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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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XXI. Der Mann in der Kalesche.

Zu wiederholten Malen hatte die Montespan früher eine Ohnmacht fingiert, wenn sie den Zorn des Königs entwaffnen wollte. Er umschlang sie dann, und es war ihr auf diese Weise gelungen, zum mindesten sein Mitleid, die Zwillingsschwester der Liebe, zu gewinnen. Heute erfuhr sie, was es heißt, wenn einem wirklich auf ein Wort hin die Sinne schwinden. An der Wahrheit des Gehörten konnte sie nicht zweifeln. Der Ausdruck im Gesicht ihrer Rivalin, ihr klares Auge, ihre ruhige Stimme gaben ihr die unumstößliche Gewißheit. Sie stand einen Augenblick wie versteinert und rang nach Atem. Ihre Hände tasteten wie haltsuchend in der Luft umher. Ihre trotzigen Augen wurden glasig und trübe. Mit einem kurzen Schrei, dem Klagelaut eines Kämpfers, der bis aufs Blut gerungen und nun nicht mehr kann, sank ihr stolzes Haupt, und sie fiel bewußtlos vornüber – ihrer Nebenbuhlerin zu Füßen.

Frau von Maintenon beugte sich nieder und hob sie mit ihren starken, weißen Armen empor. Mitleidsvoll und aufrichtig traurig blickte sie auf das schneeweiße Gesicht herab, das an ihrer Brust lag. Stolz und Verbitterung waren jetzt daraus gewichen. Nur eine Thräne funkelte unter den dunkeln Wimpern, und die Mundwinkel waren ein klein wenig trotzig gesenkt, wie bei einem Kinde, das sich in Schlaf geweint hat. Sanft legte sie die Ohnmächtige auf das Ruhebett und schob ein seidenes Kissen unter ihren Kopf. Hierauf sammelte sie die über den Teppich verstreuten Juwelen und packte sie wieder in das offene Schränkchen, schloß es zu und legte den Schlüssel so auf einen Tisch, daß Frau von Montespans Augen beim Erwachen sofort darauf fallen mußten. Jetzt erst drückte sie auf die Schelle, welche den kleinen Negerknaben herbeirief.

»Deine Herrin ist unwohl,« sagte sie, »geh und rufe ihre Kammerfrau.«

Nachdem sie so alles, was sie vermochte, für die Unglückliche gethan hatte, verließ sie das große schweigende Gemach, in welchem ihre schöne Rivalin inmitten des goldstrotzenden Prunkes hilf- und hoffnungslos dalag, wie eine zertretene Blume.

Hilflos genug, denn was konnte sie thun? Und hoffnungslos nicht minder, denn wie konnte das Glück ihr je wieder hold werden? Gleich nachdem sie wieder zu sich gekommen war, hatte sie die Kammerfrau fortgeschickt und lag still da, mit verschlungenen Händen und trübe brütendem, starrem Antlitz, die öde, freudlose Zukunft sich ausmalend. Fort mußte sie, das stand fest. Nicht nur, weil so des Königs Befehl lautete, sondern weil es fortan für sie in diesem Palast, worin sie einst unumschränkt geherrscht, nur noch Elend und Hohn gab. Sie hatte ja allerdings vordem ihre Stellung gegenüber der Königin behauptet, aber so sehr sie auch Frau von Maintenon haßte, konnte sie sich doch die Thatsache nicht verhehlen, daß dieselbe denn doch eine ganz andere Frau war, als die arme schwachmütige kleine Marie Theresa. Nein; ihre Widerstandskraft war endlich gebrochen. Sie mußte ihre Niederlage eingestehen und das Feld räumen.

Als sie sich von ihrem Sofa erhob, kam sie sich um zehn Jahre gealtert vor seit dieser einen Stunde. Sie hatte noch viel zu thun und nur wenig Zeit dazu. Sie hatte zwar die Juwelen von sich geschleudert, als aus des Königs Worten die Absicht zu klingen schien, sie damit für den Verlust seiner Liebe zu entschädigen; nun aber die Liebe doch einmal hin war, hatte es keinen Zweck, die Juwelen gleichfalls verloren zu geben. War sie nicht mehr die mächtigste, so konnte sie immer noch die reichste Frau in Frankreich sein. Natürlich bekam sie ihre Pension. Die würde glänzend ausfallen, denn Ludwig war stets freigebig. Dazu kam dann ferner die Beute aus diesen ganzen Jahren: die Edelsteine, die Perlen, das Gold, das Porzellan, die Gemälde, Kruzifixe, Uhren, Schmucksachen – alles in allem repräsentierten sie viele Millionen Livres. Eigenhändig packte sie die kostbarsten, beweglichen Sachen, die andern sollte ihr Bruder in seine sichere Obhut nehmen. Den ganzen Tag arbeitete sie mit fieberhaftem Eifer, that alles und jedes, um ihre Gedanken von der eignen Niederlage und dem Triumph ihrer Feindin abzuziehen. Gegen Abend war alles fertig, ihr ganzer Besitz sollte nach dem Schlosse Petit Bourg geschickt werden, wohin sie sich zurückzuziehen gedachte.

Eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit wurde ein junger, ihr fremder Kavalier bei ihr gemeldet.

Er käme, so hieß es, im Auftrage ihres Bruders.

»Herr von Vivonne bedauert sehr, gnädige Frau, daß sich das Gerücht von Ihrer Abreise bei Hofe verbreitet hat.«

»Was mache ich mir daraus?« erwiderte sie mit ihrem ganzen, alten Trotz.

»Er meint, gnädige Frau, die Kavaliere könnten sich am westlichen Portal einfinden, um Ihrer Abfahrt zuzusehen, und Frau von Neuilly würde da sein und die Herzogin von Chambord und Fräulein von Rohan, und –«

Die Dame erbebte bei dem Gedanken an ein solches Spießrutenlaufen. Aus dem Palast gejagt zu werden, in dem sie als Königin geherrscht – von höhnisch blickenden Augen und beißenden Witzeleien so vieler persönlichen Feinde begleitet! Nach all den Demütigungen dieses Tages würde dies das Maß ihres Leidenskelches voll machen. Ihre Nerven waren erschüttert. Dem konnte sie nicht mehr Stand halten.

»Sagen Sie meinem Bruder, mein Herr, ich würde ihm sehr dankbar sein, wenn er seine Anordnungen so träfe, daß meine Abreise unbemerkt bleibt.«

»Ich habe den Auftrag, Ihnen zu sagen, daß dies bereits geschehen ist, gnädige Frau.«

»So! Um wieviel Uhr?«

»Gleich, sobald wie möglich.«

»Ich bin fertig. Am Westthor also?«

»Nein, am Ostthor. Der Wagen wartet.«

»Und wo ist mein Bruder?«

»Er will erst am Parkgitter einsteigen.«

»Warum denn das?«

»Weil er beobachtet wird. Wenn man ihn am Wagen sähe, so wäre alles entdeckt.«

»Ganz recht. Wenn Sie, mein Herr, die Güte haben wollen, meinen Mantel und dies Kästchen zu tragen, so könnten wir sogleich aufbrechen.«

Sie machten einen weiten Umweg durch selten benutzte Gänge. Ihr Herz erzitterte beim Ton jedes Fußtritts, den sie vernahm, und sie eilte dahin, die Kapuze über den Kopf gezogen, ein gejagtes, schuldbeladenes Geschöpf. Aber das Glück begünstigte sie. Niemand begegnete ihnen, und schnell gelangten sie zu dem östlichen Seitenthor. Ein paar phlegmatische Schweizer lehnten rechts und links auf ihren Musketen, und die Hängelampe im Thorbogen zeigte ihr den Wagen, der ihrer wartete. Der Schlag war geöffnet, und ein hoher, in einen schwarzen Mantel vermummter Kavalier hob sie hinein. Er setzte sich ihr gegenüber, warf die Thür zu, und fort rasselte die Kalesche, den Hauptweg hinunter.

Es hatte sie nicht befremdet, daß der Mann ihr in den Wagen folgte, denn man nahm gewöhnlich einen Kavalier als Beschützer mit, und er blieb sicher nur so lange, bis ihr Bruder kam. Das war alles erklärlich genug. Aber als zehn Minuten vergingen, ohne daß er sich gerührt oder gesprochen hätte, musterte sie ihn, so gut das bei dem herrschenden Düster möglich war. Als er ihr hineinhalf, hatte sie gesehen, daß er wie ein Edelmann gekleidet war, ebenso verrieten seine Verbeugung und sonstigen Bewegungen ihrer erfahrenen Beobachtung einen Mann von höfischer Sitte. Aber sie kannte es nicht anders, als daß ein Kavalier auch galant und gesprächig sein mußte, und dieser Mann war so sehr stille, so ganz ruhig. Wieder strengte sie ihre Augen an, um die Finsternis zu durchdringen. Sein Hut war tief ins Gesicht gedrückt, sein Mantel verdeckte noch immer den Mund, aber mitten durch all diese verschattenden Hüllen gewahrte sie plötzlich zwei Augen, die eben so unverwandt nach ihr hinüber stierten, wie sie nach ihm.

Das Stillschweigen flößte ihr jetzt allmählich eine unbestimmte Bangigkeit ein. Es war Zeit, dem ein Ende zu machen.

»Wir sind sicher am Parkthor vorbeigefahren, mein Herr, wo wir meinen Bruder aufnehmen sollten?« sagte sie.

Ihr Begleiter antwortete nicht, rührte sich auch nicht. Sie dachte, daß möglicherweise das Rasseln des schweren Wagens ihre Worte übertönt haben könne.

»Ich sagte, mein Herr,« wiederholte sie, sich vorbeugend, »daß wir an der Stelle vorüber sind, wo wir Herrn von Vivonne treffen sollten.«

Keine Antwort, keine Bewegung.

Ein kalter Schauer rann durch ihre Nerven. Wer oder was konnte dieser stille Mann sein? Dann fiel ihr ein, er sei am Ende stumm.

»Vielleicht ist Ihre Zunge gefesselt, mein Herr?« sagte sie. »Vielleicht können Sie nicht sprechen. Wenn das die Ursache Ihres Stillschweigens ist, so heben Sie, bitte, die Hand auf, und ich werde Sie verstehen.«

Er blieb steif und still sitzen.

Da überkam sie eine plötzliche, wahnsinnige Angst davor, so mit diesem schrecklichen, sprachlosen Dinge eingesperrt zu sein. In ihrer Angst fing sie an zu schreien und versuchte, das Fenster herunterzulassen und den Schlag zu öffnen. Da packte plötzlich eine eiserne Faust ihr Handgelenk und zwang sie auf ihren Sitz hernieder. Und doch hatte sich des Mannes Gestalt gar nicht bewegt, kein Ton war vernehmbar, außer dem Rasseln und Ächzen des Wagens und dem Hufschlag der dahinstürmenden Pferde. Schon waren sie weit von Versailles entfernt und fuhren auf einsamen Landwegen. Es war dunkler geworden, schwere Regenwolken überzogen den Himmel, und fern am Horizont hörte man das dumpfe Grollen des Donners.

Die Dame lehnte sich keuchend in die ledernen Kissen zurück. Sie war eine mutige Frau, aber dieses plötzliche, seltsame Grausen, das sie in ihrer Schwäche und Wehrlosigkeit überkam, erschütterte sie bis in die tiefste Seele. Sie kauerte sich in die Ecke und stierte mit entsetzten, weit aufgerissenen Augen nach ihrem Gegenüber. Wenn er doch nur etwas gesagt hätte! Jede noch so schreckliche Enthüllung, jede Drohung wäre besser gewesen, als dieses Schweigen. Es war jetzt so dunkel, daß sie ihn nur als unbestimmten Schattenriß auf dunklerem Hintergrunde sah. Je näher das Gewitter kam, desto finstrer wurde es. Der Wind blies in kurzen, zornigen Stößen, begleitet von fernem Donnergeroll. Der Druck des Schweigens wurde ihr wieder unerträglich. Um jeden Preis mußte sie es brechen.

»Mein Herr,« sagte sie, »hier muß ein Irrtum walten. Ich weiß nicht, mit welchem Recht Sie mich hindern, das Fenster zu öffnen und dem Kutscher meine Befehle zu geben.«

Er sagte nichts.

»Ich wiederhole es, hier liegt irgend eine Verwechselung vor. Dieser Wagen gehört meinem Bruder, dem Herrn von Vivonne, und er ist nicht der Mann, seine Schwester unhöflich behandeln zu lassen,«

Schwere Regentropfen schlugen jetzt gegen das eine Fenster. Die Wolken senkten sich tiefer und schwärzer hinab. Sie konnte die unbewegliche Gestalt nicht mehr sehen, aber um so fürchterlicher kam sie ihr vor. Sie schrie laut auf vor Furcht und Entsetzen, aber ihr Geschrei hatte keinen andern Erfolg, als ihre Worte.

Sie griff mit den Händen umher und packte seinen Ärmel an.

»Mein Herr,« rief sie, »Sie machen mir Angst! Sie erschrecken mich. Ich habe Ihnen nie etwas zuleide gethan. Warum wollen Sie eine unglückliche Frau kränken? Ach, sprechen Sie doch mit mir, um Gotteswillen sprechen Sie!«

Nur das Geplätscher der Regentropfen, und ihr eignes rasches Atmen – kein andrer Laut!

»Vielleicht wissen Sie nicht, wer ich bin,« nahm sie wieder das Wort und versuchte ihren gewöhnlichen befehlenden Ton anzuschlagen. Sie sprach jetzt in die absolute, undurchdringliche Finsternis hinein. »Sie erfahren am Ende, wenn es zu spät ist, daß Sie mit Ihrem Scherz an die Unrechte gekommen sind. Ich bin die Marquise von Montespan und gehöre nicht zu denen, die eine Beleidigung vergessen. Wenn Sie bei Hofe bekannt sind, so müssen Sie auch wissen, daß mein Wort beim Könige Einfluß hat. Sie können mich in diesem Wagen entführen, aber ich bin nicht eine Person, die man so ohne weiteres verschwinden läßt. Es werden schleunigst Nachforschungen angestellt werden und schleunige Ahndung erfolgen, wenn mir ein Leid geschähe. Wenn Sie – Herr Jesus! Erbarme dich meiner!«

Ein fahler Blitzstrahl fuhr aus einer Wolke hernieder und machte die ganze Gegend, sowie das Innere der Kalesche einen Augenblick lang tageshell. Des Mannes Gesicht war nur eine Handbreit von dem ihren entfernt, sein Mund stand weit offen, seine Augen waren in lautlosem Gelächter zu bloßen Schlitzen geworden. Jeder einzelne Zug trat scharf in der grellen Beleuchtung hervor – die rote zitternde Zunge, das hellere Rot darunter, die langen weißen Zähne, der borstige Spitzbart, der sich ihr entgegensträubte.

Es war aber nicht der plötzliche Blitzstrahl, auch nicht das lachende grausame Antlitz, was Françoise von Montespan in so eiskaltem Schauer erbeben ließ. Es war dies, daß der Mann ihr gegenüber derjenige war, welchen sie unter allen Menschen auf der Welt am meisten fürchtete und am wenigsten zu sehen erwartet hatte.

»Moritz!« schrie sie auf, »Moritz! Sie sind es?«

»Ja, kleines Frauchen, ich bin es. Sie sehen, wir sind uns nach so langen Jahren doch wiedergegeben.«

»O Moritz, wie haben Sie mich geängstigt! Wie konnten Sie so grausam sein? Warum wollten Sie nicht mit mir sprechen?«

»Weil es süß war, so still zu sitzen und den Gedanken auszudenken, daß ich Sie nach all diesen Jahren wirklich wieder für mich hatte, und niemand zwischen uns steht! Ach, kleines Frauchen, ich habe mich oft nach dieser Stunde gesehnt!«

»Ich habe mich gegen Sie vergangen, Moritz; ich habe gegen Sie gesündigt. Vergeben Sie mir!«

»In unsrer Familie vergibt man nicht, mein Liebchen. Ist es nicht ganz wie in alten Zeiten, daß wir so miteinander fahren? Noch dazu in dieser Kalesche. Es ist dieselbe, die uns nach der Trauung von der Kathedrale abholte, wo Sie so holdselig Ihre Gelübde abgelegt hatten. Ich saß, wo ich heute sitze, und Sie auch, und ich nahm Ihre Hand, wie jetzt und drückte sie, und –«

»O, Schurke, Sie haben mir die Hand verrenkt! Sie haben mir den Arm gebrochen!«

»Ei gewiß nicht, mein kleines Frauchen! Sie erinnern sich wohl noch, wie Sie mir sagten, wie treu Sie mich lieben würden, und ich beugte mich hinüber zu Ihren Lippen und –«

»O Hilfe! Unmensch, Sie haben mir die Lippe zerschnitten, Sie haben mich mit Ihrem Ring geschlagen!«

»Sie geschlagen! Wer würde das an jenem Frühlingstage gedacht haben, als wir uns unsre Zukunft ausmalten, daß uns auch dies noch darin erwarte? Und dies! Und dies!«

Er schlug wild in der Dunkelheit nach ihrem Gesicht. Sie warf sich auf den Sitz nieder und drückte den Kopf in die Kissen. Mit der Kraft und der Wut eines Wahnsinnigen ließ er seine Schläge niederregnen, auf sie, auf das Polster und das Holzwerk unbekümmert um seine eignen verletzten Hände.

»Hab' ich Sie still gemacht!« sagte er endlich. »Früher habe ich Ihnen den Mund mit Küssen geschlossen. Aber die Welt ist rund und muß sich drehen, Françoise, die Zeiten ändern sich, die Weiber werden treulos und die Männer hart.«

»Töten Sie mich, wenn Sie wollen!« stöhnte sie.

»Das werde ich,« lautete seine kurze Erwiderung.

Immer noch jagte der Wagen dahin und stieß und schwankte über die tiefen Geleise der holprigen Landstraße. Das Gewitter war fortgezogen, aber das Grollen des Donners und fernes Wetterleuchten waren noch immer am Horizonte hör- und sichtbar. Der Mond trat hervor mit seinem kalten, klaren Glanze, versilberte die weite, unbegrenzte, mit Pappeln eingefaßte Ebene und schien durch das Wagenfenster auf die zusammengekauerte Gestalt und ihren fürchterlichen Gefährten. Jetzt lehnte er mit übereinander geschlagenen Armen zurück und weidete seine Augen an dem hoffnungslosen Elend des Weibes, das ihn verraten hatte.

»Wohin bringen Sie mich?« fragte sie endlich.

»Nach Portillac, mein kleines Frauchen!«

»Warum dorthin? Was wollen Sie mit mir anfangen?«

»Ich will diese kleine verlogene Zunge auf immer stumm machen. Sie soll keine Männer mehr betrügen.«

»Sie wollen mich ermorden?«

»Wenn Sie es so nennen wollen.«

»Sie haben einen Stein in der Brust – kein Herz.«

»Das ist wahr. Mein Herz hatte ich einem Weibe geschenkt.«

»O meine Sünden werden hart gestraft!«

»Seien Sie überzeugt davon, sie sollen gestraft werden!«

»Kann ich nichts thun, um sie zu büßen?«

»Sie sollen sie büßen, dafür stehe ich Ihnen.«

»Sie haben ein Schwert an der Seite, Moritz, Warum töten Sie mich denn nicht auf der Stelle, wenn Sie so erbittert gegen mich sind? Warum stoßen Sie es mir nicht durchs Herz?«

»Seien Sie versichert, ich hätte es längst gethan, wenn ich nicht einen vorzüglichen Grund hätte zu warten.«

»Welchen denn?«

»Das will ich Ihnen sagen. In Portillac habe ich das Recht der hohen, mittleren und niederen Justiz. Dort bin ich Herr und kann verhören, verurteilen, und das Urteil vollziehen. Das ist mein gesetzliches Privilegium. Dieser erbärmliche König wird nicht einmal wissen, wie er Sie rächen soll, denn das Recht steht mir zu, und er kann es nicht widerrufen, ohne sich jeden der französischen Großen zum Feinde zu machen.«

Er riß von neuem den Mund auf und lachte über seine eigne Schlauheit, während sie sich an jedem Gliede zitternd von seinem grausamen Gesicht mit den glühenden Augen abwandte und ihr Antlitz in den Händen vergrub. Dann betete sie wieder und bat Gott um Gnade für ihr armes, sündiges Leben. So wirbelten sie durch die Nacht hinter den schnaubenden Pferden: ein schweigsames Ehepaar, dessen Herzen aber von Haß und Furcht durchwühlt waren, bis das Feuer eines Kohlenbeckens von der Höhe eines Wartturms auf sie herniederschien und der Schatten eines ungeheuren Gebäudes sich in unbestimmten Umrissen in der Dunkelheit vor ihnen erhob. – Es war Schloß Portillac.

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