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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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Zweiter Teil

In der neuen Welt

I. Die Abfahrt des »Goldnen Reises«

Dank der rechtzeitigen Warnung durch den Gardeoffizier war die kleine Reisegesellschaft der Verfolgung zuvor gekommen. Als sie mit Tagesanbruch durch das Dorf Louvier fuhren, erblickten sie auf einem Dunghaufen einen nackten Leichnam, und der grinsende Wächter erzählte ihnen, daß es ein unbußfertig gestorbener Hugenotte wäre. Aber derlei Vorkommnisse waren seit lange nichts Ungewöhnliches und setzten noch keine Änderung der Gesetze voraus. In Rouen war alles ruhig, und Kapitän Ephraim Savage brachte sie mit ihren geflüchteten Habseligkeiten noch vor Dunkelwerden an Bord seiner Brigantine, das ›Goldne Reis‹. Es war nur ein kleines Fahrzeug von ungefähr 70 Tonnen Gehalt, aber immerhin ein sicherer Zufluchtsort zu nennen in einer Zeit, wo viele auf offenen Böten in See stachen und sich lieber dem Zorn der Elemente, als dem des Königs aussetzten. Noch in derselben Nacht lichtete der alte Seemann die Anker und fuhr die Windungen der Seine hinab.

Es ging nur sehr langsam vorwärts. Der Mond stand im zweiten Viertel, und von Osten her wehte eine Brise, aber der Fluß drehte und schlängelte sich so unaufhörlich, daß es ihnen zuweilen vorkam, als führen sie stromauf anstatt stromab. Bei längeren Strecken braßten sie die Raaen Vierkant ins Kreuz und flogen vor dem Winde, aber oft genug mußten sie beide Boote herunterlassen und das Schiff mühsam schleppen. Der Maat, Tomlinson von Salem, und sechs ernsthafte, tabakkauende Matrosen aus Neu-England mit breitkrämpigen Palmettohüten, ruderten mit äußerster Anspannung aller Kräfte. Amos Green, Catinat und sogar der alte Kaufherr kamen zuweilen an die Reihe, wenn vor Sonnenaufgang die Seeleute an Bord gebraucht wurden, um die Segel zu bedienen. Endlich, als es zu dämmern begann, wurde der Fluß breiter, die Ufer traten zurück und bildeten eine lange, trichterförmige Bucht. Ephraim Savage witterte in die Luft hinaus und schritt munter an Deck auf und nieder, während es lustig in seinen klugen, grauen Augen aufblitzte. Der Wind hatte nachgelassen, war aber immer noch stark genug, um sie langsam weiter zu treiben.

»Wo ist das Mädchen?« fragte Ephraim jetzt.

»In meiner Kajüte,« antwortete Amos. »Ich dachte, sie würde damit vorlieb nehmen können, bis wir drüben sind,«

»Wo willst du denn aber schlafen?«

»Ach was! Eine Streu junger Zweige und ein Stück Birkenrinde als Decke hat mir seit vielen Jahren genügt. Was kann ich mir besseres wünschen, als diese Planken aus weichem, weißem Tannenholz und meine Friesdecke?«

»Schön. Der alte Mann und sein Neffe, der Blaurock, können diese beiden leeren Kojen bekommen. Aber du mußt mit dem Blaurock reden, Amos. An Bord meines Schiffes leide ich kein Gelieble, mein Sohn; kein Geflüstre und Schöngethue und was dergleichen Narretheidinge mehr sind. Setze ihm auseinander, daß dies Schiff ein abgerissenes Stück Boston ist, und daß er sich demgemäß in Bostoner Bräuche schicken muß, bis er es verläßt. Du kannst mir sagen, was ›kein Gelieble‹ auf französisch heißt, und ich will ihn schnell genug ins rechte Fahrwasser bringen, wenn er mal abtreibt.«

»Es ist jammerschade, daß wir so schnell fort mußten, sonst hätten sie getraut werden können, ehe wir abreisten. Sie ist ein sittsames Mädchen, Ephraim, und er ein wackerer Mann, wenn ihre Sitten auch von den unsern abweichen. Sie nehmen das Leben leichter als wir, und kann sein, sie haben mehr Freude daran.«

»Das habe ich noch nie gehört, daß wir in die Welt gesetzt worden sind, um an ihr Freude zu haben,« meinte der alte Puritaner kopfschüttelnd. »Das Thal der TodesschattenPsalm 23, 4 nach der französischen und englischen Übersetzung. scheint mir gerade kein sehr paßlicher Name für einen Spielplatz zu sein. Ein Ort der Prüfung und Züchtigung, das ist die Welt, ein Kelch voll bitterer Galle und der Ungerechtigkeit übergeben. Wir sind böse von Kindesbeinen an, wie der faule Strom, der aus einem Morast abfließt, und haben genug mit unsrer Reinigung zu thun, ohne thörichtes Schwatzen über Freuden des Lebens.«

»Mir kommt es vor, als sei beides, Schmerz und Freude, durcheinander gemengt,« sagte Amos, »wie Mageres und Fettes in einem Sacke voll Pemmikan.Gedörrtes und fein gehacktes Fleisch, das wenig Raum wegnimmt und sich bequem in der Jagdtasche mitnehmen läßt. Sieh dir die Sonne dort an, die sich gerade über die Baume erhebt, und die zartgeröteten Wolken und den Fluß, der wie ein rosigschimmerndes Band hinter uns liegt. Das alles ist doch herzerfreuend und lieblich anzusehen, und mich will's bedünken, als könne das uns nicht so vorkommen, wenn der Schöpfer es nicht gewollt hätte. Manches Mal, wenn ich so im Spätherbst im Walde lag und meine Pfeife rauchte und dachte, wie gut der Tabak schmeckte und wie die gelben Ahornbäume und die Purpurblätter der Eschen leuchteten und die feuerroten Fischerbäume zwischen dem Strauchwerk prangten, dann meinte ich, das wahre Thorengeschwätz führten die Leute, die daran zweifeln können, daß all diese Pracht dazu bestimmt ist, die Welt schöner und uns glücklicher zu machen.«

»Du hast in besagten Wäldern zu viel nachgedacht,« erwiderte Ephraim Savage und sah ihn besorgt an. »Nimm nicht ein Segel, das für dein Boot zu groß ist, mein Junge, und traue nicht auf deinen eignen Verstand. Du stammst aus einem Geschlecht, welches lieber den Staub Englands von seinen Füßen schüttelte, als daß es seine Kniee vor Baal gebeugt hätte. Halte dich fest am Wort und denke darüber hinaus nicht nach. Aber was fehlt dem alten Mann? Er scheint etwas auf dem Herzen zu haben.«

Der alte Kaufherr hatte sich über den Schiffsrand gelehnt und blickte gramvollen Antlitzes und müden Auges in die gewundene, rotschimmernde Spur des Schiffes, die den Weg nach Paris andeutete. Adèle war eben herauf gekommen und vergaß aller Gefahr und Mühsal, die vor ihnen lag, indem sie des alten Vaters kalte Hände in den ihren zu erwärmen suchte und ihm leise Liebes- und Trostworte zuflüsterte. Sie hatten jetzt den Punkt erreicht, an dem der sanfte, stillgleitende Fluß zum erstenmal nach dem Herzschlag des Meeres zu pulsieren begann. Der Alte blickte voll Entsetzen auf das Bugspriet, das langsam in die Höhe stieg, und klammerte sich krampfhaft an das Geländer, das ihm unter den Händen wegzugleiten schien.

»Wir sind immer in Gottes Hand,« flüsterte er; »aber, o Adèle, es ist ein furchtbares Gefühl, wenn seine Finger sich unter uns bewegen.«

»Komm mit uns, Onkel,« bat Catinat und nahm den alten Mann unter den Arm. »Du mußt dich endlich ausruhen. Du auch, Adèle, mein armer Liebling. Geh, lege dich nieder und schlafe, mir zu liebe. Es war eine beschwerliche Reise, und wenn du aufwachst, liegt Frankreich und aller Kummer hinter dir!«

Sobald Vater und Tochter das Deck verlassen hatten, ging Catinat nach dem Hinterdeck, wo Amos Green und der Kapitän standen.

»Ich bin froh, sie unten zu haben, Amos,« sagte er, »denn ich fürchte, wir sind noch nicht aus aller Gefahr,«

»Wieso?«

»Sie sehen doch die weiße Straße, die am Südufer des Flusses entlang läuft? Zweimal sah ich in der letzten halben Stunde einen Reiter im Karriere darauf hinjagen. Dort wo die Spitztürme und der Rauch sichtbar werden, liegt Honfleur, und dahin sind jene Männer geritten. Ich wüßte nicht, wer zu so früher Stunde so toll reiten sollte, wenn es nicht Boten des Königs sind. Gebt Acht, hier kommt ein dritter!«

Auf dem weißlichen Bande, das sich durch die grünen Wiesen schlang, wurde jetzt ein schwarzer Punkt sichtbar, der sich sehr schnell fortbewegte, jetzt hinter einer Baumgruppe verschwand, jetzt wieder erschien – immer der fernen Stadt zustrebend. Kapitän Savage zog sein Teleskop heraus und beobachtete den Reiter.

»Ja, ja,« sagte er und schob es wieder zusammen, »es ist ein Soldat und nichts anderes. Ich sehe die Säbelscheide an seiner Backbordseite glänzen. Mir scheint, wir werden bald mehr Wind haben. Mit einer steifen Brise können wir allem, was in französischen Gewässern fährt, die Fersen zeigen, aber jetzt würde eine Galeere oder ein bewaffnetes Boot uns leicht einholen.«

Catinat konnte zwar nur wenig Englisch sprechen, hatte es aber in Amerika gut verstehen gelernt. Er blickte Amos Green ängstlich an.

»Ich fürchte, wir werden den guten Kapitän in Ungelegenheiten bringen,« sagte er, »vielleicht verliert er seine Ladung und sein Schiff zum Dank dafür, daß er sich unsrer angenommen hat. Fragen Sie ihn doch, ob er uns nicht lieber am nördlichen Ufer an Land setzen will. Mit unserm Gelde gelingt es uns vielleicht, die Niederlande zu erreichen.«

Ephraim Savage sah seinen Passagier etwas milder an. »Junger Mann,« bemerkte er, »ich sehe, Sie verstehen etwas von meinen Reden.«

Catinat nickte.

»Dann will ich Ihnen nur sagen, daß ich nicht so leicht klein zu kriegen bin. Das kann mir jeder bezeugen, der mal mein Schiffsmaat gewesen ist. Ich halte mein Steuer und meinen Kurs, so lange es Gott gefällt. Verstehen Sie mich?«

Catinat nickte wieder, obschon er in Wirklichkeit nur einen schwachen Schimmer von dem hatte, was der Alte meinte.

»Wir kommen jetzt auf die Höhe der Stadt da und werden in zehn Minuten wissen, ob irgend eine Gefahr auf uns lauert. Derweil will ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die Ihnen zeigen wird, mit welch einem Manne Sie sich eingeschifft haben. – Vor zehn Jahren war ich Steuermann auf der ›Speedwell‹, einer Sechzigtonnenbrigg, die zwischen Jamestown und Boston hin und her fuhr, Bauholz, Häute und allerlei Kram nach Süden brachte, dagegen Zucker und Tabak nach Norden. Verstehen Sie? Eines Nachts blies ein ziemlicher Sturm aus Süden. Zwei Meilen östlich von Kap May liefen wir auf ein Riff, und das Schiff ging unter mit einem Loch im Boden, als ob es auf dem Turm einer jener Honfleurer Kirchen da aufgespießt worden wäre. Schön! Morgens früh befand ich mich denn an der zerbrochenen Fockraa hängend, hin und her gespült von den Wellen, das Land fast außer Sicht und nirgends eine Spur von meinen Schiffsmaaten oder dem Wrack. Ich fror nicht gerade, denn es war früh im Herbst, und ich hatte wohl drei Vierteile meines Körpers auf der Spiere. Aber ich war hungrig, durstig und zerschlagen. Daher schnallte ich meinen Leibriemen zwei Löcher enger, stimmte einen Psalm an und hielt einen scharfen Ausguck. Na! Ich sah mehr als mir lieb war. Keine fünf Schritt von mir war ein großer Fisch, beinahe so lang, wie die Raa, daran ich mich hielt. Es ist wirklich furchtbar nett, so die Beine im Wasser zu haben und dicht dabei solch eine Bestie, die einem eben die Zehen anknabbern will.«

»Großer Gott!« rief der junge Franzose. »Und er hat Sie nicht gefressen?«

Ephraim Savages kleine Äuglein zwinkerten bei der Erinnerung.

»Ich habe ihn gefressen,« sagte er.

»Was?« rief Amos.

»Die nackte Wahrheit! Ich hatte ein Klappmesser in der Tasche, ein solches, wie dies hier – und strampelte gehörig mit den Beinen, um das Vieh abzuhalten, dabei schnitzelte ich an der Raa, bis ich ein nettes zackiges Stück, oben und unten spitz, ab hatte. Ein Nigger hatte mir das mal unten am Delaware gezeigt. Dann hörte ich mit Strampeln auf und erwartete ihn. Er fuhr auf mich los, wie ein Habicht auf ein Märzküchlein. Sobald er seinen Bauch zeigte, stieß ich meine linke Hand mit dem Holz mitten in sein breites grinsendes Maul und bohrte ihm mit der Rechten mein Messer zwischen die Kiemen. Da versuchte er loszukommen, aber, verstehen Sie, ich ließ nicht locker, obgleich er mich so tief mitnahm, daß ich dachte, ich würde nie wieder in die Höhe kommen. Ich war schon halbtot, als wir endlich auftauchten, aber er schwamm mit dem Bauch nach oben und zwanzig Löchern in seinem Vorhemd. Nun bekam ich auch wieder meinen Sparren zu fassen, und das war gut, wir waren wohl fünfzig Faden tief unter Wasser gewesen – und als ich ihn erreicht hatte, fiel ich in eine tiefe Ohnmacht.«

»Und hernach?«

»Als ich nun wieder zu mir kam, war die See ruhig, und der tote Haifisch trieb neben mir. Ich ruderte meine Raa dicht an ihn heran und machte ein paar Meter Taue los, die an einem Ende herabhingen. Ich zog eine Schlinge um seinen Schwanz, verstehen Sie, schlang die Enden um die Raa und befestigte sie so, daß ich ihn nicht verlieren konnte. Dann machte ich mich an die Arbeit und aß ihn in einer Woche rein auf, bis auf die Rückenflosse. Dazu trank ich den Regen, der auf meinen Rock fiel; und als mich die ›Gracie‹ von Gloucester aufnahm, war ich so fett, daß ich kaum noch an Bord klettern konnte. Verstehen Sie nun, mein Junge, was Ephraim Savage meint, wenn er sagt, er sei nicht so leicht klein zu kriegen?«

Während der puritanische Schiffer sein Abenteuer erzählte, wanderten seine Augen zwischen den klatschenden Segeln und den Wolken hin und her. Der schwache Wind kam in einzelnen kurzen Stößen, und die Leinwand blähte sich abwechselnd straff oder hing schlaff herunter. Die flockigen kleinen Wölkchen droben segelten indes schnell über den blauen Himmel. Nach ihnen schaute der Kapitän endlich unverwandt mit einer Miene, als rechne er ein Exempel aus. Sie waren jetzt auf der Höhe von Honfleur, ungefähr eine halbe Meile davon entfernt. Mehrere Schaluppen und Briggs lagen dicht nebeneinander, und eine ganze Flottille von Fischerbooten mit ihren braunen Segeln zog langsam herein. Alles war ruhig auf dem halbrunden Kai und dem halbmondförmigen Fort, auf dem die weiße Flagge mit den goldenen fleurs-de-lis wehte. Der Hafen lag schon ihrem Hinterdeck gegenüber, und die Luft fing an, frischer zu ziehen. Catinat blickte rückwärts und hätte sich fast überredet, daß seine Befürchtungen ganz grundlos gewesen seien, als sie im nächsten Augenblick ernster denn je wurden.

Um die Ecke der Mole schoß ein großes dunkles Boot in ihren Gesichtskreis; Schaum umsprühte das Vorderteil und tropfte von den zehn Rudern, die an jeder Seite geschwungen wurden. Eine zierliche weiße Flagge hing über den Stern hinab, und am Bug spiegelte sich die Sonne in einer schweren Messing-Haubitze. Das Fahrzeug war gespickt voll Männer, und der wiederholte Lichtblitz, der aus ihrer Mitte aufzuckte, bewies, daß sie bis an die Zähne bewaffnet waren. Der Kapitän richtete sein Teleskop auf sie und pfiff, dann betrachtete er noch einmal die Wolken.

»Dreißig Mann,« sagte er, »und sie machen drei Knoten in der Zeit, wo wir zwei machen. Sie da, junger Herr, gehen Sie mal mit Ihrem blauen Rock vom Verdeck, oder wir bekommen Ungelegenheiten. Der Herr verläßt die Seinen nicht, wenn sie nur keine Dummheiten machen. Ziehen Sie die Luken auf, Tomlinson. So! Wo stecken Jim Sturt und Hiram Jefferson? Stellt euch daneben und klappt sie zu, wenn ich pfeife. Steuerbord! Steuerbord! Gebt ihr soviel Leinwand, als sie irgend aushält! Amos und Tomlinson, kommt einmal her, ich habe ein Wort mit euch zu reden.«

Die drei hielten Rat auf dem Hinterdeck, ohne ihre Verfolger aus den Augen zu lassen. Der Wind wurde frischer, das war nicht mehr zu bezweifeln, er blies ihnen jetzt lebhaft genug ins Gesicht, während sie rückwärts blickten, war aber noch nicht stätig, und das Boot näherte sich ihnen reißend schnell. Schon erkannten sie die Gesichter der Marinesoldaten am Stern und das Funkeln des brennenden Luntenstockes, den der Kanonier in der Hand hielt.

»Holla,« rief der Offizier in trefflichem Englisch, »legt bei, oder wir geben Feuer.«

»Wer seid ihr, und was wollt ihr?« brüllte Ephraim Savage mit einer Stimme, die man am Ufer hatte hören können.

»Wir kommen im Namen des Königs, und wir fahnden auf eine Gesellschaft Hugenotten aus Paris, die in Rouen an Bord Ihres Schiffes kamen.«

»Dreht den Fockmast, legt bei!« kommandierte der Kapitän. »Laßt eine Leiter herunter. Achtung! So, jetzt können sie kommen, wir sind fertig.«

Die Fockraa wurde eingezogen, und das Schiff lag still und schaukelte auf den Wellen. Das Boot schoß heran, die Messingkanone auf die Brigantine gerichtet, die Bemannung schußfertig, die Finger am gespannten Hahn. Sie grinsten und zuckten die Achseln, als sie entdeckten, daß ihr ganzer Feind aus drei unbewaffneten Männern auf dem Achterdeck bestand. Der Offizier, ein jugendlich flinker Gesell, dessen Schnurrbart sich sträubte, wie der eines Katers, war im Handumdrehen an Bord, den gezückten Degen in der Hand.

»Zwei von euch kommen mit,« rief er hinunter. »Ihr stellt euch hier oben an die Leiter, Sergeant. Werft ein Tau herauf und befestigt es an dieser Stange. Gebt acht, ihr da unten, und haltet euch schußfertig. Ihr begleitet mich, Korporal Lemoine. Wer ist der Kapitän dieses Schiffes?«

»Ich, mein Herr,« sagte Ephraim Savage unterwürfig.

»Sie haben drei Hugenotten an Bord?«

»Was Sie sagen! Hugenotten sind das? Es kam mir freilich so vor, als ob sie es recht eilig hätten wegzukommen; aber wenn sie ihre Überfahrt bezahlen, geht es mich nichts an. Ein alter Mann, seine junge Tochter und ein junger Mensch etwa in Ihrem Alter, in einer Art von Livree?«

»In Uniform, mein Herr! In der Uniform der königlichen Garde. Das sind die Leute, nach denen ich suche.«

»Und Sie wollen sie zurückholen?

»Gewiß.«

»Die armen Leute; sie thun mir doch leid.«

»Mir auch, aber Befehl ist Befehl und muß ausgeführt werden.«

»Selbstverständlich! Der alte Mann schläft jetzt in seiner Koje, das Mädchen ist in der ersten Kajüte, und der andere schläft im Schiffsraum, wo wir ihn unterbringen mußten, weil sonst kein Raum mehr war«

»Er schläft, sagen Sie? Dann können wir ihn ja überraschen!«

»Aber wollen Sie das allein wagen? Er ist zwar unbewaffnet, aber doch ein kräftiger, junger Mensch. Wollen Sie nicht zwanzig Mann aus dem Boot herauf kommen lassen?«

Der junge Offizier mochte etwas Ähnliches beabsichtigt haben, aber des Kapitäns Bemerkung verletzte sein Selbstgefühl. »Kommen Sie mit, Korporal,« sagte er. »Diese Leiter hinunter, sagen Sie?«

»Ja, die Leiter hinunter und dann geradeaus. Er liegt zwischen den beiden Tuchballen.«

Ephraim Savage sah nach oben, und ein Lächeln umspielte den grimmen Mund. Der Wind pfiff jetzt durch das Takelwerk, und die Stangen der Maste summten wie Harfensaiten. Amos Green lehnte nachlässig neben dem französischen Sergeanten, der die Strickleiter bewachte, während der Maat Tomlinson, einen Eimer voll Wasser in der Hand, sich über die Brustwehr hinab in sehr schlechtem Französisch mit der Bootsmannschaft unterhielt.

Der Offizier kletterte langsam die Leiter hinab, die in den Schiffsraum führte. Der Korporal folgte ihm und war mit der Brust in Deckshöhe, als der andere unten ankam. War nun doch etwas in Ephraim Savages Gesicht gewesen, oder war es die Dunkelheit, die ihn umfing, was den jungen Franzosen stutzig machte – jedenfalls faßte er plötzlich Verdacht.

»Zurück, Korporal!« schrie er. »Es scheint mir besser, Sie bleiben oben!«

»Mir scheint's besser, ihr bleibt unten, mein Freund,« sagte der Puritaner, der aus der Gebärde des Offiziers dessen Meinung erriet. Damit setzte er die Stiefelsohle dem Mann auf die Brust und versetzte ihm einen Stoß, der sowohl ihn, wie die Leiter mit Donnergepolter dem Offizier unten nachschickte. Gleichzeitig ließ er einen Pfiff hören, im selben Augenblick fiel die Klappe über die Luke und wurde mit soliden eisernen Krampen befestigt.

Der Sergeant war bei dem Krach herumgefahren, Amos Green aber, der auf diese Bewegung gelauert hatte, umschlang ihn mit den Armen und schleuderte ihn über Bord ins Meer. Das Verbindungstau wurde gleichzeitig gekappt, der Fockmast schwang sich knarrend in seine Stellung zurück, und der Eimer voll Salzwasser sauste auf den Kanonier und das Geschütz herab, löschte seine Lunte aus und durchnäßte sein Zündpulver. Eine Salve, welche die Bootsmannschaft abgab, pfiff durch die Luft und klapperte gegen die Planken, denn das Boot schaukelte und schwankte auf den kurzen Stoßwellen und machte so jedes Zielen unmöglich. Vergebens arbeitete sich die Mannschaft an den Rudern ab, während der Kanonier sich wie ein Verrückter abmühte, um seine Lunte wieder anzuzünden und trocknes Zündpulver aufzuschütten. Das Boot war aus dem Zug gekommen, während die Brigantine jetzt unter ihrer vollen, zum Bersten fast geblähten Segellast pfeilschnell dahinflog. Krach! ging endlich die Haubitze los, und fünf kleine Schlitzen im Hauptsegel zeigten, daß ihre Kartätschkugeln zu hoch geflogen waren. Der zweite Schuß traf auch nicht, und beim dritten war das Schiff außer Schußweite. Eine halbe Stunde später war ein kleiner dunkler Fleck am Horizont mit einem goldenen Punkte darauf das einzige, was von dem Wachtboote von Honfleur zu sehen war. Weiter und weiter entfernte sich das flache Gestade; breiter und breiter dehnte sich die unermeßliche bläuliche Wasserebene vor ihnen aus. Der Rauch von Havre lagerte wie eine kleine Wolke am nördlichen Horizonte, und Kapitän Ephraim Savage schritt sein Deck auf und nieder mit unverändert ernsthaftem Antlitz, aber in seinen grauen Augen glänzte der Schalk.

»Ich wußte es wohl, der Herr würde die Seinen nicht verlassen,« meinte er wohlgefällig. »Jetzt haben wir ihren Schnabel in der rechten Richtung, und kein Klümpchen Schmutz mehr zwischen uns und den drei Hügeln von Boston. Du hast kürzlich zu viel französischen Wein getrunken, Amos, mein Junge! Komm nach unten und versuche mal ein richtiges Bostoner Gebräu, das im Maischbottich einen doppelten Schuß Malz gekriegt hat.«

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