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Die Réfugiés

Arthur Conan Doyle: Die Réfugiés - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
booktitleDie Réfugiés von A. Conan Doyle, Die Heimkehr von Th. Bentzon
titleDie Réfugiés
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
seriesVelhagen & Klasings Roman-Bibliothek
volumeVierter Band
year1893/94
firstpub1893
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070627
projectidf87dc92a
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II. Ein Monarch im Négligé.

Es war am folgenden Morgen. Die große Uhr von Versailles hatte soeben acht geschlagen. Die Zeit war nahe, wo der Monarch aufstehen mußte. Durch die langen Korridore und die mit Wandgemälden geschmückten Galerien des ungeheuren Palastes ging ein leises Summen und Schwirren, ein gedämpftes Geräusch von allerlei Vorbereitungen; denn des Königs Aufstehen war eine große Staatsaktion, bei der viele Menschen eine Rolle zu spielen hatten. Ein Diener eilte mit einem dampfenden silbernen Becken vorbei, das er Herrn von St. Quentin, dem Hofbarbier, brachte. Andere liefen mit Gewändern über dem Arm geschäftig den Gang hinab, der zu dem Vorzimmer führte. Die Leibgardisten in ihren prachtvollen blau- und silbernen Röcken richteten sich stramm empor und faßten ihre Hellebarden fester, während der junge Offizier, welcher sehnsüchtig aus dem Fenster nach einigen Höflingen geblickt hatte, die auf den Terrassen lachten und plauderten, sich kurz auf der Hacke umdrehte und nach der weißen, goldumränderten Thür des königlichen Schlafzimmers hinüberschritt.

Kaum hatte er sich dort aufgestellt, als der Thürknopf leise von innen aufgedrückt wurde. Die Thür drehte sich lautlos in den Angeln, ein Mann glitt schweigend hindurch und schloß sie wieder hinter sich.

»Pst!« sagte er und drückte die Finger auf die schmalen, scharfgeschnittenen Lippen, während aus seinem glattrasierten Gesicht und den emporgezogenen Brauen eine Bitte und zugleich eine Warnung sprach: »Der König schläft noch.«

Flüsternd gingen die Worte unter der Gruppe, die sich vor der Thür versammelt hatte, von Mund zu Mund. Der Sprecher, Herr Bontems, oberster Kammerdiener, gab dem wachthabenden Offizier ein Zeichen und ging ihm voran nach dem Fenstererker, aus dem derselbe unlängst gekommen war.

»Guten Morgen, Hauptmann von Catinat,« sagte er mit einer Mischung von Vertraulichkeit und Achtung in seiner Haltung.

»Guten Morgen, Bontems! Wie hat der König geschlafen?«

»Vorzüglich.«

»Aber es ist seine Zeit?«

»Noch nicht.«

»Sie wollen ihn noch nicht wecken?«

»In sieben und einer halben Minute.« Der Kammerdiener zog eine kleine, runde Uhr hervor, nach welcher der Mann sich richtete, der selbst zwanzig Millionen Menschen zur Richtschnur diente.

»Wer hat den Befehl auf der Hauptwache?«

»Major von Brissac.«

»Und Sie werden hier bleiben?«

»Vier Stunden lang habe ich heute beim Könige Dienst.«

»Sehr wohl. Er hat mir gestern abend nach dem petit coucher, als er allein war, einige Instruktionen für den wachthabenden Offizier gegeben. Er trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß Herr von Vivonne nicht zum grand lever zugelassen werden sollte. Sie sollen ihm dies mitteilen.«

»Ich werde es thun.«

»Ferner, – sollte ein Briefchen von ihr kommen, – Sie verstehen mich, von der neuen –«

»Frau von Maintenon?«

»Jawohl. Aber es ist diskreter, keine Namen zu nennen. Sollte sie ein Billet schicken, so sollen Sie es annehmen und stillschweigend abliefern, wenn der König Ihnen dazu Gelegenheit gibt.«

»Es soll geschehen.«

»Sollte aber die andere kommen, was nicht unwahrscheinlich ist – die andere, Sie verstehen mich – die frühere –«

»Frau von Montespan.«

»O über Ihre kecke Soldatenzunge, Herr Hauptmann! Sollte sie kommen, sage ich, so werden Sie ihr mit aller Höflichkeit entgegentreten, Sie verstehen mich, aber ihr um keinen Preis gestatten, das königliche Zimmer zu betreten.«

»Sehr wohl, Bontems.«

»Und jetzt haben wir nur noch drei Minuten.«

Bontems strich durch die rasch anwachsende Gruppe der in der Galerie Wartenden mit stolz-demütiger Miene, wie sie einem Manne zukam, der, wenn auch nur ein Kammerdiener, doch als des Königs Kammerdiener der König der Kammerdiener war. Dicht vor der Thür stand eine Reihe Bedienter, die in gepuderten Perücken, roten Plüschrücken und silbernen Achselschnüren prangten.

»Ist der Ofenheizer hier?« fragte Bontems.

»Ja, Herr,« erwiderte ein Würdenträger, welcher einen Haufen Kienspäne auf einem emaillierten Brett vor sich her trug.

»Der Öffner der Vorhänge?«

»Hier, Herr.«

»Der Entferner des Nachtlichts?«

»Hier, Herr!«

»Paßt auf, wenn ich euch rufe.«

Wieder öffnete er sacht die Thür und schlüpfte in das verdunkelte Gemach.

Es war ein großes, viereckiges Zimmer mit zwei hohen Fenstern, welche kostbare Sammetvorhänge dicht verhüllten. Durch einige Ritzen schoß die Morgensonne kleine Strahlen, die breiter wurden, als sie über das Zimmer hinstrichen und in lichten Flecken auf der hellgelblichen Wand lagerten. Ein großer Armstuhl stand neben dem ausgebrannten Feuer im Schatten eines gewaltigen marmornen Kamins, dessen Mantel, in tausend gewundenen und verschlungenen Arabesken und Wappenbildern aufwärts geführt, zuletzt in die reich gemalte Decke überging. In einem Winkel stand das schmale, mit einem Teppich bedeckte Bett, auf dem der treue Bontems die Nacht zugebracht hatte.

In der Mitte des Gemaches stand ein großes Himmelbett mit Gobelinvorhängen, welche vom Kopfende zurückgezogen waren. Ringsherum lief ein viereckiges Geländer von polierten Stangen in solcher Entfernung, daß innerhalb dieser Einfriedigung oder ruelle ein fünf Fuß breiter freier Raum übrig blieb. Darin stand ein kleiner runder, weißgedeckter Tisch, darauf ein emaillierter Becher mit etwas Frontignac und ein silberner Teller mit drei Schnittchen Hühnerbrust. Es konnte ja vorkommen, daß der König während der Nacht ein Bedürfnis nach Speise und Trank hatte.

Als Bontems geräuschlos das Zimmer durchmaß, in dessen moosweichen Teppich seine Füße einsanken, konnte er in der drückenden, schlafdunsterfüllten Luft die leisen Atemzüge des Schlummernden vernehmen. Langsam trat er durch die Öffnung des Geländers an das Bett heran und wartete mit der Uhr in der Hand auf den genauen Augenblick, in welchem die eiserne Hofetikette verlangte, daß der Monarch geweckt würde. Vor ihm, unter der kostbaren grünen Decke von orientalischer Seide, halbvergraben in den weichen Valencienner Spitzen des Kissens, schaute ein schwarzer, bürstenähnlich geschorener Kopf hervor, und darunter hob sich eine gebogene Nase über trotzigen Lippen von dem weißen Hintergründe ab. Der Kammerdiener ließ die Uhr zuschnappen und beugte sich über den Schläfer.

»Ich habe die Ehre, Ew. Majestät mitzuteilen, daß es halb neun Uhr ist.«

»Ah!« Der König öffnete langsam die großen dunkelbraunen Augen, schlug ein Kreuz und küßte eine kleine schwärzliche Reliquienkapsel, die er unter seinem Nachthemde hervorzog. Dann richtete er sich im Bett auf und blinzelte mit der Miene eines Mannes, der seine Gedanken sammelt.

»Hast du dem wachthabenden Offizier der Garde meine Befehle übermittelt, Bontems?«

»Ja, Sire.«

»Wer hat den Dienst?«

»Major von Brissac bei der Hauptwache, Hauptmann von Catinat in der Galerie.«

»Catinat! Ach ja, der junge Mann, der bei Fontainebleau mein Pferd anhielt. Ich erinnere mich seiner. Du kannst das Zeichen geben, Bontems.«

Der oberste Kammerdiener schritt rasch nach der Thür und öffnete sie weit. Sofort stürzten der Ofenheizer und vier andere rotröckige, bepuderte Bediente herein – diensteifrig, lautlos und jeder nur auf seine eigene Pflicht bedacht. Der eine ergriff Bontems leichte Lagerstatt und trug sie ins Vorzimmer; ein anderer nahm den Tisch mit dem Nachtimbiß und dem silbernen Leuchter fort, während ein dritter die schweren sammetnen Vorhänge zurückschlug und eine Lichtflut in das Gemach einließ. Der Ofenheizer legte zwei runde Holzblöcke kreuzweis über die bereits aufflackernden Kienspäne – denn die Morgenluft war kühl – und zog darauf mit seinen Kameraden ab.

Kaum hatten sie das Gemach verlassen, als eine vornehmere Gesellschaft das Schlafzimmer betrat. Voran gingen zwei Herren; der erste ein junger Mann wenig über zwanzig Jahre alt, von feierlich pomphafter Haltung, mittelgroß, zur Wohlbeleibtheit geneigt, mit einem wohlgeformten Bein und einem Gesicht, das einer hübschen Maske glich, und das außer dem gelegentlichen Aufblitzen einer mutwilligen Laune völlig ausdruckslos war. Er trug ein reiches amarantfarbenes Sammetkleid, und ein breites, blaues Seidenband über der Brust, unter welchem der funkelnde Rand des St.Ludwigsordens hervorsah. Sein Begleiter war ein Vierziger, von dunkler Hautfarbe, der würdevoll und feierlich einherschritt. Sein einfaches, aber kostbares Gewand von schwarzer Seide hatte goldene Schlitzen am Halse und an den Ärmeln. Als das Paar dem Könige gegenüber stand, deutete eine gewisse Ähnlichkeit der drei Gesichter hinlänglich die Blutsverwandtschaft an und ließ erraten, daß der eine »Monsieur« war, der jüngere Bruder des Königs, der andere dagegen der Dauphin Ludwig, sein einziges legitimes Kind und der Erbe eines Thrones, den, nach dem wunderbaren Rate der Vorsehung, weder er noch seine Söhne je besteigen sollten.

So stark aber auch die Ähnlichkeit zwischen den drei Gesichtern war, von denen jedes die kühn gebogene Nase und das große braune Auge der Bourbonen, wie die dicke Unterlippe der Habsburger, ihr gemeinsames Erbteil von Anna von Österreich, aufwies, prägte sich doch in ihren Zügen eine sehr bedeutende Verschiedenheit des Temperamentes und Charakters aus. Der König stand jetzt in seinem sechsundvierzigsten Jahre, und das kurzgeschnittene schwarze Haar wurde bereits auf dem Scheitel etwas dünn und spielte über den Schläfen ins Graue. Er bewahrte indessen noch immer viel von der Schönheit, die ihn in seiner Jugend auszeichnete, nur daß sich ihr eine mit den Jahren zunehmende Würde und Strenge beimischte. Seine dunklen Augen waren höchst ausdrucksvoll, und seine scharfgeschnittenen Züge waren das Entzücken der Bildhauer und der Maler. Ein fester und doch beweglicher Mund, dichte, schön geschwungene Brauen gaben seinem Gesicht das Ansehen von Autorität und Macht, während der unterwürfige Ausdruck, welcher seinem Bruder eigen war, einen Mann kennzeichnete, dessen ganzes Leben eine lange Übung in der Nachgiebigkeit und Selbstvernichtung gewesen war. Der Dauphin dagegen hatte zwar ein regelmäßigeres Gesicht als sein Vater, aber er hatte weder in der Erregung jenes lebhafte Mienenspiel, noch in der Ruhe jene königliche Heiterkeit, welche einen scharfsinnigen Beobachter zu der Bemerkung veranlaßte, daß Ludwig, wenn er auch nicht der größte König war, der je gelebt, er sich doch vorzüglich dazu eignete, die Rolle eines solchen zu spielen.

Hinter dem Sohne und dem Bruder des Königs trat eine kleine Gruppe von Notabeln und Hofbeamten ein, welche die Pflicht zu dieser täglichen Ceremonie herbeigerufen hatte. Da war der Großgewandmeister und erste Kammerherr, der Herzog von Maine, ein blasser, in schwarzen Sammet gekleideter Jüngling, der das linke Bein schwer nachschleppte, und sein jüngerer Bruder, der kleine Graf von Toulouse, beides illegitime Söhne des Königs und der Frau von Montespan. Hinter ihnen kam der erste Garderobendiener, gefolgt von Fagon, dem ersten Leibarzt, Telier, dem ersten Chirurgen und dreien in Scharlach und Gold gekleideten Pagen, welche die königlichen Kleider trugen. Dies waren die Teilnehmer an dem Familienempfange: die höchste Ehre, nach welcher der französische Adel streben konnte.

Bontems hatte einige Tropfen Weingeist über des Königs Hände gegossen und sie wieder in einer silbernen Schüssel aufgefangen; der erste Kammerherr hatte die Schale mit Weihwasser gereicht, mit welchem der König sich bekreuzte und dazu das kurze Gebet an den heiligen Geist murmelte. Darauf nickte er seinem Bruder zu und rief ein kurzes Wort der Begrüßung nach dem Dauphin und dem Herzog von Maine hinüber. Dann schwang er seine Beine über den Bettrand und saß nun da in seinem langen seidenen Nachtgewand, unter dem die kleinen weißen Füße hervorbaumelten – so saß er da, der Herr Frankreichs und doch der Sklave jedes Windhauches, der vor Kälte zusammenschauderte, wenn plötzlich ein Zuglüftchen ihn berührte. Herr von St. Quentin, der hochadlige Barbier, warf einen purpurroten Pudermantel um die königlichen Schultern, und setzte ihm eine lange reichgelockte Perücke aufs Haupt, während Bontems ihm die roten Strümpfe anzog und die gestickten Sammetpantoffeln vor ihm zurecht stellte. Der Monarch steckte die Füße hinein, wickelte sich in seinen Pudermantel und schritt nach dem Kamin hinüber, wo er sich in seinem Lehnstuhl zurecht setzte und seine mageren, zarten Hände über die flammenden Holzscheite hielt, während die übrigen im Halbkreise umherstanden und auf das grand lever warteten, welches nun folgen sollte.

»Was ist das, meine Herren?« fragte der König plötzlich und blickte unwillig umher. »Es riecht hier nach Parfüm! Es hat doch wohl keiner von Ihnen gewagt, ein Parfüm in das Audienzzimmer zu bringen, da Sie ja wissen, wie widerwärtig mir so etwas ist.«

Die Versammelten blickten einander an und erschöpften sich in Unschuldsbeteurungen. Der getreue Bontems war inzwischen lautlos hinter ihnen vorbeigeschlichen und hatte den Missethäter entdeckt.

»Mein Herr von Toulouse, der Geruch kommt von Ihnen,« sagte er.

Der Graf von Toulouse, ein kleiner rotbäckiger Junge, wurde dunkelrot bei der Entdeckung.

»Ich bitte um Verzeihung, Sire, es ist möglich, daß Fräulein von Grammont meinen Rock mit ihrem Riechfläschchen bespritzt hat, als wir gestern in Marly zusammen spielten. Ich hatte es nicht bemerkt, aber wenn es Ew. Majestät zuwider ist –«

»Weg damit! weg damit!« rief der König. »Puh! es erstickt, es erwürgt mich! Öffne den unteren Fensterflügel, Bontems. Nein; laß gut sein, er ist schon fort! – Herr von St. Quentin, ist heute nicht unser Rasiermorgen?«

»Jawohl, Sire; alles ist bereit.«

»Warum wird denn nicht angefangen? Es ist drei Minuten nach der gewohnten Zeit! Ans Werk, mein Herr; und du, Bontems, gib das Zeichen zum grand lever.« Augenscheinlich war der König heute morgen nicht bei besonders guter Laune. Er schoß rasche, fragende Blicke nach seinem Bruder und seinen Söhnen, aber St. Quentin waltete jetzt seines Amtes und erstickte so aufs nachdrücklichste jede etwaige Anklage oder höhnische Bemerkung, die auf seinen Lippen schweben mochte. Mit dem durch lange Gewohnheit erzeugten Gleichmut seifte der Hofbeamte das königliche Kinn ein, ließ das Rasiermesser rasch darüber hingleiten und wusch dann die Oberfläche mit einem in Weingeist getauchten Schwamm ab. Ein anderer Edelmann half darauf dem Könige seine schwarzsammetnen Kniehosen anziehen, ein dritter ordnete und befestigte sie, während ein vierter den Pudermantel und das Nachtgewand von den Schultern zog und das königliche Hemd darreichte, das am Feuer gewärmt worden war. Schuhe mit diamantenen Schnallen, Gamaschen und eine Scharlach-Unterweste wurden ihm hintereinander von vornehmen Kavalieren angelegt, von denen ein jeder eifersüchtig auf sein besonderes Vorrecht achtete. Über die Weste kam das blaue Band mit dem Kreuz des Ordens vom heiligen Geiste in Brillanten, und das rote Band mit dem vom heiligen Ludwig.

Es war ein wunderliches Schauspiel. Da saß der kleine Mann, Frankreichs Herrscher, gleichgültig und unthätig, die großen Augen auf die glühenden Holzscheite gerichtet, und ließ sich behandeln, wie eine Puppe. Und die ihm geschäftig ein Stück ums andere anlegten, waren Männer, die alle irgend einen historisch berühmten Namen trugen, sich auch selbst wohl schon einmal im Kriege hervorgethan hatten!

Das schwarze Untergewand war angezogen, die reiche Spitzenkravatte zurechtgezupft, der lose Überrock zugeknöpft, zwei kostbare Spitzentaschentücher wurden auf einem emaillierten Teller herbeigetragen und jedes von einem besonderen Hofbedienten in je eine Seitentasche gesteckt. Der silberbeschlagene Spazierstock von Ebenholz wurde bereit gelegt, und der Monarch war für die Mühen des Tages gerüstet.

Während der halben Stunde oder darüber, die alles dies gedauert haben mochte, war die Zimmerthür in ununterbrochener Bewegung gewesen. Name auf Name war dem dienstthuenden Kammerdiener von dem wachthabenden Hauptmann zugeflüstert und von dem dienstthuenden Kammerdiener an den ersten Kammerherrn weiter gegeben worden, und die also Gemeldeten hatten Einlaß gefunden. Jeder Eintretende verbeugte sich dreimal tief zur Begrüßung der Majestät, und schloß sich dann seiner eignen Klique oder Koterie an, um leise über die Neuigkeiten, das Wetter und die Pläne für den Tag zu plaudern. Die Zahl der Zugelassenen wuchs von Minute zu Minute. Als endlich das erste frugale Frühstück des Königs: Wein mit Wasser gemischt und Weißbrot hereingebracht wurde, war das große Gemach ganz gefüllt mit Herren, von denen viele dazu beigetragen haben, die Epoche Ludwigs XIV. zur glänzendsten in der französischen Geschichte zu machen.

Dicht neben dem Könige stand der barsche, aber energische Louvois, der seit Colberts Tode allmächtige Kriegsminister, und besprach eine militärische Frage mit zwei Offizieren. Der eine von ihnen war ein hoher, stattlicher Soldat, der andere von merkwürdig kleiner Figur, untersetzt und mißgestaltet, der aber trotzdem die Abzeichen eines Marschalls von Frankreich trug und einen Namen führte, der an der niederländischen Grenze für ein böses Omen galt, denn man sah in François, Henri de Montmorency, Herzog von Luxembourg allgemein schon Condés Nachfolger, wie sein Gefährte Vauban der Turennes war. Neben ihnen teilte ein kleiner weißhaariger Geistlicher mit mildem Antlitz, der Pater La Chaise, Vossuet, dem beredten Bischof von Meaux und dem großen, schmächtigen Abbé de Fénélon flüsternd seine Ansichten über den Jansenismus mit. Letzterer hörte mit bewölkter Stirn die scharfen Urteile an, denn er stand im Verdacht, von dieser Ketzerei nicht ganz unbefleckt geblieben zu sein.

Da war auch Le Brun, der Maler im Kreise seiner Kollegen, darunter Verrio und Laguerre, der Schöpfer der Gartenkunst Le Nôtre, die Bildhauer Girardon, Puget, Desjardins und Coysevoy, deren Werke den neuen Palast des Königs verschönern halfen, alle in lebhaftem Gespräch über Kunst. Dicht neben der Thür, ein fröhliches Lächeln auf dem schönen Gesicht, plauderte Racine mit dem Dichter Boileau und dem Architekten Mansard. Alle drei lachten und scherzten mit einem Freimut, welcher bei diesen begünstigten Dienern des Königs natürlich war – waren sie doch die einzigen seiner Unterthanen, welche unangemeldet und ohne weitere Förmlichkeit in seinen Gemächern aus und ein gehen durften.

»Was fehlt ihm heute morgen?« fragte Boileau flüsternd und deutete mit dem Kopf nach der königlichen Gruppe hin. »Ich fürchte, der Schlaf hat seine Stimmung nicht verbessert.«

»Es wird immer schwerer, ihn zu amüsieren,« sagte Racine kopfschüttelnd. »Ich soll um drei Uhr in Frau von Maintenons Zimmer sein – vielleicht daß ein paar Seiten meiner ›Phädra‹ die gewünschte Wirkung haben.«

»Mein Freund,« sagte der Architekt, »meinen Sie nicht, daß die geistreiche Frau selbst eine bessere Trösterin sein dürfte, als Ihre Phädra?«

»Sie ist allerdings eine seltene Frau. Sie hat Verstand, sie hat Herz, sie hat Takt, kurz – sie ist bewunderungswürdig.«

»Und doch besitzt sie eine Gabe zu viel.«

»Und die wäre?«

»Das Alter!«

»Pah! wer fragt nach ihren Jahren, wenn sie nur wie dreißig aussieht? Was für ein Auge! Welch ein Arm! Und außerdem, meine Freunde – ein Jüngling ist er auch nicht mehr!«

»Das ist etwas ganz anderes. Wenn ein Mann altert, so hat das nichts zu sagen; altert eine Frau, so ist das für sie eine Kalamität!«

»Sehr wahr! Allein ein junger Mann folgt seinem Auge, ein alternder seinem Ohr. Über vierzig fesselt uns die gewandte Zunge; unter vierzig das hübsche Gesicht.«

»O Sie Schalk! Sie halten es für ausgemacht, daß fünfundvierzig Jahre mit Takt gegen neununddreißig mit Schönheit das Feld behaupten werden! Nun, wenn Ihre Dame gewonnen hat, wird sie hoffentlich nicht vergessen, wer ihr zuerst den Hof gemacht hat!«

»Dennoch glaube ich, daß Sie unrecht haben, Racine!«

»Nun wir werden ja sehen.«

»Und wenn Sie Unrecht haben . . .«

»Nun, was dann?«

»Dann könnte die Sache für Sie ernsthaft werden.«

»Inwiefern?«

»Die Marquise von Montespan besitzt ein gutes Gedächtnis.«

»Vielleicht ist ihr Einfluß bald nur noch – eine Erinnerung!«

»Verlassen Sie sich nicht zu fest darauf, mein Freund. Als die Fontanges aus der Provence kam mit ihren blauen Augen und ihrem kupferfarbigen Haar, war es in jedermanns Munde: – die Tage der Montespan sind gezählt! Jetzt liegt die Fontanges sechs Fuß unter der Krypta einer Kirche, und die Marquise war vorige Woche zwei Stunden beim Könige, Sie hat einmal gewonnen und kann wieder gewinnen.«

»Dies ist aber auch eine ganz andre Nebenbuhlerin. Die ist kein bloßes Gänschen vom Lande, sondern die klügste Frau in Frankreich.«

»Pah, Racine! Sie kennen doch unsern Herrn genau, wenigstens sollten Sie ihn kennen, denn seit den Tagen der Fronde sind Sie ihm stets zur Seite gewesen. Glauben Sie wirklich, daß er der Mann dazu ist, sich auf die Länge durch Predigten unterhalten zu lassen, oder sein Lebenlang zu den Füßen einer ältlichen Dame zu sitzen, sie bei ihrer Tapisseriearbeit zu beobachten und ihren Pudel zu liebkosen, wenn die schönsten Gesichter und die glänzendsten Augen Frankreichs in seinen Salons so zahlreich zu finden sind, wie Tulpen auf einem holländischen Blumenbeet? Nein, nein; die Montespan wird auch hier das Feld behalten, und wenn nicht sie, dann eine jüngere Schönheit.«

»Mein teurer Boileau, ich sage noch einmal, ihre Sonne ist im Untergehen. Haben Sie nicht das neueste gehört?«

»Nicht ein Wort.«

»Der Zutritt ist ihrem Bruder, dem Herrn von Vivonne, verboten.«

»Unmöglich.«

»Thatsache.«

»Und wann?«

»Heute morgen.«

»Von wem haben Sie das gehört?«

»Von Catinat, dem wachthabenden Offizier. Er hatte Befehl, ihn zurückzuweisen.«

»Ha! Dann allerdings führt der König Übles im Schilde. Darum also ist seine Stirn so bewölkt! Meiner Treu, wenn die Marquise den Mut hat, der ihr allgemein zugeschrieben wird, könnte er doch finden, daß es leichter war, sie zu gewinnen, als sie fallen zu lassen.«

»Jawohl; die Mortemarts sind nicht Leute, die man so obenhin behandelt.«

»Der Himmel gebe, daß er unverletzt aus dieser Klemme kommt! Aber wer ist der Herr, der eben eintritt? Sein Gesicht sieht etwas grimmiger aus, als man's bei Hofe gewohnt ist. Ha! der König erblickt ihn auch, und Louvois winkt ihn heran. Meiner Treu, der gehört auch zu den Leuten, denen in einem Zelt wohler ist, als unter einem gemalten Plafond.«

Der Fremde, welcher Racines Aufmerksamkeit erregt hatte, war ein hoher, schmächtiger Mann mit kühn gebogener Adlernase, strengen, durchbohrenden grauen Augen, die unter buschigen Brauen hervorflammten, und einem Antlitz, das von Alter, Sorge und Unbill der Witterung so durchfurcht und gezeichnet war, daß es sich unter den glatten Höflingsgesichtern ringsum ausnahm, wie ein alter Habicht in einem Käfig voll buntgefiederter Vögel. Er trug einen dunkelfarbigen Anzug, wie er bei Hofe Mode geworden war, seitdem der König mit der Fontanges die Prunkliebe beseitigt hatte, aber das Schwert, welches von seinem Wehrgehenk herabhing, war kein Galanteriedegen, sondern eine tüchtige Klinge mit Messinggriff in einer fleckigen Lederscheide, welche augenscheinlich manch ernsten Dienst geleistet hatte. Den schwarzbefiederten Filzhut in der Hand, hatte er an der Thür gestanden und mit halb belustigtem, halb verächtlichem Ausdruck auf die Gruppen der eifrig Plaudernden umher geblickt; auf das Zeichen des Kriegsministers aber begann er mit den Ellenbogen sich seinen Weg zu bahnen, indem er alle, die ihm in den Weg kamen, sehr unceremoniös beiseite stieß.

Ludwig besaß die königliche Gabe des Wiedererkennens in hohem Grade. »Ich habe ihn viele Jahre nicht gesehen, aber ich erinnere mich seines Gesichts noch sehr gut,« sagte er zu dem Minister. »Es ist der Graf Frontenac, nicht wahr?«

»Ja, Sire,« erwiderte Louvois; »es ist wirklich Louis de Buade, Graf von Frontenac, der bisherige Gouverneur von Canada.«

»Wir freuen uns, Sie einmal wieder bei unserm Lever zu sehen,« sagte der Monarch, als der alte Edelmann das Haupt neigte und die ihm entgegengestreckte weiße Hand küßte. »Wir hoffen, daß die canadische Kälte die Wärme Ihrer Loyalität nicht abgekühlt hat.«

»Der Tod allein, Sire, wäre dazu kalt genug.«

»Dann leben wir der Zuversicht, Sie uns noch lange Jahre erhalten zu sehen. Wir haben längst gewünscht, Ihnen für alle Mühe und Sorgfalt zu danken, welche Sie unsrer Provinz gewidmet haben, und wenn wir Sie zurückberiefen, so geschah das hauptsächlich, weil wir gern von Ihren eignen Lippen gehört hätten, wie die Sachen dort stehen. Und zuerst, da das Reich Gottes dem Reiche Frankreich vorgeht, wie gedeiht die Bekehrung der Heiden?«

»Wir können nicht klagen, Sire. Die guten Väter der Gesellschaft Jesu und die RekollektenName der Kongregationen strengster Observanz, besonders im Franziskanerorden. haben ihr Bestes gethan, obgleich sie allerdings oft die Neigung haben, die Angelegenheiten des Jenseits ruhen zu lassen, um sich in die des Diesseits einzumischen.«

»Was sagen Sie dazu, Vater?« fragte Ludwig und blickte mit schelmischem Augenzwinkern zu seinem jesuitischen Beichtvater hinüber.

»Ich sage, Sire, daß, wenn die Angelegenheiten des Diesseits im Zusammenhange stehen mit denen des Jenseits, so ist es allerdings die Pflicht eines guten Priesters, wie die jedes andern guten Katholiken, sie richtig zu leiten.«

»Zugegeben, Sire,« sagte Frontenac, und eine zornige Blutwelle stieg in seine gebräunten Wangen, »aber so lange Ew. Majestät mir die Ehre erwiesen, diese Angelegenheiten meiner Leitung anzuvertauen, durfte ich keine Einmischung in der Ausübung meiner Pflichten dulden, mochte der Unberufene nun Hofkleid oder Kutte tragen!«

»Genug, Graf, genug!« unterbrach ihn Ludwig in schneidendem Tone. »Ich hatte Sie nach den Missionen gefragt.«

»Die Missionen gedeihen, Sire. Wir haben Irokesen am Sault und in den Bergen, Huronen in Lorette, Algonkins am ganzen Flußufer entlang von Tadusac im Osten bis nach Sault la Marie und sogar in den großen Ebenen der Dakotas, welche alle das Kreuz anbeten. Marquette ist den Fluß des Westens hinabgezogen und predigt den Illinesen, und die Jesuiten haben das Evangelium sogar bis zu den Kriegern des Langen Hauses in ihre Wigwams zu Onondaga getragen.«

»Ich darf wohl hinzufügen, Ew. Majestät,« sagte Pater La Chaise, »daß sie, als sie dort das Wort der Wahrheit aussäeten, nur zu oft ihr Leben dabei ließen.«

»Ja, Sire, das muß wahr sein,« rief Frontenec mit Wärme. »Ew. Majestät zählt viele tapfre Männer in Ihren Heeren, aber keine, die tapferer sind, als diese Missionare. Sie sind von den Irokesendörfern am Richelieufluß zurückgekommen mit ausgerissenen Nägeln, abgehackten Fingern, ausgebrannten Augen und Narben von Kiensplittern auf ihrem Leibe so dicht wie die goldnen Lilien auf jenem Vorhange. Und dennoch, wenn die guten Ursulinerinnen sie ein paar Wochen gepflegt, benutzten sie das übrig gebliebene Auge nur, um das Indianerland wieder aufzusuchen, wo sich sogar die Hunde vor ihren verstümmelten Gesichtern und verrenkten Gliedern entsetzten.«

»Und Sie haben das zugelassen?« fuhr Ludwig auf. »Sie haben diese schändlichen Mordgesellen leben lassen?«

»Ich habe um Truppen gebeten, Sire.«

»Und ich habe welche gesandt.«

»Ein Regiment.«

»Das Regiment Carignan-Salière. Ich habe kein besseres in meinen Diensten.«

»Wir brauchen aber mehr, Sire.«

»Da sind doch die Canadier selbst. Haben Sie keine Miliz? Können Sie denn nicht eine genügende Anzahl ausheben, um diese schurkischen Mörder der Priester Gottes zu bestrafen? Ich hatte Sie immer für einen Soldaten gehalten.«

Frontenacs Augen flammten auf, und einen Augenblick lang war es, als zittere eine hastige Antwort auf seinen Lippen, aber der feurige alte Mann hielt sich gewaltsam zurück. »Ew. Majestät können am besten erfahren, ob ich ein Soldat bin oder nicht,« sagte er, »wenn Sie diejenigen fragen, welche mich bei Senef, Mühlhausen, Sulzbach und zwanzig andern Orten gesehen haben, wo ich die Ehre hatte, Ew. Majestät Sache zu verfechten.«

»Ihre Dienste sind nicht vergessen worden.«

»Gerade weil ich ein Soldat bin und etwas vom Kriege gesehen habe, weiß ich, wie schwer es ist, in ein Land, das viel größer ist, als die Niederlande, vorzudringen, in ein Land, das dicht bewaldet und voller Sümpfe ist, wo hinter jedem Baum ein Wilder lauert, welcher, wenn er auch nicht gelernt hat, Tritt zu halten und in der Schlachtlinie zu stehen, doch das flüchtige Renntier auf zweihundert Schritt sicher trifft und drei Meilen zurücklegen kann, wo wir eine gehen. Und hat man endlich ihre Dörfer erreicht und ihre leeren Wigwams und wenigen Maisfelder verbrannt, was ist damit gewonnen? Man kann weiter nichts thun, als wieder heimziehen, während eine Wolke unsichtbarer Männer einen umschwärmt und für jeden Nachzügler ein Skalpgeheul ertönt. Sie sind selbst Soldat, Sire. Ich frage Sie, ob solch ein Krieg leicht ist für eine Handvoll Soldaten mit ein paar Lehnsleuten, die direkt vom Pflug kommen, und einer Truppe Waldläufer, deren Gedanken die ganze Zeit über bei ihren Fallen und Biberhäuten sind.«

»Nein, nein; es thut mir leid, wenn ich zu hastig gesprochen habe,« sagte Ludwig. »Wir wollen die Sache in unserm Staatsrat überlegen.«

»Mein Herz wird warm, wenn ich Ew. Majestät so sprechen höre,« rief der Gouverneur. »Es wird Freude sein den ganzen Lorenzstrom entlang in weißen und in roten Herzen, wenn bekannt wird, daß ihr großer Vater über dem Wasser ihnen sein Antlitz zugewendet hat!«

»Und doch dürfen Sie nicht zu viel erwarten, Graf, denn Canada hat uns schon viel Geld gekostet, und wir haben viele Verpflichtungen in Europa.«

»Ach, Sire, könnten Sie doch jenes große Land sehen! Wenn Ew. Majestät hier in der alten Welt einen Feldzug gewonnen haben, was haben Sie davon? Etwas Ruhm, ein paar Meilen Land, Luxemburg, Straßburg, eine Stadt mehr im Königreich; da drüben aber liegt mit einem Zehntel der Kosten und einem Hundertstel der Machtentfaltung eine Welt für Sie bereit. Canada ist so groß, Sire, so reich, so schön! Wo finden Sie wieder solche Berge, solche Wälder, solche Ströme! Und alles ist unser, wenn wir's nur nehmen wollen! Wer steht uns im Wege? Ein paar Stämme zerstreuter Indianer und ein dünner Strich englischer Ackerbauer und Fischer. Wenden Sie Ihre Gedanken dorthin, Sire, und in wenigen Jahren werden Sie auf der Citadelle Quebec stehen und sagen können: es gibt ein großes Reich von den Schneefeldern des Nordens bis zu dem warmen Golf des Südens, von den Wogen des Oceans bis zu den großen Ebenen jenseits Marquettes Strom, und der Name dieses Reiches ist Frankreich, und sein König ist Ludwig und seine Fahne ist das Lilienbanner!«

Ludwigs Wange erglühte bei diesem ehrgeizigen Bilde, und er beugte sich leuchtenden Blickes in seinem Stuhle vor; als aber der Gouverneur geschlossen hatte, sank er wieder zurück.

»Auf mein Wort, Graf,« sagte er, »Sie haben sich etwas von der indianischen Gabe der Beredsamkeit angeeignet, von der wir so viel gehört haben. Aber um auf die englischen Ansiedler zu kommen. Nicht wahr, es sind Hugenotten?«

»Größtenteils. Besonders im Norden.«

»Da wäre es ja ein der heiligen Kirche geleisteter Dienst, wenn man sie wegjagte. Ich höre, sie haben dort eine Stadt. New – New – Wie heißt sie doch?«

»New-York, Sire. Sie haben sie den Holländern weggenommen.«

»Jawohl, New-York. Und habe ich nicht von noch einer gehört? Bos– Bos –«

»Boston, Sire.«

»Richtig. Diese Häfen könnten uns von Nutzen sein. Sagen Sie, Graf,« er dämpfte seine Stimme, so daß seine Worte nur Frontenac, Bouvois und der unmittelbaren königlichen Umgebung vernehmlich blieben, »wieviel Truppen würden Sie brauchen, um diese Leute zu vertreiben. Ein – zwei Regimenter, und vielleicht eine oder zwei Fregatten?«

Aber der Exgouverneur schüttelte den grauen Kopf. »Sire, Sie kennen sie nicht,« sagte er. »Es sind dies eisenharte Kerle. Wir in Canada haben es trotz Ihrer gnädigen Hilfe schwer gefunden, uns zu behaupten. Diese Männer aber haben keine Hilfe, sondern nur Hindernisse gehabt bei Kälte und Krankheiten, Unfruchtbarkeit des Bodens und Indianerkriegen, und doch sind sie gediehen und haben sich vermehrt, so daß die Wälder vor ihnen dahinschwinden, wie Schnee vor der Sonne und ihre Kirchenglocken heute da erklingen, wo gestern noch die Wölfe heulten. Es sind friedliebende Leute und langsam zum Kriege; wenn sie aber einmal die Hand dazu erhoben haben, so lassen sie noch weniger gern davon ab. Um Neu-England in Ew. Majestät Hände zu liefern, würde ich fünfzehntausend Ihrer besten Truppen und zwanzig Linienschiffe erbitten.«

Ludwig sprang ungeduldig von seinem Stuhl auf und faßte seinen Stock. »Wir wollten,« sagte er, »Sie ahmten diesen Leuten, die Ihnen so furchtbar vorkommen, darin nach, daß Sie sich selbst hülfen! Die Sache mag bis zum Staatsrat ruhen. Ehrwürdiger Vater, die Stunde des Gottesdienstes hat geschlagen und alles andere mag warten, bis wir dem Himmel unsre Pflicht bezahlt haben.« Der König entnahm den Händen eines Dieners ein Meßbuch und schritt, so schnell seine sehr hohen Hacken es ihm erlaubten, nach der Thür. Der Hof bildete Spalier und schloß sich hinter ihm zusammen, um dann der Rangordnung gemäß ihm zu folgen.

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