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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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III. Der letzte Hafen

Drei Wochen lang blies der Wind beständig aus Ost oder Nordost, immer mit einer tüchtigen Brise, die zuweilen recht steif wurde. Das »Goldene Reis« jagte mit vollen Segeln munter vorwärts, so daß gegen Ende der dritten Woche Amos und Ephraim Savage anfingen, die Stunden zu zählen, die noch vergehen mußten, ehe sie ihr Heimatland wiedersehen würden. Dem alten, ans Kommen und Gehen gewöhnten Seemann machte das nicht so viel aus, aber Amos, der das Vaterland noch nie zuvor verlassen hatte, brannte vor Ungeduld heimzukommen. Stundenlang konnte er rücklings auf dem Schaft des Bugspriets sitzen, rauchen und dabei die Linie des Horizontes anstarren in der Hoffnung, sein alter Freund möchte sich verrechnet haben, und nun könne jeden Augenblick der geliebte Küstenstrich vor ihm emporsteigen.

»Es hilft dir nichts, mein Junge,« sagte Kapitän Ephraim und legte die große rote Hand auf Amos' Schulter, »Die so in Schiffen auf dem Meere fahren, brauchen mächtig viel Geduld, und es verlohnt sich nicht, sich um das zu härmen, was man nicht kriegen kann!«

»Die Luft fühlt sich aber doch schon ganz heimatlich an,« entgegnete Amos. »Sie zieht so tüchtig durch die Zähne und beißt, wie ich es drüben nie empfunden habe. Ich glaube, ich werde mich erst recht daheim fühlen, wenn ich drei Monate im Thal der Mohawks gewesen bin.«

Der Kapitän schob ein Stück Kautabak in die Backe, und sagte bedächtig: »Ich bin auf See gewesen, seit ich Haar auf dem Gesicht hatte, meist im Küstenhandel allerdings, aber auch quer übers Wasser, so weit es die Navigationsakte zuließ. Mit Ausnahme der zwei Jahre, die ich wegen der Geschichte mit König Philipp an Land zubringen mußte, wo jeder Kerl, der 'ne Flinte tragen konnte, an der Grenze gebraucht wurde, bin ich nie weiter vom Salzwasser entfernt gewesen, als drei Zwiebackswurf, und ich kann wohl sagen, daß ich eine bessere Überfahrt, als diese jetzige, noch nie gemacht habe.«

»Freilich, wir sind ja dahingestrichen, wie ein Rehbock vor einem Waldfeuer. Aber mir kommt's doch seltsam vor, wie Sie Ihren Weg so leicht und sicher finden können, ohne Spur oder Fährte, um sich danach zu richten. Mir würde es ganz unmöglich sein, Amerika aufzufinden, Ephraim, geschweige denn die Meerenge von Newyork.«

»Ich bin etwas zu weit nördlich gesegelt, Amos. Aber nach meiner Rechnung werden wir morgen Land sehen.«

»Morgen also! Und welches wohl – Mount Desert? Cape Cod? Long Island?«

»Nein, mein Junge! Wir sind in der Breite des St. Lawrence, und werden vermutlich die Küste von Acadia zu sehen bekommen. Mit diesem Winde kommen wir dann in einem, höchstens zwei Tagen südwärts heim. Noch ein paar solche Reisen, wie diese, dann kaufe ich mir ein hübsches Haus von Ziegelstein am grünen Weg in Nord-Boston, wo ich den Blick auf die Bucht habe, und die Schiffe ein- und ausfahren sehen kann. Da würde ich gern mein Leben in Ruhe und Frieden beschließen.«

Trotz der Versicherungen seines Freundes strengte Amos Green den ganzen Tag über seine Augen an, in der vergeblichen Ausschau nach dem Lande, und als endlich die Dunkelheit hereinbrach, ging er nach unten und legte sich seinen befranzten Jagdrock, seine Bärenpelzmütze und seine Ledergamaschen zurecht, welche seinem Geschmack viel mehr entsprachen, als der feine Tuchanzug, in welchen ihn der holländische Krämer gekleidet hatte. Catinat hatte jetzt auch den dunklen, bürgerlichen Rock angelegt und half nun Adèle für den greisen Vater sorgen, der so schwach geworden war, daß er fast nichts mehr allein zu thun vermochte. Auf dem Vorderdeck wurde auf einer Fiedel gekratzt, und die halbe Nacht hindurch mischten sich heisere, heimatliche Lieder in das Plätschern der Wogen und das Pfeifen des Windes, und damit feierten die ernsthaften, soliden Neuengländer auf ihre Weise ihre bevorstehende Heimkehr.

Der Maat hatte diesmal die Wache von zwölf bis vier Uhr nachts, und der Mond schien wundervoll klar die ganze erste Stunde hindurch. In der Morgenfrühe bewölkte sich aber der Himmel, und binnen kurzem war das »Goldene Reis« von einem jener trüben, zähen Nebel umschlossen, wie sie in jenen Meeresbreiten so oft vorkommen. So dicht war derselbe, daß man vom Hinterdeck gerade nur die Umrisse des Focksegels, aber nichts vom Fockstengen-Steuersegel noch vom Klüverbaum sehen konnte. Der Wind stand aus Nordost und wehte sehr scharf, und die zierliche Brigantine lag völlig auf der Seite, während sie wie ein Vogel dahinflog, so daß man von Lee aus mit der Hand das Wasser berühren konnte. Es war plötzlich sehr kalt geworden – so kalt, daß der Maat auf dem Hinterdeck hin und her stampfte, und seine vier Matrosen sich schaudernd vor Kälte an dem schützenden Schiffsrand zusammendrängten. Da auf einmal sprang der eine empor, wies mit vorgestrecktem Finger in die Luft und schrie laut auf; schon aber tauchte eine ungeheure weiße Mauer aus der Dunkelheit auf, gerade gegenüber dem Bugspriet, und das Schiff rannte dagegen mit einer Kraft, vor welcher die beiden Masten zersplitterten, wie trockenes Rohr im Winde, und welche es im Augenblick in einen formlosen Haufen von Sparren und Trümmern verwandelte.

Der Stoß hatte den Maat über die ganze Länge des Hinterdecks geschleudert, und nur mit knapper Not war er dem stürzenden Mast entgangen; zwei von den Leuten dagegen waren durch das große Loch, das in dem Bug klaffte, hinabgestürzt, während ein dritter den Kopf an der Ankerwinde zerschellt hatte. Tomlinson taumelte nach vorn und fand das ganze Vorderteil des Fahrzeugs inwendig in sich selbst hineingetrieben; ein einziger Matrose saß ganz betäubt inmitten zersplitterter Sparren, klatschender Segel und verzerrtem, hin und her gepeitschtem Tauwerk. Es war noch pechfinster, und außer dem weißen Schaumrand einer aufspringenden Welle, war nichts auf der andern Seite des Fahrzeugs zu sehen. Noch stand der Maat in Verzweiflung über das unvorhergesehene Verderben, und versuchte mit seinem Blick die Dunkelheit zu durchdringen, als er Kapitän Ephraim neben sich sah, halb angekleidet, aber hölzern und gleichmütig wie immer.

»Ein Eisberg,« sagte er und schnüffelte in die frostige Luft hinaus. »Konnten Sie das nicht riechen, Freund Tomlinson?«

»Wahrlich, ich fand es kalt, Kapitän Savage, aber ich schob das auf den Nebel.«

»Sie führen immer einen Nebel mit sich, diese Eisklumpen. Der Herr in seiner Weisheit mag wissen, warum; denn für arme Seeleute ist es eine schwere Heimsuchung. Das Schiff füllt sich rasch, Tomlinson. Es ist schon bis über den Bug im Wasser.«

Inzwischen war die zweite Wache an Deck gekommen, und einer maß den Wasserstand.

»Drei Fuß Wasser,« rief er, »und die Pumpen gaben gestern abend keinen Tropfen.«

»Hiram Jefferson und John Moreton an die Pumpen!« rief der Kapitän. »Tomlinson, machen Sie die Barkasse klar, wir wollen sehen, ob wir sie noch herstellen können, – ich fürchte freilich, sie wird nicht mehr zu gebrauchen sein.«

»Zwei Planken der Barkasse sind geborsten!« rief einer der Matrosen.

»Und die Jolle?«

»Die liegt hier in drei Stücke zerschlagen.«

Der Maat raufte sich das Haar, aber Ephraim Savage lächelte, wie einer, den eine merkwürdige Übereinstimmung der Umstände kitzelt.

»Wo ist Amos Green?«

»Hier, Kapitän Ephraim. Was kann ich thun?«

»Und ich?« fragte Catinat voller Eifer.

Adèle und ihr Vater in Mäntel gehüllt, befanden sich auf der Leeseite des Deckhäuschens, um sich vor der Kälte zu schützen.

»Sage ihm, daß er bei den Pumpen mitarbeiten mag, wenn die Reihe an ihn kommt,« sagte der Kapitän zu Amos, »Und du, Amos, du verstehst mit Handwerkszeug umzugehen. Nimm eine Laterne, steig in die Barkasse und sieh zu, ob du das Ding flicken kannst,«.

Eine halbe Stunde lang hämmerte, bastelte und kalfaterte Amos Green, und das scharfe abgemessene Gerassel der Pumpen übertönte das Rauschen der Wogen. Langsam, sehr langsam senkte sich der Bug der Brigantine, und der Stern hob sich.

»Du hast nicht mehr viel Zeit, Amos,« sagte der Kapitän ruhig.

»Sie ist jetzt flott, wenn freilich auch nicht ganz wasserdicht.«

»Schön! Laß sie herab. Ihr da pumpt weiter. Tomlinson, bringen Sie so viel Lebensmittel und Wasser, als sie halten kann. Hiram Jefferson, komm mit mir.«

Der Seemann folgte dem Kapitän in das auf und nieder tanzende Boot; letzterer trug eine Laterne, die mit einem Ledergürtel an seinen Leib geschnallt war. Sie ruderten bis unter die zerrissenen Schiffsrippen. Als der Kapitän den ganzen Umfang des Schadens erkannte, schüttelte er den Kopf.

»Schneidet das Focksegel ab und reicht es mir her,« rief er.

Tomlinson und Amos zerschnitten die Segeltaue mit ihren Messern, und ließen das Tuch hernieder. Der Kapitän und der Matrose fingen es auf und zogen es quer über das riesige klaffende Leck. Als er sich herniederbeugte, um das zu thun, hob sich das Schiff auf einer aufschwellenden See empor, und bei dem gelben Licht seiner Laterne erblickte der Kapitän breite, schwarze Spalten, die sich strahlenförmig von dem Loche über den Schiffsbauch ausbreiteten.

»Wie hoch steht das Wasser?« fragte er.

»Fünf und einen halben Fuß.«

»Dann ist das Schiff verloren. So weit ich nach hinten sehen kann, könnte ich meinen Finger zwischen die Planken stecken. Immer noch weiter pumpen, ihr da! Haben Sie die Lebensmittel und das Wasser, Tomlinson?«

»Hier, Kapitän.«

»Lassen Sie beides über den Schiffsrand. Die Brigg hält höchstens ein bis zwei Stunden. Können Sie nichts von dem Eisberg sehen?«

Der Nebel löste sich jetzt plötzlich auf, der Mond schimmerte hindurch und goß sein Licht über das weite einsame Meer und das zertrümmerte Schiff. Gleich einem riesigen Segel schaukelte der ungeheure Eisblock, an welchem sie gescheitert waren, mit den auf und ab flutenden Wellen langsam hin und her.

»Da müßt ihr hin,« sagte Kapitän Ephraim, »Es bleibt nichts anderes übrig. Zuerst laßt das Mädel über Bord hinab. Sie will nicht? Na, denn erst den Vater, wenn sie's lieber mag. Sag ihnen, sie sollen ganz still sitzen, Amos, und der Herr verläßt die Seinen nicht, wenn sie keine Dummheiten machen. So! Sie ist ein braves Frauenzimmer trotz ihres Kauderwelschens. Jetzt das Faß und die Tonne und alle Mäntel und Decken, die zu finden sind. Jetzt kommt der andere Franzose dran. Ja, ja! Immer erst die Passagiere! Nun, Amos. Nun ihr andern Leute, Sie zuletzt, Freund Tomlinson.«

Es war gut, daß sie nicht weit zu fahren hatten, denn die Barkasse sank fast bis an den Rand ins Wasser, und zwei Mann hatten unaufhörlich damit zu thun, das Wasser auszuschaufeln, welches fortwährend zwischen den geborstenen Planken durchsickerte. Als alle sicher auf ihren Plätzen saßen, schwang sich Kapitän Savage noch einmal an Bord zurück, was nur zu leicht war, da jede Minute den Bord dem Wasser näher brachte. Er kam mit einem Bündel Kleider zurück, das er ins Boot warf.

»Abstoßen!« befahl er.

»So springen Sie hinein!«

»Ephraim Savage geht mit seinem Schiff unter,« entgegnete er ruhig, »Freund Tomlinson, es ist nicht meine Art, einen Befehl mehr als einmal zu geben. Abstoßen! sage ich!«

Der Maat stieß das Schiff mit dem Bootshaken ab. Amos Green und Amory Catinat stießen einen Schreckensschrei aus, aber die strammen Neuengländer tauchten die Ruder ein und lenkten dem Eisberg zu.

»Amos! Amos! wollen Sie das zugeben?« rief der Soldat in französischer Sprache. »Meine Ehre erlaubt mir nicht, ihn so zu verlassen. Ich würde den Flecken darauf ewig empfinden!«

»Tomlinson, Sie werden ihn doch nicht verlassen! Gehen Sie an Bord, zwingen Sie ihn, zu kommen!«

»Der Mann lebt nicht, der Ephraim Savage zu dem zwingen könnte, wozu er keine Lust hat.«

»Er besinnt sich vielleicht und ändert seine Absicht.«

»Er ändert seine Absicht nie.«

»Aber Mensch, wir können ihn doch nicht verlassen. Legen Sie wenigstens bei, damit wir ihn nachher herein nehmen können!«

»Das Boot leckt wie ein Sieb,« sagte der Maat. »Ich will bis nach dem Berg fahren, und wenn wir einen Landungsplatz finden, Sie dort lassen und dann den Kapitän holen. Legt euch tüchtig ins Zeug, Jungens; je eher wir da sind, desto eher kommen wir zurück,«

Sie hatten noch keine fünfzig Riemenschlage gethan, als Adèle plötzlich aufkreischte. »Mein Gott!« rief sie, »das Schiff geht unter!«

Tiefer und tiefer war die Brigg ins Wasser gesunken, plötzlich bog sie unter dem Krachen berstender Planken das Vorderteil nieder, wie ein untertauchender Wasservogel, der Stern flog hoch in die Luft, und mit einem langgedehnten, glucksenden Tone schoß sie hinab, schneller und schneller, bis die aufrauschenden Wogen über der hohen Hinterdeckslaterne zusammenschlugen.

Wie mit einem Ruck wandte das Boot und eilte zurück, so schnell die kräftigen Arme es fördern konnten. Aber alles war totenstill an der Unglücksstätte. Nicht einmal ein Splitter war nach dem Schiffbruch auf der Oberfläche zurückgeblieben, der hätte andeuten können, wo das »Goldne Reis« in seinen letzten Hafen eingelaufen war. Eine ganze Viertelstunde lang ruderten sie im Mondlicht herum, aber von dem puritanischen Seemann war keine Spur zu entdecken. Endlich, da trotz allen Schöpfens, das Wasser ihre Knöchel zu umspülen begann, richteten sie noch einmal schweigend und schweren Herzens ihren Kurs nach dem öden Eiland, auf dem sie Zuflucht zu finden hofften.

Wie trostlos es auch sein mochte, war es doch jetzt ihre letzte Hoffnung, denn das Leck nahm zu, und es lag auf der Hand, daß das Boot nicht mehr lange flott zu halten war. Als sie sich näherten, sahen sie zu ihrem Entsetzen, daß die Seite, welche ihnen gerade gegenüber lag, eine glatte Eismauer von etwa sechzig Fuß Höhe war, ohne Spalte oder Riß an irgend einer Stelle. Der Berg hatte eine Ausdehnung von wenigstens fünfzig Fuß nach beiden Enden – man durfte hoffen, daß die andere Seite günstiger sein möchte. Schöpfend und schaufelnd ruderten sie um die Ecke, befanden sich aber wieder angesichts einer düster starren Eisklippe. Um ein zweites Vorgebirge fuhren sie und fanden, daß der Berg eher höher, als niedriger wurde. Eine Seite war nun noch übrig, und sie ruderten herum mit dem Bewußtsein, daß ihr Leben von der Gestaltung derselben abhing, denn das Boot unter ihnen war dem Sinken ganz nahe. Jetzt schossen sie aus dem Schatten in das volle Mondlicht hinaus, und ein Anblick bot sich ihnen dar, den niemand unter ihnen bis an seinen Todestag je vergaß.

Die Klippe, welche ihnen entgegenstarrte, war ebenso abschüssig, wie die übrigen, dazu schimmerte und funkelte sie von oben bis unten in dem silberhellen Lichte wie tausende von Eiskristallen. Gerade im Mittelpunkt, jedoch auf gleicher Ebene mit der Wasserlinie befand sich eine gewaltige Höhle, die den Ort bezeichnete, wo das »Goldne Reis« im Zerschellen einen riesigen Block losgelöst und so im eignen Untergange noch einen Zufluchtsort für die bereitet hatte, welche ihr anvertraut gewesen waren. Diese Grotte schimmerte im sattesten smaragdnen Grün, am Rande hell und klar, aber im Hintergrunde zum tiefsten Blau und Violett abgetönt. Aber es war nicht die Schönheit dieser Grotte, noch die Gewißheit sicheren Schutzes, den sie bot, was den Lippen aller einen Schrei der Freude und Verwunderung entlockte, vielmehr war es der Umstand, daß auf einem Eisblock mit der Maiskolbenpfeife im Munde, die er gemütlich rauchte, niemand geringeres saß als Kapitän Ephraim Savage aus Boston.

Im ersten Augenblick hätten die Schiffbrüchigen fast geglaubt, es wäre sein Geist, wenn sich Geister je in so behäbiger Stellung sehen ließen, aber der Ton seiner Stimme bewies ihnen bald, daß er es wirklich sei, und zwar in keiner besonders christlichen Gemütsverfassung.

»Freund Tomlinson,« sagte er ärgerlich, »wenn ich Ihnen sage, Sie sollen auf einen Eisberg zurudern, so meine ich, daß Sie direkt darauf zurudern und nicht nach rechts oder links auf dem Weltmeer herum schwärmen sollen! Ihre Schuld ist's nicht, das ich nicht erfroren bin – würde es auch sein, wenn ich nicht etwas trocknen Tabak und meine Zunderbüchse gehabt hätte.«

Ohne sich mit einer Antwort auf die Vorwürfe seines Vorgesetzten aufzuhalten, steuerte der Maat nach der vom Bug der Brigg schräg aufwärts gebohrten Anfurt, wo das Boot leicht auf das Eis auflaufen konnte. Kapitän Ephraim ergriff sofort sein trockenes Kleiderbündel und verschwand damit im Hintergrunde der Grotte, von wo er bald wärmer am Leibe und beruhigteren Gemütes zurückkehrte. Die Barkasse war inzwischen umgekippt, um zum Sitze zu dienen, die Gitter und Querbänke herausgenommen und mit Tüchern bedeckt, um ein Lager für die Dame herzustellen, und dem Zwiebacksfäßchen der Deckel abgeschlagen.

»Wir haben rechte Angst um Sie gehabt, Ephraim,« sagte Amos Green. »Das Herz war mir schwer, wenn ich bedachte, daß ich Sie nie wiedersehen sollte.«

»Unsinn, Amos! Da hättest du mich doch besser kennen sollen!«

»Wie sind Sie denn aber hergekommen, Kapitän?« fragte Tomlinson. »Ich dachte, das Schiff hätte Sie mit untergeschluckt.«

»Hat es auch. Das ist nun das dritte Schiff, mit dem ich untergegangen bin, aber keins hat mich noch ganz untergekriegt. Heute abend ging's tiefer, als mit der ›Speedwell‹, aber nicht so tief wie in der ›Governor Winthrop‹. Als ich wieder auftauchte, schwamm ich nach dem Berg, fand diesen Winkel und kroch hinein. Aber froh war ich, als ich euch sah, denn mir war Angst, ihr wäret gescheitert.«

»Wir waren ja zurückgefahren, Kapitän, um Sie aufzufischen, und verfehlten Sie in der Dunkelheit.«

»Richtet das Bootssegel auf und macht dem Frauenzimmer eine Hütte daraus. Dann schafft Abendbrot herbei, und danach wollen wir uns ausruhen, so gut es gehen will, denn heute nacht kann nichts mehr geschehen, aber morgen vielleicht viel.«

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