. Christoph« zu sehen war.

»Nimm ein Ruder, Amos, ich nehme auch eins,« sagte Kapitän Savage und streifte sein Mönchsgewand ab. »An Bord jenes Schiffes war mir's ganz gemütlich dadrin, aber im Boot ist das Ding zu nichts mehr nutze. Ich glaube, wir hätten die Luken schließen und die ganze Bescherung zusamt den Kanonen mitnehmen können, wenn wir sonst Lust gehabt hätten!«

»Ja, um dann morgen früh an der nächsten besten Raa als Piraten zu baumeln,« meinte Amos. »Ich denke, wir haben klüglich gehandelt, daß wir den Honig nahmen und den Baum stehen ließen. – Geht es Ihnen gut, Madame?«

»Ja, doch kann ich's noch kaum fassen, was mit mir geschehen ist, und wo wir sind!«

»Ich auch nicht, Amos!« fügte Catinat hinzu.

»Sie glaubten doch etwa nicht, daß wir Sie so ohne Abschied im Stiche lassen würden?«

»Ich muß gestehen, das Herz blutete mir bei dem Gedanken.«

»Es kam mir auch beinahe so vor, als ich so ganz von der Seite nach Ihnen zurückschielte und sah, wie finster Sie uns nachblickten. Aber hätten die Kerls gemerkt, daß wir miteinander redeten und beratschlagten, sie wären uns sofort auf die Fährte gekommen. So aber faßten sie auch nicht den Schatten eines Verdachtes, außer diesem Burschen, den wir da unten im Boot haben.«

»Und was thaten Sie dann weiter?«

»Nun, gestern abend verließen wir die Brigg und gingen bei Beaupré an Land, dort mieteten wir dies Kanoe und lagen tagsüber verborgen. Darauf legten wir heute nacht am Schiffe an, und es war eine Kleinigkeit, Sie zu wecken, da ich wußte, wo Sie schliefen. Der Mönch hätte uns bei einem Haar den Spaß verdorben, während Sie unten waren, aber wir knebelten ihn und ließen ihn über Bord ins Boot. Ephraim warf sich seine Kutte über, um Ihnen, ohne Gefahr, entdeckt zu werden, helfen zu können, denn die Verzögerung beunruhigte uns.«

»O, es ist herrlich, wieder einmal frei zu sein!« rief Catinat aus. »Was habe ich Ihnen nicht alles zu danken, Amos?«

»Nicht der Rede wert! Sie haben sich meiner angenommen, als ich in Ihr Land kam, jetzt will ich mich Ihrer annehmen,«

»Wohin wollen wir jetzt aber?«

»Ja, da sitzt der Haken. Wir waren gezwungen, diesen Weg einzuschlagen, da wir nicht stromab dem Meer zu dürfen. Wir müssen uns wohl oder übel quer durchs Land schlagen und eine gute Strecke Wegs zwischen uns und Quebec legen, ehe noch der Tag graut. Nachdem, was ich gehört habe, fangen sie einen Hugenotten noch lieber als einen Irokesenhäuptling. Beim ewigen Gott! Ich kann's nicht begreifen, warum die Papisten solch Halloh darüber machen, wenn ein Mensch auf andere Weise als die ihrige selig werden will, obgleich allerdings unser alter Ephraim hier ebenso hartnäckig auf seinem Stück besteht, – so ist denn die Thorheit nicht bloß auf eine Partei beschränkt!«

»Was redest du da von mir?« fragte der Seemann, der bei Erwähnung seines Namens die Ohren gespitzt hatte.

»Weiter nichts, als daß Sie ein guter, strammer Protestant sind.«

»Ja, Gott sei Lob und Dank! Mein Motto, seht ihr, ist Gewissensfreiheit für alle – ausgenommen freilich Quäker und Papisten, – und – und – ja und dann kann ich's auch nicht ausstehen, wenn solche Weiber wie Annie Hutchinson und Konsorten in den Versammlungen reden und predigen und was der Narreteien mehr sind.«

Amos Green lachte, »Der Herr Himmels und der Erden scheint diese Narreteien zu dulden, warum wollen Sie sich's denn zu Herzen nehmen?«

»Ach was, du bist noch nicht trocken hinter den Ohren und viel zu jung, um mitzureden. Mit den Jahren wird dir auch schon der Verstand kommen. Nächstens wirst du wohl auch für solche unsaubere Brut wie diese da ein gutes Wort einlegen?« Dabei versetzte er dem gefesselten Franziskaner ein paar Püffe mit dem Rudergriff.

»Vermutlich ist er ein frommen Mann, so gut er es eben versteht,« meinte Amos.

»Vermutlich ist ein Hai ein frommer Fisch, so gut er es versteht! Nein, mein Junge, mir darfst du nicht so kommen, ich lasse mir nicht Licht und Finsternis durcheinander mischen. Du kannst reden, bis du die Maulsperre kriegst, siehst du, aber damit kannst du doch einen schlimmen Wind nicht in einen guten verkehren, das merke dir. Jetzt reich mir 'mal den Tabaksbeutel und das Feuerzeug her, vielleicht löst unser Freund hier mich auf 'ne Weile beim Rudern ab.«

Die ganze Nacht hindurch ruderten sie rastlos stromauf, jede Sehne anspannend, um der Verfolgung zu entrinnen. Indem sie sich dicht am Südufer hielten und so die Hauptgewalt der Strömung vermieden, kamen sie schnell vorwärts, denn sowohl Amos wie Catinat waren geübte Ruderer, und die beiden Indianer arbeiteten, als ob sie aus Draht und Peitschenschnur anstatt aus Fleisch und Blut beständen.

Tiefes Schweigen ruhte auf dem breiten Strom, Das Plätschern des Wassers gegen den Kiel, das Geschrei eines Nachtfalken und das gellende Gebell eines Fuchses weit hinten im Urwald waren die einzigen Laute, die es unterbrachen. Als es endlich zu tagen begann und die schwarzen Schatten allmählich ins Grau übergingen, da lag die Citadelle und jede Spur einer Menschenwohnung weit hinter ihnen. Urwälder in herrlichem, vielfarbigem Herbstgewande zogen sich an beiden Ufern bis dicht zum Wasser herunter, und mitten im Flußbett log eine kleine Insel mit gelbem Strande und einem feurig leuchtenden Dickicht scharlachroter Fischer- und Sumacbäume in der Mitte.

»Hier bin ich früher schon einmal gewesen,« sagte Catinat, »Ich erkenne den großen Ahorn dort, dem habe ich mein Zeichen in die Rinde geschnitten, als ich das letzte Mal mit dem Gouverneur nach Montreal fuhr. Das war zu Frontenacs Zeiten, als der König noch dem Bischof vorging.«

Die Rothäute, die bisher wie Terracottafiguren dagesessen hatten, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, spitzten die Ohren beim Klange dieses Namens.

»Mein Bruder hat von dem großen Onontio gesprochen,« sagte einer von ihnen, indem er rückwärts blickte. »Böse Vögel pfiffen uns ein Lied vor, er würde niemals wieder über das Wasser zu seinen Kindern zurückkehren.«

»Er ist bei dem großen, weißen Vater,« erwiderte Catinat, »Ich habe ihn selbst in seinem Kriegsrat gesehen, und er kommt sicher wieder über das große Wasser zurück, wenn seine Krieger ihn brauchen.«

Der Indianer schüttelte den geschorenen Kopf.

»Der Brunstmond ist vorüber, mein Bruder,« sagte er in gebrochenem Französisch, »aber noch vor dem Mond, da die Vögel nisten, wird kein weißer Mann mehr an diesem Flusse sein, außer hinter Steinmauern.«

»Wie meint ihr das? Wir haben nur wenig erfahren. Sind denn die Irokesen in so wildem Grimme aufgestanden?«

»Mein Bruder, sie hatten einmal gesagt, sie würden die Huronen verschlingen – und wo sind jetzt die Huronen? Sie kehrten ihr Angesicht wider die Eries, und wo sind die Eries setzt? Sie wandten sich gegen die Illinois im Westen, und wer kann heute noch ein Illinesendorf finden? Sie schwangen das Kriegsbeil gegen die Andastes, und der Name der Andastes ist vertilgt von der Erde. Jetzt haben sie einen Tanz getanzt und ein Lied gesungen, die meinen weißen Brüdern nichts Gutes künden.«

»Wo sind sie denn jetzt?«

Der Indianer fuhr mit der Hand den ganzen südlichen und westlichen Horizont entlang.

»Wo sind sie nicht? Die Wälder rauschen von ihren Tritten. Sie sind schnell und schrecklich, wie das Feuer im dürren Grase.«

»Bei meinem Leben,« sagte Catinat, »wenn diese Teufel losgelassen sind, wird der alte Frontenac wirklich zurückkommen müssen, wenn die Weißen nicht sämtlich in den Strom gefegt werden wollen.«

»Ja,« sagte Amos, »ich sah ihn einmal, als ich mit den andern vor ihn geführt wurde, weil wir auf französischem Gebiet, wie er es nannte, Handel getrieben hatten. Sein Mund schnappte zu wie ein Fuchseisen, und er besah uns, als ob er gern unsre Skalpe zu einem Paar Gamaschen gehabt hätte. Aber er war ein Häuptling und ein tapferer Mann, das konnte ich ihm anmerken.«

»Er war ein Feind der Kirche und die rechte Hand des Satanas in diesem Lande!« sagte eine Stimme unten im Boot.

Es war der Mönch, dem es gelungen war, sich von dem Büffelhandschuh und Gurt zu befreien, womit die beiden Amerikaner ihn geknebelt hatten. Er lag jetzt da wie ein Kleidelbündel und schoß wütende Blicke aus seinen wilden dunklen Augen nach den übrigen Insassen des Kahnes.

»Seine Maultakelage ist abgetrieben,« sagte der Seemann, »wir wollen sie wieder brassen.«

»Warum schleppen wir ihn eigentlich weiter mit?« fragte Amos, »Er ist nur ein schwerer Ballast, und seine Gesellschaft bringt uns auch keinen Nutzen. Wollen wir ihn nicht rauswerfen?«

»Recht so, auf Schwimmen oder Sinken!« rief der alte Ephraim begeistert.

»Nicht doch, wir setzen ihn ans Ufer aus,«

»Damit er vor uns herläuft und die Schwarzkittel auf uns hetzt!«

»Dann also auf jene Insel.«

»Meinetwegen. Er kann den ersten vorbeikommenden Landsmann anrufen.«

Sie fuhren nach dem Eiland hinüber und schifften den Mönch aus, der zwar nichts sagte, ihnen aber dafür mit den Augen fluchte. Sie versahen ihn noch mit etwas Schiffszwieback und Mehl für den Fall, daß er nicht sobald aufgefunden würde; und nachdem sie eine Biegung des Flußes umschifft hatten, trieben sie ihr Kanoe in einer kleinen Bucht an Land, wo Heidel- und Moosbeerbüsche bis dicht ans Wasser heran wuchsen und weiße Euphorbien, blauer Enzian und lila Melissen im Grase blühten. Hier packten sie ihren kleinen Mundvorrat aus, verzehrten ein herzhaftes Frühstück und besprachen dabei ihre Pläne für die Zukunft.

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