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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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XXII. Das Schafott in Portillac.

So war es gekommen, daß Amory von Catinat und Amos Green um Mitternacht von ihrem Kerkerfenster aus die Kutsche und ihre Insassen erblickten. Daher jenes verhängnisvolle Brettergerüst und die seltsame Prozession in der Morgenfrühe. So geschah es schließlich, daß sie Françoise von Montespan erblickten, wie sie zur Hinrichtung geführt wurde. Sie hörten ihren letzten kläglichen Hilferuf in dem Augenblick, als die schwere Hand des wüsten Kerls mit der Axt sich auf ihre Schulter legte und sie neben dem Block auf die Knie zwang. Aufkreischend fuhr sie zurück vor dem fürchterlichen, blutbespritzten, schmierigen Holzblock, aber der Menschenschlächter schwang seine Waffe, und der Seigneur streckte eben seine Hand nach dem langen goldbraunen Haar aus, um den schönen Kopf daran niederzuzerren, als er plötzlich von Staunen ergriffen, bewegungslos, mit vorgestrecktem Fuß, ausgereckter Hand und offnem Munde stehen blieb und wie gebannt geradeaus blickte.

Was er da erblickte, rechtfertigte in der That seine Bestürzung. Aus dem kleinen viereckigen Fenster, ihm gerade gegenüber, schoß plötzlich kopfüber ein Mann heraus, der auf seine vorgestreckten Hände fiel und dann auf seine Füße sprang. Unmittelbar auf den Fersen folgte ihm der Kopf eines zweiten, der zwar etwas schwerer aufschlug als der erste, sich aber ebenso schnell aufraffte. Der eine trug die blau und silberne Montur der königlichen Leibgarde, den andern kennzeichneten sein dunkler Überrock und glattrasiertes Gesicht als einen Mann des Friedens. Jeder von ihnen trug eine rostige Eisenstange in der Hand. Keiner von beiden sprach ein Wort, aber der Soldat trat schnell zwei Schritt vor und führte einen Streich nach dem Henker, der eben zum Schlage auf sein Opfer ausholte. Ein hohles Dröhnen, ein Knacken, als ob ein Ei zerbrochen würde, und die Eisenstange zersprang in Stücke. Der Henker aber stieß einen fürchterlichen Schrei aus, ließ die Axt fallen, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, taumelte im Zickzack über das Schafott hin und stürzte tot in den Hof hinunter.

Schnell wie der Blitz hatte Catinat die Axt ergriffen und wandte sich nun herausfordernd nach Montespan um, die schwere Waffe schlagfertig erhoben.

»Wohlan!« sagte er.

Die Überraschung hatte den Schloßherrn einen Augenblick der Sprache beraubt. Nun begriff er wenigstens, daß diese Fremden sich zwischen ihn und seine Beute drängten.

»Greift diese Männer!« schrie er seinen Leuten zu.

»Einen Augenblick!« rief Catinat mit einer Stimme und einem gebieterischen Tone, die ihm Gehör verschafften. »Ihr seht an meiner Uniform, wer ich bin. Ich stehe bei der Leibgarde des Königs. Wer mich antastet, vergreift sich an Seiner Majestät. Hütet euch! Ihr spielt ein gefährliches Spiel.«

»Vorwärts, ihr Feiglinge!« brüllte Montespan.

Aber die Bewaffneten zögerten, denn die Furcht vor dem Könige überschattete ganz Frankreich. Catinat sah ihr Zögern und verfolgte seinen Vorteil.

»Diese Frau,« rief er, »ist des Königs Geliebte, und ich sage euch, wenn ihr auch nur ein Haar gekrümmt wird, so stirbt jede lebendige Seele innerhalb des Burgfriedens den Foltertod. Ihr Thoren! Wollt ihr euer Leben auf dem Rad aushauchen oder euch in kochendem Öl krümmen auf das Geheiß dieses Tollhäuslers?«

»Wer sind diese Menschen, Marceau?« schrie der Burgherr wütend.

»Es sind Gefangene, Euer Excellenz.«

»Gefangene! Wessen Gefangene?«

»Die Ihrigen, Excellenz.«

»Wer hat dir befohlen, sie einzusperren?«

»Excellenz selbst. Die Eskorte brachte dero Siegelring.«

»Ich habe die Menschen nie gesehen. Da ist irgend eine Teufelei im Spiel. Aber sie sollen mir nicht in meinem eignen Schlosse Trotz bieten, noch zwischen mir und meinem Weibe stehen. Nein, par Dieu! Sie sollen das nicht thun und leben! Ihr Leute da, Marceau, Etienne, Gilbert, Jean, Pierre, ihr alle, die ihr mein Brot esset, auf sie, sage ich!«

Er sah sich wütend um, aber er erblickte ringsum gesenkte Köpfe und abgewandte Gesichter. Mit einem scheußlichen Fluch zückte er das Schwert und stürzte auf die unglückliche Frau los, die halb bewußtlos noch immer vor dem Block kniete. Catinat sprang vor, um sie zu schützen, doch Marceau, der bärtige Seneschall, hatte bereits seinen Herrn um den Leib gepackt. Zähneknirschend, während der Schaum ihm vom Munde floß, wand sich Montespan mit der Kraft eines Wahnsinnigen in des Mannes Griff, faßte sein Schwert kurz und stieß es durch den braunen Bart tief in die Kehle dahinter. Marceau fiel mit einem erstickten Schrei hintenüber, das Blut gurgelte ihm aus Mund und Hals; aber bevor sein Mörder die Waffe wieder frei machen konnte, hatten Catinat, der Amerikaner und ein Dutzend Lehnsleute ihn auf das Schafott niedergerissen, und Amos Green ihn so fest gebunden, daß er nur seine Augen und Lippen bewegen konnte, mit denen er sie nun anstierte und anspie.

Seine eignen Leute waren so gegen ihn aufgebracht – denn Marceau war sehr beliebt unter ihnen gewesen – daß, da Axt und Block so zur Hand waren, vielleicht schnelle Justiz geübt worden wäre, wenn nicht ein langes, klares Hornsignal, das in tausend kleinen Trillern und Schnörkeln stieg und fiel, plötzlich durch die stille Morgenluft erklungen wäre.

Catinat spitzte die Ohren bei dem Ton, wie ein Jagdhund beim Rufe des Jägers.

»Haben Sie gehört, Amos?«

»Es war eine Trompete.«

»Es war das Hornsignal der Garde. Ihr da! Schnell an das Thor! Zieht das Fallgatter auf und laßt die Zugbrücke nieder! Rührt euch, sonst müßt ihr vielleicht doch noch eures Herrn Sünden büßen! Das heißt mit knapper Not entkommen, Amos!«

»Das können Sie wohl sagen, Freund! Ich sah, wie er seine Hand nach ihrem Haar ausstreckte, gerade als Sie aus dem Fenster sprangen. Einen Augenblick später würde er sie skalpiert haben. Aber sie ist ein schönes Weib, das schönste, das meine Augen je erblickten, und es schickt sich nicht, daß sie hier auf diesen Brettern kniet.«

Damit riß er ihrem Gemahl den langen, schwarzen Mantel ab, und machte daraus ein Kissen für das bewußtlose Weib mit einer Vorsicht und Zartheit, die man einem Manne seines Kalibers kaum zugetraut hätte.

Er beugte sich noch über sie, als die Zugbrücke schallend niederfiel. Einen Augenblick später erdröhnte sie vom Hufschlag einer Reiterabteilung, die mit wallenden Federn, wehenden Mähnen und klirrenden Waffen in den Schloßhof jagte. An ihrer Spitze ritt ein großer Offizier in voller Galauniform der Garde, mit reichem Federhut, langen Lederhandschuhen und blitzendem Schwerte. Er sprengte auf das Schafott zu, und seine scharfen dunklen Augen übersahen mit einem Blick jede Einzelheit der Gruppe, die ihn dort erwartete. Catinats Gesicht strahlte bei seinem Anblick; mit einem Satz war er neben seinem Steigbügel.

»Brissac!« rief er.

»Catinat! Wo im Namen aller Wunder kommst du her?«

»Ich war gefangen. Sage mir, Brissac, hast du die Botschaft in Paris ausgerichtet?«

»Gewiß.«

»Und der Erzbischof kam?«

»Freilich.«

»Und die Trauung?«

»Hat verabredetermaßen stattgefunden. Deswegen hat die unglückliche Dame, die ich dort sehe, den Palast verlassen müssen.«

»Das dachte ich mir schon.«

»Ich hoffe, ihr ist kein Leid geschehen?«

»Mein Freund und ich kamen gerade noch zur Zeit, um sie zu retten. Dort liegt ihr Gemahl. Er ist ein Teufel, Brissac!«

»Sehr wahrscheinlich, aber selbst einen Engel hätte die Behandlung, die er erlitten hat, verbittern können.«

»Wir haben ihn gefesselt. Er hat einen Mann erschlagen – ich einen zweiten.«

»Auf mein Wort, Ihr seid nicht müßig gewesen.«

»Woher wußtest du aber, daß wir hier waren?«

»Nichts wußte ich; dies war mir ein unerwartetes Vergnügen.«

»So kamst du nicht unsertwegen?«

»Nein, wir kamen der Dame wegen.«

»Wie hat der Kerl sie denn in seine Gewalt bekommen?«

»Ihr Bruder sollte sie mit seinem Wagen abholen. Das erfuhr ihr Mann und lockte sie durch eine falsche Nachricht in den seinigen, der an einem andern Thore hielt. Als Vivonne merkte, daß sie zu lange ausblieb und fand, daß ihre Gemächer leer waren, forschte er nach und erfuhr bald, auf welche Weise sie fortgekommen war. Montespans Wappen war am Schlage bemerkt worden. Deshalb sendete mich der König mit meiner Truppe hieher, so schnell die Pferde laufen wollten.«

»Du wärest dennoch zu spät gekommen, hätte uns nicht der sonderbarste Zufall hergeführt. Ich weiß nicht, wer uns auflauerte, denn dieser Mann da schien von der Sache nichts zu wissen. Das wird sich später wohl alles aufklären. Die Frage ist: was nun geschehn soll?«

»Ich habe meine gemessenen Befehle. Madame soll nach Petit Bourg gebracht, und alle, die an der Gewaltthat gegen sie beteiligt waren, gefangen gesetzt werden, bis des Königs Wille bekannt ist. Das Schloß wird gleichfalls für den König in Beschlag genommen. Du aber, Catinat, du hast doch hier nichts mehr zu thun?«

»Gar nichts. Ich möchte nur gern nach Paris hinüberreiten und nachsehen, ob bei meinem Onkel und seiner Tochter alles gut geht.«

»Aha, deine kleine, süße Base! Mein Seel', es wundert mich nicht, daß die Leute in der Straße von St. Martin dich so gut kennen. Nun, ich habe einmal einen Auftrag für dich übernommen, da kannst du mir jetzt denselben Gefallen thun.«

»Von Herzen gern. Wohin soll ich?«

»Nach Versailles. Der König wird Feuer und Flamme sein, bis er weiß, was wir ausgerichtet haben. Du hast das erste Recht, es ihm zu berichten, da es ohne dich und deinen Freund nur ein trauriger Rapport geworden wäre.«

»In zwei Stunden werde ich in Versailles sein,«

»Habt ihr Pferde?«

»Die unsern sind erstochen.«

»Ihr findet hier genug Gäule in den Ställen, Sucht euch die besten aus, da ihr eure eignen im Dienste des Königs einbüßtet.«

Der Rat war zu gut, um nicht befolgt zu werden. Catinat winkte Amos Green und eilte mit ihm nach den Ställen, während Brissac durch kurze, schneidige Befehle die Lehnsleute entwaffnete, mit seinen Garden das ganze Schloß besetzte und die Abreise der Dame, sowie die Einkerkerung ihres Mannes in Gang brachte. Nach einer Stunde trabten die beiden Freunde auf der Landstraße dahin und atmeten die balsamische Morgenluft ein, die ihnen nach den feuchten üblen Dünsten ihres Verließes doppelt frisch vorkam.

Weit hinter ihnen erinnerte noch ein kleiner, dunkler Spitzturm, der über die Wipfel der Baume hervorragte, an das Schloß, von dem sie kamen, während fern am westlichen Horizonte schon die Dächer des prächtigen Palastes, dem sie zustrebten, in den Strahlen der Morgensonne schimmerten.

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