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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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XXIII. Der Sturz der Catinats.

Zwei Tage nach Frau von Maintenons Vermählung mit dem Könige fand in dem uns bekannten engen Gemache, das sie noch immer bewohnte, eine Versammlung statt, welche vielen Hunderttausenden edler Franzosen unsagbares Elend bereiten und doch nach Gottes weiser Vorsehung ein Werkzeug sein sollte, um französische Kunstfertigkeit und französische Gewandtheit unter die teutonischen Völker zu verbreiten, die seitdem durch den so empfangenen Sauerteig um so kräftiger und tüchtiger geworden sind. Denn in der Geschichte sind manchmal gerade durch eine Tugend große Übel hervorgerufen, und höchst wohlthätige Ergebnisse sind einem Verbrechen auf dem Fuße gefolgt.

Die Stunde war gekommen, wo die Kirche die Gemahlin Ludwigs XIV an das ihren Vertretern gegebene Versprechen erinnern sollte. Ihre blassen Wangen und ihre schmerzbewegten Augen zeugten davon, wie sie sich vergeblich anstrengte, die Fürsprache ihres liebevollen Herzens durch die Beweisführungen der sie umgebenden Fanatiker zu ersticken. Sie kannte die Hugenotten. Wer hätte sie besser zu kennen vermocht als sie, die von ihnen abstammte und in ihrem Glauben erzogen und aufgewachsen war? Sie kannte ihre Geduld, ihren Edelsinn, ihre Unabhängigkeit, ihre Ausdauer. Wie war es möglich, daß solche Männer sich dem Wunsch des Königs unterordnen würden? Ein Paar Mitglieder des höchsten Adels würden es vielleicht thun, aber die anderen würden der Galeeren, des Kerkers, ja selbst des Galgens spotten, wenn der Glaube ihrer Vater auf dem Spiele stand. Wenn die Ausübung ihres Gottesdienstes nicht länger geduldet würde und sie doch daran festhielten, mußten sie entweder aus der Heimat flüchten oder ein lebendig-totes Dasein führen auf den Ruderbänken der Galeeren oder in der Wegefrohnarbeit als Kettengefangene. Es war eine fürchterliche Alternative für eine Bevölkerung, die so zahlreich war, daß sie eine kleine Nation für sich bildete. Das Schrecklichste aber war, daß sie, die aus Hugonettenblut stammte, ihre Stimme gegen sie erheben sollte. Und doch – sie hatte ein feierliches Versprechen gegeben, und jetzt war die Zeit da, wo es eingelöst werden mußte.

Die Beratung hatte begonnen. Der beredte Bischof Bossuet, Louvois, der Kriegsminister, und Pater La Chaise, der schlanke, bleiche, weißhaarige Jesuit, alle häuften sie Gründe auf Gründe, um den Widerstand des Königs zu überwinden. Neben ihnen stand noch ein anderer Priester, so hager und so aschfahl, als wäre er eben von seinem Todeslager erstanden, aber ein wildes Feuer glühte in seinen großen, dunklen Augen, und eine fürchterliche Entschlossenheit lag in seinen zusammengezogenen Brauen und in der Bildung seiner schmalen, grimmen Kinnlade. Frau von Maintenon saß über ihre Stickerei gebeugt und webte schweigend ihre bunten Seiden in das Muster, während der König, die Hand auf dem Sessel gestützt, mit dem Gesicht eines Mannes zuhörte, der da weiß, daß er getrieben wird und der sich doch kaum mehr gegen den Stachel seiner Treiber wehren kann. Auf dem niedrigen Tische lag ein Blatt; Feder und Tinte daneben. Es war der Befehl für die Aufhebung des Edikts von Nantes, und es fehlte nur des Königs Unterschrift, um ihn zum Landesgesetz zu machen.

»Sie sind also der Meinung, mein Vater, daß, wenn ich die Ketzerei auf diese Weise austilge, ich mich meiner eignen Seligkeit in der nächsten Welt dadurch versichere?« fragte der König.

»Sie werden sich damit ewigen Lohn verdienen,« sagte Pater La Chaise.

»Und Sie meinen das auch, Herr Bischof?«

»Ohne allen Zweifel, Sire.«

»Und Sie, Abbé du Chayla?«

Der ausgemergelte Priester sprach zum erstenmal – dabei kroch eine leichte Färbung über seine leichenartigen Wangen und ein noch düstereres Licht in seine tiefliegenden Augen.

»Ich kann nicht wissen, ob Sie Ihrer Seligkeit gewiß sein werden. Dazu gehört denn doch noch mehr. Ohne Zweifel aber können Sie Ihrer Verdammnis gewiß sein, wenn Sie es nicht thun.«

Ärgerlich fuhr der König auf und blickte grollend nach dem Sprecher.

»Ihre Worte sind schärfer, als ich es gewohnt bin,« bemerkte er.

»In einer solchen Sache wäre es wahrlich grausam, Sie im Zweifel zu lassen, Sire,« erwiderte der Abbé. »Ich sage noch einmal, daß das Geschick Ihrer Seele auf dem Spiel steht. Ketzerei ist eine Todsünde, Tausende von Ketzern würden sich der Kirche zuwenden, wenn Sie sie dazu aufforderten. Deshalb liegen diese tausende von Todsünden auf Ihrer Seele. Und wo ist Hoffnung für sie, wenn Sie sie nicht bekehren?«

»Mein Vater und Großvater haben sie geduldet.«

»Wenn Gott ihnen nicht in ganz besonderer Weise Gnade erwiesen hat, brennen Ihr Vater und Großvater in der Hölle.«

»Unverschämter!«

Der König sprang von seinem Sitze auf.

»Sire, ich werde sagen, was ich für Wahrheit halte und wenn Sie fünfzigmal ein König waren! Wenn ich für den König aller Könige rede, was kümmert mich ein Mensch? Sehen Sie her, Sire! Sind dies die Glieder eines Mannes, der davor zurückschrecken würde, ein Zeuge der Wahrheit zu werden?«

Mit einer plötzlichen Bewegung streifte er die langen Ärmel seines Priesterrockes zurück und streckte seine weißen fleischlosen Arme hervor. Die Knochen waren alle verknotet und verbogen und zu phantastischen Formen verdreht. Sogar Louvois, der abgehärtete Kriegsmann, und La Chaise, der finstere Priester, schauderten beim Anblick dieser gräßlichen Glieder. Der Abbé erhob sie über seinen Kopf und wandte seine brennenden Augen empor.

»Gott hat mich seit lange schon auserwählt, um für den Glauben zu zeugen,« sagte er. »Ich hatte gehört, daß Blut erforderlich sei, damit die junge Kirche von Siam aufblühe, und ich wanderte nach Siam. Dort rissen sie mich beinahe in Stücke. Sie kreuzigten mich, sie verrenkten und spalteten meine Gebeine und ließen mich für tot liegen. Aber Gott hat mir seinen Lebensodem wieder eingehaucht, damit ich helfen sollte an dem großen Werke der Wiedergeburt Frankreichs!«

»Ihre Leiden, mein Vater,« sagte Ludwig, der seinen Sitz wieder eingenommen hatte, »geben Ihnen einen Anspruch auf die Kirche sowohl, wie auf mich, der ich ihr besonderer Vorkämpfer und Beschützer bin. Was würden Sie also raten, mein Vater, in Bezug auf diese Hugenotten, die sich weigern, sich zu bekehren?«

»Sie werden sich schon bekehren!« rief du Chayla mit einem unheimlichen Lächeln auf dem geisterhaften Antlitz. »Sie müssen biegen oder brechen! Was liegt auch daran, ob sie zu Pulver zermahlen werden, wenn wir nur die eine ungeteilte Kirche im Lande aufrichten können.«

Seine tiefliegenden Augen glühten von dämonischem Feuer, und er schüttelte seine knochigen Hände wildzornig über seinem Haupte.

»Hat die Grausamkeit, mit welcher Sie behandelt worden sind,« wandte der König ein, »Sie nicht gelehrt, gegen andere milder zu sein?«

»Milde? Gegen Ketzer?« rief der Priester. »Nein, Sire, meine eignen Schmerzen haben mich gelehrt, daß diese Welt und unser Fleisch nicht nütze sind, und daß die wahre Liebe und Barmherzigkeit gegen den Nächsten darin besteht, seine Seele auf jede Gefahr für seinen elenden Körper hin einzufangen. Ich würde an Ihrer Stelle, Sire, diese Hugenottenseelen retten, und wenn ich darüber Frankreich in eine Schlachtbank verwandeln müßte!«

Ludwig hatte augenscheinlich von den furchtlosen Worten und dem wilden Ernst des Priesters einen tiefen Eindruck empfangen. Den Kopf auf die Hand gelehnt, saß er in tiefe Gedanken versunken lange da, ohne irgend etwas zu erwidern.

Nach einer Weile nahm Pater La Chaise wieder das Wort. Mit sanfter Stimme hub er an:

»Im übrigen, Sire, werden solche strengen Maßregeln, von denen der gute Abbé spricht, gar nicht nötig sein. Wie ich Ihnen bereits bemerkt habe, werden Sie im ganzen Reiche so geliebt, daß die bloße Versicherung, es sei Ihr Wunsch und Wille, hinreichen wird, alle dem wahren Glauben zuzuwenden,«

»Ich wollte, ich könnte das glauben, mein Vater; ich wollte, ich könnte es glauben. – Was gibt's?«

Es war der Kammerdiener, welcher die Thür halb öffnete.

»Hauptmann von Catinat ist hier. Er bittet um Erlaubnis, Ew. Majestät sofort seine Aufwartung machen zu dürfen.«

»Lassen Sie den Hauptmann eintreten!« befahl der König. – »Ah!« – Ein glücklicher Gedanke schien ihm einzufallen. »Wir werden gleich sehen, was die Liebe zu mir in einer solchen Sache thun wird, denn wenn sie irgendwo zu finden ist, so muß es unter meinen eignen Leibgarden sein.«

Der junge Offizier war soeben von seinem langen Ritt zurückgekehrt. Während Amos Green bei den Pferden blieb, war er, ohne sich Zeit zu lassen, den Staub und die Spuren der Reise von seinem Anzug zu entfernen, in den Palast geeilt, um dem König seine Botschaft zu überbringen. Jetzt stand er vor Ludwig mit der ruhigen Sicherheit eines Mannes, der an die Hofluft gewöhnt ist, und hob die Hand zum Gruß.

»Was bringen Sie neues, Hauptmann?«

»Major von Brissac trug mir auf, Ihnen zu sagen, Sire, daß er das Schloß von Portillac besetzt hat, daß die Dame in Sicherheit ist und ihr Gemahl sein Gefangener.«

Ludwig und seine Frau wechselten einen raschen Blick der Erleichterung.

»Das ist gut,« sagte er dann, »Apropos, Hauptmann, Sie haben mir letzthin verschiedentlich gedient und stets mit gutem Erfolge. Ich höre, Louvois, daß de la Salle an den Pocken verschieden ist.«

»Er ist gestern gestorben, Sire.«

»Dann wünsche ich, daß Sie das erledigte Majorspatent für Herrn von Catinat ausfertigen,« befahl der König. »Lassen Sie mich der erste sein, Sie zu Ihrer Beförderung zu beglückwünschen, mein lieber Major, obgleich Sie den blauen Rock gegen den perlgrauen der Musketiere werden vertauschen müssen. In unserm Haushalt können wir Sie nicht entbehren, wie Sie sehen.«

Catinat küßte die Hand, die der König ihm entgegenstreckte.

»Möchte ich stets mich Ihrer Huld würdig zeigen, Sire!«

»Nicht wahr, Sie würden alles thun, was Sie vermögen, um mir zu dienen?«

»Mein Leben gehört Ihnen, Sire.«

»Sehr wohl! Ich werde Ihre Treue sogleich auf die Probe stellen.«

»Ich bin bereit zu jeder Probe.«

»Es ist keine sehr schwere. Sie sehen das Blatt hier auf dem Tische. Es ist ein Befehl, daß alle Hugenotten in meinem Königreich ihren Irrtum aufgeben und in den Schoß der Kirche zurückkehren sollen bei Strafe der Verbannung oder Einkerkerung. Nun hoffe ich, daß, wenn auch viele meiner treuen Unterthanen einer falschen Religion anhängen, sie doch abschwören werden, wenn sie erst erfahren, daß dies mein deutlich ausgesprochener Wunsch ist. Es würde mir eine große Freude sein, wenn ich fände, daß es so ist, denn nur mit Schmerz würde ich Gewalt gebrauchen gegen irgend wen, der den Franzosennamen trägt. Haben Sie mich verstanden?«

»Ja, Sire.«

Der junge Mann war totenblaß geworden, er faltete und löste seine Hände und trat von einem Fuß auf den andern. Hundertmal hatte er dem Tode unter den verschiedensten Gestalten ins Auge geschaut, aber niemals hatte er eine solche Herzbeklemmung gefühlt, wie die, welche ihn jetzt überfiel.

»Sie sind selbst ein Hugenotte, wie ich höre,« fuhr der König fort. »Ich möchte Sie deshalb gern als die erste Frucht dieser großen Maßregel gewinnen. Lassen Sie uns von Ihren eignen Lippen hören, daß Sie bereit sind, Ihrem Könige und Feldherrn zu folgen in diesem wie in andern Stücken!«

Der junge Gardeoffizier zögerte einen Augenblick, obgleich er mehr darüber nachdachte, wie er seine Antwort einkleiden, als was ihr Inhalt sein sollte. Er fühlte, daß Fortuna mit einem Zuge all die guten Dienste weggewischt hatte, die sie ihm in seinem bisherigen Leben geleistet, und daß er jetzt, weit entfernt davon in ihrer Schuld zu sein, im Gegenteil viel bei ihr zu gut hätte. Der König zog die Brauen empor und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch, als er auf das gesenkte Antlitz und die mutlose Haltung Catinats blickte.

»Warum soviel Nachdenken?« rief er ungeduldig. »Sie sind ein Mann, den ich emporgehoben habe, und weiter emporheben will. Wer die Majorsepauletten mit dreißig Jahren hat, kann mit fünfzig einen Marschallstab führen, Ihre Vergangenheit gehört mir, und Ihre Zukunft soll nicht minder meine Sache sein. Was für Hoffnungen haben Sie sonst noch?«

»Keine, Sire, außerhalb Ihres Dienstes.«

»Warum denn also dies Schweigen? Warum geben Sie mir nicht die Zusicherung, die ich verlange?«

»Ich kann es nicht thun, Sire!«

»Sie können es nicht thun?«

»Es ist unmöglich. Ich würde keinen Frieden mehr im Herzen, keine Selbstachtung haben, wenn ich wüßte, daß ich den Glauben meiner Väter um Reichtum oder einer vornehmen Stellung halber aufgegeben hätte.«

»Mann, Sie sind sicherlich verrückt! Hier ist auf der einen Seite alles, was der Mensch erstreben kann, und was bleibt auf der andern?«

»Meine Ehre.«

»Ist es denn eine Schmach, meine Religion anzunehmen?«

»Mir würde es eine Schmach sein, sie Gewinnes halber anzunehmen, ohne daran zu glauben.«

»So glauben Sie doch daran!«

»Ach, Sire, der Mensch kann sich zum Glauben nicht zwingen. Der Glaube muß zu ihm kommen, nicht er zum Glauben.«

»Auf mein Wort, Vater,« sagte Ludwig, seinen jesuitischen Beichtvater mit bitterem Lächeln anblickend, »ich werde mir künftig die Offiziere für die Haustruppen aus Ihrem Seminar holen müssen, da meine Edelleute zu Casuisten und Theologen geworden sind. – Zum letztenmal also, Catinat, Sie verweigern es, meinem Ersuchen zu willfahren?«

»O, Sire –«

Catinat that einen Schritt vorwärts mit ausgestreckten Händen und Thränen in den Augen.

Aber der König hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.

»Ich verlange keine Beteurungen,« sagte er. »Ich beurteile einen Mann nach seinen Handlungen. Schwören Sie ab oder nicht?«

»Ich kann's nicht, Sire,«

»Sie sehen,« wandte sich Ludwig wieder zu dem Jesuiten, »es wird doch nicht so leicht sein, wie Sie denken.«

»Dieser Mann ist hartnäckig, das ist nicht zu leugnen, aber viele andere werden leichter nachgeben.«

Der König schüttelte den Kopf.

»Ich wollte, ich wüßte, was ich thun soll,« sagte er. »Gnädige Frau, ich weiß, daß Sie mir immer das beste raten werden. Sie haben alles hier Gesprochene mit angehört. Was empfehlen Sie mir zu thun?«

Die Augen der Maintenon blieben auf die Stickerei geheftet, aber ihre Stimme war fest und klar, als sie antwortete:

»Sie haben selbst gesagt, daß Sie der älteste Sohn der Kirche sind. Wenn der älteste Sohn sie verläßt, wer wird dann noch ihr Geheiß thun? Und in dem, was der heilige Abbé sagte, liegt auch viel Wahres. Sie könnten am Ende Ihre eigne Seele dadurch gefährden, wenn Sie gegen diese Sünde der Ketzerei ein Auge zudrücken. Sie wächst und gedeiht, und wenn sie jetzt nicht ausgerottet wird, kann sie die Wahrheit ersticken, wie Dornen und Unkraut den Weizen ersticken.«

»Es gibt jetzt Distrikte in Frankreich,« beeilte sich Bossuet zu versichern, »wo man während einer ganzen Tagereise keine Kirche sieht, und wo alle Bewohner, vom Edelmann bis zum Bauern hinab, demselben verfluchten Glauben angehören. So ist's in den Sevennen, wo die Leute so wild und rauh sind, wie ihre Berge. Gott schütze die Priester, die Leute wie diese von ihren Irrtümern bekehren sollen!«

»Wem sollte ich denn eine so gefahrvolle Aufgabe anvertrauen?« fragte Ludwig.

Der Abbé du Chayla warf sich bei diesen Worten auf die Knie und streckte dem Könige flehend seine dürren Hände entgegen.

»Senden Sie mich, Sire! Mich!« bat er. »Noch nie habe ich eine Gunst von Ew. Majestät erbeten und will es niemals wieder thun. Aber ich bin der Mann, um den Trotz dieser Menschen zu brechen. Senden Sie mich mit Ihrer Botschaft an das Volk in den Sevennen!«

»Gnade Gott dem Volk der Sevennen,« murmelte Ludwig, als er mit einer Mischung von Achtung und Abscheu das abgezehrte Gesicht und die glühenden Augen des Fanatikers anblickte, »Wohlan, Herr Abbé,« fügte er laut hinzu, »Sie sollen nach den Sevennen gehen.«

Ob in diesem Augenblick über den finsteren Priester eine Vorahnung jenes fürchterlichen Morgens kam, da sich, während er in einem Winkel seines brennenden Hauses kauerte, fünfzig Dolche auf einmal in seinen Leib gruben? Sein Antlitz sank in seine Hände, und ein Schauer durchfuhr seinen dürren Körper. Dann stand er auf, schlug die Arme übereinander und nahm seine unbewegliche Haltung wieder an. Ludwig ergriff die Feder und zog das Blatt an sich heran.

»So geben Sie mir also alle denselben Rat,« sagte er, »Sie, Herr Bischof; Sie, mein Vater; Sie, gnädige Frau; Sie, mein Herr Abbé; und Sie, Louvois. Nun denn, wenn übles daraus entsteht, möge es nicht über mein Haupt kommen! – Aber was ist das?«

Catinat war mit ausgestreckter Hand auf ihn zugeschritten. Sein glühendes, ungestümes Temperament hatte plötzlich alle Schranken der Vorsicht durchbrochen, denn in diesem Augenblick glaubte er, die zahllosen Scharen von Männern, Frauen und Kindern zu sehen, die alle seinem Glauben angehörten, alle außer stande, ein Wort für sich zu sprechen, alle zu ihm aufblickend als ihrem Vorkämpfer und Fürsprecher. So lange alles gut ging, hatte er wenig an solche Dinge gedacht; als aber jetzt die Gefahr drohte, wurde die tiefere Saite seiner Seele berührt, und er fühlte lebhaft, daß Leben und irdisches Glück leicht in die Wagschale fallen, wenn sie gegen hohe Grundsätze und eine große, ewige Sache gewogen werden.

»Unterzeichnen Sie nicht, Sire!« rief er, »Sie werden die Zeit erleben, da Sie wünschen, Ihre Hand wäre verdorrt, ehe sie jene Feder ergriff! Ich weiß es, Sire, ich weiß es gewiß. Denken Sie doch all der hilflosen Leute – der kleinen Kinder, der jungen Mädchen, der Alten und der Schwachen. Ihr Glaube ist mit ihnen verwachsen. Ebensogut konnten Sie von den Blättern verlangen, die Äste zu wandeln, auf denen sie wachsen. Sie können nicht übertreten. Im besten Falle könnten Sie nur erwarten, sie aus ehrlichen Menschen zu Heuchlern zu machen. Und warum müssen Sie es denn thun? Die Leute lieben Sie, Sire. Sie ehren Sie. Sie schädigen niemand. Sie sind stolz darauf, in Ihren Heeren zu dienen, für Sie zu fechten, für Sie zu arbeiten, die Größe Ihres Königtums aufzurichten. Ich flehe Sie an, Sire, noch einmal das zu bedenken, ehe Sie einen Befehl unterzeichnen, der über so viele tausende Jammer und Elend bringen wird.«

Der König hatte inne gehalten und den kurzen abgerissenen Sätzen gelauscht, in welchen der junge Soldat für seine Glaubensgenossen eintrat, aber sein Gesicht wurde wieder hart, als er daran dachte, wie sogar seine eigne persönliche Bitte nicht im stande gewesen, diesen jungen Höfling zu beeinflussen.

»Frankreichs Religion muß die Religion des Königs von Frankreich sein,« erwiderte er, »und wenn die Soldaten meiner Leibgarde mir in dieser Sache widerstreben, muß ich mir andere suchen, die mir treuer ergeben sind. Jenes Majorspatent bei den Mousquetaires bekommt Hauptmann von Belmont, Louvois.«

»Zu Befehl, Sire.«

»Und Herrn von Catinats Patent mag der Lieutenant Labadoyere haben.«

»Zu Befehl, Sire.«

»Und ich soll Ihnen nicht mehr dienen dürfen, Sire?« stieß Catinat hervor.

»Sie sind zu wählerisch für meinen Dienst,« erwiderte der König.

Catinats Arme sanken schlaff hernieder, und sein Kopf beugte sich tief auf die Brust. Dann, als ihm die Zertrümmerung aller seiner Lebenshoffnungen zugleich mit der Ungerechtigkeit, mit der er behandelt worden war, klar vor die Seele trat, stieß er einen Schrei der Verzweiflung aus und stürzte aus dem Gemach, während heiße Thränen ohnmächtiger Wut ihm die Wangen herabrannen. Schluchzend, gestikulierend, mit aufgeknüpftem Rock und schief sitzendem Hut stürmte er in den Stall, wo der gleichmütige Amos Green seine Pfeife rauchte und mit kritischen Augen die Abwartung der Pferde verfolgte.

»Was zum Donnerwetter ist denn nun los?« fragte er und hielt seine Pfeife am Kopfe, während die blauen Rauchwölkchen sich von seinen Lippen emporringelten.

»Dies Schwert,« rief der Franzose ungestüm, – »Ich habe kein Recht mehr, es zu tragen! Ich werde es zerbrechen!«

»Schön,« meinte der Amerikaner, »wenn es Ihnen Vergnügen macht, will ich mein Messer auch zerbrechen!«

»Und dies,« Catinat zerrte dabei an seinen silbernen Achselschnüren, »muß auch fort.«

»Damit sind Sie mir über, denn solche Dinger habe ich nie gehabt. Aber nun, liebster Freund, lassen Sie mich Ihren Kummer wissen, damit ich sehen kann, ob er nicht zu beseitigen ist.«

»Nach Paris! Nach Paris!« schrie der Franzose ganz außer sich. »Wenn ich auch ruiniert bin, komme ich doch vielleicht noch zur Zeit, um sie zu retten! Schnell, schnell zu Pferde!«

Amos begriff, daß irgend ein plötzliches Unglück geschehen war; so half er denn seinem Kameraden und den Stallknechten die Pferde satteln und aufzäumen. Fünf Minuten später jagten sie auf der Straße nach Paris dahin, und in wenig mehr als einer halben Stunde standen ihre Pferde schaumbedeckt und dampfend vor dem hohen Hause in der Rue St. Martin. Catinat sprang aus dem Sattel und stürmte die Treppen hinauf, während Amos in der ihm eignen lässigen Weise folgte.

Der alte Hugenott und seine schöne Tochter saßen Hand in Hand neben dem großen Kamin und sprangen zu gleicher Zeit auf bei Amorys ungestümem Eintritt. Adèle warf sich mit einem Freudenschrei in seine Arme, und ihr Vater erfaßte die Hand, welche sein Neffe ihm entgegenstreckte.

An der anderen Seite des Kamins, eine sehr lange Pfeife im Munde und einen Becher Weins auf einem Schemel neben sich, saß ein fremdartig aussehender Mann mit ergrautem Haupt- und Barthaar, einer fleischigen, roten, vorspringenden Nase und zwei kleinen grauen Äuglein, welche unter den gewaltigen, gesprenkelten Brauen hervorzwinkerten. Sein dünnes, längliches Gesicht war die Kreuz und Quer von feinen und groben Runzeln überzogen, die fächerförmig von seinen Augenwinkeln ausstrahlten. Das Gesicht schien nur einen unveränderlichen Ausdruck zu haben, und da es auch über und über dieselbe nußbraune Färbung trug, glich es einem wunderlichen, aus grobkörnigem Holz geschnitzten Puppenkopf. Sein Anzug bestand aus einer blauen Tuchjacke, einem paar roter Hosen, die an den Knien mit Teer beschmiert waren, sauberen, grauen Wollstrümpfen und groben breitspitzigen Schuhen mit großen Stahlschnallen. Neben ihm lehnte ein dicker, eichener Knüppel, auf dessen Griff sich ein ziemlich verwitterter, silberverschnürter Hut wiegte. Das sandgraue Haar des Mannes war hinten in einen kurzen steifen Zopf zusammengewunden, und ein Seemannsmesser mit Messinggriff stak in seinem abgenutzten Ledergürtel.

Amory war zu erregt gewesen, um dieses merkwürdige Individuum zu beachten, aber Amos Green schrie bei seinem Anblick laut auf vor Entzücken und eilte auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Des Alten hölzernes Gesicht verzog sich so weit, daß es zwei tabakbraune Fangzähne sichtbar werden ließ, und ohne aufzustehen, streckte er Amos eine gewaltige rote Hand entgegen, die in Form und Umfang einem mäßigen Spaten glich.

»Halloh, Kapitän Ephraim,« rief Amos in englischer Sprache, »wer hätte je daran gedacht, Sie hier zu finden? Catinat, dies ist mein alter Freund Ephraim Savage, in dessen Schiff ich nach Frankreich gekommen bin,«

»Der Anker liegt fest, die Luken sind verschlossen,« sagte der Fremde in dem eigentümlich näselnden Tonfall, welchen die Neuengländer von ihren Vorfahren, den Puritanern, überkommen hatten.

»Und wann segeln Sie?«

»Sobald Sie den Fuß auf Deck gesetzt haben, wenn die Vorsehung uns Wind und Flut günstig macht. Und wie ist dir's all die Zeit ergangen, Amos?«

»Sehr gut. Ich habe Ihnen viel zu erzählen,«

»Ich hoffe, mein Junge, du hast dich nicht mit denen papistischen Teufeleien abgegeben.«

»Nein, nein, Ephraim!«

»Und hast mit dem Weibe, das da gekleidet ist in Scharlach und Rosinfarbe, nichts zu schaffen gehabt?«

»Nein, nein; aber was gibt's denn nun?«

Das graue Haar des Alten sträubte sich vor Wut, und die grauen Äuglein funkelten zornig unter den dichten Haarbüscheln seiner Brauen. Amos folgte dem Blicke derselben und sah, wie Catinat den Arm um Adèle geschlungen dasaß, während ihr Kopf auf seiner Schulter ruhte.

»Na, wenn ich bloß den fibbligen, verzierten, französischen Schnickschnack los hätte! Hat man je so etwas gesehen! Amos, Junge, was heißt auf französisch eine schamlose Dirne?«

»Nicht doch, Ephraim, nicht doch! Auch auf unsrer Seite des Wassers sieht man dergleichen und denkt sich nichts Schlimmes dabei.«

»Niemals, Amos. In keinem gottseligen Lande.«

»O doch! Ich habe auch in Newyork zärtliche Liebespaare gesehen.«

»Na ja in Newyork! Ich sagte, in keinem gottseligen Lande. Für Newyork oder Virginia kann ich nicht einstehen. Südlich von Cap Cod, oder Newhaven allenfalls kann man nicht wissen, was die Leute alles thun mögen. Aber in Boston oder Salem oder Plymouth, das weiß ich gewiß, würde man sie wegen halb soviel ins Zuchthaus stecken und in den Stock legen. Ach!« Er runzelte die Brauen und schüttelte den Kopf über das schuldbeladene Liebespaar. Aber dieses sowohl, wie der alte Vater, waren viel zu sehr mit ihren eignen Angelegenheiten beschäftigt, als daß sie einen Gedanken für den puritanischen alten Seemann übrig gehabt hätten. Amory hatte in wenigen, kurzen, bitteren Sätzen seine Geschichte erzählt. – Die Unbill, die ihm widerfahren, seine Entlassung aus des Königs Diensten und das Unwetter, das grollend über die Hugenotten heraufzog. Adèle mit dem Instinkt des liebenden Weibes dachte nur an den Geliebten und sein Mißgeschick, während sie der Erzählung lauschte; der alte Kaufmann aber, als er von der Aufhebung des Edikts hörte, erhob sich wankend auf seine Füße, stand mit schlotternden Gliedern da und starrte mit entsetzten Augen um sich.

»Was soll ich thun?« rief er. »Was soll ich thun? Ich bin zu alt, um mein Leben von vorn zu beginnen!«

»Sei nur getrost, Onkel,« sprach ihm Amory herzlich zu, »Es gibt noch eine Welt außerhalb Frankreichs!«

»Aber nicht für mich. Nein, nein, ich bin zu alt! O Herr, Herr deine Hand liegt schwer auf deinen Knechten! Nun ergießt sich die Schale des Zornes, und der Schmuck des Heiligtums wird niedergerissen. Ach, was soll ich thun, wohin soll ich mich wenden?«

Und er rang verzweifelt die Hände.

»Was fehlt ihm eigentlich, Amos?« fragte der Seemann. »Obgleich ich nichts von dem verstehe, was er sagt, kann ich doch sehen, daß er ein Notsignal aufhißt.«

»Er und die Seinigen müssen das Land verlassen, Ephraim.«

»Warum denn?«

»Weil sie Protestanten sind, und der König ihren Glauben nicht dulden will!«

Ephraim Savage war im Augenblick an des alten Catinat Seite und hatte dessen magere Hand in seine große, knotige Faust geschlossen. Es lag wahrhaft brüderliche Teilnahme in seinem festen Griff und dem rauhen, wettergebräunten Gesicht, die des andern Mut aufrichtete, wie Worte es nicht würden vermocht haben.

»Wie heißt ›das Weib im Gewande von Scharlach‹ auf französisch, Amos?« fragte er über seine Schulter hinweg. »Sage dem Mann hier, daß wir ihn nicht verlassen werden. Sage ihm, daß wir ein Vaterland haben, in das er hineinpaßt wie der Spund ins Faß. Sage ihm, daß dort die Religion für alle frei ist und es keine Papisten gibt näher als Baltimore oder die Kapuziner am Penobscot. Sage ihm, wenn er mitkommen will, das ›Goldne Reis‹ hat schon den Anker scharf gezogen und die Ladung an Bord. Sage ihm, was du willst, wenn es ihn nur zum Mitkommen bewegt.«

»Dann müssen wir unverweilt abreisen,« sagte Amory, als er die herzliche, an seinen Onkel gerichtete Einladung vernahm. »Heut abend werden die Haftbefehle ausgegeben, und morgen ist es vielleicht zu spät.«

»Aber mein Haus, mein Geschäft!« jammerte der Kaufherr.

»Nehmen Sie das Wertvollste mit und lassen Sie das übrige zurück. Besser so, als alles verlieren und die Freiheit dazu.«

So wurde es zuletzt beschlossen. An demselben Abend, fünf Minuten vor Thoresschluß zog aus Paris eine kleine Gesellschaft von fünf Personen hinaus, drei zu Pferde und zwei in einer geschlossenen Kutsche, auf deren Dache mehrere schwere Koffer standen. Es waren die ersten Blätter, die vor dem nahenden Sturme herflogen, die Vorläufer der großen Scharen, die innerhalb der nächsten wenigen Monate auf allen Straßen aus Frankreich herausströmen sollten, deren Reise aber oft im Kerker, in der Folterkammer und auf den Galeeren endete, oft aber auch in Sicherheit jenseits der Grenzen zum Segen der Industrie der benachbarten Völker.

Gleich den alten Israeliten waren sie auf das Gebot eines tyrannischen Königs aus ihren Häusern vertrieben, und es waren ihnen überdem noch alle erdenkliche Hindernisse in den Weg zur Flucht gelegt worden. Gleich ihnen mußten sie das verheißene Land auch unter großen Mühsalen, meist blutarm und ohne Freunde erreichen. Es ist nicht unsre Aufgabe, ihre Wanderungen und Abenteuer in der Schweiz, am Rhein, unter den Wallonen, in England und Irland, in Deutschland und sogar im fernen Rußland zu beschreiben. Die uns bekannte kleine Gesellschaft aber wollen wir auf ihrer gefahrvollen Reise in die neue Welt begleiten.

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