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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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V. Im Hafen von Quebec.

Es war eine merkwürdige Gesellschaft, in deren Mitte sich unsre schiffbrüchigen Freunde versetzt fanden. Der »St. Christoph« hatte Rochelle drei Wochen zuvor verlassen nebst vier kleinen Fahrzeugen zur Beförderung von fünfhundert Soldaten, welche der bedrängten Kolonie am St. Lorenz Entsatz bringen sollten. Das kleine Geschwader war indessen auseinander gekommen, und der Statthalter verfolgte seinen Weg allein, in der Hoffnung, mit den andern Schiffen im Flusse zusammenzutreffen. An Bord hatte er eine Compagnie des Regiments Quercy, die Leute seines Haushaltes, den neuen Bischof von Kanada, Saint Ballier, mit einigen Begleitern, darunter drei Mönche vom Rekollektenorden und fünf Jesuiten, welche für die verhängnisvolle Irokesenmission bestimmt waren. Ferner waren da ein halbes Dutzend Damen, die ihre Gatten aufsuchen wollten, zwei Ursulinerinnen, zehn oder zwölf kecke, junge Edelleute, welche durch Abenteuerlust und Hoffnung auf die Gunst Fortunas übers Meer gelockt waren, und endlich etwa zwanzig Bauernmädchen aus Anjou, welche sicher waren, gleich am Landungsufer Ehegatten zu finden, die schon auf sie warteten, wäre es auch nur um der kleinen Ausstattung willen, welche der König jedem seiner anspruchlosen Mündel versprochen hatte.

In eine derartige Gesellschaft eine Handvoll neuenglischer Independenten, einen Puritaner aus Boston und drei Hugenotten hineinversetzen, das hieß wahrlich – die Fackel ans Pulverfaß legen. Dennoch waren alle an Bord so sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß die Schiffbrüchigen zumeist sich selbst überlassen blieben. Dreißig Soldaten lagen an Fieber und Skorbut darnieder, und Priester wie Nonnen hatten mit ihrer Pflege vollauf zu thun. Der Gouverneur Denonville, ein gottesfürchtiger Dragoner, schritt den ganzen Tag das Deck auf und ab und las dabei die Psalmen Davids, und die halbe Nacht saß er bei seinen Karten und Plänen und brütete über der Vernichtung der Irokesen, die sein Gebiet verwüsteten. Die jungen Edelleute und die Damen kokettierten miteinander, die Jungfern aus Anjou liebäugelten mit den Soldaten von Quercy, und der Bischof von St. Ballier las die Messe und hielt seinen Geistlichen Vorträge. Ephraim Savage konnte tagaus tagein dastehen und den guten Mann, welcher langsam, das Missale mit rotem Schnitt in der Hand, das Deck auf und nieder schritt, mit den Blicken durchbohren und etwas von dem »Greuel der Verwüstung« vor sich hinmurmeln; aber seine kleinen Sonderbarkeiten wurden teils auf Rechnung der Einwirkung der Kälte des Eisberges geschrieben, teils entschuldigte man sie mit der Thatsache seiner angelsächsischen Herkunft, vermöge deren er, gemäß einer französischen fixen Idee, für seine Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden konnte.

Obgleich die Stimmung zwischen Canada und Newyork nicht eben die beste war, da die Franzosen – nicht ohne Grund – glaubten, daß die englischen Kolonisten ihnen die roten Teufel auf den Hals hetzten, so bestand doch gegenwärtig Friede zwischen Frankreich und England. Ephraim und seine Mannschaft fanden deshalb die gastfreundlichste Aufnahme an Bord, obgleich das Schiff so überfüllt war, daß sie nur mit Mühe ein Plätzchen zum Schlafen fanden. Die Catinats wurden womöglich noch freundlicher behandelt, da der gebrechliche Greis und seine schöne Tochter das Interesse des Gouverneurs selbst erweckt hatten. Amory hatte schon längst seine Uniform mit einem einfachen dunklen Anzuge vertauscht, so daß höchstens seine militärische Haltung hätte verraten können, daß er einst der französischen Armee angehört hatte. Bei Hofe war es ihm zur anderen Natur geworden, viel sprechen zu können, ohne etwas zu sagen, und da sein Oheim zu schwach war, um überhaupt Fragen zu beantworten, und Adèle ganz in seiner Pflege aufging, blieb ihr Geheimnis streng behütet.

Einen Tag nach der Rettung der Schiffbrüchigen erblickten sie im Süden Cap Breton, und ein frischer Ostwind, der ihre Segel schwellte, trieb sie rasch vorwärts an der fern auftauchenden Ostküste von Anticosti vorüber. Dann segelten sie die mächtige Strömung des St. Lorenz aufwärts, obwohl er so breit war, daß man von der Mitte aus das Land zu beiden Seiten kaum wahrnehmen konnte. Doch die Ufer verengten sich allmählich, und sie erblickten rechts die wilde Schlucht des Saguenaystromes und den Rauch, der von der kleinen Fisch- und Handelsstation Tadousac über die Tannenwälder emporstieg. Nackte Indianer mit rotangemalten Gesichtern, Algonauins und Abenakis in ihren Birkenkanoes, drängten sich um das Schiff mit Obst und Gemüse, welches den an Skorbut leidenden Soldaten frisches Leben brachte. Immer weiter glitt das Schiff stromauf, an der Bay des Übels, dann am Felsenthal der Eboulements und der St. Paulsbucht mit ihrem breiten Thale und den dichtbewaldeten Bergen vorüber, alles erglühend im buntesten Herbstgewande von Scharlach, Purpurrot und Gold, in welches sich die Ahornbäume, die jungen Eichen und Birkenschößlinge gekleidet hatten.

Amos Green, an die Schiffswand gelehnt, starrte verlangenden Auges auf die vor ihm liegenden Strecken jungfräulichen Urwaldes, durch welche kaum je ein anderer Fuß gestreift war, als der eines umherziehenden Wilden oder kühnen Waldläufers. Jetzt tauchten die schroffen Umrisse von Cap Tourmente vor ihm auf, dann glitten die reichen, friedlich ruhenden Wiesen von Lavals Seigneurie Beaupré vorüber – jetzt beschrieb das Schiff einen Bogen um die Insel Orleans mit ihren Niederlassungen, und plötzlich dehnte sich vor ihm die seeartige Erweiterung des Stromes, der Hafen von Quebec aus, mit den Wasserfällen des Montmorency, den hohen Palissaden von Cap Levi, dem Gedränge von Fahrzeugen aller Art, und rechter Hand erhob sich der herrliche Felsen mit seinem Diadem von Türmen und dem an seinen Fuß geschmiegten Städtchen, dem Mittelpunkt und Bollwerk der französischen Macht in Amerika. Von der Höhe der Festung donnerten die Kanonen ihren Gruß, der von dem Kriegsschiff erwidert wurde. Fahnen flatterten, Hüte wurden geschwenkt, und ein Schwarm von Boten und Kanoes schoß hervor, um den neuen Gouverneur zu bewillkommnen und die Soldaten und Passagiere an Land zu befördern.

Von dem Augenblick an, da er den französischen Boden verlassen, war der alte Kaufherr dahingesiecht, einer Pflanze gleich, welche an der Wurzel abgerissen worden ist. Die Erschütterung des Schiffbruchs und die in der Eisgruft zugebrachte Nacht waren für seine Jahre und seine geschwächte Kraft zu viel gewesen. Seitdem er auf dem Kriegsschiff eine Zuflucht gefunden, hatte er inmitten der kranken Soldaten gelegen – ohne ein anderes Lebenszeichen von sich zu geben, als ein schwaches Atmen und das Zucken seiner rauhen Kehle. Beim Knall der Kanonen jedoch und dem Rufen und Schreien draußen öffnete er die Augen und richtete sich mühevoll und langsam von seinem Kissen auf.

»Wie ist dir, Vater? Was können wir für dich thun?« rief Adèle besorgt. »Wir sind in Amerika, und hier sind wir beide, Amory und ich, deine Kinder!«

Der alte Mann schüttelte den Kopf.

»Der Herr hat mich bis zu dem gelobten Lande gebracht,« sagte er mit schwacher Stimme, »aber er hat nicht gewollt, daß ich es betreten sollte. Sein Wille geschehe, und geheiligt sei sein Name in alle Ewigkeit! Aber wenigstens sehen möchte ich es noch, wie Moses, wenn ich es denn nicht mehr betreten soll! Könntest du, Amory, mir nicht den Arm geben und mich auf das Deck führen?«

»Wenn noch jemand mir hilft, gewiß,« sagte Catinat und stieg an Deck. Bald kehrte er mit Amos Green zurück. »Jetzt, mein Vater, wenn Sie auf die Schulter eines jeden von uns eine Hand legen wollen, brauchen Sie kaum den Fuß auf die Planken zu setzen.«

Bald darauf befand sich der alte Kaufherr an Deck. Die beiden jungen Männer hatten ihn mit dem Rücken gegen den Mast auf eine Rolle Tauwerk gesetzt, wo er vor dem Gedränge in Sicherheit war. Die Soldaten drängten bereits zu den Boten hinab, und alle hatten so viel mit ihren eignen Angelegenheiten zu thun, daß sie auf die kleine Gruppe der Réfugiés, die sich um den sterbenden Greis versammelt hatte, nicht weiter acht gaben. Mühevoll wandte dieser den Kopf von einer Seite zur anderen, aber sein Blick leuchtete doch auf, als er auf den breiten, blauen Wasserspiegel fiel, auf das hohe Schloß drüben, weiterhin auf die lange Reihe violetschimmernder Berge im Nordwesten und in der Ferne auf das Funkeln weißschäumender Wasserfälle.

»Es ist nicht wie Frankreich,« sagte er seufzend, »Es ist nicht grün, friedlich und freundlich, aber es ist großartig und gewaltig, dem gleich, der es geschaffen hat. In dem Maße, als meine Kräfte abgenommen haben, Adèle, hat sich auch meine Seele von den irdischen Fesseln dieses Leibes gelöst, und ich habe vieles deutlich erkannt, was mir bisher dunkel war. Und so, meine lieben Kinder, will es mir scheinen, als ob dieses ganze Land Amerika – nicht Kanada allein, sondern auch das Land, wo Sie, Amos Green, geboren wurden, und alles das, was sich weiterhin erstreckt, jener sinkenden Sonne entgegen – das köstlichste Geschenk Gottes an seine Menschenkinder sein wird. Darum hat er es Jahrhunderte lang verborgen gehalten, auf daß jetzt sein heilig hoher Wille darin geschehe. Denn dies ist noch ein unbeflecktes Land, welches keine Schuld der Vergangenheit zu sühnen hat, keinen Hader, keinen Streit, nichts Böses irgendwelcher Art. Und im Laufe der Zeiten werden alle Müden und alle Heimatlosen, alle Geschlagenen und Enterbten und Bedrückten ihm ihre Angesichter zuwenden, so wie wir's gethan haben. Und daraus wird dann ein Volk erwachsen, welches alles Gute aufnehmen und alles Böse zurückstoßen, und in sich das höchste Ideal ausbilden und ausgestalten wird. Sehe ich es nicht vor mir, das mächtige Volk – ein Volk, dem mehr daran liegen wird, seine niedrigsten Glieder zu erhöhen, als seine reichsten zu verherrlichen, das es verstehen wird, daß der Tapferste auch zugleich der Friedfertigste ist, und es einsehen wird, daß alle Menschen Brüder sind, ein Volk, dessen Herz nicht beschränkt bleibt auf die eignen Grenzen, sondern vielmehr sich für jede große edle Sache in der ganzen Welt erwärmen wird. Das ist es, was ich sehe, Adèle, hier so nahe der Küste, die mein Fuß niemals betreten wird. Und ich sage dir, daß wenn ihr, du und Amory, euch daran beteiligt, eine solche Nation aufzuerbauen, daß dann in Wahrheit euer Leben nicht verloren sein wird. Die Zeit eines solchen Reiches wird kommen, und wenn sie kommt, möge Gott es behüten, möge Gott darüber wachen und es leiten!«

Das Haupt des Alten war allmählich tiefer auf seine Brust gesunken, und seine graubewimperten Lider hatten sich langsam über den Augen geschlossen, welche weit hinaus über Point Levi auf die fernen Wälder und Berge geschaut hatten. Adèle stieß einen verzweifelten Schrei aus und legte ihre Arme um den Hals des Vaters.

»Er stirbt. Amory – er stirbt!« rief sie schluchzend.

Ein finsterer Franziskanermönch, der nicht weit von ihnen seinen Rosenkranz gebetet hatte, hörte den Ruf und war im Augenblick neben ihnen.

»Er stirbt wirklich,« sagte er, nachdem er einen Blick auf das aschfahle Gesicht geworfen hatte. »Hat der alte Mann auch schon die letzte Ölung empfangen?«

»Ich glaube nicht, daß er ihrer bedarf,« antwortete Amory ausweichend.

»Wer von uns bedarf ihrer nicht, junger Mann?« entgegnete der Mönch streng, »Und wie kann ein Mensch ohne sie auf die Seligkeit hoffen? Ich werde sie ohne Verzug an ihm vornehmen.«

Aber der alte Hugenotte öffnete bei diesen Worten die Augen. Mit einem letzten Aufflackern seiner Kraft stieß er die graue Gestalt hinweg, die sich über ihn beugte.

»Ich verließ alles, was mir teuer war, um euch nicht nachzugeben,« rief er. »Meint ihr, daß ihr mich jetzt unterwerfen könntet?«

Der Franziskaner fuhr bei diesen Worten zurück, und aus seinen harten, mißtrauischen, grauen Augen fuhr ein Blitz auf Amory und von ihm auf seine weinende junge Frau.

»So!« sagte er. »Also ihr seid Hugenotten?«

»Schweigt! Hadert nicht mit einem Sterbenden!« rief Amory, und seine Stimme klang so wild, wie die des Mönches.

»Mit einem Toten!« sagte Amos Green. Während er noch sprach, breitete sich ein Ausdruck feierlicher Milde über die Züge des alten Mannes; die tausend Runzeln des Antlitzes glätteten sich, als habe eine unsichtbare Hand darüber gestrichen, und sein Haupt sank gegen den Mast zurück. Adèle regte sich nicht; ihre Arme blieben um seinen Hals geschlungen, ihre Wange lag fest an seine Schulter gedrückt. Sie war ohnmächtig.

Catinat richtete seine Frau auf und trug sie in die Kajüte einer Dame hinunter, die ihnen früher schon manche Freundlichkeit erwiesen hatte. Sterbefälle waren nichts Neues an Bord des Schiffes – im Laufe der Fahrt hatten sie zehn Soldaten verloren, so daß inmitten der Freude und Unruhe der Ausschiffung nur wenige dem toten Pilger auch nur einen Gedanken zuwendeten, um so mehr, als das Gerücht sich schnell verbreitet hatte, er sei ein Hugenotte gewesen. Ein kurzer Befehl wurde erlassen, daß die Leiche in der kommenden Nacht in den Fluß versenkt werden sollte, und damit hatte – mit Ausnahme eines Segelschneiders, der den leinenen Sarg besorgte – die Menschheit ihre letzte Pflicht gegen Théophile Catinat erfüllt.

Mit den Überlebenden freilich war es etwas anderes. Als die Truppen ausgeschifft waren, wurde die kleine Gesellschaft an Deck gerufen, wo ein Offizier ihnen mitteilte, was über sie beschlossen worden war. Es war ein wohlbeleibter, rotbäckiger, gut gelaunter Mann, aber Catinat sah zu seinem Schrecken, daß der Franziskanermönch ihm zur Seite schritt, als er sich ihnen näherte und einige geflüsterte Bemerkungen mit ihm austauschte. Auf dem dunklen Gesicht des Mönches lag ein bitteres Lächeln, das den Ketzern wenig Gutes verhieß.

»Ich werde es erwägen, guter Vater, ich werde es erwägen,« gab der Offizier auf eine dieser geflüsterten Ermahnungen ungeduldig zur Antwort. »Ich bin ein ebenso eifriger Diener der heiligen Kirche, wie Sie es sind.«

»Ich bezweifle das nicht, Herr von Bonneville,« erwiderte der Mönch. »Bei einem so pflichtgetreuen Gouverneur, wie es Herr von Denonville ist, dürfte es sogar für diese Welt den Offizieren seines Haushaltes schlecht bekommen, wenn sie lax sein wollten.«

Der Offizier warf seinem Begleiter einen ärgerlichen Blick zu, denn er erkannte die Drohung, die hinter seinen Worten lauerte.

»Ich möchte Sie daran erinnern, mein Vater,« sagte er, »daß wie der Glaube eine Tugend ist, so nicht minder auch die Liebe.«

Dann fuhr er in englischer Sprache fort:

»Wer ist Kapitän Savage?«

»Ephraim Savage aus Boston,«

»Und Master Amos Green?«

»Amos Green aus New York.«

»Und Master Tomlinson?«

»John Tomlinson aus Salem,«

»Und die Matrosen, Hiram Jefferson, Joseph Cooper, Seek-grace Spaulding und Paul Cushing, alle aus der Bai von Massachusetts?«

»Wir sind hier.«

»Auf Befehl des Gouverneurs sollen alle diese, deren Namen ich verlesen habe, sofort nach dem Handelsschiff ›Hope‹ der Brigg dort mit dem weißen, gemalten Streifen, übergeführt werden. Dieselbe segelt noch in der nächsten Stunde nach den englischen Provinzen.«

Ein freudiges Stimmengeschwirr erhob sich unter den verunglückten Seefahrern, als sie hörten, daß sie so bald in ihre Heimat zurückkehren sollten, und sie eilten, die geringen Habseligkeiten zu holen, die sie aus dem Schiffbruch gerettet hatten. Der Offizier steckte seine Liste wieder in die Tasche und trat zu Amory von Catinat, der in trübem Sinnen gegen die Brüstung lehnte.

»Nicht wahr, Sie erinnern sich meiner?« sagte er. »Ich habe Ihr Gesicht auch nicht vergessen, trotzdem Sie den blauen Rock mit einem schwarzen vertauscht haben,«

Catinat ergriff die ihm entgegengestreckte Hand.

»Ich erinnere mich Ihrer wohl, Herr von Bonneville, und der Reise, die wir zusammen nach Fort Frontenac machten; aber es kommt mir nicht zu, auf Ihre Freundschaft Anspruch zu erheben, jetzt, wo es so mißlich um mich steht.«

»Nicht doch, lieber Freund! Wer einmal mein Freund war, bleibt mein Freund.«

»Auch fürchtete ich, daß die Bekanntschaft mit mir Ihnen bei jenem finsteren Kuttenmann, der dort auf Sie lauert, nicht gerade zur Empfehlung dienen würde.«

»Na ja, Sie wissen, wie es mit uns hier steht. Frontenac konnte die Kerls in Schranken halten, aber de la Barre war wie weicher Thon in ihren Händen, und dieser neue Gouverneur wird, fürchte ich, in seine Fußtapfen treten. Zwischen den Sulpitianern in Montreal und den Jesuiten hier in Quebec befinden wir armen Teufel uns wie zwischen zwei Mühlsteinen. Aber es thut mir von Herzen leid, einem alten Freund und Kameraden, und Ihrer Frau Gemahlin dazu, einen solchen Gruß zum Willkommen bieten zu müssen!«

»Was soll denn mit uns geschehen?«

»Sie werden auf diesem Schiff gefangen bleiben, bis es abgeht, was spätestens in einer Woche geschehen soll.«

»Und dann?«

»Dann werden Sie mit demselben nach Frankreich zurückgeschickt, dem Gouverneur von La Rochelle überliefert und von ihm nach Paris zurückbefördert werden. So lauten Herrn von Denonvilles Befehle, und wenn sie nicht buchstäblich ausgeführt werden, brummt uns das ganze Hornissennest um die Ohren.«

Catinat stöhnte laut auf, als er das hörte. Nach all den Irrfahrten, Drangsalen und Schmerzen jetzt wieder nach Paris zurückkehren müssen – seinen Feinden ein Spott, seinen Freunden ein Gegenstand des Mitleides – die Demütigung war zu groß! Der bloße Gedanke an diese Schmach trieb ihm das Blut heiß ins Gesicht. Zurückgeführt zu werden wie ein heimwehkranker Bauernbursch, der vom Regiment desertiert! Lieber doch ein Sprung in den breitflutenden, blauen Strom zu seinen Füßen! Aber was sollte dann aus der kleinen, blassen Adèle werden, die nun niemand mehr hatte, als ihn? Es war so schmählich! So niederträchtig! Wo aber gab es eine Hoffnung des Entkommens aus diesem schwimmenden Gefängnis mit dem Weibe, dessen Schicksal an das seinige geknüpft war?

Bonneville hatte ihn mit ein paar kurzen Worten der Teilnahme verlassen, aber der Mönch schritt noch immer das Deck auf und ab, indem er von Zeit zu Zeit ihm einen verstohlenen Blick zuwarf, und zwei auf dem Hinterdeck postierte Soldaten thaten das Gleiche. Augenscheinlich hatten sie Befehl, seine Bewegungen zu überwachen. Schmerzlich ergriffen, lehnte er sich über den Bord hinaus. Seine Blicke folgten den Indianern mit ihrem Federschmuck, die in ihren leichten Kanoes vogelschnell über den Fluß hin und her schossen, und glitten dann nach der Stadt hinüber, wo die kahlen, riesigen Giebelspitzen und die verkohlten Mauern der Häuser noch von den Wirkungen einer fürchterlichen Feuersbrunst zeugten, die vor einigen Jahren den untern Teil gänzlich zerstört hatte. Die untergehende Sonne rötete die Zinnen der Burg und milderte die strengen Umrisse des Felsens, der sie trug. Weiter oben blitzte und glitzerte sie auf den Bajonetten der auf dem Paradeplatz exerzierenden Truppen. Als er so dastand und das reiche, belebte Bild anstarrte, wurde seine Aufmerksamkeit durch Ruderschläge davon abgezogen, die dicht neben ihm hörbar wurden, und er erblickte ein großes, stark bemanntes Boot, das gerade unter seinem Platz vorbeifuhr.

Es führte die Neu-Engländer dem Schiffe zu, das sie in ihre Heimat bringen sollte. Da saßen die vier Matrosen eng zusammengedrängt, da waren auch Amos Green und Kapitän Ephraim Savage, die miteinander sprachen und nach der Werft hinüber deuteten. Das graue Gesicht des alten Puritaners und die kühnen Züge des Waldläufers wandten sich ihm mehr als einmal zu, aber kein Lebewohl, keine freundliche Handbewegung wurde dem armen Verbannten zu teil. Sie waren gewiß so erfüllt von ihrer eignen Zukunft und ihrem eignen Glück, daß sie keinen Gedanken für sein Elend übrig hatten. Von seinen Feinden hätte er das Schlimmste ertragen können, aber diese plötzliche Vernachlässigung von seiten seiner Freunde nach allem, was er bereits erlebt hatte, traf ihn zu schwer. Er legte den Kopf auf beide Arme und brach in ein leidenschaftliches Schluchzen aus. Noch ehe er die Augen wieder erhob, hatte die Brigg drüben die Anker gelichtet und verließ unter vollem Segeldruck den Hafen von Quebec.

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